Kapitel 7 - Emotionen

Schmerz. Heißer, unerträglicher Schmerz.

Ein unterdrücktes Stöhnen entrang sich Harrys Kehle als er fest seine Fäuste ballte, um den Schrei mit all seiner Kraft zu unterdrücken. Er konnte nicht sehen, er konnte nichts fühlen bis auf das Feuer, das in ihm brannte. Es zwang seinen Weg durch jeden Teil seines Seins, riß ihn brutal auseinander und ließ seinen Kopf brennen wie einen glühenden Ball aus Feuer. Schwarze und weiße Punkte wirbelten vor seinen fest zusammengepressten Lidern und nahmen sein Bewußtsein für die Welt mit sich.

Weißes Licht explodierte in seinem Kopf und seine Magie geriet außer Kontrolle. Verzweifelt nach dem kleinen Teil greifend, das ihn Harry machte, gab er sich nicht einmal genug Zeit für einen Atemzug. Instinktiv errichtete er eine Verteidigungslinie um den innersten Kern seines Geistes und seiner Magie zu schützen. Für nur einen Augenblick konnte er fühlen, wie er die Kontrolle verlor. Er spürte Toms Triumpf über seine eigene gefolterte Seele, während Harry verzweifelt darum kämpfte, das Schwindelgefühl und die Betäubung abzuwehren, die ihn straucheln ließen.

Es war nicht nur ein Angriff von innen, wo er am verletztlichsten war. Es war, als wäre er zurück in Voldemorts Folterkammer. Hilflos fühlte er sich an den Boden gepresst und er stürzte unter dem ständig wachsenden Druck in ihm, als Voldemort letztlich einen Weg für seine Magie herum um die Barrieren fand, die Harry errichtet hatte. Sein Gefühl für Zeit und Realität entschlüpfte ihm völlig. Nur verschwommen war sich Harry bewußt mit einem bemitleidenswerten Wimmern zu zusammensackte, aber überraschenderweise schlug er nicht auf dem Boden auf, als etwas oder jemand seinen Fall im letztmöglichen Moment stoppte.

Magische Erschütterungen rannen durch seinen Körper, als Harry aktiv versuchte zurückzukämpfen. Er kümmerte sich nicht darum, seinem Helfer irgendwelche Beachtung zu schenken, als er vorsichtig zu Boden gelegt wurde. Einmal mehr presste sich eine Hand auf seinen Mund, um die gepeinigten Schreie zu dämpfen, die er nicht länger fähig war zu unterdrücken wenn seine Muskeln sich verkrampften.

Was immer der Preis, er konnte Tom nicht erlauben frei zu kommen. Falls Harry starb würde Voldemort ein weiteres Mal die Welt durchwandern und die Zaubererwelt würde genauso werden wie sie fünfzehn Jahre zuvor gewesen war. Harry konnte nicht einfach nachgeben und sich zurücklegen, um den Weg freizumachen für was auch immer Tom zu tun plante, wenn er Harry erst einmal in seinem eigenen Körper gefangen hatte. Das wäre wirklich übel.

Seiner Umgebung vollkommen unbewußt, sammelte Harry methodisch was nicht von Toms Attacke überrannt worden war. Er zwang all seine Emotionen zurück und spürte wie ihn Kälte übermannte, als er panisch wünschte, Toms Weg mit allen möglichen Mitteln zu versperren. Tom wühlte ohne Vorsicht durch seinen Geist, schändete Erinnerungen, die bis jetzt gut und sicher gewesen waren.

Harry hielt sich zurück, um keine Aufmerksamkeit zu erregen und zwang seine Wut nieder, geduldig auf Tom wartend. Der Junge wußte, wo er war, aber er konnte dort nicht erreichen, ohne seinen eigenen Tod auf sich hernieder zu rufen. Dieses Mal hatte Tom nicht ziellos die Wänder hinuntergerissen. Er hatte nach einem Punkt gesucht, den Harry hilflos war zu verteidigen.

So langsam er konnte und so schmerzhaft, daß Harry glaubte zu explodieren und sich auf die Lippen biß, um seine Stimme nicht heiser zu schreien, kämpfte er sich den Weg durch seinen Geist frei. Schweigend ließ er Tom wüten, während Harry seinen magischen Kern an Fixpunkte in seinem ganzen Körper band. Dort konnte sich die Energie sammeln bis er sie brauchte, um in einem Notfall von diesen Reserven zu nehmen. Es schien eine Ewigkeit später, daß ein stetiges Schwirren seiner Magie durch Harrys Körper vibrierte. Es deutete ihm einen einladenden aber nicht zu offensichtlichen Weg zu seinem inneren Kern; und es war ein zu großer Schatz für Tom, als daß er es die Chance, daß es der wirkliche Pfad zum Sieg war, einfach loslassen könnte.

Harry presste seine Kiefer zusammen und versteckte sein Bewußtsein vor Toms irrem Herumgeflirre. Tom schien keinen Plan zu haben, was er tun sollte, wenn er tatsächlich Harry in seine Fänge kriegte. Er nahm einfach was er jetzt kriegen konnte, solange Harrys Schilde ernsthaft geschwächt waren. Harry ignorierte es wie er mußte. Um Tom dazu zu kriegen, dem Weg zu folgen auf dem Harry ihn haben wollte, mußte er ihn in falscher Sicherheit wiegen. Das war ein Problem, das Tom schon gehabt hatte, als er in Harrys Augen noch immer Voldemort war. Selbst nach einem kleinen Sieg fühlte sich Tom zu schnell unbezwingbar. Er war sich seiner selbst zu sicher, um nach Fallen Ausschau zu halten.

Harry konzentrierte seine Gedanken darauf, so viel seiner Magie zu sammeln wie er konnte. Die sicheren Fixpunkte, die er errichtet hatte, halfen ihm in dieser Hinsicht. Mit ihnen würde Harry nicht bewußt das meiste seiner Kraft beherrschen müssen und er würde nich Gefahr laufen, die Falle im falschen Moment zuschnappen zu lassen.

Harry fühlte Toms hämische Freude und spürte, wie er seinem Versteck näherkam. Jede Minute jetzt. Langsam, aber bald genug würde Tom dort sein. Harry konnte den Schmerz noch eine kleine Weile länger ertragen. Sein ganzer Körper krampfte sich zusammen, als Tom den Punkt erreichte, an dem Harrys magische Kraft sich öffnete. Das ganze Netz aus Fixpunkten, die Harry errichtet hatte, um seine Kraft zu speichern und ihm zu helfen, Zugang zum kontinuierlichen Fluß seiner Magie zu erhalten, entlud sich auf einmal. Es machte alle von Toms nachlässigen Versuchen zunichte, zu zerstören und sich an einen magischen Kern zu binden, der nicht der seine war.

Ein fremdartig violettes Glühen bahnte sich den Weg durch Harrys geschlossene Augenlider und hatte das scharfe Einatmen eines grimmig starrenden Mannes zur Folge. Harry war sich zu dieser Sekunde völlig unbewußt, beschäftigt Tom festzuhalten. So schnell wie er schaffte, errichtete er die Wänder erneut, mit stärkerer Konsistenz. Harry war langsam aber bestätig sein Werk zu vollenden. Sein Verstand sollte um ein ganzes Stück sicherer sein, wenn der Prozeß abgeschlossen war.

Harry holte zittrig Atem. Für den Augenblick hatte er sich ganz gut geschlagen. Tom war sicher hinter mehr Schichten von Magie verstaut, als Harry jemals für möglich gehalten hätte zu errichten und wenigstens halbwegs bei Bewußtsein zu bleiben. Ein unentwegter Strom seiner Magie würde ihn jetzt sofort wissen lassen, was Tom trieb. Es bedeutete, daß Harry von jetzt an jede einzelne Minute Toms Gegenwart gewahr war. Vermutlich würde er sogar nach einiger Zeit ein paar seiner irrgelaufenen, verrückten Gedanken auffangen; und Harrys Magie für Notfälle, die er in den Fixpunkten zwischenlagerte, würde sicherstellen, das eine Attacke wie diese niemals wieder geschah.

Für die Zukunft mußte Harry einen praktikableren Weg finden, um sicher zu bleiben oder ständig von seinen Kräften zu zehren. Es war erschöpfend. Auf lange Sicht würde Harry nicht dazu in der Lage sein, es auf diese Art aufrecht zu halten. Wenn nur das kleine bißchen Wut eben einen so weiten Weg für Tom eröffnet hatte, würde Harry mächtig unter Druck geraten, ihn für mehr als ein paar Monate – höchstens – hier festzuhalten. Zorn und wahrscheinlich andere negative Emotionen würden es Harry unmöglich machen, Tom einen Schritt voraus zu bleiben. Keuchend und mit Schweiß bedeckt, holte Harry ein paar Mal konzentriert Atem. Das war eine Erfahrung gewesen, die für seinen Geschmack ein wenig zu nah an einen Fehlschlag vorbeigeglitten war.

Wie konnte es sein, daß der magische Kern eines Zauberers an die Seele einer Person gebunden war und nicht an den Körper? Das Herzstück der Energie mußte dafür Teil der Seele eines Menschen sein, und das war logisch unmöglich. Was würde geschehen, wenn jemand versuchte, die Seele eines Menschen auseinanderzureißen? Harry erschauerte nur daran zu denken und fand sich selbst fest gegen etwas Warmes und Sicheres gedrückt. Harry blinzelte seine feuchten Augen offen. Jetzt erinnerte er sich wo er war und mit wem er zusammen gewesen war. Unbehaglich blickte Harry in das blasse Gesicht seines am wenigsten gemochten Kräuterkundeprofessors direkt über ihm.

Der Junge schluckte heftig und sprang praktisch vor dem Mann zurück, obwohl er versuchte sich seine Abscheu oder irgendetwas anderes nicht ansehen zu lassen. Selbst Snape schien nicht mehr wie er selbst. Bleicher als Harry ihn je zuvor gesehen hatte, sein Gesicht ausgemergelt und seine Stirn mit Schweiß bedeckt, kauerte Snape neben ihm, sein Gesicht sorgfältig von Emotionen leergefegt und seine dünnen Lippen fest zusammengepresst.

Harry blinzelte überrascht, als er etwas Erstaunliches realisierte, an das er zuvor nicht gedacht hatte. Jetzt, da sein eigener Schmerz zu einem erträglichen Level herabgesunken war, konnte er das Stechen in seiner rechten Hüfte fühlen, von wo aus es sich in seinem ganzen Körper verbreitete. Es konnte nicht mehr als ein paar Augenblicke gewesen sein, die Harry hier auf dem Boden gelegen hatte, aber so nah wie Snape ihm, Tom und seinem Mal war, mußte es bedeuten, daß es auch für ihn schmerzhaft gewesen war. Snape hatte mit Sicherheit etwas durch ihre Verbindung gespürt, während der Kampf um die Kontrolle weitergegangen war. Von Rechts wegen hätte jeder gebrandmarkte Todesser wenigstens für einige Minuten schreiend darniedergelegen haben. Das Snape gerade das nicht getan hatte, mußte nur seinem reinen Starrsinn zu verdanken sein, etwas Trivialem wie diesem nachzugeben. Harry fragte sich, ob Snape und die Todesser nur einen Teil von Harrys Pein gespürt hatten, oder ein Vielfaches dessen. Vielleicht hatte Harry Glück und einige waren vor Schmerz gestorben oder wenigstens verrückt geworden.

Noch immer in der Reichweite von Snapes Armen, denn der Mann hatte ihn noch immer nicht losgelassen, konnte Harry seinen Schmerz fühlen. Wäre es irgendjemand anderes gewesen, hätte er wahrscheinlich angeboten etwas davon zu heilen, so daß von dem heftigen Brennen nur noch ein dumpfes Pochen blieb. Mit jemandem der an ihn gebunden war, hätte Harry es sogar durch das Dunkle Mal tun können. Aber Snape würde es genauso wenig erlauben, wie Harry wollte, daß der Mann über sein Mal herausfand. Harry war sowieso nicht in der Lage das Mal zu diesem Zeitpunkt zu kontrollieren, also würden beide von ihnen das Stechen in ihren Nerven noch eine kleine Weile länger ertragen müssen. Dennoch, Harry spürte, daß sein Körper den Vorgang der Heilung bereits begann. So abgenutzt wie seine magischen Reserven auch waren, es war noch immer genug da, um den langwierigen Prozeß in Gang zu bringen.

Als er merkte, daß seine Hände noch immer fest zusammengeballt waren, öffnete Harry seine Fäuste und blickte benommen auf die blutigen, halbmondförmigen Male auf seinen Handflächen, die der Kampf um Kontrolle zurückgelassen hatte.

Überraschenderweise sah Snape davon ab, eines seiner schrecklichen Kommentare abzugeben. Harry war dankbar dafür, aber nichtsdestotrotz noch ein klein wenig skeptisch über versteckte Motive. Allein der gruselig durchdringende Blick den Snape in seine Richtung schickte war genug, um Harrys Haare zu Berge stehen zu lassen. Harry hielt sich selbst ab, die Gänsehaut von seinen Armen zu rubbeln.

„Was zur Hölle war das, Potter?" kam Snapes schroffe Frage. Harry blickte auf den schlammigen Boden, der Spuren auf seinen Kleidern hinterlassen hatte. Er grinste müde. Das Motiv war Information. Schleimiger Slytherin!

„Woher soll ich das wissen, Professor?" sagte er mit falscher Unschuld, ohne Zweifel, daß es niemanden zum Narren halten würde, am wenigsten von allen den Tränkemeister.

„Potter! Hör auf mit diesem kindischen Benehmen und beantworte die Frage." Snape klang heiser. Der Mann fand es noch immer eigentümlich, daß Brennen in seinem Dunklen Mal zu durchleben nur ein paar Augenblicke bevor er wortwörtlich über den Jungen stolperte, der wie ein Sack Kartoffeln zu Boden gegangen war, nach Luft schnappend und mit fest geschlossenen Augen, gewappnet gegen was auch immer für welchen Schmerz er fühlte. Schadenfroh zog der Tränkemeister den Jungen hoch und warf einen schnellen Blick in die Runde.

Was für ein grober Kerl. Harry biß sich resolut auf die Lippen, denn so eine Frage verdiente keine Antwort, naja, wenigstens keine die komplett der Wahrheit entsprach.

„Was ist los, Potter? Steigt dir der Ruhm zu Kopf?"

„Oh, nichts, Professor," spielte Harry stoisch herunter und behielt seine Erschöpfung für sich, „Voldemort," Harry bemerkte das leichte Zusammenziehen der exquisiten Augenbrauen, „fühlt sich nur gerade besonders bösartig. Ich habe das ab und zu, Sir." Harrys gelassen erwähnte Bemerkung, die in demselben Ton herüberkam, in dem ein Erwachsener einem Kind dasselbe Ding ein Dutzend Mal geduldig erklärte, wurde begleitet von einem herausfordernden Blick, als Harry sagte: „Aber natürlich wissen Sie das bereits, Sir." Seine Stimme klang ein wenig unterdrückt, aber wenigstens würde sein Professor seine Bemühung sehen auf den Füßen zu bleiben, wenigstens sprichwörtlich, da er noch immer auf dem Boden war. Harry war nicht derjenige der sich kindisch benahm. Mistkerl.

"Ich bin jetzt in Ordnung," biß er schließlich heraus, wenn er keinen anderen Weg sah. „Lassen Sie mich los!" als ob er unentschlossen war, wie er fortfahren sollte.

„Also ist er am Leben?" fragte Snape lässig und ignorierte Harrys Forderung vollkommen. Harry hielt an und starrt den Mann fragend an.

„Voldemort? Warum sollte er nicht?" Der Junge blickte unschuldig zu dem eingefallenen Gesicht hoch, Erstaunen klang unverblümt in seiner Stimme wieder, als er versuchte die Hand abzuschütteln, die noch immer seinen Arm umklammerte.

„Halt die Klappe, Potter." Snapes Ärger war spürbar. Für einen Moment starrten sie sich gegenseitig an, keiner wollte der erste sein, der den Blick abwendete.

„Deine Fruende," Snape spuckte die Worte förmlich, „patrouillieren durch die Gassen in der Nähe des Torbogens, der unser einziger Weg aus dem Irrgarten von Straßen heraus ist." Dazu furchte Harry die Stirn. Snape erklärte anstatt einfach zu befehlen! Nahmen die Überraschungen nie ein Ende?

„Die Zauberer?" Harry blinzelte und verlor ihren kleinen Wettbewerb im Anstarren. „Wo sind sie?"

„Wäre es dir lieber, wenn sie hier auf dich warteten?" schnappte der Mann. Harry starrte funkelend auf den Boden. Er atmete aus und murmelte etwas Zusammenhangloses, zu leise für den Tränkemeister um irgendetwas Sinnvolles aufzuschnappen.

„Professor?" flüsterte Harry nach einem Augenblick besorgt und kauerte sich tiefer hinter die Ecke. Er fühlte sich nicht annähernd so unsicher, wie er dem Bastard glauben machte, aber es würde gut mit seiner zukünftigen Rolle als Jugendlicher, der, mit dunklen Zauberern auf seiner Fährte und dem Tod der einzigen Familie die er jemals gehabt hatte, zuviel auf der Platte hatte, einhergehen. Harry spürte wie sich sein Herz bedauernd zusammenzog, aber er schob es zur Seite. Sirius war jemand, an den er sich erinnerte, wenn er sicher versteckt hinter den Vorhängen seines Bettes im Schlafsaal war.

„Was sind sie?" Unbehaglich notierte Harry wieviel Ehrfurcht in seiner Stimme mitklang. Er schluckte wortlos und warf Snape einen flüchtigen Blick zu. Hoffentlich hatte der Mann das kindische Beben seiner Stimme nicht gehört.

„Sei still, Potter. Du willst sie ja wohl nicht zu uns führen, oder?" Es war offensichtlich wie viel Willen der Mann aufbringen mußte, um sich es kam keine Beleidigung, eine Aufgabe, die in sich selbst schon eine gewaltige Leistung war. Höchstwahrscheinlich jedoch war Snape einfach damit beschäftigt zu beobachten und hielt Harry für das geringere Übel. Harry musterte ihn vorsichtig.

„Ich glaube, sie sind eindeutig weg, Sir," wagte Harry zu sagen. So weit er betroffen war, konnten sie ihr Versteck jetzt verlassen. Harry würde gern ein paar Bücher und neue Roben kaufen; und er wollte weit weg von Snape kommen.

„Du weißt wie du deinen Mund halten kannst, oder?" Snape schien die Fähigkeiten des Jungen in der Hinsicht ernsthaft zu bezweifeln. „Oder soll ich es für dich tun?" Mit erhobenen Augenbraucen musterte der Tränkemeister ihn, bis Harry nickte und die Lippen zusammenpresste.

„Komm, Potter," sagte Snape. Er zeigte nicht einmal eine Andeutung von Ermattung, wohingegen Harry sich noch immer nicht so gut fühlte und nicht einmal fähig war sich zu wehren, als er schroff auf seine Füße gezogen wurde. Harry stritt sich nicht mit Snape, wegen der Hand, die seinen Arm festhielt, nicht jetzt wenigstens, nicht solange er in den Knien so schwach war. Ausnahmsweise folgte er ihm ohne Einwände zu erheben.

Snape führte sie über Wege, die Harry niemals als solche erkannt hätte. Dennoch, später konnte sich Harry nicht einmal erinnern, wie lange sie unterwegs gewesen waren, oder wie oft er über seine eigenen Füße stolperte. Als sie endlich hinaus in die hell erleuchtete und belebte Winkelgasse hinaustraten, fühlte sich Harry beinahe wie sein altes Selbst, ausgenommen des in seinem Kopf wütenden Schmerzes und als Folge dessen eines sehr kurzgehaltenen Temperaments. Er blieb abrupt stehen, wenn er realisierte, daß Snape ihn wohl nicht sobald in Ruhe lassen würde.

„Danke, daß Sie dort ausgeholfen haben, Sir," wählte Harry den höflichen Weg, "aber wissen Sie, Sir, Sie können jetzt gehen," stellte Harry gelassen fest.

„Hältst du mich für dumm oder einfach nur leichtgläubig?" brummte Snape, wenn das unverschämte Balg ihn nachdenklich von oben bis unten musterte, mit einer uncharakteristisch erhobenen Augenbraue.

Harry zuckte die Schultern, aber er führte nicht weiter aus zu welchem Teil der Frage seine Antwort sich bezog. Merlin, wie Harry den Mann hasste. Wie konnte ein Mensch so asozial sein wie er und noch immer menschlich im Inneren? Snape war ein ausgesprochen unfreundlicher Charakter, um seine Freizeit mit ihm zu verbringen. Zur Hölle, selbst wenn Harry dafür bezahlt würde, würde er es nicht tun, es sei denn gefesselt und geknebelt. Harry traf eine schnelle Entscheidung. Er war praktisch noch immer in den Ferien und auch wenn Snape ein Erwachsener war, war er nicht Harrys Vormund. Er würde zu den Dursleys gehen müssen beziehungsweise zu Dumbledore.

„Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, Sir," sagte Harry selbstbewußt und ging ohne Umschweife. Vorsichtig, für den Fall das der Mann versuchte ihn zu übertölpeln, trat Harry gerade weit genug zurück, um außerhalb der Reichweite des Tränkemeisters zu bleiben.

„Ich wollte meine Bücher kaufen, bevor ich … unterbrochen wurde."

„Potter!" knurrte Snape drohend, sich nicht bemühend, seine Stimme ruhig zu halten. „Bleibe wo du bist oder ich werde sichergehen, daß du die Kerker für Wochen nicht verlassen wirst, wenn du Kessel schrubbst bis deine Finger bluten!"

Mit diesem Bild im Kopf konnte Harry nicht anders, als das Gesicht zu verziehen. So wie sein Glück im Moment war, würde er für den Rest des Jahres kein Tageslicht mehr sehen; und seine Hände würden nur noch Stümpfe sein, wenn der Bastard mit ihm fertig war. Harry konnte es riskieren, aber Snape war niemand, der vergaß. Seine Tendenz Leuten etwas nachzutragen, deren Eltern oder Großeltern seinen Stolz Generationen zuvor Unrecht getan hatten, war weit bekannt. Der Junge seufzte und wandte sich wieder dem über ihn aufragenden Mann zu.

„Was kann ich für Sie tun, Professor?" Dieses Mal versuchte Harry nicht, seine Erschöpfung zu verstecken, es würde sowieso nicht viel Gutes tun. Beides war Snape egal.

„Du wirst jetzt nicht deine Bücher kaufen, Potter," biß Snape unfreundlich heraus. „Falls du dich darum geschert hättest, deine Briefe zu lesen, würdest du wissen, daß sich deine Hausleiterin darum kümmert."

„Ist es dann akzeptabel, wenn ich nach … wenn ich etwas essen gehe, Sir?" den Wünschen seines Professors nachkommend, blieb Harry gelassen. Seine OWL-Resultate waren noch immer fest in seinem Koffer verstaut, ungeöffnet zusammen mit einigen Briefen von seinen Freunden. Harry seufzte, wenn Snape ihn einfach nur kalt in den Boden starrte. Was für ein arroganter Mann.

„Wohin gehen wir, Sir?" fragte er nach einem beklemmenden Schweigen.

„Was glaubst du?" schnappte der Tränkemeister ungehalten. „Nach Hogwarts natürlich."

Harry erstarrte an Ort und Stelle. „Aber muß ich nicht den Zug nehmen?"

Snape verzog das Gesicht. Der Junge dachte ernsthaft, daß er noch mehr Freiheiten bekam, als er bereits hatte. Elendes Kind!

„Was denkst du, Potter," hielt sich Snape zurück. Wenn er schon mit dem Express fahren mußte, um die Bälger zu bewachen, wollte er es wenigstens in Schweigen tun, ohne daß Potter sich an seine Robe klammerte.