Harry schloß seine Augen. Er wollte nicht über Magie nachdenken; er wollte nicht sehen, wie sie um ihn herumwirbelte und nach ihm griff. Umso mehr Menschen durch die Barriere traten, desto stärker mußte Harry gegen die Magie kämpfen, die durch ihn hindurchwogte; und mit jeder Minute wurde es schwieriger. Benommen stand er da und versuchte fast erfolglos den Überfluß zu kontrollieren, als er einen tief empfundenen Schrei aus Richtung des Eingangs kommen hörte.
„Harry!" Bevor Harry wußte was geschah, hatte er einen Arm voll Hermione rund um sich herum. Sofort versteifte sich sein Körper. Er erwiderte ihre Umarmung zögernd, überrollt von einem rapiden Kanonenfeuer von Fragen. Es schien, als hätten sie ihn letztendlich entdeckt.
„Harry, was ist passiert?"
„Was meinst du?" fragte Harry zurück, einen Ausdruck der Verwirrung auf seinem Gesicht. Sie konnten nicht bereits über seine Begegnung mit Snape und den Roten Roben wissen, oder? Der Tränkemeister hatte ihr Treffen nicht allzu sehr gemocht. Er würde nicht herumgehen und allen erzählen, wie er das Leben des Jungen-Der-Überlebte wieder einmal gerettet hatte.
„Geht es dir gut? Wir waren krank vor Sorge! Warum hast du nicht geschrieben?" Harrys Herz beruhigte sich. Sie sprach über seinen Sommer. Das war ein Problem weniger, das auf seinem Geist lastete. Er wollte niemandem über die Roten Roben erzählen, daß Snape es wußte, war schlimm genug.
Harry hätte ihr geantwortet, litte er nicht aufgrund Hermines überwältigender Umklammerung an einem Mangel and Luft; und aus nächster Nähe schien ihre magische Aura atemberaubend und Kräfte zehrend.
Die Farbe war – nun ja, Harry konnte es nicht sagen. Es war unmöglich eine Farbe festzumachen, denn zum ersten versuchte Harry nicht hinzusehen und zum zweiten war Hermine von einem Regenbogen aus strahlender, sie träge umwirbelnder Magie umgeben. Ihre Stärke schien um einiges über dem Durschnitt zu liegen – keine Überraschung – aber es war weit mehr als Harry gedacht hätte. Sie brauchte die Besuche in der Bibliothek eigentlich überhaupt nicht.
Harry mußte sich zwingen, sie nicht anzustarren. Er hatte niemals jemanden mit so vielen Farben in der Aura gesehen – nicht daß er überhaupt viele gesehen hätte. Er fragte sich, was es bedeutete, fand sich aber in ihrer Umarmung rastlos werdend. Wenigstens war er nicht zurückgezuckt, als sie auf ihn niedergefahren war. Harry seufzte. Anscheinend plante sie nicht, ihn in nächster Zet gehen zu lassen, also strich er ihr beruhigend über ihren noch immer kraushaarigen Kopf und wartete, daß sie zu Sinnen kam und hinunter von ihrem Gefühlshoch. Er wußte wirklich nicht, wie er mit Leuten umgehen sollte, die in ihrer Betrübnis so offen waren wie sie. Harry mußte sich erst wieder ans Zeigen von Emotionen gewöhnen.
Harry wurde unruhig inmitten von so viel Magie. Knapp an Geduld konnte er außerdem Hermines Magie nach ihm greifen spüren. Ein Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Hermine wußte nicht, daß sie es tat. Jeder, den er bisher getroffen hatte, tat Dinge wie diese unbewußt so weit Harry beobachtet hatte – ausgenommen natürlich die merkwürdigen Zauberer in ihren roten Roben. Seine Lippen fest zusammengepresst, spannte Harry seine Muskeln, um sie sanft zurückzudrücken, als seine Rettung kam.
„Laß ihn los, Hermine!" Harry drehte den Kopf und sah Ron zu ihnen aufschließen, ein breites, fröhliches Grinsen auf seinem sommersprossigen Gesicht, und er verlagerte die Bücherstapel, um sie besser halten zu können. Ron hatte seinen Wachstumsschub diesen Sommer gehabt und ragte fast einen Kopf größer neben ihm auf. Erleichtert endlich Hilfe zu haben, trat Harry einen Schritt zurück und atmete tief durch.
„Danke, Ron. Ich dachte ich würde sterben aus Sauerstoffmangel." sagte Harry leichthin und versuchte nicht zu genau auf seinen Freund zu gucken, dessen Energie ihn in einem brillianten blauen Licht blendete, das nur an den Rändern weiß flackerte. Harry wußte nicht viel über die Bedeutung der verschiedenen Farben magischer Auren, die zu einem gewissen Grad die innere Stärke des Energiezentrums eines Zauberers vor Auge führten. Mit Sicherheit wußte Harry jedoch – mit Unterstützung durch Toms Hintergrundwissen – daß es auf gewisse Art bedeutsam war. Jede Farbschattierung im blauen Bereich bezeichnete außergewöhnliche Kraft und Stärke; was die weiße Farbe bedeutete, hatte Harry keine Ahnung. Harry war baff, als er Ron zum ersten Mal gesehen hatte; und er erschauerte noch immer, denn Ron war vollkommen in Unkenntnis von dem, was er in der Lage sein sollte zu tun – oder zu sein. Ron sollte nicht so viele Probleme bei einfachen Zaubersprüchen haben, wie sie in der Schule unterrichtet wurden. Zur Hölle, er sollte in der Schule überhaupt keine Probleme haben.
„Yeah, Kumpel, dachte ich auch." Völlig blind gegenüber der Beklommenheit, die sein Freund fühlte, grinste Ron verschmitzt. Beide von ihnen ignorierten Hermines Ausdruck verletzter Würde.
„Aber sie hat recht, weißt du." Ron musterte Harry prüfend von oben bis unten, als ob sich selbst zu überzeugen, daß es seinem Freund wirklich gut ging. Dann fand sich Harry wieder in einer knochenbrechenden Umklammung, unfähig zu atmen und offenen Mundes; Ron hatte die Bücher einfach in Hermines Arme geschoben. Harry presste seine Lider fest zusammen und unterdrückte seine Magie so gut er konnte, den die von Ron spielte verrückt.
„Es ist gut, dich wiederzuhaben, Kumpel," sagte Ron in tieferer Stimme als Harry gewohnt war. „Mom ist verrückt vor Sorge." Harry schluckte. Er war froh, daß seine Hände noch immer in seinen Hosentaschen verborgen waren, denn sie waren so fest zu Fäusten geballt, daß die Knöchel weiß hervortraten. Harry hatte wirklich einige Schwierigkeiten Dinge wie zu viel Magie und ... Umarmungen – selbst von seinen besten Freunden - zu ertragen. Er runzelte die Stirn. Harry würde ihr Energielevel später herausfinden, für jetzt mußte er der Gryffindor sein, an den sie sich erinnerten. Als Ron ihn einen Moment später losließ, die Bücher mit entschuldigendem Ausdruck zurücknehmend, musterte Harry sie skeptisch.
„Was ist los mit euch zweien?" fragte Harry, als er sie forschend beobachtete. „Es ist nicht so schlimm bei den Dursleys." Ron schien etwas sagen zu wollen, aber Hermine schüttelte ihren Kopf, griff Harrys Handgelenk mit überraschender Stärke und zog den widerstrebenden Jungen mit tiefem Stirnrunzeln hinter sich her.
„Wir müssen uns ernsthaft unterhalten, Harry Potter," ermahnte sie und festigte ihren Griff, als ob sie Angst hatte, er würde sich in Luft auflösen.
„Aber Hermine—" Harry versuchte ein paar Worte der Verwirrung einzubringen.
„Nicht hier. Warte bis wir allein sind!" Ihr Ton war brüsk und erinnerte entfernt an ihre Hausleiterin. Harrys Kopf fuhr herum. Plötzlich erinnerte er sich an den anderen Professor, der hier noch herumschlich. Es war erstaunlich, daß beide seiner Freunde so offen handelten, aber natürlich – Harry schnaubte. Snape schlich wortwörtlich herum. Der Tränkemeister war in einer schattigen Nische in Stellung gegangen. Seine Freunde hatten ihn nicht gesehen. War ja klar, Snape tat solche Dinge wahrscheinlich instinktiv, alles observierend wußte Harry. Seine Augen glitzerten. Hermines gefühlsgeladene Ankunft hatte Snape offensichtlich dazu gebracht sich zurückzuziehen. Harry würde den Bastard sicherlich an diese kleine Tatsache erinnern, wenn sie in der Schule waren und Snape über seinen Vater herzog. Schließlich konnte Harry solche Beschimpfungen nicht einfach auf sich sitzen lassen, als guter, kleiner Gryffindor, der er war.
„Professor Snape? Kann ich gehen, Sir?" fragte Harry höflich und schreckte seine Freunde auf, als er seine Aufmerksamkeit auf die Schatten richtete. Der Rotschopf stieß einen Schrei aus, als Snape mit häßlichem Grinsen aus seinem Versteck trat.
„Ich bin sicher, daß ich jetzt ziemlich sicher bin, wo der ..." Harry verzog das Gesicht, „der neue Professor für Verteidigung jetzt den Bahnhof bewacht." Er würde Ron und Hermine später erzählen, was für eine Tortur sie in ihren zukünftigen DADA-Stunden wahrscheinlich durchmachen müßten.
Als Snape begann ihm einen Vortrag zu halten, ignorierte er ihn. Harry ließ es einfach an sich vorbeirollen und hörte nicht ein Wort, das der Tränkemeister zu sagen hatte. Er blickte mit glitzernden Augen zu dem finster dreinblickenden Mann auf. Harry wußte, daß er ihn zur Weißglut trieb – und er genoß es immens, denn er war sich sicher, daß er, hätte er Snape ohne ein Wort stehengelassen, sich einen Vortrag über angemessenes Verhalten gegenüber seinen Älteren anhören müßte.
Auf diese Weise lauschte Harry Snapes Geschimpfe darüber, warum es ihn wohl kümmern sollte, wohin Harry ging und ob er sich selbst für so besonders hielt, daß auf eine oder andere Weise sich alles um ihn drehen müßte. Warum fragte er überhaupt? Was immer Harry tat konnte unmöglich richtig sein und würde nichts außer Hohn vom Tränkemeister ernten. Zur Hölle, falls er sich darum scherte. Ohne ein weiteres Wort drehte Harry dem Mann seinen Rücken zu, verwarf ihn mit einem verweilenden Blick, der eindeutig anzeigte, wieviel er auf die Meinung des Mannes gab, aus seinen Gedanken – und Snape meckerte immer noch. Minuten später konnte Hary noch immer die ungläubigen und wütenden Augen in seinem Rücken spüren.
„Hast du seinen Blick gesehen, als du einfach kehrt gemacht hast?" Sein Freund stimmte deutlich Harrys weniger als höflichem Benehmen zu. Es dauerte eine Weile, bis Ron sich beruhigt hatte. Sie waren bereits auf halbem Weg zum Zug, ehe Ron in der Lage war einen ganzen Satz ohne lachen herauszubringen.
„Warum war Snape bei dir?" Sein Blick änderte sich zu einem von Ekel.
„Naja," Harry grinste unschuldig und zuckte die Schultern, „Ich bin über ihn gestolpert, oder er über mich, wie es dir besser paßt."
„Snape? Und er hat dir nicht die Haut abgezogen?"
"Mich häuten?" Harry hob eine Braue.
„Du bist so ein Kind, Ron!" warf Hermine ein. „Hast du deine Bücher bekommen?" Sie führte ihre Unterhaltung weg von ihren Mätzchen zu wichtigeren Dingen.
„Du warst mit ihm einkaufen?" Ron machte ein Geräusch, als müsse er sich übergeben. Er schien persönlich angegriffen, aber Harry ignorierte ihn – so schwer das auch war, wenn seine Magie übermütig herumwirbelte – denn er kannte Rons Temperament und seine Schnelligkeit zu richten.
„Eigentlich nicht," antwortete er gelassen, „McGonagall hat sie bereits. Wir sind bloß eine Weile herumgelaufen, bis er Zeit war herzukommen."
„Herumgelaufen!" spottete Ron und verlagerte die Bücher, um eine Hand frei zu bekommen, damit er eine von Bertie Bot's Bohnen aus seiner Hosentaschen fischen und in seinen Mund stecken konnte. „Wie war er beim ‚Herumlaufen'?"
„Naja." Harry nahm die Frage durchaus ernst. „Er war … erträglich, vermute ich. Für Snape jedenfalls." Für einen Moment blickte er nachdenklich. „Tatsächlich hat er gar nichts über meinen Vater oder ... Sirius," Harry seufzte innerlich vor Erleichterung, nicht über den Namen gestolpert zu sein – nur ein leichtes Zögern, „Er hat nur ab und zu erwähnt, was ich für ein Idiot bin. Also war er, auf Snape-Skala, wirklich nett." Harry grinste und zwinkerte, als Hermine ihn mißbilligend ansah.
„Was hat der schmierige Bastard hier überhaupt zu suchen? Kann er nicht bis Kräuterkunde warten um Punkte abzuziehen, oder was?"
„Oh, Ron, es ist doch offensichtlich." Hermine schüttelte ihren Kopf. „Er ist hier um den Zug zu bewachen für den Fall das Du-Weißt-Schon-Wer angreift."
„Ah." Ron erbleichte und stoppte für einen Augenblick sein Mampfen. „Aber ist ein Todesser."
„Nein, Ron, aber das ist wahrscheinlich der Grund, warum er nicht der einzige Professor ist, der im Zug patrouilliert.
„Yeah? Wieso das?"
"Weil Du-Weißt-Schon-Wer ihn rufen und ordern könnte mit anzugreifen, kann Snape immer noch sagen, daß er in seiner Rolle bleiben mußte."
„Das ist nicht gut genug, Hermine. Voldemort würde sich drum scheren, ob Snape enttarnt würde oder nicht wenn er dafür mich in seine Hände kriegen könnte."
„Nun ja, da ist das natürlich. Aber irgendeinen Grund haben sie."
„Wahrscheinlich."
„Ja, und jetzt, da die Sache geklärt und aus dem Weg ist, habe ich ein paar Fragen, Harry," drängte Hermine, ihre Miene verschlossen.
„Ich werde dir gerne helfen, wenn ich kann." Harry musterte sie, aufrecht stehen, um sich selbst ein offizielles Aussehen zu geben – und spannte sich als Hermine schon wieder nach seinem Handgelenk griff. Harry seufzte und blickte zu Ron zurück, nur um zu sehen, wie er die Augen rollte ob ihr Benehmen. Die Jungen folgten ihr ohne Umschweife. Hermine Boßmodus war nicht leicht zu ertragen. Es war besser sie einfach machen zu lassen, so daß sie es, was immer es war, aus ihrem System herausbekam. Danach konnten sie sich mit ihr wie normale Menschen unterhalten.
Hermine zog ihn durch den gesamten Zug bis sie ihr Abteil am Ende erreichten; und Harry ließ zu, daß sie ihn ihr gegenüber in den Sitz drückte. Er beobachtete Ron, wie er die Tür schloß, bewußt, daß Hermines durchdringender Blick niemals von seinem Gesicht wanderte. Harry fühlte sich ungemütlich unter ihrer Musterung, dennoch lächelte er unschuldig, nichtsdestotrotz mit einem Stirnrunzeln bis Ron es sich bequem gemacht hatte.
„Also?" Harry blickte von einem zum anderen, als wüßte er nicht worüber sie so aufgebracht waren.
„Harry ...!" Jetzt da sie ihren Freund dort hatte wo sie ihn haben wollte, schien sie nicht mehr zu wissen, wie sie das Thema anschneiden sollte, oder ob sie überhaupt weitermachen sollte. Harry folgte ihrem Blick zu Ron, der die Achseln zuckte aber weiter schwieg, noch immer geistesabwesend auf ein oder zwei schwer zerdrückten und halb geschmolzenen Bertie Bot's Bohnen herumkauend.
„Harry," begann sie erneut, „wo bist du gewesen? Niemand konnte dich finden."
„Ich weiß nicht was du meinst?" Harry sah beunruhigt aus und blickte unsicher in die besorgten Gesichter seiner Freunde. Er fühlte sich nicht gut, sie anzulügen, aber es ging nicht anders.
„Ich war bei den Dursleys. Ich hab euch geschrieben, daß Dumbledore nicht wollte, daß ich bei Ron bleibe." Er wandte sich zu seinem Freund und Ron verzog das Gesicht, nickte aber bestätigend.
„Yeah, hast du. Zwei Wochen vor deinem Geburtstag." Seine blauen Augen verengten sich. „Es war das letzte, daß irgendjemand von dir hörte."
„Am Tag vor deinem Geburtstag ging Lupin, um dich für eine Überraschungsparty abzuholen," sagte Hermine leise, ihre Augen leicht glasig. „Du warst nicht da, Harry," flüsterte sie, Tränen in ihren Augen, und Harry starrte sie einfach nur an. Er mochte es nicht, wenn Leute weinten.
„Natürlich war ich da," sagte er verteidigend und und runzelte nach einem Augenblick die Stirn. „War ich doch, oder?" Er musterte fassungslos seine Freunde. „Ihr macht Witze, richtig?" Harry setzte sich gerade hin, als beide ihren Kopf schüttelten.
„Nein, Harry. Tut mir leid. Das ist kein Witz. Wir würdden über soetwas keine Scherze machen."
„Nein," erklärte Hermine, ihre Stimme leise, als spräche sie zu einem gefährlichen aber nicht sehr hellen Tier. „Professor Dumbledore hat deinen Onkel und deine Tante befragt." Harrys Stirnrunzeln vertiefte sich.
„Und?" Nervös wechselte er seine Position, als Ron und Hermine einen wissenden Blick tauschten. „Hat er ein Wahrheitsserum benutzt?" Zum ersten mal sein Interesse jetzt echt.
„Ja." Hermine nickte energisch. „Natürlich."
„Welches? Einen Trank oder einen Zauberspruch? Veritaserum?"
"Nein, nicht Veritaserum. Es war ein Spruch, denke ich. Ich habe Lupin gehört, wie er davon zu Mr. Weasley gesprochen hat." Ihre Stirn furchte sich in Gedanken. „Nonerra Obcuro."
„Was ist Nonra Abcuro?" fragte Ron, fröhlich an einem Schokoladenfrosch knabbernd, den er mit einem Dutzend weiterer vor ein paar Minuten aus seinem Mantel gezogen hatte, währenddessen er aussah wie ein Dreijähriger nach einem Besuch vom Weihnachtsmann. Seine Nase rümpfend, blickte Harry weg. Trotz seines Hungers war er unfähig irgendetwas zu essen. Das Apparieren mit Snape und die Magie ließ ihn sich schwindlig fühlen und Harry wollte sich nicht zu Füßen seiner Freunde erbrechen.
„Nonerra Obcuro," korrigierte Hermine, jede Silbe ausdehnend. „Es bringt dich dazu, die Wahrheit zu sagen und verringert deine Hemmung frei zu sprechen. Man muß bloß ein paar Fragen stellen und du wirst alles ausplaudern, daß auch nur entfernt damit zu tun hat. Du würdest deine tiefsten Geheimnisse erzählen." Sie zuckte die Schultern. „Natürlich müssen es die richtigen Fragen sein." Nachdenklich blickte sie ins Nichts, wahrscheinlich in Gedanken irgendwelche Bücherseiten absuchend. „Der Spruch arbeitet ähnlich wie der Obiscere-Trank. Der einzige Nachteil ist, daß er nur kurze Zeit wirksam ist. Jede Person reagiert anders. Du mußt genau beobachten, oder du stellst jemandem Fragen, der nicht mehr verzaubert ist."
Harry kannte den Trank und den Zauberspruch ganz gut. Tom hatte eine Unmenge von Wissen über viele Dinge; zu schade, daß Harry bereits das meiste davon tief in seinem Unterbewußtsein vergraben hatte. Niemand könnte so viel fremde Gedanken in seinen Kopf aufnehmen, ohne an einem Punkt zu zerbrechen. Harry würde Zeit brauchen, durch alles durchzuarbeiten, obwohl hin und wieder das eine oder andere von allein auftauchen würde wenn er es brauchte. Er blinzelte, zur Aufmerksamkeit gerufen.
„Warum haben sie dann nicht Veritaserum benutzt?" Ron blickte Harry fragend an, der lediglich die Schultern zuckte, als wäre er völlig ahnungslos. Es würde ihm nicht gut bekommen, plötzlich Dinge zu wissen, von denen er nur ein paar Wochen früher keine Ahnung gehabt hatte.
„Es ist verboten," belehrte Hermine sie. „Der Gebrauch ist nur erlaubt wenn Beweise für ein Verbrechen vorliegen. Und ich meine wirklich eindeutige Beweise." Harry schnaubte.
„Das würde Dumbledore kaum kümmern. Er hat sich nie zuvor um die Gesetze des Ministerium geschert." Hermine blickte ihn einfach nur an, ansonsten irgnorierte sie Harrys heftige Bermerkung vollkommen.
„Die Dursleys haben gesagt, daß du eine Woche zuvor verschwunden bist. Niemand wußte, wo du warst. Anscheinend waren die Worte deines Onkels etwas wie ‚Gott sei dank ist er weg!' oder irgendso ein Unsinn. Lupin war wütend. Sie haben überall gesucht. Dann dachten sie ..., naja, sie dachten, daß Du-Weißt-Schon-Wer einen Weg gefunden hat an dich heranzukommen, daß er dich entführt hat, aber Snape konnte nichts sagen, er wußte gar nichts."
„Voldemort?" Harry musterte seine Schuhe und sah nicht seine Freunde zusammenzucken.
„Wo bist du gewesen, Harry?" Hermines Stimme hatte Verzweifeltes und Tränen schwammen in ihren Augen.
„Ich ... ich weiß nicht." Eindeutig verwirrt, schien Harry in seinem Sitz zu schrumpfen. „Ich dachte ... ich dachte, ich war bei den Dursleys." Ron blickte flüchtig zu Ron, der genauso verloren und verwirrt aussah wie er.
„Ich kann mich nicht erinnern, nicht dort gewesen zu sein ... oder ... oder bei Voldemort." Hermine sprang vorwärts und klammerte ihre Arme um ihn. Tränen strömten jetzt frei über ihr Gesicht und auf ihre Kleidung. Ohne zu wissen was er sonst tun konnte, hielt Harry sie einfach fest und strich ihr ungelenk über den Kopf.
„Yeah." Ron räusperte sich, seine Augen auf Hermine. "Falls … falls Du-Weißt-Schon-Wer Harry geschnappte hätte, wäre er jetzt kaum hier, oder?"
„Danke, Kumpel," meinte Harry trocken und Ron blickte ihm in die Augen und verzog das Gesicht, als Hermine nur noch lauter schluchzte.
„Ich meine doch nur, die Todesser waren kaum aktiv," erklärte Ron schnell, „keine Überfälle auf Muggel, keine Dunklen Male. Sie haben sich erstaunlich bedeckt gehalten. Niemand weiß, wo Du-Weißt-Schon-Wer ist." Ron faselte rapide. „Das wollte ich sagen."
„Ach ja?" Harry, abgeschnitten von der Zaubererwelt für den ganzen Sommer, nahm die Nachrichten mit neugierigem Interesse in sich auf, ohne Gedanke an die jetzt leise weinende Hermine in seinen Armen.
„Yeah." Ron nickte. "Sie dachten, daß sie sich – vielleicht – mit dir verstecken würden." Der Rotschopf schluckte. „Daß sie dich foltern und so, du weißt schon. Alle haben nach dir gesucht, aber keiner konnte dich finden – und dann, ganz plötzlich, warst du wieder zurück."
„Wir ... wir wollten zu ... zu dir gehen." Mit einem Schluckauf tauchte Hermine aus Harrys Kleidung hervor, rotäugig und sichtlich verlegen ob ihres Ausbruchs. „Aber ... Dumb-Dumb ... der Direktor hat nein gesagt, daß ... du s-s-siiiicher warst!" Sie heulte die letzten Worte, als wäre Harry tot und würde nicht gerade neben ihr sitzen. Die Jungen zuckten zusammen.
„Hermine!" Harry konnte einfach nicht ergründen, was mit ihr los war. Sie war niemals ein Schreier gewesen. „Warum weinst du? Ich bin sicher bei den Dursleys wegen den Schutzzaubern und meinem Blut. Du weißt das."
„A-aber du warst … verschwunden." Ihr Körper bebte vor trockenen Schluchzern.
„Schau, Hermine. Mir geht es gut, wirklich. Nichts ist passiert." Er sah zu Ron hinüber, aber es schien, als würde sein Freund bloß den Platz mit Hermine tauschen wollen. Harry hoffte mit aller Kraft, daß Ron sich abhalten konnte zu weinen, wenigstens lang genug, damit Harry die Kurve kratzen konnte. Mit einem Seufzer lehnte er sich zurück. Es wäre gut wenn der Zug besser jetzt als später losfahren würde.
„Ich bin mir noch nicht sicher, was ich glauben soll," stellte Harry fest. „Ich meine, falls ihr alle recht habt mit euren Vermutungen und Voldemort mich wirklich entführt hat ... Warum hat er mich gehen lassen?" Er schüttelte seinen Kopf. „Ich glaube das nicht. Vielleicht haben sie mich einfach nicht gesehen. Ich habe viel Zeit im ... im Schrank verbracht."
„Was?" bellte Ron und Hermine richtete sich abrupt auf, ihre Augen glühten beinahe – Tränen vergessen.
„Nun ja, sie waren nicht allzu sehr von Moodys Drohungen angetan, wisst ihr." Harry schien verlegen.
„Was?" bellte Ron schon wieder und Harry zuckte zusammen, als seine Trommelfälle schmerzhaft vibrierten.
„Bitte, Ron." Er hielt sich beide Hände über die Ohren. "Du brauchst nicht zu schreien."
„Sie haben dich in einen Schrank eingesperrt?" Ron schrie immer noch. „Wie konnten sie das tun? Ich werde sie verhexen, Harry, ich schwöre es!"
„Du mußt es Professor Dumbledore sagen, Harry," unterbrach Hermine leise, ein trauriger Unterton in ihrer Stimme. Harry grunzte nur, seine Augen hart und kalt.
„Nein, Hermine. Ich glaube nicht, und ich will auch nicht, daß du oder Ron es ihm erzählt – oder sonst irgendwem." Für einen Augenblick musterten sie ihn nur wortlos und Harry dachte, er müßte sich auf andere Weise um sie kümmern, aber dann nickten sie – nicht glücklich, aber nichtsdestotrotz zustimmend. Die Stimmung war danach etwas gedrückt und ihr Schweigen kein beruhigendes.
Harry seufzte und griff nach seinem Koffer. Er mußte vor der ersten Unterrichtsstunde morgen noch Hausaufgaben machen. Er mußte fünf Seiten voller Tränke auswendig lernen und einen Aufsatz für Herbologie schreiben. Es war nicht einfach gewesen, mit Tom in seinem Kopf, und er hatte – ausnahmsweise – zu viel Spaß gehabt, um die Sommerzeit mit langweiliger Schularbeit zu verbringen.
Gähnend fing Harry Hermines Aufmerksamkeit mit einer gut gezielten Bemerkung über Unkrautjäten und Zäuneanstreichen und eingeschlossenen Büchern und Schulaufgaben ein. Das lenkte Hermine leicht von den Dursleys und Harrys weniger als durchschnittlichem Sommer ab.
Ron grinste mit einem wissenden Blick zu Hermine und biß den Kopf eines weiteren Frosches ab.
