Kapitel 15 – Endlich Zuhause

Harry blinzelte. Hatte er das gerade gehört? Er hätte nicht überraschter sein können, wenn Snape bekanntgegeben hätte, daß er und Lupin beste Freunde wären. Hatte der Bastard sie wirklich einfach weitergewunken? Ohne Punkte abzuziehen? Keine Beleidigungen? Merkwürdig. Harry bewegte sich unruhig. Was ging in diesem schmierigen Kopf vor? Er schrak auf, als Ron ihn zum Zug zog, hin und wieder einen vorsichtigen Blick zurückwerfend. Erst als der Rotschopf sie in sicherer Entfernung von dem finster dreinblickenden Tränkemeister glaubte, beugte er seinen Kopf zu Harrys Ohr.

„Geht es nur mir so," flüsterte er, nicht ahnend wie scharf das Gehör eines gewissen Professors war, „oder hat er gewartet, daß wir kommen?"

„Jepp," stimmte Harry zu, sicher, daß ihm mehr Leute als nur sein Freund zuhörten. „Sein großer Zinken ist überall – schleicht immer in den dunkelsten Ecken herum. Zu schade, daß er kein eigenes Leben hat." Harry befreite seine Robe von den klammernden Händen des Mädchens und zwinkerte ihr zu. Sie sah mit aufgerissenen Augen zu ihm auf; sie sagte nichts, doch sie blickte besorgt zurück. Ihre Locken hüpften wild mit der kleinsten Bewegung ihres Kopfes. Harry lächelte beruhigend. Er brauchte nicht hinzugucken, um zu wissen, wonach sie Ausschau hielt.

„Keine Sorge, Kleine. Ein bellender Hund beißt nicht." Das Mädchen blinzelte mit zweifelhafter Miene, sichtlich auf der Stelle tretend, um ihre Lieblingspuppe zurückzubekommen.

„Denkst du, daß du dein Abteil alleine finden kannst? Dann können Ron und ich nachsehen, ob wir deine Ginia irgendwo in den Gängen finden."

„Ja." Mit einem eifrigen Nicken drängte das Mädchen nach vorn, rannte fast über Ron hinweg und zog Harry mit sich, dessen Hand sie in nächster Zeit nicht freigeben zu wollen schien.

„Nicht so schnell, kleines Täubchen, wir wollen nicht die Stufen hinunterfallen, oder?" Harry schüttelte seinen Kopf. Sein Atem kam nur mehr abgerissen.

„Nun, kleines Täubchen," wandte sich Harry zu dem Mädchen, als sein Herz wieder normal schlug," lauf zu deinem Abteil und sieh nach, ob sie noch da ist, aber sei nicht traurig falls nicht. Wahrscheinlich hat man sie schon mit dem Gepäck hinausgebracht." Doch das Mädchen war bereits mit einem strahlenden, hoffnungsvollen Lächeln wie ein Derwisch durch den leeren Waggon davongerannt.

Harry war erleichtert, sie allein davoneilen zu sehen, da er ein bißchen Zeit brauchte, um den Zug erneut zu betreeten. Harry fühlte sich wie ein alter Mann, nur einen halben Schritt vom Tod entfernt. Jede Bewegung schmerzte und schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen, als er die Stufen zum Waggon hinaufkletterte. Im Zug selbst schien die Magie nur ein niedrigeres Level zu erreichen, denn Harry fand es plötzlich einfach die Kontrolle aufrecht zu erhalten – nicht viel leichter, aber nichtsdestotrotz eine Erleichterung.

Den Schwindel wegblinzelnd, wartete Harry ungeduldig darauf, daß das Krankheitsgefühl vorbeiging. Er fühlte sich nahe dran, sich über seinen Freund zu übergeben, aber wie immer war Ron total ahnungslos. Harry betrachtete ihn mit einem zurückhaltenden Blick und hoffte, daß er nicht sonderlich grün um die Nase herum war.

Dann atmete er tief durch und musterte den Zug genauer, der mit Schichten von Schutzmagie und anderen Verzauberungen umgeben war, die Harry nicht kannte – aber einige waren wahrscheinlich dazu gedacht, den Zug in Bewegung zu halten. Vielleicht waren es diese Zauber, die einen Teil dieser wilden Magie, die ihren Ursprung in der merkwürdigen Natur des Landes hier hatte, aussperrten. Der Zug war mit unglaublicher Genauigkeit verzaubert worden und gerade genug für Harry, damit er auf seinen Füßen blieb. Harry wünschte sich, er könne etwas wie das vollbringen. Es erforderte sehr viel Kontrolle und genaues Wissen über die eigenen Grenzen seiner Fähigkeiten.

„Ich kann mich nicht erinnern, daß ihr Bruder so ... lebendig und emotional ist," plapperte Ron weiter und schüttelte sichtbar überrascht seinen Kopf.

„Er ist nicht elf, oder?" Harry riskierte einen Blick aus dem Fenster, als sie den Gang hinunterliefen. „Und er ist nicht im Begriff, an einem Ort zu leben, den er nie zuvor gesehen hat, ganz auf sich allein gestellt." Harry blickte flüchtig aus dem nächsten Fenster, das er passierte. Seine Augen verengten sich, als er den bewegungslosen Tränkemeister beobachtete, der mit gekreuzten Armen auf dem leeren Bahnhof stand. Harry lächelte grimmig. Er hatte gewußt, daß der Mann da war. Lautlos folgte Harry seinem Freund. Ron öffnete und schloß sorglos die Türen zu den verschiedenen Abteilen, er schaute nicht einmal nach, ob das Spielzeug auf einem der Sitze lag.

„Yeah," räumte Ron ein. „Aber ich hoffe wirklich, daß sie nicht nach Gryffindor kommt."

„Ich kann dir sagen, Ron, du hättest deine Hände voll." Grinsend gähnte Harry und blickte erneut hinaus. Aus dem Augenwinkel sah er, daß Ron ihn mit nachdenklichen Blick beäugte.

„Sie scheint dich zu mögen." Der jüngste der Weasley-Söhne klang beinahe fröhlich gelangweilt, aber Harry wußte sofort, woher der Wind wehte.

„Oh, nein!" schüttelte er nachdrücklich seinen Kopf. „Ich denke nicht, Ron! Du bist derjenige, der all die Schokoladenfrösche bekommen hat. Erinnerst du dich? Noch immer aus dem Fenster blickend weiteten sich seine Augen kurz, bevor sie sich zu Schlitzen verengten.

Sollte dieser Melonenkopf von einem DADA-Professor nicht die anderen Kutschen bewachen? Was machte er noch immer hier – und sich mit Snape unterhaltend? Wenigstens der bunte Narr redete– Snape ignorierte ihn unerschütterlich, wie er es schon den ganzen Tag lang getan hatte, wenn man ein Auge zudrückte was den Schimpf-Marathon auf King's Cross betraf. Seine Miene bar von Emotionen aber fragend, blies Harry eine verirrte Strähne seines Haares aus dem Gesicht und konzentrierte sich mit einem eigenen abschätzenden Blick auf den Tränkemeister.

Das der Mann praktisch mit Körper und Seele an ihn gebunden war, half nicht viel, den Bastard zu entschlüsseln. Dennoch, Harry konnte durch das Mal Verdruß und Wut spüren und etwas wie trockene Belustigung. Natürlich konnten die Gefühle genauso gut von irgendeinem der anderen an ihn gebundenen Todesser kommen. Harry hatte keine Erfahrung darin, mit diesem magischen ... Geschenk umzugehen. Dazugenommen war die Aura des Mannes – Harry konnte sie lodern sehen – keine Hilfe. In der Farbe einer überreifen Aubergine, mit einigen kleinen Flecken aus rot, war schwarz die beherrschende Farbe. Harry wußte nicht, was er davon halten sollte. Er hatte noch niemanden mit einer Aura so dunkel wie die von Snape gesehen. Es war nicht, daß schwarz eine schlechte Farbe war, es war nur ungewöhnlich, da die magischen Auren der meisten Leute zwischen gelb und rot variierten.

Harry blinzelte und schloß für einen Moment die Augen. Der Kopfschmerz wurde rapide schlimmer. Er sollte nicht so viel nachdenken. Im Grunde wollte sich Harry nur in einer dunklen Ecke zusammenrollen, um einen Augenblick Ruhe zu haben und seinem Schmerz und seiner Erschöpfung nachgeben konnte – und um einen Weg zu finden, die Magie des Schlosses zu überleben.

Mit sichtbarer Erleichterung lächelte Harry müde, als das Mädchen überraschend schnell zurückkam, eine kleine, braunhaarige Puppe wie eine Rettungsleine umklammernd, und ein dankbares Lächeln auf dem Gesicht, als sie zu ihm aufsah.

Es nahm eine Last von seinen Schultern, dieses eine Problem aus der Welt zu schaffen. Wenigstens eine Person war glücklich. Zum zweiten Mal trat Harry einen vorsichtigen Schritt die Stufen hinunter. Sein Blick wanderte dorthin, wo die Kutsche wartete. Hermine schritt ungeduldig hin und her, und die Thestrals warfen rastlos ihre Köpfe in die Luft. Harry hielt abrupt mitten in einem Schritt und fühlte das Blut in seinem Kopf rauschen. Er wußte jetzt, was ihn an den Tieren so verstört hatte.

Die Thestrals sahen tatsächlich so normal aus wie sie es getan hatten, als Harry sie zuletzt gesehen hatte, am Ende des fünften Schuljahres – zu einer Zeit, zu der er noch nicht in der Lage gewesen war, Magie zu sehen, einer Zeit, als das Gras noch grün war und nicht in warmem Gelb glühte, als die Steine von einem einfachen Grau waren und nicht beständig die Farben änderten. Wie die Thestrals dort standen, hatten sie keine magische Aura. Sie waren tot für die Welt der Magie, wirklich tot, weil alles sonst erfüllt war mit dieser summenden Energie, alles glühte mit Magie – bis auf sie.

„Harry?" Gefangen starrte Harry die dunklen, knochigen Kreaturen an. Es war nicht möglich, oder? Seine Stirn furchte sich in Gedanken. Existierte tatsächlich Magie, die vor seinen Augen verborgen war? Konnte sie unsichtbar sein? Wirklich transparent? Erst seit er beobachtet hatte, wie Cedric starb, konnte Harry die Thestrals sehen, also war es vielleicht mi der Magie der geflügelten Tiere genauso? Wie vielen mußte er beim Sterben zusehen? Fünf? Einem Dutzend? Hunderten? Vielleicht war es etwas anderes, daß ihr Magie verbarg? Hatten sie überhaupt welche? Harry schüttelte seinen Kopf. Natürlich war Magie da. Die Thestrals waren magische Biester, und selbst falls nicht – wenigstens die Kernenergie ihrer Lebenskraft mußte da sein. Selbst wenn ein Nekromant eine Leiche zurück ins Leben rief, mußte dort etwas sein, das den Körper dazu brachte, sich zu bewegen. Gedanke auf Gedanke hastete durch Harrys Kopf, seine Konzentration völlig vereinnahmt von dem neuen Rätsel.

Hätte Harry seinem Freund mehr Aufmerksamkeit geschenkt, dann würde er gesehen haben, daß Ron beklommen schluckte, als die finstere, imponierende Gestalt von Snape auf sie niederfuhr – sein Aussehen nur etwas weniger furchterregend, weil ein verrückt gekleideter DADA-Professor ihm mit einem irren Funkeln in den Augen auf den Fuß folgte, trotz des leisen Knurrens, das der in dunkle Roben gehüllte, drohend ausschreitende Zauberer mit kehligem Laut ausstieß – oder vielleicht war das der Grund.

Mit einem scharfen Sinn für Ahnungen hatte Severus Snape außerhalb des Zuges gewartet. Selbst wenn er Potters Sommergeschichte außer acht ließ, stimmte mit dem Jungen etwas definitiv nicht; und der Tränkemeister und Spion war nicht jemand, der ein Rätsel vorbeigehen ließ, wenn es an seine Tür klopfte. Doch es war nicht nur die Einstellung des Jungen, die sich geändert hatte, dort ging mehr vor. Severus war sicher, daß er früher oder später auf den Grund des Mysteriums vorstoßen würde, mit dem Potter sich umgab. Her würde die anderen dazu bringen zu sehen, daß ihre elende Galionsfigur nichts als ein dummes, verantwortungsloses Welpe war.

Während der Zugfahrt war es überraschend still um den Jungen herum geblieben. Severus hätte gedacht, daß Potter hinausgehen und seine Abenteuer mit blumigen Einzelheiten zum besten geben würde. Er schmunzelte feixend. Die kleine Landplage von Slytherin hatte dem Balg offensichtlich einen Besuch abgestattet. Die Eile mit der sein Rückzug abgelaufen war, schien zu bedeuten, daß der Potter-Welpe einmal mehr als Sieger aus ihrer Begegnung hervorgegangen war.

Severus unterstützte seine Slytherin-Schüler vollkommen in ihren ... Freizeitaktivitäten. Er hatte nichts gegen ein paar gut gezielte Streiche ... oder gar Attacken – natürlich nur solange sie nicht tödlich für eine der teilnehmenden Parteien endeten. Er konnte einen geordneten Rückzug verstehen, wenn solch ein Angriff fehlschlug – nichts ging über das eigene Überleben – aber der junge Malfoy zeigte nicht einmal Spuren der Listigkeit für die das Haus bekannt war und mit denen er sich selbst brüstete.

Für einen seiner Slytherins war es eine Schande sich so gedankenlos und feige zu benehmen, jedes Mal so hoch auf den Gefühlen reitend wie ein Gryffindor, ohne Gedanke zuvor die Folgen zu bedenken – oder selbst die Durchführbarkeit einer Attacke. Das schlimmste war, daß, soviele Begegnungen der junge Malfoy über die Jahre auch mit Potter gehabt hatte, er anscheinend unfähig war irgendetwas daraus zu lernen; und das würde dem Jungen das Genick brechen, wenn nicht wirklich bald etwas Drastisches geschah, um ihm die Augen zu öffnen. Völlig umgeben von Ja-Sagern, und jeder einzelne von ihnen rennend um jede seiner Launen zu erfüllen, glaubte der junge Malfoy schon selbst, etwas Besonderes zu sein, mehr wert als andere Menschen und fand sich deshalb in seinem arroganten und sorglosen Benehmen nur noch bestätigt. Auf seine Art war der junge Malfoy genauso verwöhnt wie Potter, aber der Slytherin hatte von einem strengen Advokaten der Zaubereraristokratie Manieren eingebleut bekommen, und wenigstens hatte er von Dingen wie Anstand schon einmal gehört.

Potters Sproß hatte den allmächtigen Direktor von Hogwarts, und man mußte nur einen Blick auf die Kleidung werfen, die der alte Mann bevorzugte, um zu wissen, daß daraus nichts Gutes kommen konnte. Oh, Severus mochte den alten Mann mehr als sonst jemanden – was natürlich nicht sehr viel besagte, da er nicht wirklich irgendjemanden gern hatte; aber wenn jemand in Hörweite des Direktors Potter auch nur erwähnte, wurde der Limonendropssüchtige nur noch verrückter.

Mit angewiderter Miene beobachtend, ging er mit weit ausgreifenden Schritten auf die Gryffindor-Jungen zu – einer völlig ahnungslos, der andere konzentriert starrend. Nur dieses Mal hatten sie die Rollen vertauscht. Etwas schien Potters gesamte Aufmerksamkeit zu beanspruchen, denn der Junge – sonst der erste, der seine Annäherung bemerkte – starrte auf ... die Kutsche? Severus folgte dem intensiven Blick und runzelte die Stirn, blind gegenüber irgendetwas Besonderem, daß der idiotische Junge von Wert gefunden zu haben schien, sich darüber aufzuregen.

Als der Zug anhielt, hatte sich Severus beeilt die Schüler aus den Waggons herauszukriegen, die er bewachen mußte. Auf diese Weise war genug Zeit übrig, um ein Auge auf das dumme Kind zu werfen, während die letzten Schüler zu den Kutschen drängten. Natürlich ließ Potter alle auf ihn warten. Sich wundernd, wo der Junge blieb, wurde Severus ungeduldig. Er war nahe daran gewesen, das Balg selbst herauszuschleppen, als er überrascht beobachtete, wie Potter beinahe in dem Augenblick, in dem er müde die Stufen hinunterstieg und auf den Bahnsteig, über seine eigenen Füße fiel – eine wächsernen Ausdruck auf seinem Gesicht, der mit Sicherheit nicht gesund sein konnte.

Hatte der junge Malfoy endlich einmal in seinem Leben einen Punkt geholt oder kannte der idiotische Gryffindor keine Zurückhaltung und hatte sich mit zu vielen Süßigkeiten vollgestopft? Zugegeben, darin wäre er nicht der einzige Schüler, eine ganze Menge rannten jedes Eile eilig zur Toilette, aber Harry Potter sollte mehr Sinn für sein Erscheinungsbild haben. Wahrscheinlich war es also letzteres, ansonsten hätten die Gerüchte sie bereits erreicht. Mit finsterem Blick stakste der Tränkemeister weiter. Er hätte den Jungen gern wegen seiner trägen Haltung zurechtgewiesen, aber der Direktor hatte diese Brücke versperrt, bevor er überhaupt daran gedacht hatte, sie zu überqueren.

„Laß den Jungen in Frieden, Severus," hatte der Direktor mit diesem vergnügten, irren Funkeln in den Augen. „Ich möchte zuerst mit ihm sprechen, bevor du sein Temperament zur Weißglut gebracht hast." Legilimens der er war, hatte sich Severus mit erstaunlicher Beherrschung zurückgehalten. Er war selbst überrascht. Statt dessen hatte er sich damit begnügt, einige lose Gedanken aufzufangen, die ihm helfen könnten, das Rätsel, das dieser ignorante Potter-Sproß bot, zu lösen.

Dennoch mußte Severus zugeben, daß er die Zügel seiner Aufgabe ein wenig lockerer genommen hatte als vorgesehen, als er das unmögliche Kind beim Herumschnüffeln in den verbotenen Straßenzügen der Winkelgasse entdeckte. Alles in allem jedoch hatte er sich nichtsdestotrotz auf die Zunge gebissen und nichts ... Verletzendes gesagt. Severus verzog das Gesicht. Nur Albus konnte ihn dazu kriegen, so etwas wie dies zu tun ... und für keinen geringeren als Potter.

Severus beobachtete den Inbegriff eines Gryffindors, als er wie festgefroren auf der letzten Stufe stehenblieb. Die Erstklässlerin an seiner Seite blickte verängstigt zu dem Jungen auf, offensichtlich bereits in dem Glauben überzeugt, daß Potter der wahre und einzige Erlöser war. Severus zog die Brauen zusammen. Er konnte sich nicht weniger darum scheren, ob das erbärmliche Hufflepuff von einem Kind sein Spielzeug gefunden hatte oder nicht; aber Albus würde ihm den Kopf abreißen, sollte seinem Wunderknaben etwas passieren.

Den dunklen, undurchsichtigen Blick fixiert auf die zu kleine Gestalt von Potter, konnte Severus nicht aufhören über ihn nachzudenken. Bis jetzt war das Balg überraschend zurückhaltend – mit Worten wie mit Gedanken. Vielleicht war die Luft ein bißchen dünn geworden, von wo Potter normalerweiser von seinem Podest hinabsah. War der Junge endlich lang genug heruntergetreten, um über die Folgen seines Tuns nachzudenken? Severus schnaubte. Der kleine Idiot versuchte wahrscheinlich nur, seine Geschichte interessant zu machen, bevor er sie seinen Fans auftischte. Gryffindors waren nicht dafür geeignet Geheimnisse länger für sich zu behalten als es brauchte, genug Atem zu holen um zu sprechen.

Dann war da noch die kleine Tatsache das Potter während des Tages nicht einen einzigen Zauber gesprochen hatte, nicht einmal um den jungen Malfoy abzuwehren. Potter mußte der einzige Schüler von Hogwarts sein – ausgenommen einige ahnungslose Erstklässler – der die Zeit während der Zugfahrt nicht genutzt hatte, um ein bißchen mit seiner Magie zu experimentieren. Genau betrachtet hatte Potter recht. Es war Schülern untersagt, aber dieses kleine Detail hatte den Jungen bei anderen Gelegenheiten auch nicht zurückgehalten, außerdem kümmerte es niemanden.

Es war das erste Mal nach Wochen, daß die Schüler an ihre Zauberstäbe herandurften. Natürlich würden sie sie benutzen. Ihre Eltern und das Ministerium wußten das genausogut wie die Professoren und Albus. Es war so gewesen, als Severus selbst noch ein ... nun, weniger weise gewesen war – schon immer seit Schüler mit dem Zug ankamen. Potter jedoch hatte davon abgesehen, Magie einzusetzen. Hatten die Muggel ihn so hoch in den Wolken zurückgelassen, daß ihm nicht einmal ein einfaches Accio einfiel, um das Spielzeug herbeizurufen? Severus knirschte mit den Zähnen.

Als er noch lediglich ein paar Meter entfernt war, nahm ihn Potter mit einem einfältigen Blinzeln zur Kenntnis, er sah für einen Augenblick benommen aus und verwirrt.

„Kannst du dich nicht beeilen, Potter? Glaubst du, der Direktor wird das Festessen verschieben bis du sie deiner Gegenwart für würdig erachtest, Junge?" Severus verzog vor Abscheu das Gesicht und benutzte seine Fähigkeiten als Legilimens mit größter Vorsicht. Schon im letzten Jahr war Potter schnell darin gewesen, selbst das leichteste Vortasten eines anderen Verstandes zu bemerken – nun ja, wenigstens solange es nicht der Dunkle Lord gewesen war.

Der Weasley-Junge knurrte vor Ärger und Severus registrierte mit einiger Überraschung, daß der von seinem Temperament gerittene Karottenkopf nur einen halben Kopf kleiner war als er selbst. Sein eisiger Ausdruck wechselte zu dem anderen unheilvoll starrenden Jungen, der, zu seiner Erleichterung, noch immer nicht meh als ein Zaunkönig unter Falken war. Severus würde es hassen, den Vorteil auf den Welpen herabblicken zu können zu verlieren. Mißtrauisch verengten sich seine Augen. Der Junge schien keine bewußte Barriere um seinen Verstand herum aufrecht zu halten, so wie er es von Zeit zu Zeit während der letzten paar Sitzungen geschafft hatte.

„Das sind zwanzig Punkte von Gryffindor für deine Unverschämtheit zu glauben, daß jeder nach deiner Pfeife zu tanzen hat." Severus war sich sehr der Blicke bewußt, die er erhielt. Potters Freund war nur soo weit von einer Strafarbeit entfernt. Das Temperament würde ihn eines Tages noch Ärger bringen.

„Das Schuljahr hat noch nicht einmal angefangen!" revoltierte der der jüngste der Weasley-Söhne und verteidigte seinen stummen Freund.

„Sie sind voll von Meinungen heute, Mr. Weasley, nicht wahr?" Severus grinste hämisch. „Aber Sie hatten tatsächlich einen Gedanken, der es wert ist andere wissen zu lassen." Er drehte sich zu dem noch immer schweigend unter seiner wirren, schwarzen Mähne hervor beobachtenden Jungen. „Ich denke wir werden die Minuspunkte stapeln, bis Gryffindor bereit ist nach dem Festessen in die Negativen zu gehen, oder nicht, Potter?"

„Aber mein lieber Freund!" Eine neue Stimme unterbrach, ehe Harry sich überhaupt eine Antwort überlegen konnte, die der Frage angemessen war. „Sei nicht so hart zu ihnen," ermahnte der neue Professor. „Ich bin sicher, daß sie gute Gründe hatten. Ist das nicht so, meine Jungs?" Severus war sich sehr wohl bewußt gewesen, daß der tölpelhafte Narr von einem Professor versuchte, sich an ihn anzuschleichen. Als ob dieser schlurfende Idiot irgendjemanden mit seiner lärmenden Gangart überraschen könnte. Seine Augen verengten sich.

Severus hatte beobachtet wie er Potter gemustert hatte, als der Junge mit einigen Schwierigkeiten in den Zug gestiegen war. Es passte ihm gar nicht, daß Dumbledores neuester Tritt ins Fettnäpfchen den Jungen mit diesem beunruhigend intesiven Blick belauerte, der die Haare in seinem Nacken zu Berge stehen und seinen Körper vor Anspannung starren ließ. An diesem Blick war nichts harmlos oder neugierig. Severus hätte Albus gern gesagt, was er davon hielt, diesen verschrobenen Zauberer einzustellen; aber wenn er darüber nachdachte, hatte er das bereits mehr als einmal während zahlloser Personalversammlungen diesen Sommer getan. Mit zufriedenem Grinsen erinnerte sich Severus an eine bestimmte Begegnung. Nicht alles war zu Albus' Vergnügen abgelaufen. Einmal hatte sogar der Direktor bereit ausgesehen, den Clown aus dem Fenster zu werfen. Severus würde ihm diese Tatsache unter die Nase reiben, wenn er sich wieder mit dem alten Mann traf.

„Worauf starren Sie, Bradarowicz?" Die Art auf die Severus sprach, bedeutete definitiv, daß der Name die größte Beleidigung war, die man dem Mann machen konnte. Er wandte sich zu dem Narren und fragte mit gelassener Stimme, die nur für wachsame Menschen einen bedrohlichen Unterton beinhaltete: „Haben Sie nicht irgendetwas zu tun?"

„Und was, lieber Kollege, könnte das sein?" Der Mann hatte den Nerv ihn anzulächeln.

„Gehen Sie und bewachen Sie die Kutschen – die vorderen – ich gehe sicher, daß diese Holzköpfe nicht verloren gehen." Severus würde kein Nein als Antwort akzeptieren. Sein Blick versprach furchtbare Konsequenzen.

„Aber Seve—" Auf die starre Haltung des Zauberers hin räusperte er sich. „Sie sind bereits zu weit voraus, ... Professor Snape," jammerte er. Die letzten Worte hörten sich an, als hätte er ein Glas saurer Milch geschluckt.

„Haben Sie noch nichts von der Möglichkeit gehört, an Ihren bevorzugten Aufenthaltsort zu apparieren, Bradarowicz?" fragte er ohne Spur eines Wissens, was hinter der gepuderten Stirn vorging. Seine Braue wölbte sich neugierig. „Ich schlage vor, daß Sie das jetzt tun," knurrte er und unterbrach ihn mit einer unwirschen Handbewegung, als der Mann zu einer wortreichen Entschuldigung ansetzte. Irgendwann in nächster Zeit würde Severus diesen Mann in den Kerkern einschließen und eine ernsthafte Unterhaltung mit ihm führen. Die neue Ergänzung zum Personal brachte sein Blut schneller zum Kochen als ... nun ja, wenigstens so schnell wie Potter. Severus stoppte diesen merkwürdigen Gedankenzug und wandte seine Aufmerksamkeit der Gegenwart zu.

Potters Verstand war lückenlos geschlossen. Kein Winkel, keine Öffnung, nichts, daß einem erleichterte, in die Gedanken des Jungen einzudringen. Offensichtlich hatte Potter tatsächlich etwas gelernt und was immer er tat, es funktionierte. Der Junge sollte nicht in der Lage zu sein, ein Kunststück wie das während seiner Ferien zu meistern.

„Hast du schon genug Aufmerksamkeit bekommen, Potter?" Severus verzog angewidert das Gesicht, wütend auf sich selbst, nicht den kleinsten Fehler in Potters Abschirmung zu entdecken. Für einen Augenblick schien der Junge verwirrt worauf er abzielte, aber ging irgendwo ein Lämpchen an und seine Augen schossen Blitze.

„Nein, Sir," biß Potter heraus und versuchte nicht einmal respektvoll zu klingen. „Ich denke, ich brauche noch ein bißchen mehr. Dürfen wir zum Festessen weitergehen?" Seine Augen leuchteten vor unterdrückten Emotionen. „Ich bin voller Hoffnung, daß ich dort genug Aufmerksamkeit kriege, damit es für den Abend reicht, Sir." Mit diesen Worten wandte sich Harry um und ließ den Tränkemeister stehen – zum zweiten Mal an diesem Tag, obwohl jetzt mit bedeutend weniger Nachdruck und mehr beschäftigt, herauszufinden, wohin er mit seinen Füßen sollte. Mächtig beeindruckt starrte Ron seinen Freund an und unterdrückte ein Grinsen, in seinen Augen stand sein Vergnügen jedoch für alle sichtbar abzulesen. Er beeilte sich Harrys Beispiel zu folgen und ließ die flügellose Fledermaus hinter sich stehen.

„Ist er zornig?" fragte eine leise Stimme vorsichtig und Ron blickte hinab zu der vergessenen Erstklässlerin.

„Yeah," verkündete Ron leidenschaftlich mit tief empfundener Zufriedenheit, als Harry sein Schweigen wahrte; aber er hatte Mitleid mit dem Mädchen, als sie ängstlich alle paar Schritte zurückblickte, um zu sehen, ob der Mann ihnen folgte. Ron zögerte nur einen Augenblick, bevor er einen der letzten, heiß geliebten Schokoladenfrösche aus seiner Hosentasche zog. Ron betrachtete ihn sehnsüchtig mit flüchtigem Blick, zweifelnd auf das leise folgende Mädchen blickend. Sie nahm den Schokoladenfrosch mit aufgerissenen Augen, aber Ron war unsicher, ob das Kind sein Opfer zu schätzen wußte.

Harrys Mundwinkel zuckten. Er konnte Snapes Widerwillen praktisch fühlen, als Ron ihr den zerdrückten Frosch gab. Der schweigend vor Wut kochende Mann beobachtete sie noch immer. Harry konnte die bohrenden Augen in seinem Hinterkopf fühlen, während er sich um das Mädchen kümmerte, wahrscheinlich Muggelgeboren, denn sie war viel zu neugierig für jemanden, der in einer Zaubererfamilie großgeworden war.

„Genieß es," sagte Ron mit bedauerndem Grinsen, bevor er sich zu seinem Freund umwandte, der sich heute ein wenig seltsam zu benehmen schien. Für einen Moment war Ron besorgt. Vielleicht waren die Dursleys Harry mehr auf die Nerven gegangen als er zugab? Seine Gedanken beruhigten sich, als er ein Stück voraus Hermine entdeckte. Sie würde wissen, was zu tun war. Ron folgte einem anderen Gedankenzug.

„Er hätte helfen können," murmelte er, während sein Magen leise knurrte. „Jetzt verpassen wir wahrscheinlich wegen einer ... Puppe das Festessen." Ron blickte auf das Mädchen hinab und verzog das Gesicht.

„Jep." Harry blinzelte bis die Schwärze aus seinem Sichtfeld zurückwich. „Er hätte die Puppe herbeizaubern können. Das wäre am schnellsten gewesen."

„Oder wir hätten das tun können," grübelte Ron laut.

„Klar, wenn es uns eingefallen wäre. Ich bin noch immer mit meinen Gedanken in der Muggelwelt." Harry schlug Ron freundschaftlich auf den Rücken. „Was ist deine Entschuldigung?" Ron murmelte etwas Unverständliches und Harry lächelte nachgiebig.

„Wie auch immer," Harry zuckte mit den Schultern, „Snape hat auf uns gewartet. Wenn er gesehen hätte, daß wir unsere Magie benutzen, hätte er mehr Punkte abgezogen als wir möglicherweise bis Ende des Schuljahres gewinnen könnten."

„Ich bin froh, das er nicht unser Hausleiter ist." Ron schauderte. „Er würde bestimmt jede Entschuldigung nutzen, um uns besser jetzt als später aus der Schule hinauszuwerfen." Harry seufzte schwer, als sie endlich die Kutsche erreichten. Seine Stimme zitterte leicht, als er sich dem Mädchen zuwandte.

„Hüpf rein." Harry hustete und half ihr in die wacklige Konstruktion, die Thestrals bewegten sich bereits unruhig. Harry blickte nicht einmal zurück, um zu sehen, was Snape tat. Er entspannte sich, als er das leise Popp hörte, das Apparationen kennzeichnete. Doch er konnte den Tränkemeister bereits weit weg von ihnen spüren, und sie näherten sich ihm beständig. Harry konnte es in der Magie und durch das Band des Dunklen Males fühlen, das sich auf einmal abschwächte, als Snape zu den Toren von Hogwarts apparierte, sobald sich ihre Kutsche in Bewegung setzte. Harry schnaubte. Snape würde lediglich in einer anderen dunklen Ecke stehen und sie beobachten bis sie ihren Weg unter die Schutzzauber des uralten Schlosses gefunden hatten.

Ihre kurze Reise mit der Kutsche verging für Harry wie hinter einer Wand aus Nebel. Er lehnte sich zurück und versuchte einen Rhythmus zu finden, in dem Atem und Magie zusammenarbeiten konnten. Weit entfernt hörte er, wie Ron dem kleinen Mädchen Geschichten über Snape erzählte, daß er sich jede Nacht in eine Vampirfledermaus verwandelte, um von nichtsahnenden Schülern, die nach der Sperrstunde noch draußen waren, Blut zu saugen.

Harry ignorierte Hermines Geschimpfe über ihre Verspätung mit der Leichtigkeit von jemandem, der etwas wie das regelmäßig tat. Er war zu beschäftigt, bei Bewußtsein zu bleiben. Als eine kleine Hand an seinem Ärmel zupfte, hatte Harry nicht einmal genug Kraft, um zu gähnen. Er mußte sich an der Kutsche abstützen, während eine ehrfürchtig starrende Erstklässlerin, die ihren ersten Blick auf das Schloß bekam, ihn weiterzog.

„Nimm du sie, Hermine. Ich bin zu müde, um jetzt zu rennen." Harry übergab ihr das Mädchen, dessen Kopf gefährlich weit zurückgebogen war, so daß sie die höchsten Türme von Hogwarts sehen konnte. Hin und hergerissen sah Hermine aus, als wollte sie ihn nicht für einen Augenblick zurücklassen, doch dann nickte sie einfach und drängte ihn – nichtsdestotrotz – zur Eile. Sie nahm die Hand des Mädchens fest in die eigene und schob sie zwanglos zu Ron, der sich, auf Hermines scheuchende Laute hin, mit ihr ein Rennen zur großen Halle lieferte. Sie folgten ihnen auf den Fuß. Hermine wollte nicht schon am ersten Schultag Punkte verlieren.

Harry seufzte schwer vor Erleichterung, als sie endlich verschwunden waren und trat viel langsamer durch die Tore. In dem Augenblick, in dem er auf den Boden von Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei, betrat, lächelte er seit langer Zeit das erste, wenn auch erschöpftes, doch ungekünstelte Lächeln. Harrys Augen leuchteten merklich auf. Sein ganzes Gesicht schien Freude auszustrahlen. Endlich, dachte Harry, endlich war er Zuhause. Er betrat Hogwarts mit Schriitten so leicht wie eine Feder.