Kapitel 13 – Träume und Schäume

Hineingeworfen in alles verschlingende Dunkelheit rannte ein Junge. Er wußte nicht wie lange oder wohin ihn seine Füße trugen, aber er wußte, daß er von der beklemmenden Düsternis, von den Schatten und den verborgenen Beobachtern wegkommen mußte. Er folgte einem kaum vorhandenen Glimmer von – nicht Licht, aber ... weniger Dunkelheit. Was er sehen konnte, war eher ein Gefühl in den Eingeweiden. Weit weg flackerte etwas violett in den Schatten, aber es gab keine erkennbaren Landschaften oder andere Markierungen, an denen er sich orientieren konnte, keine Besonderheiten, welche die Aufmerksamkeit eines Beobachters auf sich lenkten – bis auf die Kämpfe.

Bäume und Häuser brannten in einem finsteren, violetten Feuer, fast zu dunkel um es von der Umgebung zu unterscheiden. Langsam trat der Junge näher. Er beobachtete wachsam mit geweiteten Augen, den es gab kein natürliches Licht, nur das violette Glühen, welches ihn wenigstens die Silhouetten der Gebäude erkennen ließ, zumeist Ruinen, einige von ihnen verlassen, andere wie Fackeln leuchtend, die weit in den Himmel hinauf griffen. Wo war dieser Ort?

Überall war das Prasseln aufflackernder Flammen; verzerrte Rufe und Schreie voller Schmerz hallten weithin durch die Nacht und eine große Menge von Energie – ein gewaltiger Wirbelwind aus Magie – hing über dem Ort und ließ sein Herz vor Angst stoppen. Hin und wieder schienen tief gebeugte Gestalten vorbeizuhasten, sich selbst in den dunkelsten der Schatten haltend, verschmelzend mit der stets gegenwärtigen Finsternis wie Geister mit den Wänden. Warum war er jetzt hier?

Der Junge erkannte nichts von all dem. Niemals hatte er eine Stadt wie diese gesehen, mit Türmen, die zu zerbrechlich schienen um aufrecht zu stehen, und Gebäuden – oder Ruinen von Gebäuden – mit hohen Torbögen, die aus dem Berg selbst geformt waren. Ornamente und Mosaike unter seinen Füßen führten ihn zum brennenden Zentrum der Stadt. Selbst jetzt war der Anblick atemberaubend, kaum erhellt von dem düsteren, violetten Licht und eingehüllt in ein alles verschlingendes Feuer, daß am Morgen nichts bis auf schwelende, mit Ruß bedeckte Grundmauern übriglassen würde – falls soetwas wie Morgen hier existierte. Dennoch, der Blick des Jungen war voller Ehrfurcht, als er sich den Anblick einprägte und durch einen aufgewühlten See aus Blut schritt; alles war mit einem unwirklichen Schleier aus diffuser, violetter Helle umgeben.

Der Junge besaß keine Waffe, keine Möglichkeit sich gegen eine Gefahr zu verteidigen, doch er schien seltsam losgelöst von diesem Ort und dieser Zeit. Er spürte keine Angst, kein einziger der Menschen schenkte ihm Beachtung, als er leichtfüßig zwischen sie trat. Die Schreie erreichten nicht den Teil seines Herzens, an dem seine Gefühle zu Hause waren. Er beobachtete mit fast klinischem Interesse die Sterbenden und Toten, registrierte die in dunkle Roben gehüllten Männer, die in den kleinsten Löchern nach jemandem zum töten suchten. Der Junge wußte mit Bestimmtheit, daß er sie zuvor gesehen hatte, aber in seinem Kopf war nur ein schwarzes, leeres Loch. Er grübelte darüber nach, als er näher auf die Reste der kleinen, brennenden Stadt zuging; wie jedoch mit allem anderen, machte er sich nicht wirklich darüber Sorgen. Aber wo kam er her?

Ein leicht schiefes, außerweltliches Lächeln erblühte plötzlich auf seinem Gesicht. Die Stadt, die Magie, alles – es war einfach wunderschön, und es rief nach ihm. Die Magie hier war von einer anderen Beständigkeit als er gewohnt war, aber er antwortete nichtsdestotrotz. Es lebte. Es war real und es erfüllte ihn mit unfaßbarer Freude. Der Junge hob mit strahlenden Augen seinen Kopf, blickte über die sterbenden Menschen hinweg zu den höchsten Turmspitzen und lachte. Für eine lange Zeit waren er und die Magie vollkommen ausgewogen, und es war ein großartiges Gefühl, zu kostbar es zu verlieren. Indes, nichts Gutes währte ewig. Als sich die Schreie aus dem Nichts emporhoben und schwere Wolken aus Rauch seine Sicht auf die lodernde Stadt verhüllten, wußte der Junge, daß er wieder beobachtet wurde – und er spürte, wie eine vergessene Präsenz in seinem Geist erwachte.

Plötzlich war der Schmerz da. Er fühlte es tief in seinen Knochen – ein Reißen und Beißen, das sich durch seinen ganzen Körper brannte. Er zuckte zusammen, als das hitzige Flüstern der Flammen über seinen Leib strich und sich die Menschen um ihn herum – alle auf einmal – mit feurig glühenden Augen zu ihm umwandten; und er schrie.

Er rannte wieder, schneller als je zuvor, doch die Stadt selbst schien im selben Tempo zurückzuweichen, in dem der Junge lautlos vorwärtsglitt. Er war nicht in der Lage diesen Ort zu verlassen. Langsam kroch Beklommenheit seinen Rücken hinauf, denn der Beobachter war wieder da und der Junge hatte keine Möglichkeit mehr, sich zu verstecken. Menschen umklammerten seine Füße mit klauengleichen Händen, als er versuchte, an ihnen vorbei zu schlüpfen. Er rutschte auf dem Blut aus, stolperte und fiel mehr als einmal. Er mußte kämpfen, um weiterzumachen; und von einem Augenblick auf den anderen stand er plötzlich inmitten einer Wand aus Feuer; er konnte nirgendwo mehr hingehen.

Schwer und tief atmend hielt er Junge inne und blickte sich hastig um nach einem Ausweg. Er fand keinen. In alle Richtungen umgab ihn ein violettes, hoch aufloderndes Feuer. Selbst über ihm nahm ihm eine Kuppel aus Flammen die Sicht auf den Himmel. Die Luft in seinen Lungen brannte. Losgelöst von Rest der Welt schlug sein Herz bedrohlich in seiner Brust – und inmitten diesem Schauplatz der Hölle stand Mann, eingehüllt in roter und violetter Robe, die Kapuze tief in sein Gesicht gezogen, und winkte den Jungen mit dunkel behandschuhter Hand näherzukommen.

Harry neigte seinen Kopf. Er war nicht mehr verängstigt, aber neugierig was sich unter der Kapuze befand. Vor Überraschung wirbelte er zurück, als er sich einem finster belustigten, funkelnd blauen Blick, einem unheimlichen Glühen in dem tobend flackerndem Licht des Feuers, gegenüberfand; und eine Baritonstimme vibrierte in seinen Knochen, als der Mann Harrys Oberarm mit einem schmerzhaften Griff packte.

„Ich sehe dich, Junge!" sagte er.

Harry schrie. Er fuhr auf und schnappte bebend nach Luft, nur um von einem anderen Paar funkelnder blauer Augen forschend angestarrt zu werden. Merlin! Harry befreite sich mit einem unsanften Ruck seines Armes und fiel schwerfällig zurück, ein unfreiwilliger Schauer rann seinen Rücken hinunter.

„Mein Junge? Ist alles in Ordnung?" Der Mann hörte sich ehrlich besorgt an. Harry holte tief Luft und versuchte sich zu beruhigen. Es war ein Traum gewesen. War es ein Traum gewesen?

„Ich hoffe, daß nicht ich dich erschreckt habe?" Ein närrisches Grinsen begleitete den neugierig starrenden Blick und widerlegte die feierliche Miene. Was war seine Maske? Gimpel oder Gegner?

„Mir geht es gut, danke," murmelte Harry und rutschte weiter zurück. „Nur ein aufregender Traum, Sir." Hoffentlich. Harry versuchte, sich unverdächtig zu geben und lächelte beruhigend, als würde der verrückte Zauberer auf ihn hören. Er unterdrückte ein Schaudern. Der Traum hatte sich nicht realer oder unrealer gefühlt als andere Träume. Es hatte sich bestimmt nicht wie eine seiner früheren Visionen angefühlt. Und der Mann? Wer auch immer er gewesen war, es war nicht ein schlangengesichtiger Bastard wie Voldemort – wenigstens nicht von außen. Es war mit Sicherheit nicht Voldemort selbst gewesen. Harry spürte noch die fremde Präsenz in seinem Schädel widerhallen, aber es war eine andere, schweigend beobachtende Gegenwart, niicht Tom, der jetzt zurück war, verblüfft und kurioserweise beunruhigt.

Aus dem Augenwinkel erkannte Harry Ron und Hermine, die ihn mit besorgten Mienen musterten. Rons ungläubiges Starren war jedoch hauptsächlich auf den lächerlich gekleideten Mann gerichtet. Harry blickte vorsichtig auf und wartete, was der Mann tun würde. Warum merkte dieser Pfau nicht, daß niemand an seinem verrückten Gerede interessiert war? Harry zuckte zurück, als die Augen des Zauberers belustigt funkelten.

„Nun, mein Junge." Harry verzog das Gesicht. „Wenn es dir gut geht, gehe sicher, daß du und deine Freunde bereit sind, in eure Roben zu schlüpfen. Wir werden bald ankommen." Ein entzücktes Grinsen breitete sich über sein ganzes Gesicht, als er vergnügt seine Hände rieb. „Es ist wirklich aufregend, endlich nach Hogwarts zu gehen."

„Ja," knurrte Harry und wünschte sich den Mann mit aller Kraft weg. Der Zauberer blinzelte nur auf Harrys rüde Antwort, aber seine Augen glänzten.

„Ich würde mich wirklich gern weiter mit dir unterhalten, mein Junge," seufzte er mit einem Ausdruck des Bedauerns, als könnte er sich nicht vorstellen, daß Harry irgendetwas seiner Gesellschaft vorziehen könnte, „aber ich fürchte, daß ich den Zug sichern muß, da Severus im Vorderteil patrouilliert und sich absolut weigert, zu den hinteren Abteilen zu kommen."

Ron schnaubte und Harrys Augen verengten sich, ungeduldig ihn verschwinden zu sehen. Niemand konnte so begriffsstutzig sein. Entweder Snape wollte nichts mit den sechsten und siebenten Klassen zu tun haben, die hauptsächlich in den hinteren Waggons saßen, oder konnte die Gegenwart eines bestimmten Zauberers nicht ausstehen. Persönlich hielt Harry das zweitere für wahrscheinlicher, weil Snape niemals jemand gewesen war, der eine Gelegenheit verpasste, um einen Schüler zu Boden zu treten. Harry und Ron schauten sich wissend an und selbst Hermine blickte skeptisch auf, bevor sie ihre Aufmerksamkeit dem Stapel Bücher zuwandte und es vermied den Professor überhaupt anzusehen und preiszugeben, was unverblümt auf ihrer Miene abzulesen war.

Der Zauberer bewegte sich rückwärts zur Tür. Dann begutachtete er das gesamte Abteil mit einem forschenden Blick und rückte seine Aufmerksamkeit auf Harry zurück, der innerlich das Gesicht verzog. Er fühlte sich noch immer etwas fehl am Platz. Bilder aus seinem Traum geisterten durch seinen Kopf und dort wo ihn der Mann im Traum festgeklammert gehalten hatte, pochte dumpfer Schmerz in seinem Arm. Träume waren Mist. Seine Träume über alle anderen. Harry wollte nicht über seine Bedeutung nachdenken, sollte es real gewesen sein. Wahrscheinlich tat es nur weh, weil der verrückte Tölpel von einem Professor ihn so grob wachgerüttelt hatte.

Harry wußte nicht, was er mit einem Traum wie diesem anfangen sollte. Nichts schien richtig, nichts von irgendetwas gab einen Sinn. Immerhin konnte er, wenn man ihn fragte, ehrlich sagen, daß es kein Traum von Voldemort gewesen war. Wenigstens glaubte er das nicht, da Tom noch immer sicher verwahrt war. Harry hatte Toms Unruhe gleichzeitig mit der seinen gespürt. Sich des abschätzenden Starrens seines zukünftigen Professors bewußt, zwang Harry sich, nicht in seinem Sitz herumzurutschen und den durchbohrenden Blick mit neugieriger Ahnungslosigkeit zu erwidern.

„Mein Junge, bist du dir sicher, daß du dich wohlfühlst?" Sein beschwörender Blick wanderte niemals fort von Harry, während er in seinem Rückzug bei der Tür innehielt.

„Yeah." Ron nickte und sah zweifelnd die Zaubererrobe auf und ab. „Du hast im Schlaf gestöhnt, aber wir haben dich nicht wachgekriegt. Hermine hat sogar versucht—" Harry blickte Hermine wortlos an. Sie biß sich auf die Lippe und bohrte einen Finger in Rons Seite, um ihn zu unterbrechen. Ron quietschte überrascht, runzelte kurz die Stirn und wandte sich wieder seiner Begutachtung zu; aber hielt den Mund geschlossen. Harry seufzte. Seine Freunde hatten es heute darauf angelegt vor den falschen Leuten von Dingen zu reden, die sie nichts angingen. Was war das? Schicksal? Mit einer schwungvoll blumigen Verbeugung in ihre Richtung ging der Zauberer nach einem letzten zweifelnden Blick auf Harry.

Sobald die Tür zugefallen war, holte Harry tief Luft, um Ron wissen zu lassen, was genau er von seinem idiotischen Starren hielt und davon, daß er seinen Mund nicht halten konnte. Hermine war schneller. Harry schluckte wortlos, underdrückte als, daß nicht zu einem Gryffindor gehörte und musterte sie über seine Brille hinweg, geduldig ihrer Erklärung lauschend.

„Du hast vor einer kurzen Weile nicht zu gut ausgesehen. Wir hielten es für besser, dich schlafen zu lassen." Sie wirkte nervös, als sie das sagte, nicht sicher wie ihr Freund reagieren würde. „Er kam einfach rein, stellte sich vor und sagte uns, daß wir uns für den Ausstieg bereitmachen sollten. Er hat gefragt, ob alles in Ordnung ist."

„Yeah, und bevor wir irgendetwas tun oder sagen konnten, hat der ... er ... sich einfach ganz plötzlich zu dir umgedreht und dich aufgeweckt. Er hat dich nicht einmal richtig berührt, aber du bist hochgeschossen, als ob er dich geschlagen hätte," überlegte Ron verdutzt.

„Du bist ein bißchen weiß um die Nase rum, Harry. Bist du sicher, daß dir nichts fehlt?" fragte Hermine besorgt.

„Ja. Ich bin nur ein bißchen schreckhaft." In Harrys Arm stach es noch immer schmerzhaft; und er hatte ihn nicht angefaßt? „Wie würdet ihr euch fühlen, wenn dieser Blödhammel nur einen Zentimeter von eurem Gesicht entfernt steht und euch angrinst, als wäret ihr sein Geburtstagskuchen?" Leise seufzend blickte Harry aus dem Fenster.

„Was war das übrigens für ein Typ?" Der Rotschopf starrte auf die geschlossene Tür. Er blinzelte von Moment zu Moment, als wache er aus einer Betäubung auf. Ehe Hermine ihren Mund öffnen konnte, um ihnen zu sagen, des es offensichtlich nur eine Möglichkeit gab, übernahm Harry in einem weit weniger lehrerhaften Ton die Führung, während er sich unbewußt den Arm rieb.

„Das, meine Freunde," gab Harry verärgert bekannt, „ist Dumbledores neueste Entschuldigung für unseren neuen Professor für Verteidigung gegen die Dunklen Künste."

„Dieser, dieser—" Ron stotterte.

„Pfau?" schlug Harry gelassen vor. Mit gehobener Braue blieb Harry sitzen und wandte den Blick für nur einen Augenblick vom Fenster. Ron schnaubte und vergaß für eine Minute seine schlechte Stimmung.

„Naja," blinzelte Ron, „ich wollte Kanarienvogel sagen, aber Pfau trifft es genau."

„Ziemlich. Und was ist mit ihm?

„Ich bin nur ... ich kann nicht glauben, daß Dumbledore ihm tatsächlich erlaubt, die Schule zu betreten, geschweige denn zu unterrichten. Was soll er tun? Mit seinen Roben protzen, damit wir erblinden?"

"Jungs! Redet nicht so über unsere Lehrer!" unterbrach Hermine sie entrüstet und blickte sie finster an. „Ich gebe zu, daß der erste Eindruck nicht der beste war," Hermine musterte sie beide durchdringend, „dennoch ist er vielleicht wirklich gut in dem was er unterrichtet und seine Ignoranz die ... Absichten seiner Mitmenschen richtig einzuschätzen, muß nicht bedeuten, daß er ein schlechter Lehrer ist."

„Du hast recht, Hermine." Harry sah sich nachdenklich an und lächelte fröhlich. „Er könnte es immerhin schaffen, uns zu Tode zu labern."

„Yeah, wenigestens ein paar von den Slytherins," steuerte Ron grinsend bei. „Es würde uns eine Menge Ärger ersparen."

„Jep. Trotzdem ist es ein viel besserer Start als Umbridges Methoden. Jetzt kriegen wir immerhin ein bißchen Praxis, wenn wir davonrennen, um uns vor ihm zu verstecken."

„Was für ein komischer Kauz. Wirklich." Ron schüttelte seinen Kopf.

Harry biß sich auf die Lippen, um sich davon abzuhalten, seine eigene Meinung zum besten zu geben, was der Narr von Professor wirklich war. Der Mann war so offensichtlich verkehrt, daß Harry sich zu fragen begann, was der Idiot hoffte mit dieser Vorstellung zu erreichen, denn es mußte eine sein. Nicht einmal Lockhart war so dämlich gewesen und niemand konnte ein größerer Narr sein als er. Harry schüttelte seinen Kopf. Nur aufgrund seiner Magie konnte Harry durch die Fassade gucken. Harry konnte es einfach nicht aus seinem Kopf kriegen. Er würde besonders vorsichtig sein müssen, nicht aus Versehen seine Kräfte in der Gegenwart seines zukünftigen DADA-Professors zu offenbaren.

Was immer auch sein Traum bedeutete – ob der DADA-Professor etwas damit zu tun hatte oder nicht – mehr Leute als Dumbledore und dieser falsche Idiot hatten blaue Augen. Dennoch, die Tatsache blieb, daß die Zauberkraft des Magiers und sein Erscheinen überhaupt nicht zueinanderpassten. Als wären zwei verschiedene Personen in einem Körper. Harry hielt das nicht wirklich für möglich, denn das wäre zu viel des Zufalls. Zuerst Quirrell, dann – auf eine Art – Harry selbst und jetzt auch der Bradarish Typ? Es war zuviel des Zufalls, um noch Zufall zu sein. Wenn man die Wahrscheinlichkeit für eine solche Begebenheit errechnete, war es einfach nicht möglich, daß dieser Typ besessen war. Also warum gab er vor jemand zu sein, der er nicht war?

Hatte der Mann etwas gesehen, etwas gefühlt? War das der Grund, warum er so schnell hier gewesen war? Gerade im richtigen Augenblick, um ihn aufzuwecken, bevor ... Harry schüttelte seinen Kopf. Er las zu viel in das Benehmen seines Professors hinein. Vielleicht war der Mann wirklich ein Narr, wie Ron dachte; aber Harry konnte sich nicht helfen als anderer Meinung zu sein.

„Er ist überhaupt nicht lustig." Und ein Narr ist er auch nicht. Harry verlor abrupt seine Ausgelassenheit. Der Mann war gefährlich. Er wollte seine Freunde nicht irgendwo in der Nähe von ihm, selbst wenn er ihnen nicht sagen konnte warum. Er mußte ihnen etwas geben, womit sie arbeiten konnten, aber er würde es später tun, wenn er den Typen besser lesen konnte als jetzt, wenn er Beweise für seinen Verdacht hatte.

„Was meinst du?" fragte Ron und selbst Hermine sah von ihrem Buch auf, in das sie eingetaucht war.

„Der Kerl ist wie das was rauskommt, wenn man alle faulen Eier zusammen in einen Mixer wirft – ein total verrückter Vogel und was übrigbleibt heißt Junas." Ron nahm Harrys Antwort stoisch, aber Hermine runzelte die Stirn.

„Wer ist Junas?" war das einzige, was Ron zu sagen hatte und fügte mit ahnungslosem Blick hinzu: „Und was ist ein Mixer?"

„Sein genauso bescheuerter Sohn, und ein Gerät um verschiedene Zutaten zu zerkleinern und ... naja, sie miteinander zu vermixen," antwortete Harry knapp auf beide Fragen. Hermine bei ihrer peinlich genauen Arbeit beobachtend, zuckte er mit den Schultern. „Von dem Kerl kriege ich Kopfschmerzen."

„Tja, kein Wunder so wie der aussieht," meinte Ron aufgeregt. „Und der Name," fuhr er fort, ohne überhaupt zuzuhören. „Ich wette, du hast dir den schon eingeprägt, eh Hermine?" Das Mädchen blickte ihre Freunde an, als sähe sie sie zum ersten Mal, und beugte sich wieder über ihre Bücher, um sie zu sortieren und einzupacken, da sie bald aussteigen würden. Ron würde bestimmt seinen Anteil tragen müssen. Harrys Lippen zuckten.

„Wie spricht man diesen doofen Namen überhaupt aus?" Ron kratzte sein Kinn, völlig unwissend von allem, das sonst noch um ihn herum vorging. „Bradararish? Braba—"

„Oh, Ron. Der Name ist wirklich nicht so schlimm." Hermine wedelte ungeduldig mit ihrer Hand, um ihn zu stoppen.

„Und?"

„Bra-DA-ro-wicz. Es ist wirklich nicht so schwer auszusprechen."

„Witch?" Rons Stimme stieg zu neuen Höhen. „Das ist ja ein bekloppter Zauberer. Welcher Kerl nennt sich selbst eine Hexe?" Er runzelte die Stirn. „Und was ist eine Bradarohexe?"

„Tue nicht so doof, Ron. Natürlich heißt es nicht ‚Witch'. Es hört sich bloß so an. Ich denke, es ist irgendwo aus Osteuropa, vielleicht Polen oder irgendwo dort in der Nähe."

„Polen? Wo zur Hölle ist Polen?"

"Ron! Weißt du denn gar nichts?" Hermine kreuzte ihre Arme. „Ich habe bereits gesagt, daß es in Osteuropa ist."

„Gib nach, Ron," unterbrach Harry ihr Gezanke, „es ist bloß ein Name. Nenn ich Pfau, wenn du den anderen nicht leiden kannst – oder Klopskopf oder Kanarienkötel oder was immer." Er gähnte müde und hoffte, daß nicht noch mehr Überraschungen auf ihn auf seinem Weg nach Hogwarts warteten. Ron und Hermine wechselten einen besorgten Blick.

„Geht es dir gut, Harry?" Ron fragte zögernd.

„Ich bin nur müde." Harry gähnte. „Snape war nicht gerade spaßig, wisst ihr, und der Sommer sitzt mir noch in den Knochen." Seine Augen schlossen sich. Bevor er wegdriftete, hörte er Hermine mit den Seiten irgendeines obskuren Buches rascheln. Er glaubte bereits zu schlafen, in den Schlummer gewiegt von den Geräuschen des Zuges, als er sie fragend flüstern hörte.

„Was ist sein Vorname? Hast du es gehört, Ron?" Rons Antwort war etwas unterdrückt, als wäre sein Mund beschäftigt mit Kauen.

„Ich habe keine Ahnung, aber ich wette es ist was farbenfrohes." Harry dachte darüber nach zu antworten, aber er war erschöpfter als vor seinem Schlaft, und das Rütteln des Zuges trieb ihn weiter in den Schlaf.

„Harry! Nicht einschlafen." Hermines Stimme brachte ihn abrupt zurück, gerade als Harry dachte, alles über Träume, Visionen und Schicksal zu vergessen. Von seinem früheren Traum blieb nur ein wages Gefühl des Unbehagens, das ihn sich vor Spannung herumrutschen ließ. Dennoch, er hatte bereits das meiste davon vergessen, bis auf die funkelnden blauen Augen.

„Es sind nur noch ein paar Minuten, Harry." Hermine war noch immer nicht zufrieden. „Du mußt dich umziehen," erinnerte sie ihn.

„Reg dich nicht auf, Hermine. Ich bin wach und munter," murmelte Harry und angelte nach seinem Kopffer. Einen Augenblick später blickte er entschuldigend zu ihr auf, ihr seine offene Handfläche entgegenhaltend, damit sie sah, was er ihr zu zeigen hatte.

„Ich komme nicht an meinen Zauberstab heran." Harry blinzelte unschuldig. „Kannst du das hier bitte vergrößern?" Er reichte Hermine den Koffer und ertrug ihren Vortrag über Unachtsamkeit und unnötig herausgeforderte Gefahren mit Humor und einem kleinen, versteckten Grinsen, während er seine alten Schulroben über die Schultern warf und hin und wieder nickte, ihr versprechend, seinen Zauberstab allzeit bereit zu halten.