Kapitel 18 – Außer Kontrolle
Vollkommen ausgelaugt, fuhr Harry mit beiden Händen durch seine Haare und rieb seine Augen, bevor er sich aufrecht hinsetzte. Der übermäßig begeisterte DADA-Professor wurde auf magische Weise von Dumbledore auf seinen Sitz zurückgezwungen; er schien kein Ende zu seiner beschwingten Rede über seine Lehrmethoden und allgemeinen Tugenden zu finden. Die meisten der Professoren sahen tatsächlich amüsiert aus. Die Schüler scherten sich einen Dreck darum und nach Dumbledores obligatorischem „Haut rein." gab es kein Halten mehr. Ron schrie vor Freude auf, als der Tisch endlich gedeckt war und er direkt vor sich eine große Schüssel mit heißer Kürbisgrütze fand. Harry selbst bevorzugte den Biß in einen Apfel. Er schloß die Augen. Süß und saftig. Das war der Himmel. Aber nicht jeder war beim Essen.
„Wow!" Seamus starrte noch immer mit offenem Mund an den Tisch der Professoren.
„Oh, Seamus, er saß schon die ganze Zeit da, während der Hut am Werk war."
„Aber ich hab ihn da nicht gesehen." Der Junge starrte weiter. Er war nicht der einzige.
„Seamus!" schimpfte Hermine. Ron kicherte.
„Was?" Mit verständnislosem Blick wandte er sich zu Dean. „Ich meine, hast du jemals jemand Lächerlicheren gesehen? Naja, bis auf Lockhart natürlich."
„Würd ich sagen," murmelte Harry und aufgrund der neugierigen Blicke fügte er hinzu: „Er erinnert mich an Dumbledore ohne Limonendrops und diesen verrückten, langen Bart."
„Harry!" Hermine musterte ihn ungehalten. „Das ist nicht sehr nett."
„Was? Das sie sich ähnlich sehen, oder das Dumbledore diesen Bart hat?" Harry glaubte wirklich, daß sie sich ähnlich sahen. Es war da ... aber auch nicht. Es war alles in den Augen. Hermine starrte ihn ungläubig an, aber Ron schien es nicht zu stören.
„Denkst du, er ist noch einer von Fudges Lakaien?" Wieder verstummten die Schüler um sie herum. Nach dem Erlebnis mit Umbridge hatten sie ein waches Bewußtsein, den eigenen Hals zu retten. Harry zuckte wortlos die Schultern.
„Harry?"
„Vielleicht, aber ich glaube nicht." Harry blinzelte die Wirbel der Magie aus den Augen, die von jedem aufstiegen wie Nebel über einem See. Er hatte mehr und mehr Schwierigkeiten, zwischen einzelnen Personen zu unterscheiden. Sie waren zu nah beinander, und Harrys Versuche die Magie des Schlosses zu ignorieren, waren vergeblich – es ließ seinen ganzen Körper sogar mehr als zuvor kribbeln. Harry beobachtete Brado aus dem Augenwinkel.
„Sein Kopf ist mit einem von Nevilles fehlgeschlagenen Kräutertränken gefüllt," dachte er laut. „Nichts außer Pampe."
„Yeah, Neville, nichts außer Pampe." Offensichtlich fand Seamus den Vergleich lustig, trotzdem Dean ihn warnend in die Seite boxte.
„Entschuldige, Neville." Das Gesicht verziehend, blickte Harry zu dem Jungen hinüber.
„Es ist in Ordnung, Harry." Der andere Junge lächelte schüchtern. „Meistens ist es Pampe," sagte er gutmütig und hob die Achseln.
„Ich bin sicher, es wird dieses Jahr nicht so schlimm, Neville," versuchte Hermine zu trösten. Harry schüttelte nur seinen Kopf, als er den vorsichtigen Blick des Jungen sah.
„Ich nehme Kräutertränke nicht, Hermine." Neville schluckte sichtlich.
„Oh, es tut mir leid." Sie war die einzige. Alle anderen gratulierten Neville und klopften dem erstaunten Jungen auf den Rücken. Es war nicht oft, daß er so viel Aufmerksamkeit erhielt. Harry runzelte die Stirn. Hatte Neville nicht gesagt, daß er Kräutertränke brauchte, für ein besseres Verständnis in Herbologie? Er konnte sich nicht erinnern.
„Laß uns später darüber reden." Harry schüttelte seinen Kopf.
„Warum?" Hermine warf ihren Kopf zu ihm herum. "Bist du in Kräutertränke hineingekommen?" Harry murmelte etwas Unverständliches und stopfte sich auf dieselbe Weise voll, wie Ron es zu jeder Mahlzeit tat. Ein Tag ohne Essen ist nicht tödlich, obwohl es auch nicht gerade erfreulich ist und höllisch nervend. Doch mit vollem Mund konnte er keine Fragen beantworten. Harry mochte die auf ihn gerichteten, gespannten Blicke nicht, aber sie trafen ihn immer, also war es keine wirkliche Beeinträchtigung. Er mochte nicht über OWLs und seine Kurse reden. Hermine blühte natürlich auf. Es war nicht, daß Harry sich nicht die Mühe gemacht hatte, den Brief zu lesen, sondern es erinnerte ihn an eine Zukunft, die weit, weit weg war. Harry hatte ernsthafte Zweifel, ob er noch immer anwesend war, wenn sein Punktestand benötigt wurde.
Die Haare in seinem Nacken standen zu Berge, und als ob er in die richtige Richtung gezogen würde, fanden seine Augen – nur für einen Augenblick – die Gestalt von Dumbledore. Harry erwiderte, das an ihn gerichtete Lächeln nicht. Er starrte einfach nur zurück zu ihm. Falls der alte Wasserkopf wußte, warum sich seine Magie veränderte und es ihm nicht gesagt hatte, würde Harry nicht nur einfach sein Büro zerstören. Der alte Mann würde nicht wissen, was ihn getroffen hätte. Was Dumbledore in seinen Augen erkannte, konnte Harry nicht sagen. Als er den Blick abwandte, hatte sich das Funkeln in den Augen des Direktors auf wundersame Weise getrübt.
Ärgerlich stocherte Harry in seinem Essen, seine freie Hand öffnete und schloß sich ohne bewußten Gedanken. Er mochte es nicht, im Dunkeln gelassen zu werden. Es half ihm nicht bei seiner Aufgabe. Die Tatsache, daß er die Stärke in sich nicht kontrollieren konnte, beunruhigte ihn, obwohl er es nicht zugeben wollte. Er war sich seiner Kraft bewußter als zuvor, aber er war noch längst nicht erwachsen und er mußte schlafen – unter anderen Dingen. Er mochte es nicht, wie das Schloß ihn langsam einkesselte. Für einen Augenblick hatte er es geschafft zu vergessen, aber jetzt war es fast genauso schlimm wie vorher.
Seine Augen taten weh, weil er nichts sehen konnte als das gleißende Licht der Magie. Seinen Teller zu finden, war eine Tortur gewesen. Hätte er nicht gewußt, daß er direkt vor ihm sein würde, hätte er ihn wohl kaum gefunden. Als das Essen aus der dünnen Luft herausgepoppt war, hatte es für einen Augenblick höllisch geschmerzt. Glücklicherweise war der magische Blitz verschwunden, bevor Harry Zeit gehabt hatte, zurückzuzucken. Seine Nerven waren auf gerieben und gespannt. Harry fühlte, daß etwas im Begriff war zu geschehen, und irgendwie bezweifelte er, daß es zu seinem Vorteil war. Zur Hölle, niemand hätte sich auf magische Plätze wie Hogwarts ausreichend vorbereiten können. Er wünschte sich, daß er zurück zur Winkelgasse gehen könnte. Dort war die Magie nur anstrengend, aber sie hatte kein Eigenleben.
Trotz der Macht, die er hatte oder in Zukunft haben konnte, jetzt erriet Harry nur, was sein nächster Schritt sein sollte. Er wußte, daß die nächste Bewegung falsch sein konnte, sogar tödlich. Harry spürte die Magie der anderen um sich herum, obwohl er nichts sehen konnte, bis auf diesen verdammten Wirbel aus Licht. Dennoch, wenn er sich hart auf die Personen neben sich konzentrierte, schien es beinahe möglich, die verschiedenen Auren zu erkennen. Unglücklicherweise tat es ihn seinen Augen und seinem Kopf weh und ließ seine Hände vor Erschöpfung zittern. Er fühlte, wie die Magie seiner Freunde zu ihm hinausgriff, obwohl er sie nicht sehen konnte. Harry legte seine Gabel zurück und drückte seine Hände zusammen, bis die Knöchel weiß hervortraten.
Er mußte sich bloß an all die Magie gewöhnen, die hier selbst den kleinsten Stein durchzog. Mit solch einem Mangel an Magie wie im Ligusterweg erwies sich die Gegenwart des Schlosses als etwas überwältigend. Die Schutzzauber bei den Dursleys waren stark, aber sie waren eine feste Konstante. Und Mrs. Figg? Nun ja, trotzdem sie ein Squib war, hatte sie dennoch eine magische Aura – es war jedoch nur eine schwache. Ihre Katzen konnten mehr Magie bewirken als sie.
Immer seinen Weg erraten zu müssen, war nicht was Harry bevorzugte. Er hatte eine Menge Bücher gelesen. Es war wie im Fall von Tom; er hatte einiges Wissen über ihn. Wie auch immer, es war eine ganz andere Sache, über Dinge Bescheid zu wissen, als sie wirklich zu tun – und sie zu durchleben. Er konnte es im Augenblick nicht ändern, als bekümmerte es ihn nicht sehr ... nun ja, doch; aber Harry wollte nicht darüber nachdenken. Er mußte herausfinden, was das Schloß – dieser verdammte Steinkasten – mit ihm machte.
Plötzlich vervielfachte sich die Magie, die durch seinen Körper brodelte, beängstigend. Sich umsehend, ob jemand merkte, daß etwas vorging, bis Harry die Zähne zusammen. Seine Freunde unterhielten sich lebhaft. Er wagte es nicht, zum Lehrertisch zu blicken. Er wußte, daß der Direktor ihn bereits beobachtete, abwartend, daß Harry ihm die Munition lieferte, mit der er arbeiten konnte. Harry hatte dringendere Dinge zu erledigen und – geradeheraus – kümmerte es ihn einen Dreck, welchen Gedanken der Direktor in der verrückten Murmel nachhing, die er seinen Kopf nannte. Von einem Augenblick zum nächsten hatte Harry mehr Schwierigkeiten die Menge der Magie zu kontrollieren, die das Schloß ihm jetzt sandte. Sein Kopf hämmerte gefüllt mit roher Energie. Seine Haut brannte, wo er irgendetwas berührte.
Harry war sich nicht sicher, ob sonst noch jemand die Magie bemerkte. Wahrscheinlich konnten einige der Schüler in seiner Nähe fühlen, wie sich die Luft um sie verdichtete und eventuell ein leichtes Prickeln in ihren Zauberstäben, die magisch eindeutig von der enormen magischen Kraft angezogen wurden, die sie umgab. Harry war ungewiß und er konnte niemanden fragen. Die Professoren kamen nicht in Frage. Dumbledore und Snape zog er nicht einmal in Betracht. Er würde in ihrer Gegenwart vorsichtig sein müssen, damit er sich nicht selbst verriet. Wenigstens in der Gegenwart des alten Knackers mußte er sich in Acht nehmen. Harry grinste reumütig. Snape würde bereits etwas argwöhnen. Der Mann glaubte immer, daß Harry etwas ausbrütete. Es würde Spaß machen, falls Harry es nicht übertrieb. Er blickte zu Hermine uns sah ihr nachdenklich gerunzelte Stirn. Ihre Brauen zogen sich zusammen und sie sah sich mißtrauisch um. Sie spürte es auch. Das war eine Tatsache. Harry biß die Zähne zusammen, schnappte seine Gabel und stach energisch auf sein Essen ein. Seine Hand zitterte vor Anstrengung, das goldene Besteck nicht einfach fallen zu lassen.
Es fühlte sich nicht richtig an, so hilflos und schwach zu sein. Harry hing von etwas ab, daß er nicht verstehen oder ändern konnte, und das machte ihm Angst. Seine Verärgerung und die Wut, die durch sein System rasten, halfen auch nicht gerade. Harry biß sich in die Innenseiten seiner Wangen bis er Blut schmeckte. Er konnte nicht loslassen. Er durfte es nicht! Seinen Kopf in die Hände gelegt, damit er nicht auf den Tisch prallte, blinzelte Harry in Alarm, als abgrundtiefe Dunkelheit begann, sich vor seinen Augen auszubreiten. Alles was er tun konnte, war still zu sitzen und keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Was heckte dieser dämliche Steinkasten jetzt aus?
Das Schloß sann über die neue Entwicklung und die plötzlichen Änderungen nach, die sich in so kurzer Zeit ereignet hatten. Hogwarts konnte sich schnell anpassen. Es analysierte die Muster, die es von dieser vielversprechenden, magischen Anhäufung erhielt. Ärger, Verwirrung und Schmerz. Glücklicherweise erkannte es keine Beleidigung, selbst wenn diese direkt vor seiner Nase war, eine Tatsache, über die Harry sich freuen würde, hätte er es gewußt. Die Dunkelheit dieser Anhäufung von Magie war unleugbar. Licht und Dunkelheit in ihrer reinsten Form waren innerhalb dieses einen Kerns gegenwärtig. In dieser Zweiteilung fand das Schloß dasjenige, das dazu bestimmt war, seinen größeren Sinn zu erfüllen.
Hogwarts beruhigte sich. Es hatte gefunden, wonach es seit Jahrhunderten suchte. Dennoch, war Eile nicht wichtig. Zeit war Zeit. Es brauchte mehr Informationen, bevor es handeln konnte. Eine endgültige Entscheidung erforderte, daß alle Fakten gesammelten und gewogen wurden. Nach allem kam Verweigerung nicht in Betracht. Es gab keine Möglichkeit zu entkommen, wenn das Schloß erst einmal seine Klauen ausgestreckt hatte. Wenn Hogwarts eine Entscheidung traf und seine Aufgabe weiterführte, waren die Resultate unumstößlich und für immer. Nichts konnte jemals etwas daran ändern. Nichts hatte jemals versucht, es zu ändern.
Als Hogwarts begann die Absichten dieser merkwürdigen Ansammlung von Magie zu prüfen, konnte es nichts entdecken, das seine eigene Existenz bedrohte. Es würde nichts tun, um in Dinge einzugreifen, die diese Entität in Zukunft tun würde, solange seine Absichten sich nicht änderten. Das Schloß würde vorbereitet sein. Hogwarts durchleuchtete die Ansammlung weiter. Die Magie des Kernes, den es vorhatte zu benutzen, war noch nicht vollständig entwickelt. Selbst ungelernt war die magische Kraft außergewöhnlich stark. Es reagierte fast auf einem instinktiven Level.
Es entdeckte, daß ein Band zwischen den langsam verschmelzenden Kernen existierte. Sie kämpften um Dominanz innerhalb der magischen Anhäufung. Hogwarts würde beobachten und sehen welche der Kerne die Oberhand gewann. Falls der falsche triumphierte würde es in einer Sache von Augenblicken die Gefahr assimilieren. Sollte der reine Kern an der Spitze bleiben und sich selbst treu, dann würde das Schloß es binden, denn dieser Kern war der eine, der fähig war, zu vereinen was zerbrochen war.
Das Band war eines der dunkelsten, welches das Schloß jemals gesehen hatte. Es brachte Hogwarts zum Nachdenken. Das Band funktionierte nur in eine Richtung; nur zum Nutzen desjenigen, der es gewirkt hatte. Dennoch, dieses Band verbarg etwas anderes, das nicht möglich sein sollte, etwas, das nicht einmal Hogwarts erkennen konnte. Es war alte Magie, zuletzt vor Generationen beobachtet, als das Schloß noch blendend hell in einem neuen Gewand aus verzaubertem Stein aufgeschossen war. Es vereinte zahlreiche unterschiedliche Entitäten.
Zwei andere Entitäten an sich zu binden war unmöglich. Das Schloß registrierte die schwache Kontrolle, welche die Magieansammlung über die wilderen Aspekte der vereinten Kraft hatte. Die beständige Bedrohung, die Kontrolle endgültig zu verlieren lugte über den Rand. Zuviel Streß könnte einen hohen Preis fordern. Das Schloß würde nicht erlauben, daß dies geschah. Zum ersten Mal in seiner Existenz wich es von seinem typischen Handlungsrahmen ab.
Es würde diesen besonderen magischen Kern nicht binden – ganz egal wie selten fähige Wesen waren – wenigstens noch nicht jetzt. Hogwarts mußte einen Weg finden, sich mit diesem magischen Gebilde zu verständigen. Dennoch, Kommunikation war unmöglich, da diese Entität nicht an allzu hohe Energielevel gewöhnt war. Alles andere konnte warten. Immerhin wartete Hogwarts bereits seit Jahrhunderten. Falls es sein mußte, würde es auch ein weiteres Jahrhundert warten.
Es war nur eine Sache, die es jetzt tun konnte. Ganz langsam würde Hogwarts ihre Magie zusammenbringen, beginnend jetzt. Jeder Tag würde sie ein bißchen dichter aufeinanderzutreiben. Es griff hinaus zu den beiden Kernen dieser Entität. Das Schloß benötigte mehr als unbewußt gewirkte Magie. Diese magische Sphäre war beeindruckend. Oh, die Dinge, die es vollbringen könnte, wenn es wüßte, zu was es fähig war. Dieser erstaunliche Ball aus Energie konnte auf eine Art und Weise Magie aus seiner Umgebung ansammeln, die das Schloß mit einem Äquivalent des Entzückens zurückließ; aber dennoch hatte Hogwarts kein Problem, es von seiner Quelle abzuschneiden.
Ohne das leichteste Zögern griff Hogwarts hinaus und umschlang die Kugel aus größtenteils wilder, aber sehr entwicklungsfähiger, magischer Energie mit Sorgfalt, wie eine Tante ein Kind umarmen würde, daß sie seit langer Zeit nicht gesehen hatte. Es hielt sich fern von dem hell strahlenden Herzstück, das mit unterdrückter Energie vibrierte und aus seiner Beschränkung auszubrechen suchte. Es wollte nicht, daß die Sphäre aufgrund der Überladung zerbarst, bevor der Kampf um die Dominanz in seinem Inneren nicht vorüber war. Das Schloß richtete seine Aufmerksamkeit auf das Dutzend Fixpunkte, die die Entität erschaffen hatte. Sie würden leichteren Zugang zu der Kraft erlauben, die ihm innewohnte. Es wäre leichter die Magie zu kontrollieren, wenn es einen Weg gab, auf dem sie entlangfließen konnte, ohne Schaden anzurichten.
Hogwarts war nahe daran als Vorstufe zu einem Band zu verschmelzen. Es konnte ungeschehen gemacht werden und würde nicht notwendigerweise bleibende magische Verletzungen beim schwächeren Teilnehmer verursachen. Todesfälle waren selten, aber nicht ausgeschlossen. Das Schloß handelte schnell und resolut, obwohl es niemals etwas wie dies je zuvor versucht hatte. Es gab keine Gewißheit, daß irgendjemand etwas Ähnliches getan hätte, wenigstens nicht freiwillig. Was das Schloß probierte, war nicht allzu fern von der Sitution, in der sich die Entität bereits befand. Einen Teil der eigenen Magie mit der eines anderen zu verschmelzen, führte unweigerlich dazu, daß beide Herzstücke zueinander hingezogen wurden. Es würde eindeutig damit enden, daß der Stärkere den Schwächeren schluckte. Hogwarts würde wissen, wenn dieser Punkt erreicht war. Nur dann würde es entscheiden, ob es eine Bindung einging oder die Entität zerstörte; eine andere Möglichkeit gab es nicht. Das uralte Gebäube scherte sich nicht um beide der zukünftigen Möglichkeiten. Es würde immer etwas anderes kommen, mit dem es arbeiten konnten, obwohl diese eine Sphäre die vielversprechendste war, die es bisher gefunden hatte.
Das Schloß fühlte die Besorgnis der Entität, als es seine Magie ausschickte. Hogwarts spürte die Stiche und Schläge der Energie, als ob es sein eigenes Bewußtsein ins Ziel nahm; wissend, daß es in demjenigen, den die Zeit ihm gesandt hatte, Schmerzen wachrief. Es fuhr mit seiner Handlung fort, nicht anhaltend, selbst als es spürte, wie der bewußte Verstand ihm entschlüpfte. Das Schloß brachte das Bewußtsein genauso schnell wieder zurück. Die Entität mußte wach sein und wissen, was vor sich ging. Hogwarts mußte jeden einzelnen der Fixpunkte des Wesens aufknüpfen und sie wieder neu zusammenfügen. Die neue Struktur änderte sich nur leicht, als etwas von dem Schloß selbst in das feine Netz hineingewoben wurde.
Worauf immer das Schloß während des Begrüßungsfestmahles abzielte, Harry kämpfte um wenigstens halbwegs ansprechbar gegenüber dem ständigen Geschnatter seiner Freunde zu erscheinen; nicht das er tatsächlich irgendetwas hörte, von dem was sie sagten. Ihm tat alles höllisch weh und Harry wollte nichts mehr als seine Kehle heiser schreien – aber er konnte nicht. Er war nicht einmal in der Lage, seinen Mund zu öffnen. Es fühlte sich an, als würde er von außen beherrscht werden. Er bewahrte nicht eine Unze von Kontrolle. Tränen der Schmerzen und Frustration trockneten in seinen Augen. Die Hitze aktiver Magie trocknete die kostbare Flüssigkeit, ehe sie seine Wangen erreichte. Jeder Muskel krampfte schmerzhaft. In den Augen eines Beobachters schien Harry entspannt zu sitzen, obwohl ein bißchen zusammengekauert. Wie konnten sie es nicht sehen? Wie konnten sie es nicht wissen? Hogwarts trennte ihn von seiner Umgebung und dem Rest der Welt einfach ab.
Tom schien die Attacke des Schlosses auch nicht zu mögen. Sie heulten im Einklang innerhalb der Zelle von Harrys schmerzendem Kopf. Keiner von beiden war fähig zwischen den Schreien, die in seinem Schädel widerhallten zu unterscheiden. Harry richtete den größten Teil seiner Aufmerksamkeit auf Tom. Des ehemaligen Dunklen Lords Instinkt zu überleben, drängte ihn dazu zu kämpfen. Oder – Harry hielt es auch das für wahrscheinlich – Tom wollte einfach nicht das Hogwarts ihn benutzte, als wäre er ein Muggel in Voldemorts Kerker.
Eine weitere Welle von Schmerz erschütterte den Jungen in den Grundfesten. Es war, als würde er von innen nach außen eingehend durchleuchtet werden. Er war unfähig, das Schloß abzulenken, und Tom wütete noch immer wie verrückt – wenigstens lenkte das seine Gedanken von den Dingen ab, die das Schloß noch immer mit ihm tun konnte. Hogwarts Gegenwart war immer in seinem Hinterkopf. Es trieb die unglaubliche Magie direkt durch sein Innerstes und verstärkte das Gefühl der Hilflosigkeit.
Der Streß mit den kombinierten Bestrebungen des Dunklen Lords und des Schlosses saugte Harry regelrecht leer. Für einen Augenblick verlor er beinahe sein Bewußtsein. Erst ein scharfer Schmerz holte ihn vom Abgrund zurück und ließ die unerträgliche Agonie wiederaufleben. Zorn blubberte und kochte tief in ihm drin. Sein Kopf flog auseinander. Ein magischer Sturm jagte durch jede Zelle seines Seins und ließ ihn tot für die Welt und durcheinander zurück. Einen Moment lang sehnte er sich nach dem Tod. Die ihn zermarternde Folter spitze sich zu und eine Sekunde später fühlte er sich nur noch leer; ausgelaugt bis ins Innerste und sehr wund. Vorsichtig blinzelte Harry. Eine Minute später holte er tief Atem. Er wartete, noch nicht bereit zu glauben, daß es vorbei war.
Ein Zucken in seinem Zeh ließ ihn wissen, daß sein Körper wieder unter seiner Kontrolle stand. Harry bewegte den Fuß unter dem Tisch in der Erwartung, auf etwas Substantielles – eine magische Blase oder ein Schild vielleicht? – zu treffen, etwas, das ihn von der Halle und den Personen um ihn herum trennte. Es gab nichts. Bis auf ein verhaltenes magisches Summen fand er nur Wärme, Stille und den Nachhall von Schmerz.
Merlin! Konnte es ihn nicht endlich in Ruhe lassen? A zittriger Atemzug entrang sich ihm, als er versuchte das Beben seiner mißbrauchten Muskeln zu unterdrücken. Harry schloß seine Augen. Er wollte einfach nur schlafengehen und niemals wieder aufwachen.
Als ob es darauf gewartet hatte, daß Harry diese Gedanken dachte, wurde das Schloß wieder ein einfaches Gebäude aus Stein. Hogwarts zog seine Präsenz zurück, um zu warten – für den Augenblick unbeeindruckt beobachtend. Es würde auf den warten, von dem es wußte, daß es derjenige war, den es in den kommenden Zeiten brauchen würde. Diese Entität war in etwas hineingetreten, daß es ein Teil von Hogwarts werden ließ, mehr als irgendetwas anderes, daß durch seine Hallen wanderte.
