Kapitel 14 - Hogwarts' Bahnstation
Hermine hatte recht gehabt. Es waren wirklich nur noch ein paar Minuten bis der Zug verlangsamte und die Pfeife der Lok ihre Ankunft über das Land hinausschrie. Seinen Koffer mit einem lauten Schnappen schließend, blickte Harry skeptisch aus dem Fenster und zum Himmel. Als sie King's Cross verlassen hatten, war der Himmel von einem brillianten Blau gewesen, jetzt jedoch versteckte sich die Sonne hinter einem trüben Schleier aus Dunst. Harrys Augen verengten sich. Er mochte einen blauen Himmel viel lieber. Dieses Zwielicht schien bedrohlich, obwohl es trotz der noch immer sommerwarmen Temperaturen auch einfach nur das erste Zeichen des Herbstes sein konnte. Das Licht war grell genug, um ihn zu blenden und einen flackernden grünen Punkt hinter seinen Augenlidern zurückzulassen, wann immer er sie schloß. Blinzelnd setzte sich Harry wieder. Um die Massen zu vermeiden – und in Harrys Fall die Blicke, die er sicherlich auf sich ziehen würde – hatten sie einstimmig beschlossen, zu warten bis die die meisten Schüler den Zug verlassen hatten.
Harry seufzte und zwang seine zufallenden Augenlider auf. Seine Erschöpfung ließ ihn einfach nicht los. Er gähnte, sein Gesicht noch immer zum Fenster gewandt. Es konnte nicht einfach Schlafmangel sein. Ein weiteres Gähnen unterdrückend, beobachtete Harry seinen Freund. Ron hatte die gefährliche Aufgabe übernommen, durch die Tür zu spähen und ihnen Bescheid zu sagen, wenn die Bahn frei war. Erst als der Rotschopf sie mit einem verschwörerischen Grinsen heranwinkte, fand Harry den Willen, seine Beine zum Funktionieren zu überreden, einen Schritt nach dem anderen nehmend, ohne zu stolpern oder zu fallen. Vorsichtig folgte er einem aufgeregt herumschwirrenden Ron und einer geistesabwesenden Hermine, seine Gedanken nur mit einer Sache beschäftigt: Schlaf.
Harry hoffte, daß er die alljährlich dazugehörende Willkommensparty im Gemeinschaftsraum vermeiden und ins Bett flüchten konnte. Mit erneutem Gähnen griff er nach der Wand, um sich zu stützen. Das er sich so vollkommen leergefegt fühlte, mußte an der Magie liegen. Selbst als sie noch unterwegs waren, hatte Harry die Magie des Schlosses gespürt, aber jetzt, wo sie viel näher an den Hogwarts Ländereien dran waren, wurde er noch rastloser und seine Beunruhigung wuchs. Harry schauderte. Die Magie kam in Wellen. Manchmal fühlte er das Ziehen überhaupt nicht, aber dann kamen Augenblicke, in denen er kaum atmen konnte und es fühlte sich an, als würde jemand schwer auf seiner Brust sitzen, ein Sumoringer oder vielleicht ein oder zwei Elefanten. Zum Glück konnten sie ihre Koffer hier lassen. Harry wäre sowieso nicht in der Lage gewesen, in mit sich zu schleppen. Er war froh, daß sie das Schloß jetzt in wenigen Minuten erreichen würden. Ein trat die Stufen hinunter und holte zittrig Luft, denn sobald er aus dem Zug hinausstieg fühlte Harry seine Präsenz gewaltig zunehmen. Hogwarts war nah, wirklich nah.
Harry wagte es beinahe nicht aufzusehen, denn selbst jetzt, als er auf den Boden blickte, bemerkte er aus dem Augenwinkel, daß das Licht heller wurde – und es war nicht die Sonne, erkannte das jetzt, sondern die Magie selbst.
Blinzelnd sah Harry weiter fest auf den Boden. Die Steine, auf die er trat, das Gras, das sich den Weg zwischen ihnen suchte, der krabbelnde Käfer und die Schlange, die über ihn glitt – alles war mit Magie erfüllt und schimmerte hell in größerem oder kleinerem Ausmaß. Die Bäume, die Büsche, der Boden selbst – von seinem Standpunkt aus erschien die ganze Welt in einem Regenbogen aus leise raunendem, flirrendem Licht aus Energie. Es war eine atemberaubende Ansicht, aber unglaublich kräftezehrend. Harry zitterte vor Ehrfurcht und schüttelte seinen Kopf, als er sich daran erinnerte, daß hinter diesen Farben eine Welt war, in der er ein Bestimmung zu erfüllen hatte.
Harry zögerte, seinen Freunden weiter zu folgen. Er zweifelte, daß seine Fähigkeit mit dieser Menge von Magie zurechtzukommen ihre Quelle in Angst hatte. Dennoch war es nur eine logische Schlußfolgerung von allem, daß heute geschehen war. Harry wußte nicht, ob er überhaupt weitergehen sollte. Vielleicht war er besser dran, wenn er einfach zurück zu den Dursleys ging, bis er mehr Kontrolle hatte. Harry schnaubte. Was für ein absurder Gedanke! Er konnte es nicht erwarten zum Schloß zu kommen, selbst jetzt. Doch als Harry die Magie der Ländereien und der Schule fühlte, aus dieser Entfernung bereits mächtiger als selbst der beständige magische Fluß in der Winkelgasse, wußte er, daß er, bevor er noch näher heranging, sichergehen sollte, daß er die Zeit, die er brauchte, um sich daran zu gewöhnen, auch überleben konnte.
Tief durchatmend und nur in winzigen Schritten weitergehend, konzentrierte sich Harry auf die magische Aura von Hogwarts. Dort waren Schichten über Schichten, viel zu viel als das Harry einen auch nur halbwegs richtigen Eindruck bekommen könnte; obwohl er einen klaren Unterschied zwischen den Ländereien von Hogwarts und dem Schloß selbst feststellen konnte. Die gesamten Ländereien von Hogwarts umschließend, konnte Harry eine hell erleuchtete Kuppel aus Magie erkennen, vibrierend mit dem dumpfen, rhythmischen Puls der Erde selbst. Es war eine ungeheure Menge Energie und nicht alles war bloß zum Schutz gedacht. Das meiste davon war einfach nur da, es hatte keine Aufgabe, aber es war ... verblüffend.
Das Schloß war seltsam – oder seltsamer als alles andere, das Harry erlebt hatte. Die Magie, die es umgab und durchtränkte war beängstigend. Es pulsierte als würde es atmen, und Harry würde schwören, daß es auf irgendeine Art ein empfindunsfähiges Lebewesen war – nicht wie ein Mensch, aber ... ein Lebewesen. Es erschien so ... glücklich bis zum Rand mit Kindern gefüllt zu sein und ... neugierig etwas Neues zu fühlen ... etwas Altes, daß es für eine ganze Weile nicht mehr wahrgenommen hatte. Harry wirbelte innerlich zurück, als die Aufmerksamkeit des Schlosses direkt dorthin gerichtet war, wo er wie festgefroren stand. Auf seiner Unterlippe kauend, konzentrierte sich Harry mit zu Schlitzen verengten Augen und drehte sich dorthin, wo die Türme des Schlosses über die Hügel und die sich träge wiegenden Baumspitzen eines scheinbar endlosen Waldes emporhoben. Trotz des ohnmächtigen Gefühls in ihm war es faszinierend und sollte nicht wirklich so überraschen. Hogwarts war Tausende von Jahren alt – viel Zeit, um herumstreunende Energien zu sammeln. Das Schnipsen eines Fingers gegen seine nachdenklich gefurchte Stirn brachte Harry zurück, von wo auch immer seine Gedanken hingewandert waren.
„Bist du da drin, Harry?" Harry schauderte, blinzelte als erwache er aus einem Traum und nickte.
„Natürlich," murmelte er beinahe unverständlich, als die Magie ihre Gebühren einforderte. Es war schwerer, als Harry für möglich gedacht hätte, und es würde sich mit der Zeit nur noch schwerer werden, das wußte er. Er lächelte beruhigend auf Rons besorgten Blick und bedeutete ihm, mit einer fahrigen Geste seiner Hand, weiterzugehen – glücklicherweise sah Ron seine Hand nicht zittern.
Erst jetzt war Harry in der Lage, nach den anderen Schülern Ausschau zu halten. Er suchte flüchtig nach seinen Klassenkameraden, um einen Einblick in die generelle Meinung gegenüber dem Jungen-Der-Überlebte zu bekommen. Das sie jedoch fast die letzten auf ihrem Weg zu den Kutschen waren, konnte er nicht sehr viele Schüler sehen. Einige späte Erstklässler standen in einem Haufen zusammen und wuselten vor Aufregung ziellos herum, bevor sie zu der brüllenden Gestalt von Hagrid hinüberrannten, währenddessen sie ihn aufgerissenen Augen ehrfürchtig beobachteten. Einige der älteren schienen zwischen ehrlicher Neugier und offener Feindseligkeit zu schwanken. Die wenigen, die er von der DA vorbeieilen sah, grüßten ihn mit kurzem Kopfnicken, bevor sie ihrer eigenen Wege gingen. Dann gingen Cho und ihre Freundin Marietta vorüber. Harry starrte durch sie hindurch und ignorierte hartnäckig ihre Blicke. Stirnrunzelnd wandte er sich von den beiden Mädchen ab. Er bemerkte nicht den dunklen, abschätzenden Blick vom anderen Ende des Bahnsteigs, wo der Tränkemeister die letzten Schüler nur mit einem eleganten Anheben seiner Augenbrauen zum Rennen brachte.
Statt nach Beobachtern Ausschau zu halten, konzentrierte sich Harry auf seinen karottenhaarigen Freund, denn aus dem Augenwinkeln konnte er ihn in eine interessante Farbschattierung von rot wechseln sehen, scheinbar die beiden Mädchen anstarrend. Harry runzelte nachdenklich die Stirn, aber hielt sich davon ab, irgendetwas zu sagen. Letztes Jahr war Ron keinem der Mädchen sonderlich zugetan gewesen, aber vielleicht schien es nur so, weil Cho Augen für Harry gehabt hatte, bevor sie besser überlegt und jemand anderes ausgewählt hatte. Harry wandte sich um, als Rons Augen fast aus dem Kopf fielen und warf ihr einen weiteren Blick zu. Seine Brauen klommen zu neuen Höhen auf.
Junas Bra...dingsbums verbeugte sich mit einem übermäßig süßen Lächeln vor einer völlig verdatterten Cho Chang, die daraufhin mit ungewöhnlich gefärbtem Taint kicherte, obwohl der Junge zwei Jahre jünger und ein halben Kopf kleiner war als sie – wenigstens. Harry unterdrückte eine weniger schmeichelhafte Bemerkung und schnappte, mit zuckenden Mundwinkeln, Rons hängenden Kiefer zurück an Ort und Stelle.
„Merlin!" Ron starrte. „Das ist der Sohn!" verkündete er in einem seiner klareren Momente, und Harry rollte seine Augen.
„Schau in die Zukunft, Ron," schlug Harry vor. „In Hogwarts wird er Schulroben tragen müssen, also wirst du dann sicher sein und unsere Augen kriegen eine Pause."
„Aber guck ihn dir an!" Seine Stimme sprang eine ganze Oktave höher. Selbst Hermine stieg von ihren inneren Höhen hinab und nahm einen guten Blick auf das, was Ron dazu brachte, wieder seine Gelassenheit zu verlieren. Das Zwischenspiel zwischen dem asiatischen Mädchen und dem pinkköpfigen Jungen entlockte ihr nicht mehr als einen flüchtigen, mißbilligenden Blick, bevor Hermine sie ignorierte.
„Er wird nicht mal in unserem Jahrgang sein." Sie wandte sich wieder ihren komplizierten Gedankenmustern zu, die wahrscheinlich zu anspruchsvoll für einfach gestrickte Leute wie ihre Freunde waren. Harry grinste. Es war gut, Hermine auf seiner Seite zu wissen. Sie würde ihm bei seinen Nachforschungen eine große Hilfe sein.
Ein paar Meter schleppte Harry Ron hinter sich her, dann folgte sein Freund aus eigenem Antrieb. Harry war nicht sicher ob Ron von der Handlung des Jungen oder der Reaktion des Mädchens so verblüfft war. Harry kehrte den Gedankenzug beiseite, weil es ihn nicht wirklich kümmerte. Er hatte eigene Probleme zu lösen, die für ihn viel wichtiger waren.
Nachdenklich blickte Harry voraus. Hogwarts floß vor Magie über und er würde dorthin gehen – freiwillig. Harry schüttelte seinen Kopf. Sorglosigkeit? Ein Mangel an Verstand und Wahlmöglichkeiten? Vielleicht alles davon. Er konnte auf ewig versuchen, die Magie des Schlosses zu entwirren und würde doch nicht einen Anhaltspunkt mehr kriegen. Harry konnte es fühlen – das Vibrieren der Magie, stärker und drückender mit selbst dem kleinsten Schritt, den er in Richtung des uralten Gebäudes nahm. Es wäre interessant zu sehen was geschah, wenn er ein wenig von seiner eigenen Magie losließ. Das Schloß würde auf jeden magischen Ausbruch in der Nähe reagieren, Harry fühlte, daß dies eine Tatsache war.
Wenn er nicht in solch einem geschwächten Zustand wäre, an der Schwelle des Zusammenbruchs, wenn er ein wenig mehr Kontrolle hätte ... Nun ja, Harry würde die Reaktion des Schlosses bald genug zu sehen kriegen. Schließlich war er auf direktem Weg dorthin. Harry warf den Thestrals vor ihrer Kutsche einen schneidenden Blick zu. Sie sahen genauso aus wie letztes Jahrr, aber etwas fehlte. Harry betrachtete sie eindringlich, als er sich ihnen näherte.
Dann kam er aus dem Schritt, aufgeschreckt aus seiner Träumerei nicht durch eine Welle aus Magie, sondern einem kleinen Mädchen, das direkt in ihn hineinrannte – ein Erstklässler, sogar kleiner als Harry sich erinnerte damals gewesen zu sein. Harry blinzelte, wie ein Betrunkener nach einer durchfeierten Nacht vor Erschöpfung und von der Heftigkeit des Stoßes strauchelnd. Er fing sich bloß an der Kutsche ab, die er gerade hatte betreten wollen.
Tief Atem holend verbannte Harry alle Gedanken über ungewöhnliche magisiche Energie und verdächtig normal aussehende Thestrals aus seinem Kopf und beugte sich zu einem Paar runder, tränengefüllter Augen nieder, die aus einer dunklen Mähne wippender Locken zu ihm hinaufsahen. Sie schien bloß einen Augenblick davon entfernt, in Tränen auszubrechen. Ihre Unterlippe bebte schon vor Angst. Harry spannte sich. Er hatte nicht gerade viel Erfahrung mit Kindern jeglichen Alters. Alles was er über Kindheit wußte, war seine Freude, als seine letztendlich vorüber war – doch das war jetzt keine Hilfe.
„He da, warum weinst du, kleines Täubchen?" Harry versuchte tröstend zu lächeln. Er mochte es nicht, wenn Leute weinten, er mochte es wirklich nicht, egal wie alt sie waren. Das Mädchen schniefte mitleiderregend und wischte sich atemlos die Nase mit einem Ärmel ihrer Robe, während sie versuchte, sich zu beruhigen. Harry verzog das Gesicht.
„Tu das nicht, Kleine." Harry gab ihr ein etwas zerknittertes Muggeltaschentuch aus Zellstoff und wartete einen Augenblick, bis sie sich ein wenig beruhigt hatte. Er blickte um das Mädchen herum, um zu sehen wo Hagrid mit den anderen Erstklässlern war und seufzte. Harry konnte den See und die Boote von seinem Standpunkt aus nicht wirklich sehen, aber er hörte – oder wohl eher fühlte – die Magie, die am Arbeiten war, als die Boote ablegeten. Hagrid mußte vergessen haben, die Kinder zu zählen.
„Ich ... ich habe... habe Ginia verloren!" Tränen quollen aus ihren Augen.
„Dein Freund?" Harry runzelte die Stirn.
„N-nein. M-meine ... Puppe." Ein Schluckauf schüttelte ihren Körper und Harry fand sich an Hermine erinnert vor nicht allzu langer Zeit. Er schauderte.
„Ich habe sie diesen Sommer von meiner Tante bekommen. Sie ist m-magisch und ich ... ich hab sie nach der Freundin von meinem B-bruder genannt." Nun, das war eine Überraschung, aber Harry versteckte es gut.
„Ich bin sicher, daß Ginia mit deinem Gepäck in Sicherheit ist. Bestimmt bringen sie sie mit deinem Koffer, nachdem du in ein Haus eingeteilt wurdest." Harry war erleichtert, daß er nicht in ein größeres Problem gerannt war – oder gerannt worden war. „Ich fürchte, du wirst mit uns mitkommen müssen. Deine zukünftigen Klassenkameraden sind schon weg."
„Aber ich kann sie nicht zurücklassen!" weinte sie, ungläubig, daß Harry solch einen Vorschlag überhaupt machen konnte. Diie verpasste Bootsfahrt schien ihr nicht viel zu bedeuten. Sie blickte ihn an, die Augen gefüllt mit Entrüstung, und Harry sah die Tränen, die sich wieder in ihnen sammelten.
„Nun ja." Harry stützte seine Hände auf die Schenkel und seufzte. „Dann werden wir sie halt finden müssen, oder?" Sie waren bereits spät, ein bißchen mehr konnte da nichts schaden. Das strahlende Glück auf der Miene der Kleinen war den ganzen Ärger wert.
„Aber nicht weinen, Kleine," warnte Harry mit erhobenem Finger. „Ich bin sicher, daß wir deine Ginia finden werden." Sie nickte eifrig, ihre Tränen vergessen.
„Hey, Ron?" Harry deutete auf das kleine Mädchen. „Ich glaube sie ist dein Gebiet?"
„Ach ja? Wieso?" Der Rotschopf sah nicht einmal hin, in Erwartung auf eine zukünftige Begegnung mit einem allzu eifrigen Seamus während des Festessens damit beschäftigt die letzten seiner Schokoladenfrösche zu verstecken.
„Sie sucht nach ihrer Puppe Ginia," teilte Harry sein Wissen mit einem Lächeln. „Die Puppe ist nach der Freundin ihres Bruders benannt," fügte er mit einem Blick auf das Mädchen hinzu, als Ron nicht gleich begriff.
„Oh!" Ron wirbelte herum und auf seinen Ruf hin blickte Hermine fragend aus der wartenden Kutsche. Weder Ron noch Harry beachteten ihre Aufforderung nach ein bißchen Eile. Sie waren die letzten, die noch am Bahnhof waren. Alle anderen Kutschen hatten bereits ihr Sichtfeld passiert und waren hinter einer Wand aus Bäumen verschwunden. Konnte denn nichts auf eine normale Weise ablaufen? Harry seufzte.
Ron schien nicht zu wissen, was er mit dem Mädchen tun sollte, also nahm Harry ihre Hand und warf Hermine einen beiläufigen Blick zu. Er konnte die Puppe nicht einfach beschwören, deshalb sollte Hermine es tun. Seine Augen verengten sich. Sie würde fragen, warum er es nicht selbst tat, und offensichtlich kam es ihr sowieso nicht in den Sinn, so gedankenversunken wie sie im Moment in ihrer eigenen Welt war. Wie rücksichtslos von ihr. Wo waren ihre Gedanken? Harry runzelte die Stirn. Sie war wahrscheinlich damit beschäftigt, über die Geschehnisse während der Zugfahrt nachzugrübeln. Harry rümpfte die Nase und trat auf die Thestrals zu. Er gab dem nächsten von ihnen einen Klaps und wünschte lautlos, daß sie auf sie warten würden. Er konnte noch immer nicht das Gefühl loswerden, daß etwas fehlte. Er blinzelte und wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Aufgabe in seiner Hand zu.
„Nun, kleines Täubchen," irgendwie fand Harry den Namen passend, „laß uns nach Ginia suchen."
Sie hasteten zurück zum Zug, Ron ein bißchen langsamer zu ihnen aufschließend, und zum ersten Mal konnte Harry die Koffer sehen, die in gerader Linie aus dem Zug herausschwebten, bevor sie mit leisem Knall verschwanden, als die Luft den leeren Platz füllte, den die Koffer belegte hatten. Es war ein lustiger Anblick und trotz ihrer verlorenen Puppe kicherte das Mädchen mit geweiteten Augen. Nach einem Augenblick zog Harry sie weiter mit sich.
„Komm, Täubchen, wir müssen uns beeilen." Harry eilte weiter und vertraute Ron von alleine mitzukommen.
„Wir werden diesmal wirklich spät sein, Kumpel," keuchte Ron.
„Und warum sollte mich das kümmern?" Harry zuckte die Schultern. Es war nicht das erste Mal, daß sie Schulregeln ignorierten. „Wenigstens ist es dieses Mal nicht unser Fehler."
„Ha, yeah." Ron grinste auf das neugierig blinzelnde Mädchen hinunter. „Aber Snape wird es wahrscheinlich herumdrehen und saggen, daß wir sie entführt haben oder so." Harry schüttelte seinen Kopf. Während des Tages hatte er sich an Snapes magische Aura gewöhnt. Er konnte sie noch immer in großer Nähe spüren, selbst wenn er sein Versteck bis jetzt nicht entdeckt hatte. Harry war gerade dabei, seinen Mund zu öffnen, um Ron zum Schweigen zu bringen, als eine kalte Stimme sich bemerkbar machte und die Temperatur ein paar Grad zu fallen schien.
„Denken Sie, Mr. Weasley?" Ron zuckte unwillkürlich zusammen und das Mädchen stieß einen erschrockenen Schrei aus und drückte sich enger an Harry, um sich hinter ihm zu verstecken. Harry rollte mit den Augen. Was für ein Erscheinen nur um eine kleine Erstklässlerin zu beeindrucken. Wenigstens war es jetzt sicher zu vermuten, daß das Mädchen nicht nach Slytherin kam, da Ron mit Sicherheit die Aufgabe übernehmen würde, sie zu informieren, wessen Hausleiter der Tränkemeister war. Zu beobachten wie sich Ron stotternd bei einem Mann entschuldigte den er lieber zu Tode würgen würde, war amüsant, aber Harry fühlte, daß sein Freund sein Temperament aufstockte und er stöhnte kaum hörbar, als die Magie knisterte. Snape wirbelte herum.
„Du hast etwas zu sagen, Potter?" Harry versteifte sich und versuchte aufmerksam auszusehen.
„Wir haben nur nach ein paar von ihren Dingen gesucht, die sie vergessen hat in ihren Koffer zu packen, Sir," meinte Harry eher neutral.
„Warum so ängstlich deine Magie zu nutzen, Potter?" Der Mann schaffte es, die Frage klingen zu lassen, als wäre Harry ein Squib. Harry konnte hören wie Ron mit den Zähnen knirschte, aber Harry lächelte fröhlich, als ob Snape ihm ein Kompliment gemacht hätte und hoffte, daß sein Freund ruhig blieb.
„Wir dürfen nicht außerhalb des Unterrichts Magie benutzen, Professor," erinnerte ihn Harry süßlich, größtmöglichen Respekt für die Erwachsenen zur Schau stellend. Ganz knapp hielt Harry sich davon ab, ein paar sarkastische Kommentare hinzuzufügen. Er versuchte hart so viel wie möglich in seiner Rolle zu bleiben. Trotzdem, wäre der Mann vor einem Jahr auf diese Weise hinter ihm aufgetaucht, hätte Harry vermutlich bereits Beleidigungen mit Snape getauscht.
„Beeilung, Potter," knurrte Snape, sein Ausdruck voller Verachtung.
