Kapitel 12 – Zuviel des Guten

„Für den Fall, daß du nicht gehört hast, was ich vorhin gesagt habe…" Harrys Gesicht hatte jegliche Spuren von Freundlichkeit – oder besser die Maske der Neutralität, die er zuvor getragen hatte – verloren und trat mit äußerster Zurückhaltung zu einem noch grinsenden Erben der Malfoys vor. „Ich wiederhole er gern noch einmal, nur für dich." In den eisigen Augen des Jungen-Der-Überlebte blitzte es unheilvoll auf. „Bleibe. Weit. Weg. Von mir." Harrys Augen verengten sich zu Schlitzen. Er wußte, daß Malfoy zu sehr der Sohn seines Vaters war, um seine Distanz für länger als die Dauer der Zugfahrt zu wahren, aber das war im grunde egal. Das Wichtigste überhaupt war in diesem Augenblick, daß Malfoy das Weite suchte – und zwar JETZT.

Malfoy würde schreiend Fersengeld geben, wenn ihm klar wäre, wie knapp er einem Schicksal entkommen war, daß viel schlimmer war als die paar blauen Flecke, die seine Brust für die nächsten Tage bedecken würden, wenn Harry mit ihm fertig war. Er fühlte die Energie um ihn herum knistern, nach einer Schwachstelle suchen – die es in ihm fand – um den Funken der Zerstörung auszulösen. Es würde das gesamte angespannte, außerordentlich gebrächliche Gebilde aus Magie zur Explosion bringen – wie das unheimliche Grummeln in sich schwarz auftürmenden Sturmwolken, bevor der Donner grollte und die Blitze zuckten, um einen taub und von Ehrfurcht ergriffen zurückzulassen im Angesicht solch unglaublicher und atemberaubender Vorführung von Macht. Harry mußte sich den kleinen Funken, der vor seinen Augen aufblitzte wenn er seine Hand hob, nicht vorstellen. Dennoch versuchte er die Magie mit jeder letzten seiner Fähigkeiten zurückzuhalten. Er war lange nicht stark genug, es zu kontrollieren; und die Magie wollte einfach nicht aufhören zu fließen.

„Verschwinde, Malfoy, solange du noch kannst," presste er hervor. Seine Stimme klang kühl und gelöst. „Stell dich mir nie wieder in den Weg." Nichts von seinem inneren Kampf und von der Wut, die er fühlte, drang nach außen durch. Nur ein undendlich kleiner Schimmer von etwas Unbenennbarem enthüllte, daß überhaupt irgendetwas im argen lag. Harry schob den Slytherin bloß mit der Fingerspitze rückwärts, und Malfoy stolperte mit einem überraschten Grunzer gegen Crabbe oder Goyle – Harry konnte es inmitten des wirbelnden Strudels bunter aber niederdrückender magischer Energie nicht genau sagen.

Malfoy wäre plump auf dem Boden gelandet, wenn die Jungen, breit und stämmig wie Eichen, nicht die Tür blockiert und ihn unsicher aufgefangen hätten. Nachdenklich und ohne sich zu bewegen, beobachtete Harry, wie er auf die Füße kam. Malfoy mußte sich gefühlt haben, als ob jemand ihm die Luft aus den Lungen geprügelt hätte – mit einem Bulldozer. Die Prellung auf seiner Brust würde nicht groß sein, aber sehr schmerzvoll – nicht wenig Zufriedenheit zog Harry aus dieser Tatsache allein und er lächelte spöttisch bei dem Gedanken.

Malfoy sollte sich glücklich schätzen, daß Harry niemals seinen Zauberstab gezogen hatte, denn das hätte es nur schwieriger gemacht, die Magie zu kontrollieren. Malfoy war mit dem geringeren der zwei Übel davongekommen, weil Harry nicht in der Lage war alles zu unterdrücken – es war einfach unmöglich so plötzlich so viel Engergie auf einmal zu halten. Er mußte etwas hinauslassen, oder er würde explodieren. Harry konnte nicht sagen, was in dem Fall vom Zug und seinen Insassen übriggeblieben wäre. Er hatte bereits einmal die Kontrolle über seine Zauberkraft verloren und er hatte die Folgen gesehen. Mit einer Maske der Verblüffung blickte Malfoy ihn finster an, dennoch nicht weniger voll von Verachtung, nur jetzt gemischt mit Vorsicht und Angst. Harry sah, wie er die Augen verengte, er erkannte die verletzte Würde, die in Harry Gedanken keinen Furz wert war und entdeckte den genauen Augenblick in dem Malfoy sich dazu entschied, sich ein Rückgrat wachsen zu lassen – gerade jetzt von allen Zeiten.

„Tue es nicht," sagte Harry mit bedrohlicher Gelassenheit, „Dir werden die Konsequenzen nicht gefallen, Malfoy." Jedes einzelne Wort hielt ein Versprechen von Schmerz weit jenseits der Vorstellungskraft eines Schuljungen. „Hör einfach auf." Harry beobachtete und wartete und hoffte um Malfoys Willen, daß der Slytherin genug Verstand hatte zu gehen, weil Harry sich nämlich nicht vollkommen sicher war, daß er sich das nächste Mal beherrschen konnte; und er mußte noch immer mit einem grimmig dreinblickenden, aber jetzt glücklicherweise schweigenden Ron fertigwerden, dessen gewaltsame Magie allein beinahe genug war, um die wackelige Barriere einzureißen, die Harry um sich herum errichtet hatte.

Aus dem Augenwinkel sah Harry, daß Ron noch immer versuchte das blonde Ärgernis niederzustarren, die ihrerseits bloß zurückstarrte. Harry festigte seinen Griff und wünschte sich, daß Ron Malfoy einfach ohne großen Aufhebens gehen ließ, so daß sich Harry hinsetzen und einen tiefen, zittrigen Atemzug nehmen konnte. Er war umso vieles schwerer, weil Ron nicht wußte, was er verursachte. Harry hatte nicht mehr viel Kraft, um seinen Freund dazu zu kriegen, sich zu beruhigen. Also hielt er ihn einfach fest und schob ihn zu seinen Sitz. Er wollte keine Magie benutzen, nicht jetzt und nicht hier – und nicht, wenn er sich nicht unter Kontrolle hatte. Harry wollte seinen besten Freund nicht verletzen. Er wollte bloß dieses Temperament abhalten, uneingeschränkt über sie hinwegzufegen.

Harry zwang sich, Ron loszulassen. Er konnte ihn nicht zurückhalten, ohne sich selbst zu offenbaren. Harry hoffte, daß Ron schnell genug von alleine abkühlte, wenn Malfoy verschwunden war. Harry blinzelte. Er fühlte sich nicht allzu gut. Malfoy war nicht mehr als eine türkisfarbene, irgendwie trübe Silhouette aus Energie. Der ganze Raum war nicht mehr als ein Haufen Farben, von denen Harry keine von der anderen unterscheiden konnte. Es wäre verstörend gewesen, hätte er sich nicht bereits zu einem geringeren Grad daran gewöhnt. Wenn Harry seine Augen zusammenkniff, konnte er sehen, daß Malfoy seinen Mund öffnete, um etwas zu sagen, seine silbernen Augen blitzen zu Hermine und Ron hinüber, trafen aber niemals die seinen.

Harry war egal, was der Slytherin zu sagen hatte, vor allem jetzt, wo er sich konzentrieren mußte, die Magie zu lesen und sie davon abzuhalten, ohne Einschränkungen herumzuwirbeln. Er blickte Malfoy einfach nur an und knurrte tief in seiner Kehle. Seine Hand zur grün bekleideten Brust erhoben, trat Harry wieder vor, und er spürte, daß er vor unterdrückter Stärke bebte. Er wußte, daß die Magie nach einem Ausweg suchte. Harry blinzelte. Plötzlich war sein Ziel nicht mehr da und der Eingang leer. Er atmete tief durch und ließ die Hand sinken.

Hermine und Ron konnten nicht sehen, was Malfoy dazu brachte, auf diese drastische Weise zu erbleichen und einige vorsichtige Schritte rückwärts zu gehen, sich mit einiger Schwierigkeit zwischen seine Kumpane hindurchzwängte und aus dem Abteil hinaus zu hasten. Hätten sie Malfoy gefragt, würde er ihnen gesagt haben, daß für nur einen Augenblick gesehen zu haben glaubte, daß Potters Augen in einer strahlend violetten Farbe aufblitzten, bevor sie sich in das dunkle grüne Eis zurückverwandelten, kalt und leidenschaftslos, darauf wartend, daß er sich über seine Zukunft entschied.

Jetzt, wo Malfoy geflohen war und sich seine magische Präsenz, umso weiter er sich entfernte, bis auf ein Nichts abgeschwächt hatte, fühlte Harry eine Veränderung in der Magie. Wortlos schloß Harry die Tür. Er war wirklich glücklich, daß Malfoy nicht gerade einer der mutigsten Leute war und ein Slytherin, der sich selbst für wichtiger erachtete als alles andere, denn Malfoy wäre ansonsten bestimmt länger geblieben. Falls Malfoy den Verstand, mit dem ihn die Natur beschenkt hatte, ausnahmsweise benutzt hätte und er aus alten Fehlern gelernt hätte, die ganze Affaire hätte vermieden werden können. Keuchend starrte Harry auf die geschlossene Tür. Seine Beine fühlten sich wacklig. Es hätte nicht viel mehr gebraucht und Harry hätte die Kontrolle verloren.

„Geschieht ihm Recht! Todesser!" Noch mit rotem Gesicht und fest geballten Fäusten knurrte Ron und ließ sich auf den Sitz fallen, vor den Harry ihn geschoben hatte, ohne das Ron etwas dagegen tun konnte.

„Iß noch einen Frosch, Ron, und laß atmen." Harry fiel beinahe auf seinen Sitz, vollständig aufgezehrt und schwitzend, als hätte er gerade einen Marathon gelaufen. Eine Sekunde mehr und er würde sich nicht über irgendetwas sorgen müssen. Harry ging in dem Gefühl zurückweichender Magie auf, während er spürte, daß in ihm ein niemals zufriedener Appetit auf Magie erwachte, ein beinahe verzweifeltes Verlangen, sie zu haben, sie zu führen – aber er konnte es nicht.

Harry fühlte den kupfernen Geschmack von Blut in seinem Mund, wo er sich in die Wange gebissen hatte, und schluckte heftig. Er ließ sich tiefer in die Kissen sinken, völlig außer Atem und bereit tot umzufallen, nur um ein bißchen Ruhe zu bekommen. Langsam aber sicher wichen Schmerz und Betäubung von ihm und seine Sicht klärte sich auf. Zum ersten Mal seit Malfoy in ihr Abteil gestürmt war, wandte sich Harry Hermine zu. Er konnte sich nicht erinnern wann sie Ron losgelassen hatten, aber jetzt saß sie bleich und zusammengesunken in ihrer Ecke. Sie wrang aufgelöst ihre Hände und Harry erinnerte sich, was sie gesagt hatte. Hermine schien seinen Blick zu spüren. Schuldbewußt blickte sie zu ihm auf, sagte nichts, sondern wartete einfach auf Harry ihr zu sagen, daß sie an der ganzen Front versagt hatte.

„Es tut mir wirklich leid, Ron," sagte Harry, ohne das Gesicht von dem zitternden Mädchen abzuwenden. „Ich wollte dich nich schubsen." Er hörte nicht auf Rons temperamentvolle Antwort und fragte sich, was in Hermines Kopf vorging.

„Warum hast du es getan?" Harrys Stimme war konrolliert zurückhaltend. Er war zu erschöpft um echte Gefühle in seine Worte zu legen – und es kümmerte ihn auch nicht wirklich. Nein, das war eine Lüge, es beschäftigte ihn durchaus was seine Freunde taten, selbst wenn es das nicht sollte. „Du hast mich niemals vor Malfoy zur Rede gestellt," erinnerte er sie vorsichtig. Harry wollte nicht, daß sich Hermine sich darüber den Kopf zerschlug, denn es schien sie stärker aufgerüttelt zu haben, als Harry für berechtigt hielt.

„Es tut mir leid, Harry. Es war nur..." Sie sah aus wie der Tod auf Krücken. „Ich ... ich kann nicht..." Tränen sickerten aus ihren Augen. „Ich war so aufgewühlt. Zuerst dein Verschwinden und dann Malfoy, der sagt, daß du ... daß du..." Sie atmete schwer. „Ich war geschockt und so viele Gedanken gingen mir im Kopf herum und ..." Sie seufzte bebend.

„Ich habe darüber nachgedacht, was ... Malfoy gesagt hat und ... plötzlich—" Ein besorgtes Stirnrunzeln formte sich auf ihrem Gesicht, als sie beide Jungen fragend ansah. „Habt ihr es gespürt?" Sie atmete zitternd ein, bis ins Innerste erschüttert. „Da war ... Ich weiß nicht." Sie schüttelte den Kopf und Harry sah ihre regenbogenfarbene Augen unbestimmt flackern im Einklang mit ihrer Stiimmung. Seine Augen weiteten sich. Das konnte nicht sein!

„Ich habe nur darüber nachgedacht, was ich dich fragen wollte, wenn wir für einen Momen unter uns wären, aber ... Ich konnte einfach nicht, Harry. Ich weiß nicht was passiert ist. Es tut mir so leid."

„Alles ist einfach verschwunden und ich hab darüber nachgedacht, was geschehen ist und noch geschehen könnte und dann wurde der Druck stärker und ich wollte es unbedingt wissen, und ich konnte nicht atmen. Ich konnte nicht nicht fragen, Harry. Ich war nicht einmal da für einen Augenblick, und ich fühlte—"

„Du hast was gefühlt?" unterbrach Harry sanft ihren Wortschwall, innerlich äußerst angespannt. Es hätte die Magie sein können, die Harry veranlaßt hatte, beinahe seine Kontrolle zu verlieren. Vielleicht hatte die Magie in Hermine etwas ähnliches bewirkt? Sie mußte gespürt haben, wie sich kurz vor Rons Ausbruch die Magie gesammelt hatte. Sie hätte nicht wissen können, was vor sich ging. Sie wäre ahnungslos gewesen, aber warum sollten einige Menschen solche Dinge nicht klarer wahrnehmen als andere? Es war möglich, oder nicht?

„Es tut mir so leid Harry, ich konnte es einfach nicht länger aushalten. Hast du es gefühlt?" Sie musterte ihn forschend, verzweifelt nach jemandem suchend, der verstand was in ihr vorgegangen war. „Es hatte meine Brust eingedrückt, ich konnte nicht atmen und ich wollte raus, aber ich konnte nicht. Es war das erste, daß mir einfiel und ich wollte es wirklich wissen ... wollte wissen, was dir passiert ist." Sie sah ihn mit einem Schatten ihres früheren Auftretens an, aber Harrys unnachgiebiger, starrer Blick ließ sie wieder zu Boden schauen.

„Es tut mir leid. Ich glaube dir, wirklich, Harry. Ich wollte bloß wissen, warum du deine Erinnerungen verloren hast." Harry verzog das Gesicht. Sie steigerte sich selbst in eine Panik, keine Sache, die er zuvor schon einmal gesehen hatte. Er fing Rons Blick auf, aber der Rotschopf sah weg, noch eindeutig eingeschnappt wegen Harrys harschem Auftreten ihm gegenüber, obwohl Harry sehen konnte, daß Ron besorgte Blicke auf das Mädchen warf.

„Beruhige dich, Hermine." Harry wandte sich seiner aufgewühlten Freundin zu. „Bitte. Es ist ja nichts passiert."

„Ich habe nur über alles nachgedacht, was du gesagt hast ... und Malfoy und ..." Ein weiteres verzweifeltes Schütteln ihres Kopfes. „Ich weiß nicht, plötzlich fühlte ich dieses ..." Stirnrunzelnd blinzelte sie in die Luft, das ganze Ereignis noch einmal in Gedanken durchlebend, nach Hinweisen suchen, die ihr zu erklären halfen, was geschehen war und warum sie auf diese Weise reagiert hatte.

Was bedeutete es, daß Hermine die Magie spüren konnte? Wenn man nach der reinen magischen Stärke ging, war Hermine bei weitem nicht so stark wie Ron, aber Harry konnte ihre Aura nicht wirklich gut lesen. Die Farben waren völlig verkehrt – zu viele für eine Person, selbst wenn die meisten mehr als eine hatten; doch sie hatte es bewußt wahrgenommen. Harrys Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, als er ihr zuhörte.

„Er hat recht, Hermine. Denke nicht darüber nach," bot Ron ein bißchen ungelenk an. Harry warf ihm einen flüchtigen Blick zu. Wenn Hermine die Energie gefühlt hatte – und es war eine ganze Menge davon gewesen – wieso Ron nicht? Harry hätte Ron gern gefragt, aber sein feuriges Temperament raste noch immer durch seinen Körper und Harry fühlte sich ehrlich gesagt nicht stark genug, sich gerade jetzt schon wieder mit Ron auseinandersetzen zu müssen.

„Ich habe mich einfach nicht konzentriert ... ich ..." Hermine schüttelte den Kopf, unfähig die richtigen Worte zu finden, um überhaupt etwas zu erklaren. Nachdenklich und mit hoffnungsvollem Glimmer in ihren Augen, rastete ihr Blick auf den beiden Jungen. „Hat keiner von euch es gefühlt? Es war wie ... als ob jemand mit uns im Raum war. Mir wurde schwindlig und ich ... konnte einfach nicht denken."

„Naja, yeah. Malfoy macht mich auch schwindlig. Bastard!" erklärte Ron unbeeindruckt, eindeutig den Einschlag von Hermines Versprecher nicht erkennend. Wie auch immer, Ron sagte was er wollte, wann immer ihm danach war – selbstverständlich ohne nachzudenken. Hermine ignorierte ihn einfach und das tat Harry auch, nach einem strengen Blick.

„Es war überall im Raum. Ich habe niemals etwas gefühlt, daß auch nur entfernt damit vergleichbar ist. Ich konnte einfach ... nicht klar denken. Ich wußte nicht, daß so etwas wie das überhaupt möglich ist..." Sie war sprachlos und fiel, weiß wie Kalk, zurück in ihren Sitz. „Gott! Ich kann nicht glauben, daß ich das gesagt habe!" Ihr Zauberstab bebte in ihrer Hand wie ein Baum während einem Sturm. „Und direkt vor Malfoy!"

„Tja, wenigstens bist du nicht mit den wichtigen Sachen herausgeplatzt. Es war ja nicht, als ob du etwas gesagt hättest, daß Malfoy nicht schon wüßte," versuchte Harry die Stimmung aufzulockern. „Jeder kann mal irgendwie einen Blackout haben." Er neigte seinen Kopf. „Auch wenn du bisher keinen hattest. Es ist menschlich." Harry zuckte die Schultern.

„Ich habe nur ... laut gedacht." Harry seufzte. Langsam ging ihm Hermines Litanei auf die Nerven. Er wollte Stille. Es war nicht so, daß er nicht mit ihr fühlte, aber da er ihr unmöglich die Wahrheit sagen konnte, konnte sie nicht einfach Ruhe geben? Es war nicht wirklich so schlimm. Harry unterdrückte ein kleines, müdes Grinsen. Wenigstens schien es, als bräuchte er ihr nicht irgendetwas zu erzählen, damit sie ihm half. Hermine würde alles von ganz allein nachforschen und ihn zwischendurch wissen lassen, was sie lernte.

„Nun, dann reiß dich zusammen und schlag es in der Bibliothek nach," sagte Harry leichthin und gab ihr den richtigen Impuls. Ausnahmsweise schien es, als hätte das Mädchen den Boden unter ihren Füßen wiedergefunden. Es wäre Harry eine große Hilfe, denn er hatte noch genug Dinge, die er nachprüfen mußte, aber sie mußte das ja nicht unbedingt erfahren.

„Danke, Harry, aber was Malfoy sagte—" Hermine schaute ein bißchen ungehalten über sich selbst, daß sie ihn ausfragte. Harry hob die Achseln und erwiderte ihren Blick.

„Könnte sein. Ich habe keine Erinnerungen. Vergessen?" Seine Antwort war mit Sarkasmus verflochten, aber sie sah nicht weg.

„Bist du sicher?" hakte sie nichtsdestotrotz nach. Harry biß sich auf die Lippen und nickte.

„Ziemlich. Ich würde es wissen, oder?"

"Vielleicht hast du nur verdrängt was passiert ist, weil es so eine traumatische Wirkung auf dich hatte." Merlin! Konnte sie nicht einmal normal sein? Im einen Augenblick schluchzte sich zum Herzerweichen und im nächsten rief sie die Iinquisition ins Leben zurück.

„Versuche nicht mit zu psychoanalysieren, Hermine." Harry rollte mit gutem Humor seine Augen. „Ich würde nichts, womit Malfoy in einer vernünftigen Unterhaltung aufwartet für selbstverständlich nehmen, noch viel weniger in einem Austausch von Nettigkeiten, wie wir sie hatten. Er versucht bloß uns kirre zu machen." Keiner von seinen Freunden schien vollkommen überzeugt.

„Es schien nicht so, als könntest du dich nicht erinnern," bemerkte Hermine ruhig, niemals von ihrer Meinung abweichend.

„Wie bitte?" Abrupt wandte sich Harry ihr zu. Er wollte, daß es aufhörte. „Hätte ich mich vielleicht bei ihm bedanken sollen, dafür, daß er mich wissen ließ was vor sich geht? Höchstwahrscheinlich hat er sich das ganze Zeug bloß in seinem von Pomade triefenden Kopf ausgedacht." Harry erlaubte ein wenig von seinem Ärger durch seine erschöpfte Miene durchzuscheinen.

„Was denkst du denn hätte Malfoy getan, wenn es ausgesehen hätte, als könnte ich mich nicht an ein verdammtes Ding erinnern? Hätte ich ihn fragen solen, ob er mir den Gefallen tun würde und mir die ganze Geschichte erzählt?" Harry lachte unglücklich. „Er wäre zum ersten gegangen, der eine weiße Maske trägt, noch bevor der Zug angehalten hätte." Hermine sah verstört aus und Ron hielt seine düstere Miene weiter auf seine Schuhe gerichtet. Keiner von beiden schien weiter darüber sprechen zu wollen und Harry ließ sie sich in ihren eigenen Welten wälzen, da er lieber die Gelegenheit ergriff, seine Augen bloß für einen Augenblick zu schließen.

Harry würde sich überzeugende Lügen ausdenken müssen, um sie von der Wahrheit fernzuhalten. Bei den meisten Dingen war es egal, ob sie die herausfanden, aber er mußte sich daran erinnern, sie niemals vergessen zu lassen, daß er keine Erinnerungen mehr hatte. Sie niemals vergessen lassen, daß er bloß ein Gryffindor war, vertrauensvoll, mit unschuldigem Herzen und nicht im entferntesten scharfsinnig und verschlagen genug, um so gerissene Pläne auszuhecken und in die Tat umzusetzen, die andere für mehr als zwei Tage im Kreis herumführten.

Die ganze Sache war ein Rätsel. Wie konnte Ron so stark sein und es nicht wissen – oder die ihm angeborene Magie selbst unbewußt nutzen. Er mußte es spüren. Harry fühlte jedes bißchen Magie, daß er ausführte, sogar bevor er sich so verändert hatte. Hermine hatte es gefühlt, nicht gesehen, aber mit Sicherheit gefühlt. Es würde wahrscheinlich Komplikationen mit sich bringen, wenn sie ihren Kopf mit Wissen vollstopfte, wie Magie im allgemeinen arbeitete. Und Malfoy? Harry war nicht sicher, ob der Slytherin Tatsachen kannte oder bloß mit seinem gewöhnlichen Reinblüterunsinn hervorsprudelte, obwohl er auf nichts eine Reaktion gezeigt hatte, bis auf Harrys Stoß.

Harry unterdrückte ein Knurren. An seinem Plan festzuhalten und Tom geheimzuhalten während er daran arbeitete seinen Plan zustande zu bringen, würde schwerer werden als er erwartet hatte. Er konnte nicht zulassen, daß ihm seine Freunde – oder seine Feinde – überall hinfolgten und alles was er tat oder nicht in Frage stellten. Einige Minuten später seufzte Harry und blinzelte in die Runde, als das Schweigen bedrückend wurde und die Magie im Abteil erneut vor Erwartung zu knistern begann.

„Es tut mir leid," sagte er. „Ich wollte euch nicht anschreien." Harry blickte sie nervös an und fuhr – als Zugabe - mit leichtem Zittern in seiner Stimme fort. „Ich ... ich weiß einfach nicht, was passiert ist ... und es macht mich unruhig, daß alle anderen so viel mehr zu wissen scheinen als ich es tue."

„Es tut mir auch leid, Harry." Hermine lächelte sichtbar erleichtert. „Ich wollte dich nicht drängen. Ich bin sicher, daß sich alles aufklärt. Professor Dumbledore wird die helfen." Harry war sich sicher, daß ihre Worte als Beruhigung gemeint waren, aber sie hinterließen bloß ein klammes Gefühl in seinen Eingeweiden.

„Ja," biß er freundlich grinsend hervor. „Ich bin sicher, der Direktor kann helfen." Harry fühlte wie die Galle in seiner Kehle aufstieg. Dumbledore war ein Problem, um das er irgendwie herumkommen mußte. Der alte Mann war viel zu listig und neugierig, als daß Harry aus seiner Gegenwart irgendeinen Komfort ziehen könnte. Harry beobachtete die vorüberziehende Landschaft. Er wollte seine Gelassenheit nicht jetzt vor allen Dingen verlieren, wenn die Krise gekommen und bewältigt war. Er schauderte, als die letzten Reste der allgegenwärtigen Magie ihren Weg suchten und um sie herumwirbelten. Er konnte noch immer die Energie in seinen Fingerspitzen spühren. Der Funke war da, Harry war sich dessen sicher, er mußte ihn bloß entzünden.

„Wie hast du es gemacht?" erkundigte sich Ron merkwürdig gedämpft und Harry drehte sich mit einem Ruck zu ihm.

„Was meinst du?" Harry rieb seine Augen und blinzelte.

„Malfoy. Du hast ihn bloß angesehen, da ist er käseweiß geworden und abgehauen."

„Prestige, Ron, und eine Menge Praxis." Harry grinste und ließ seine Augen endgültig zufallen. Seine Freunde wußten es noch nicht, aber es würde echte Veränderungen geben, nicht nur Malfoy betreffend, sondern auch zwischen ihnen. Später, dachte Harry schläfrig, wenn es nicht so verdächtig wäre wie jetzt. Dann driftete er in eine andere Welt der Vorahnungen und Dunkelheit und voller Vorzeichen, die er nicht deuten konnte.