Kapitel 11 – Alle Jahre wieder

Während der nächsten Stunde saßen Hermine und Harry zusammen, die Nasen in den Büchern. Nur ab und an wurden sie von Rons aufgeregte Rufen unterbrochen, wenn die Chudley Cannons in seinem neuen Quidditch Magazin einen weiteren außergewöhnlichen Zug machten, um Quaffel oder Schnatz zu fangen.

Harry arbeitete sorgfältig, um alles zu schaffen. Er hatte nicht wirklich Probleme mit seinen Hausaufgaben, die Menge seines Wissen überraschte Harry manchmal selbst. Einmal mehr seine wiederholt zufallenden Augen aufschnappend, bemühte er sich extra hart, um einige Fakten herumzudrehen und einige andere auszulassen, von denen er wußte, daß sie im Buch genannt wurden, das er sich von seiner stets vorbereiteten Freundin ausgeborgt hatte. Schließlich würde Hermine später seine Arbeit durchsehen. Sie sollte wenigstens ein paar Fehler in seiner Hausaufgabe finden.

Harry lehnte sich gähnend zurück und erholte seine Augen für nur einen Moment. Die Wirbel der Magie brodelten vor seinen geschlossenen Augen und er beobachtete sie erstarrt, bis er seine Augen wieder öffnete. Er hatte bereits genug von Herbologie. Es war nicht sein Lieblingsfach und würde es niemals sein; und falls er noch einen weiteren Satz über die richtige Art magische Pflanzen einzutopfen lesen mußte im Vergleich zu denen von Muggeln, würde er tot umfallen vor Langeweile, bloß um davon wegzukommen.

Harry sah sich um. Die Magie seiner Freunde zog beständig seine Aufmerksamkeit auf sich. Er fragte sich, wie seine eigene Magie aussehen würde. Aus Gründen, die Harry nicht kannte, war er nicht in der Lage auch nur einen flüchtigen Blick auf sein Kernenergie zu erhaschen, obwohl es äußerst interessant gewesen wäre, besonders nach den Veränderungen, die er gerade durchlaufen hatte.

Eine halbe Stunde war mit warten und arbeiten vorbeigegangen. Harry stieß einen weiteren Seufzer aus und schaute aus dem Fenster, als er bemerkte, daß sie sich Leben auf dem Bahnhof breitmachte. Langsam aber stetig füllte sich der Bahnhof mit Menschen. Eltern brachten ihre Kinder zum Zug, die jüngeren umarmten ihre Eltern, als ginge es um ihr Leben, während alle anderen den Zug betraten. Alle plauderten mit ihren Freunde, um ihre Sommererlebnisse auszutauschen. Mit gespitzten Lippen wirbelte Harry den Federkiel in seiner Hand und blickte nachdenklich zurück auf seinen Aufsatz. Er hatte sich nicht bewußt entschieden, wie er seinen Plan in die Tat umsetzen wollte. Zumeist würde er einfach von einem Augenblick zum nächsten gehen und sehen, welche Karten die Fügung für ihn bereit hielt. Mit neuer Entschlossenheit schloß Harry die Bücher und legte den Aufssatz mit weniger Sorgfalt als Hermine richtig erachten würde auf den Sitz neben sich.

„Ich bin fertig," gab er bekannt und zog die Blicke beider Freunde auf sich. Hermine schien zweifelnd, aber ihr Blick wechselte schnell zu einem voller Sorge.

„Bist du in Ordnung, Harry? Du siehst müde aus."

„Ich bin." Harry lächelte beruhigend. "Vernon brachte mich nur wirklich früh her. Ich habe letzte Nacht nicht viel Schlaf gekriegt." Er konnte ein Gähnen nicht unterdrücken und streckte sich matt. Seine Erschöpfung war nur die Auswirkung davon, daß er mit zu viel Magie auf einmal hantierte. Harry hatte echte Probleme sich an seine Umgebung anzupassen, und die wirbelnden Stöme von extrem starker, magischer Energie zu beobachten und zu spüren half der Sache nicht gerade. Glücklicherweise hatte er sich bereits um Tom gekümmert, denn Harry wäre unfähig irgendetwas zu tun, um sich zu helfen, so schwach wie er sich jetzt fühlte. Er bezweifelte seine Fähigkeit jetzt selbst einen einfachen Zauber aus dem ersten Schuljahr auszuführen – wenigstens mit der richtigen Menge an Zauberkraft. Ron rutschte mit geheimnisvoller Miene zu ihm herüber.

„Wie fandest du mein Geburtstagsgeschenk?" fragte er interessiert und voller Erwartung. Für einen Augenblick saß Harry benommen da. Er hatte nicht einmal über Geschenke nachgedacht. Hatte er überhaupt welche bekommen? Harry konnte sich nicht erinnern. Zu dieser Zeit war er damit beschäftigt gewesen, Tom zurückzudrängen und ein Gleichgewicht mit seiner eigenen außer Kontrolle geratenen Magie zu erlangen.

„Naja, ich habe eure Briefe bekommen, jedenfalls die meisten von ihnen, denke ich," sagte er zu beiden, da Hermine ihn genauso konzentriert musterte wie Ron. Die Briefe, die Harry von seinen Freunden bekommen hatte, waren nichts, womit man sich länger als ein paar Minuten beschäftigen konnte. Sie waren gut gemeint, enthielten aber wenig bis gar keine Informationen. Harry hatte sich nicht gekehrt, oft zurück zu schreiben. Sie hatten es sowieso auch nicht von ihm erwartet. Harry zuckte gleichmütig die Schultern und detaillierte.

„Ich habe jedoch überhaupt keine Geschenke bekommen. Lupin und Moody waren diesen Morgen da. Sie haben nichts über mein Verschwinden gesagt, aber sie haben mir alles Gute gewünscht." Harry schüttelte seinen Kopf, um die Gedanken zu klaren. „Die meiste Zeit über haben sie bloß dumme Fragen gestellt."

„Wahrscheinlich wollten sie bloß versuchen zu bestätigen wohin du verschwunden bist." Hermine runzelte besorgt die Stirn.

„Warum haben sie mich dann nicht das gefragt, als ich ... wieder zurück bei den Dursleys war?" Harry ließ Verwirrung und Ärger auf beide Männer durchscheinen, und wenigstens letzteres war real. „Sie haben bloß immer weiter und weiter über nichts gefaselt und als ich sie gefragt habe warum sie gekommen sind, waren sie nur voller Schwachsinn."

Harry hatte gut darüber nachgedacht ob und was er seinen Freunden vom Besuch der beiden Männer erzählen sollte. Da jeder sonst – und Dumbledore zuerst – erwartete, daß Harry seine Freunde ins Vertrauen zog, würden sie nur zu früh mißtrauisch werden, wenn es schien, als behielte Harry seine Geheimnisse für sich – selbst vor Ron und Hermine. Dumbledore würde die beiden bestimmt irgendwann in der Zukunft interviewen und einen Blick in ihre Köpfe werden. Es war besser, wenn Harry ihnen dieselbe Geschichte erzählte, die sie auch von Dumbledore hören würden, bevor er sie zu sich ins Büro rief.

Harry seufzte. Er wollte sich nicht zu früh mit Dumbledore befassen müssen. Er fühlte sich nicht völlig behaglich in der Nähe des Mannes; in Wahrheit, fuchste er ihn wie niemand sonst, ausgenommen Tom ... und vielleicht Snape, ... Malfoy Senior und Sohn, ... und die Dursleys ...

„Naja, zurück zum Thema," kam er mit einem Schütteln seines Kopfes und einenm Stirnrunzeln gegenüber Hermines grübelndem Blick auf den Ursprung ihrer Unterhaltung zurück. „Lupin und Moody haben nichts darüber gesagt, daß ich Geschenke habe. Ich schätze, die Pakete sind einfach unterwegs verloren gegangen. Trotzdem danke, daß ihr daran gedacht habt." Er blickte Ron interessiert an.

„Mist." Der Rotschopf schien besonders zerknautscht. "Denkst, daß sie irgendwann auftauchen werden?"

„Weiß nicht. Was war es?" fragte Harry grinsend.

„Das sage ich dir nicht." Ron schüttelte nachdrücklich seinen Kopf. „Vielleicht kriegst du ein neues von mir, es war aber echt klasse."

„Naja," Harry schien nicht sicher, wie er darauf antworten sollte. „Danke dann, schätze ich, aber du brauchst mir nichts anderes zu schenken. Sage mir einfach, was es gewesen wäre."

„Nö, ich glaube nicht." Ron kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Ich will, daß du es kriegst." Er blinzelte quer zu Hermine herüber, die geheimnisvoll zurücklächelte.

„Jetzt bin ich wirklich neugierig," führte Harry seine Nachforschungen weiter. Er mochte nicht viel auf Geschenke geben, aber es war schön Freunde zu haben, die ihm trotzdem etwas gaben. Harry hatte immer einige Probleme wie er reagieren sollte, wenn der seltene Fall eintrat. Harry stoppte abrupt und blickte auf die Landschaft, die vor ihrem Fenster vorbeiflog. Tief Atem holend, lenkte er die Aufmerksamkeit seiner Freunde auf den Bahnhaf, der rapide hinter ihnen zurückblieb.

„Wir fahren." Harry lächelte unmerklich. Endlich. Wärme breitete sich in seinem Körper aus und für nur einen Moment ließen ihn Vorfreude und Erwartung all das vergessen, daß ihn hinunterdrückte.

„Es wird aber auch Zeit," steuerte Ron leidenschaftlich bei. „Ich dachte schon, die würden den Zug ewig dort stehen lassen." Harrys Brauen wanderten in die Höhe.

„Du warst nur ein kleines bißchen früh, als du eingestiegen bist." Er runzelte die Stirn. „Apropos, ich habe deine Familie gar nicht gesehen."

„Ich und Hermine wollten uns früher treffen, damit wir dich nicht verpassen." Ron verzog das Gesicht. „Ginny wollte ihrem Freund auf Wiedersehen saggen und die anderen waren einfach noch nicht fertig, obwohl Mom wirklich verrückt danach ist, dich gesund und munter wiederzusehen. Sie will einen Brief, sobald wir in Hogwarts angekommen sind." Harry grinste. Wenigstens einige Leute kümmerte es, ob er lebte. Seine Augen weiteten sich, als alles was Ron gesagt hatte in sein Bewußtsein einsank.

„Ginny hat einen Freund?" Vielleicht würden nun auch die letzten flüchtigen Blicke aufhören, denen er im letzten Jahr ausgesetzt war.

„Er ist ein Muggel," gab Ron mit dümlichem Grinsen bekannt. „Dad ist echt begeistert von ihm; und die Zwillinge sind sogar noch begeisterter, weil sie jetzt ein neues Testopfer haben – und er kann gar nichts dagegen tun." Ron sprach voller Ehrfurcht.

„Ich mag ihn, aber Mom hält sich ein bißchen zurück. Ich glaube nicht, daß es ist, weil Tore Muggel ist. Es ist nur, daß es ihre Ginny ist, weißt du? Die einzige Tochter und ihr Baby und dieser ganze Gefühlskram." Sorglos warf er einen neuen Frosch in seinen Mund.

„Tore?" fragte Harry nach. Ein weiterer Typ mit einem merkwürdigen Namen der aus dem Nirgendwo kam. Er konnte fühlen, wie sich ein noch festerer Knoten in seinem Magen formte.

„Yeah. Tore van-irgendwas. Ich habe keine Ahnung. Sie sind aus Schweden oder so." Er zuckte die Schultern.

„Wo hat Ginny einen Muggel kennengelernt?" Hermine blickte fragend von ihrem Buch auf.

„Seine kleine Schwester ist eine Hexe. Dad ist zu ihnen gegangen, um sie mit der Zaubererwelt bekannt zu machen. Sie kommt nach Hogwarts in die erste Klasse; und Ginny ist verrückt nach dem Kerl." Rons Augen glänzten. „Wir sind mit ihnen in die Winkelgasse gegangen und sie haben eine Riesenmenge an Süßigkeiten gekauft."

„Ah, daher hast du die Frösche," überlegte Harry laut. „Ich hab mich gewundert."

„Oh, entschuldigt," Ron schluckte. „Wollt ihr welche?" Er öffnete eine neue Schachtel.

„Nein danke, Ron." Harry warf einen zweifelnden Blick auf die halb geschmolzene Schokolade. „Ich warte auf den Karren." Ron zuckte mit den Achseln.

„Hermine?" Er hielt den ganzen Beutel voller Süßigkeiten direkt unter ihre Nase, aber das Mädchen musterte den Beutel bloß durchdringend, blickte dann Ron schokoladenbedeckte Hände an und verzog das Gesicht.

„Danke, aber ich kann mich gerade noch zurückhalten." Sie drückte den Beutel weg. „Du solltest dich außerdem nicht mit so viel ungesundem Zeug vollstopfen. Das Festessen ist nicht mehr so weit weg."

Ron rollte mit den Augen und nahm den Beutel zurück und sicher aus ihrer Reichweite heruas, bevor sie auf die Idee kam, ihn zu beschlagnahmen.

"Naja, seine Mutter gab sie mir heute morgen. Sie sagte, ich soll ein Auge auf ihren kleinen Liebling haben, während wir in Hogwarts sind." Ron zog eine Grimasse.

„Sieh zu, daß du es tust." Hermine klappte ihr Buch zu.

"Klar," Ron war schnell dabei zuzustimmen, „aber ich glaube nicht, daß sie nach Gryffindor kommt."

„Das hat doch nichts mit deinem Versprechen zu tun. Du kannst trotzdem auf sie aufpassen. Schließlich hast du die Süßigkeiten angenommen, oder?" Hermines Augen verengten sich und Ron räusperte sich beklommen. Harry amüsierte sich. Er war gut Leute mit einfachen Problemen zu sehen.

"Also—" begann Harry, war aber in dem Augenblick von seinen Gedanken abgelenkt, als er fühlte, wie sich eine Präsenz ihrem Abteil näherte – und direkt vor ihrer Tür stoppte. Harry wußte nicht, wer es war, weil er den Puls der Magie noch nicht wiedererkannte; aber wer immer sich dort draußen vor ihrem Abteil herumdrückte, würde mit Sicherheit früher oder später hereinkommen.

Harry wandte sich müde zum Fenster, seine Sinne alarmiert, und wartete. Er schloß seine Augen und dachte, daß er gerne irgendwann in nächster Zeit ein bißchen schlafen würde, aber die Tür flog mit einem Knall auf, der laut genug war, das seine Freunde von ihren Sitzen aufsprangen. Lediglich Harry drehte sich gelassen zur Tür um, zog seine Gedanken von den wenigen glücklichen Erinnerungen, die er hatte, zurück und starrte in das hämisch grinsende Gesicht von Draco Malfoy – zusammen im Paket mit Dick und Doof. Seufzend bereitete sich Harry auf eine Auseinandersetzung mit dem einzigen seiner Gegner vor, den er nicht töten mußte um zu überleben – hoffentlich. Harry blickte finster, bevor er seine Miene unter Kontrolle bekam. Nach einigen Bemerkungen suchend, die er dem arroganten Kerl an den Kopf werfen konnte, und die typisch für Gryffindors waren, sammelte Harry seinen Grips.

„Bist du nicht ein bißchen früh, Malfoy?" Mit den letzten Resten von Kraft, die Harry noch übrighatte, setzte er ein angewiderten Ausdrück auf sein Gesicht. Er nahm alles von dem, was einen sehr unerfreulichen und abstoßenden Charakter darbot, wahr und versuchte, seine Reaktion zu der aggressiv überall um ihn herumwirbelnden Magie nicht zu zeigen.

Die Magie reagierte zu den Stimmungen ihrer Besitzer. Harry wußte das, aber zwischen Ron und Malfoy zu sein, wenn beide Jungen bereit waren, sich gegenseitig die Augen auszukratzen, machte ihm in seinem geschwächten Zustand Angst. Harry versuchte, nicht auf die hin und herpeitschenden Stränge zu sehen – blau und weiß von Ron, moosgrün mit blauen Schattierungen von Malfoy.

Malfoy war nicht so stark wie Ron, hatte aber weit größere bewußte Kontrolle und Wissen über seine Fähigkeiten und Entschlossenheit zu benutzen, was sein war. Nach außen hin gelassen und entspannt scheinend, zitterte Harry innerlich zwischen ihnen. Er mußte die Konfrontation beenden und zwar schnell. Tief atmend konzentrierte er sich auf die Dinge, die Malfoy zu ihrer Unterhaltung beizutragen hatte.

„Ha, schau mal wer da ist," die kalte Stimme troff vor Haß, „Sankt Narbenkopf, sein Wiesel und ein krauser Pferdezahn."

Harrys Augen verengten sich, als er seinen Gegner schweigend zur Kenntnis nahm und gleichzeitig einen festen Griff an Ron behielt, um zu verhindern, daß sein puterroter Freund vorwärts stürmte und sich noch vor Beginn des Schuljahres in Scherereien geriet.

„Malfoy, du hinkst mal wieder hinterher – wie immer." Harry seufzte theatralisch um eine gute Schau zu bieten. „Falls es dir entgangen ist, Hermines Zähne sehen großartig aus, Ron ist nicht verwandt mit der Familie der Marder wie einige andere, die wir kennen, und ich, nun ja, natürlich bin ich ein Heiliger, aber selbst ein blindes Huhn legt Eier, oder nicht, Malfoy?"

„Ich frage mich...," erwog Harry gelassen, ohne seinem Bedürfnis nach Eile nachzugeben. „Hast du den ganzen Sommer gebraucht, bis dir das eingefallen ist?" sprach Harry dedankenvoll weiter, ehe Malfoy auch nur ein Wort durch seine zusammengepressten Kiefer einwerfen konnte.

„Wir sind gerade erst losgefahren. Du hättest die über die ganze Zugfahrt Zeit lassen sollen, um mit treffenderen Kränkungen aufzuwarten." Harry ignorierte beabsichtigerweise den Wunsch zu töten, der in den Augen des elegant gekleideten Jungen aufblitzte.

Harry bemerkte, daß Hermine ihren Zauberstab fest umklammert hielt. Ihre Miene war entschlossen und sie hatte Ron von der anderen Seite in den Griff genommen. Der Rotschopf schien nichts mehr zu wollen, als Malfoy ins Gesicht zu springen.

„Ich schlage vor, daß du deine Fußabtreter mitnimmst und jemand anderem auf die Nerven gehst. Vielleicht findest unter den Erstklässlern jemanden, der an deiner Meinung interessiert ist." Langsam trat Harry einen Schritt vor und drückte Ron in derselben Bewegung zurück. Seine Hände kribbelten, wo er seinen Freund berührte.

„Ich schwöre dir, Malfoy," sagte Harry äußerlich gefaßt, nur Zentimeter von dem Slytherin entfernt, „du willst dich nicht mit mir anlegen." Malfoy zog sich zurück, Verwirrung über sein ganzes Gesicht geschrieben, und Harry folgte ihm. Er hielt seinen eigenen Zauberstab bereit und ein Auge auf Malfoys Kumpane, falls sie sich etwas in ihren dummen Schädeln einfallen ließen.

„Es wird dieses Jahr einige Veränderungen geben, Malfoy, und du tätest gut daran, weit weg von mir und den meinen zu bleiben." Es war nur für einen Augenblick, daß Malfoy seine überhebliche Reinbluthaltung verlor, bevor die Augen des Slytherin herausfordernd funkelten und seine Arroganz mit ganzer Kraft an Ort und Stelle knallte. Sein, auf eine bestimmte Weise, wirklich hübsches Gesicht formte ein häßliches, hämisches Grinsen.

„Du mußt reden, Potter." Malfoy spuckte den Namen mit mehr Abscheu aus, als Harry selbst von Snape gewöhnt war. „Willst du deinen Anhängern nichts von deiner Sommeraktivität erzählen?" Harry runzelte die Stirn. Malfoy konnte nichts Lohnendes wissen. Jeder, der dort gewesen war, war tot, ausgenommen Tom natürlich; aber Tom konnte kaum zu irgendjemandem außer Harry sprechen. Es konnte jedoch sein, daß ein Freund der Familie Malfoy von dem erzählt hatte, was sie geplant hatten. Was auch immer, Harry grinste kalt.

„Brech dir keinen Ast ab. Das ist ohne Belang für Eure heuchlerische Hoheit." Er neigte seinen Kopf zur Seite, als ob er nachdachte. „Ich schätze, dein liebes Tantchen hat dir nicht gesagt, was vor sich geht. Trixie war ihr Name, oder?" Harry grinste schadenfroh. Lestrange hatte es gar nicht gefallen, als er sie so genannt hatte.

„Ist schon eine Weile her, seit du sie gesehen hast, oder? Lebt sie noch? Weißt du es? Ich bin sicher, sie würde sich nicht einfach einsperren lassen wie dein kostbarer Vater es getan hatte – nicht wieder jedenfalls. Wie geht es seiner geschätzten Lordschaft übrigens? Macht er sich gut? Erlauben sie dir, ihn zu besuchen, Malfoy? Und hast du ihm erzählt, daß du nichts aus früheren Erfahrungen gelernt hast? Das du immer noch nur ein fehlgeschlagener Versuch von etwas bist, daß sich in seinen Genen festgesetzt hat? Wirklich eine Schande, wenn du mich fragst," seufzte Harry bedauernd. Er fühlte die Magie noch bevor er sah, wie sie blind in alle Richtungen nach ihm griff, wie ein wildes, tollwütiges Raubtier. Harry stoppte in seiner Litanei, um dem Slytherin einen Augenblick Zeit zu geben, damit er seine Kontrolle zurückgewann und Harry nicht selbst von der Kraft der ihn umgebenden Magie eingesaugt würde.

„Bemitleide dich selbst, Potter, du hast allen Grund dazu." Malfoy beäugte ihn, als trüge Harry das Kainsmal auf der Stirn.

„Oh, ich habe dich nicht bemitleidet, Malfoy. Falls du nicht zugehört hast, ich habe deine Fähigkeit zu lernen und für dich selbst zu denken bemitleidet. Oder sollte ich sagen Unfähigkeit?" Mit gehobenen Brauen schätzte Harry Malfoy ab wie er es Snape tun gesehen hatte, wenn der sich über ihn und seine angebliche Sucht nach Rampenlicht aufregte.

"Sag, Potter," fragte Malfoy süßlich, „hat es dir gefallen, vom Dunklen Lord ordentlich durchgestampft zu werden?" Die Lippen des Slytherin zogen sich zurück und gab den Blick auf zwei Reihen perlweißer Zähne frei, seine ganze Gestalt frohlockte mit unangebrachtem Frohsinn.

Harrys Griff um Rons Hemd spannte sich im Versuch die Wut zu unterdrücken, die tief aus seinem Inneren heraufbrodelte. Jeder Gedanke in Harry stoppte. Er konzentrierte seine ganze Kraft darauf, seine Distanz zu wahren; und dann sah er wie Rons Magie hinausgriff.

Harrys Augen weiteten sich alarmiert. Über das wilde Gebrüll, daß die Magie in diesem kleinen Abteil losließ, konnte er nicht hören, daß Ron schlecht gezielte Beschimpfungen ausstieß. So ging es nicht weiter. Harry dachte praktisch. Er mußte einen Weg finden, daß Ron diese üble Menge an Temperament unter Kontrolle bekam. Merlin, es war beängstigend – und es tat höllisch weh, wo er den rasenden Ron festhielt. Es war, als griffe er mit seiner Hand in flüssiges Feuert. Instinktiv zog Harry sich zurück, nur damit Ron wie ein Gewehrkugel vorschoß, um Malfoy in den Boden zu treten.

„Ron!" Harry biß die Zähne zusammen und ergriff seinen Freund wieder. Er konnte nicht verstehen, warum Ron immer so körperlich wurde. War er nicht in einer Zaubererfamilie großgeworden? Selbst gemeinsam mit Hermine hatte Harry Probleme ihn zurückzuhalten. Harry spürte, wie die Energie neue Höhen erklomm. Es war schwer zu atmen und er wollte verzweifelt die Tür öffnen. Es war traurig, daß ihm sein Freund wahrscheinlich niemals vergeben würde, wenn er ihm vor Malfoy mit einem Zauberspruch belegte, so daß er tot wäre für die Welt. Er mußte Ron dazu kriegen, daß er ihm zuhörte, ohne das Malfoy daraus Schlußfolgerungen ziehen konnte. Seine eigenen Emotionen fest zurückdrängend, wandte sich Harry zu einem zufriedenen Malfoy um.

„Wovon du in deinem Hohlkopf träumst, interessiert niemanden, Malfoy, also erzähle uns keine Märchen." Malfoy sah verwirrt aus, genauso wie Ron für einen Augenblick, und Harry erinnerte sich, daß keiner von ihnen das Konzept der Märchen kannte.

„Niemand gibt auch nur einen Knut für den Bockmist, den du fabrizierst," übersetzte Harry und überschlug die Gedanken in seinem Kopf. Er konnte nicht die Erinnerungen seiner Freunde an das nehmen, was Malfoy gesagt hatte, oder er würde auch Malfoys Erinnerungen bearbeiten müssen. Pech an dieser Front, dachte Harry fatalistisch. Er würde sich einen Weg ausdenken, wie er das zu seinem Vorteil ausbauen könnte. So eine traumatische Erfahrung würde sicher ganz praktisch sein, wenn er die Veränderungen in seinem Benehmen erklären mußte.

Harry brauchte sich nicht anstrengen, um zu spüren, wie die Magie in diesem Raum zunahm. Er fühlte, daß die Energiestränge sich miteinander verwoben. Er fühlte, wie die Magie aufwallte und um die Herrschaft kämpfte.

Hermine beobachtete ihn wie ein Falke. Es würde nicht einfach werden, sie von dem Gedanken wegzubringen, jetzt, wo das Wort ‚Vergewaltigung' bereits fest in ihrem Kopf verankert war. Sie wog mit Sicherheit alle Informationen, fragte sich selbst, ob Harry ihr die Wahrheit gesagt hatte oder nicht.

„Ist es war?" atmete sie schaudernd aus. „Was Malfoy gesagt hat?"

Einhundert Punkte! Harry richtete sich zu voller Höhe auf. Neugier flutete aus ihr heraus wie Wasser. Sie hätte nicht nicht fragen können, aber verdammt noch mal, sie hätte wenigstens warten können, bis er das Stück Mist aus ihrem Abteil herausgeschafft hatte. Aus dem Augenwinkel sah er Rons Magie energisch hinausgreifen. Es traf Malfoy und zwang den anderen Jungen zu reagieren. Malfoys Lippen zuckten, als wäre er sich– auf einem tiefen Instinkt hinaus – bewußt was vor sich ging

„Erzählst du es, Potter?" Der gehässige Blick, den Malfoy ihm sandte, ließ kalten Zorn in Harrys Augen brennen. Er mochte Malfoy und seine Art nicht. Er konnte den Slytherin nicht ausstehen. Ein Wort zur falschen Zeit und Harrys Plan würde sich in Staub auflösen. Harry würde ihn nicht weitergehen lassen als bis hier.