Kapitel 19 – Alarmierende Konsequenzen

Harry fühlte sich tot für die Welt. Er hatte niemals etwas getan, daß so schwer schien, wie hier sitzen zu bleiben und scheinbar seinen Freunden zu lauschen. Er konnte sich kaum davon abhalten, einfach nach vorne zu kippen, bewußtlos. Bei dem Gedanken an diesen ... Wahnsinn fühlte er, wie sich seine Eingeweide wanden, obwohl die Präsenz des Schlosses vollständig verschwunden war. Das war eine Erleichterung, aber jetzt sickerte Erschöpfung in seine Knochen. Er brauchte einen Moment, bis er erkannte, daß sich die Dinge geändert hatten. Er fühlte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte und blinzelte rapide. Es war, als würde er am hellichten Tage aufwachen, unfähig irgendetwas zu sehen – blind für die Welt. Er hatte sich daran gewöhnt das Universum so zu sehen wie es wirklich war, dynamisch und wundervoll. Jetzt jedoch war der Regenbogen aus Farben größtenteils verschwunden und der Rest schien irgendwie trist und leblos, losgelöst von seinem wahren Wesen.

Seit dem Augenblick, in dem Harry in der Lage war die Magie um sich herum zu sehen, hatte er geglaubt, daß er es lieber nicht sehen würde. Jetzt war er sich nicht mehr so sicher. Er konnte noch immer einige der magischen Auren von jedem Lebewesen sehen, aber nicht die Magie, welche die Tische und Teller in verschiedenen Farben schimmern ließ. Steine und Holz waren jetzt nicht mehr als das – Steine und Holz. Die eher überirdische (aber wunderschöne) Magie, die alles durchdrang und die ganze Welt in einen prachtvollen Ozean aus Farben verwandelte, war weg.

Harry fühlte sich ziemlich verletzt und gekränkt, nicht wissend, was das Schloß getan hatte. Er hasste es, nicht gefragt zu werden bevor man ihn zu Handlungen zwang, die er lieber nicht tun würde. Sich fest konzentrierend, spürte Harry etwas wie ein Schild, das seine Magie umschloß. Es hielt ihn davon ab, auf seine Kraft zuzugreifen – oder auf das meiste davon, obwohl es kein Schild war ... Als er versuchte es zu durchstoßen, war es nicht mehr da – aber doch. Erschreckt merkte Harry, daß er nicht sagen konnte, wo dieses ... Ding begann und seine eigene Magie endete. Es fühlte sich fremd an, aber gleichzeitig merkwürdig vertraut. Schwer atmend riß sich Harry zusammen. Bis jetzt war der einzige Vorteil, den er ausmachen konnte, daß er nicht eine plötzliche Explosion über seine Freunde bringen würde. Persönlich – in diesem Augenblick – hätte er es genossen, Hogwarts zu Staub einzuebnen.

Vorsichtig blickte Harry sich in seiner seltsam stillen Welt um. Aufgrund seiner Erschöpfung beruhigte er sich. Geängstigt jenseits dessen was sein Verstand fähig war zu verarbeiten (und ein einfaches Unvermögen, irgendetwas wegen des Schlosses zu unternehmen) half, ihn zu bändigen. Die Menschen, Schüler und Professoren gleichermaßen, sahen ... falsch aus. Die hell gleißenden magischen Auren waren weg. Ein kaum sichtbarer Dunst war alles, daß sie jetzt noch umgab. Es war nicht gesund, über Dinge nachzugrübeln, die man nicht ändern konnte, Harry schob einfach alles davon zurück, in eine dunkle Ecke seines Verstandes. Tom blieb dort – wartend, oder eher die Abgrenzungen seiner Zelle entlang gehend.

Harry richtete seinen Blick streng auf seine mit Essen bedeckten, glanzlos goldenen Teller. Er konnte nicht wirklich schätzen, daß er ihn erkennen konnte. Verloren in seiner eigenen veränderten Sicht der magischen Welt, war Harry sich nicht der Blicke bewußt, die seine Freunde ihm zuwarfen als die Minuten langsam aber beständig vorbeizogen. Harry fühlte sich rastlos in dieser ruhigen Welt. Es war eigenartig zu denken, daß es schon immer so wie jetzt gewesen war. Vor den Ereignissen im Sommer hatte er nicht gewußt, was für eine außergewöhnliche Sicht der Welt er verpasste. Hermine würde alles geben, nur ein bißchen davon zu sehen, grübelte Harry. Er rieb sich sein Gesicht. Ein bißchen davon war für ihn nicht mehr genug. Er wollte es zurückhaben – alles davon.

Auf seine Umgebung mit der scharfen Wachsamkeit lauschend, die mit äußerster Müdigkeit kam (wenn man begann, sich leicht und losgelöst von allem wirklichen zu fühlen). Harry wußte plötzlich warum es so unmöglich ruhig war. Das ständige Flüstern der Magie, das verhalten summende Gemurmel von pulsierender und stetig arbeitender Energie, daß ein fortlaufendes Geräusch in seinem Hinterkopf gewesen war, war verstummt. Obwohl Harry aufmerksam lauschte, hallte nur das Schweigen in seinen Ohren wider. Nur ein schwacher Schimmer von etwas blieb. Zu wissen, daß es da war, aber es auf keine Weise richtig hören zu können, fühlte es Harry tief im Inneren seines Seins.

Betreffend seiner magischer Sinne war Harry wirklich taub und blind geworden. Wie auch immer, er blieb zitternd vor Sorge zurück, nicht wegen seines Verlustes, sondern aufgrund des Wissens, wozu Hogwarts fähig war. Was würde es – oder konnte es – ihm in Zukunft antun, wenn es seine Kraft so leicht genommen hatte? Her war plötzlich erleichtert, daß er sich entschieden hatte, einem wirklich einfachen Plan zu folgen. Alles was detaillierter ausgearbeitet wäre, wäre jetzt zur Hölle gegangen, denn es schien als hätten seine Prioritäten eine plötzliche, ziemlich unvorhergesehene Änderung erfahren. Bei seiner ersten Gelegenheit würde Harry herausfinden müssen, was das Schloß getan hatte und was es plante zu tun. Er würde sich nicht einfach zurücklehnen und dieses Machtspielchen hinnehmen. Auf keinen Fall!

„Harry!"

„Hä? Ja?" Er blickte von seinem Teller, den er intensiv angestarrt hatte, zu Ron auf. Schnell blinzelnd bei der veränderten Sicht, fühlte er sich als wäre er aus einem Traum herausgerissen (was ja auch irgendwie stimmte), obwohl es mehr ein Alptraum war.

„Was ist heute los mit dir, Harry? Es war bestimmt das fünfzigste Mal, daß ich gerufen habe, um endlich deine Aufmerksamkeit zu kriegen." Ron schnaubte, aber er sah besorgter aus, als er zeigen wollte. Harry verzog das Gesicht.

„Ich seh dich jetzt jedenfalls nicht rufen," sagte er trocken und musterte beide. Er konnte noch immer die Auren seiner Freunde sehen, wenn auch nicht so hell und glänzend wie zuvor. Die Farben (besonders in Hermines Aura) schienen irgendwie durcheinanderzuwirbeln, weniger präsent. Es war nicht so schlimm wie Harry geglaubt hatte – oder wie es hätte sein können. Er konnte sich noch immer viel Schlimmeres ausdenken und er schauderte, daran zu denken. Es würde jetzt nicht mehr sehr einfach sein, die Farben zu lesen, aber wenigstens konnte er noch immer etwas von jeder ihrer Auren erkennen.

„Ausnahmsweise hat er versucht, diskret zu sein, Harry." Hermine beobachtete ihn und hatte plötzlich einen ziemlich verschwörerischen Ausdruck auf ihrer Miene, als sie sich zu ihm beugte. „Du hast es gespürt, oder?" Sie sprach leise und spießte ihr Essen auf beinahe die gleiche Weise auf wie Harry es Augenblicke zuvor getan hatte.

„Tut mir leid, nein." Harry schüttelte seinen Kopf. So müde und verängstigt wie er war, er wußte noch immer, wann eine Lüge angebracht war. „Ich bin nur fast eingeschlafen, Hermine. Übrigens danke fürs Aufwecken," wandte er sich an Ron, während sich seine Stirn furchte. Alles war einfach ... falsch.

„Bist du in Ordnung?" Hermine würde das Thema nicht in Ruhe lassen wie Harry gehofft hatte. Gib ihr eine Spur und sie würde ihr bis zum Ende und darüber hinaus folgen.

„Natürlich." Harry nickte nachdrücklich und versuchte so auszusehen, wie es seiner Antwort entsprach. „Worüber redest du eigentlich? Was hast du gespürt?" Es war nicht leicht, diese Frage mit der richtigen Menge verwirrter Sorge zu stellen ohne schuldig zu klingen. Dennoch war es eine gute Möglichkeit herauszufinden, was sie tatsächlich erreicht hatte. Er beugte sich mit demselben verschwörerischen Blick zu ihr. „War es das Gleiche wie im Zug?"

Jetzt schien Ron auch fasziniert zu sein, wenn auch hauptsächlich verwirrt. Noch immer auf etwas herumkauend, daß wie ein Stück Tentakel vom Tintenfisch aussah, bedeckt mit der jetzt wohl eher lauwarmen Kürbisgrütze, lehnte er sich vor, um in der leisen Unterhaltung mitzureden. Sofort drehte sich sein Magen um. Harry mußte sich abwenden, um ein eher unschönes Ereignis zu vermeiden. Hermine schien noch immer nicht zu wissen, was sie sagen sollte. Etwas in Harry bereute bereits, sie gefragt zu haben. Er mußte wissen, ob er mit ihr zu rechnen hatte. Fragend zu ihr blickend, war genug um sie in einem kaum hörbaren Flüstern zum Reden zu bringen.

„Es war anders." Sie neigte ihren Kopf, ein Fingernagel folgte gezielt dem Muster in der Maserung des Holzes. „Es war nicht so überwältigend wie zuvor. Es schien ... kontrolliert oder von irgendetwas zurückgehalten ... als ob es nicht wirklich da war." Ein Gesicht ziehend, sah sie zu ihm auf. „Bist du sicher, daß es dir gut geht?"

„Ja, Hermine." Harry blinzelte und täuschte ein Gähnen vor. "Ich hab es dir gesagt. Mir geht es gut – nur müde. Ich brauche einen guten Nachtschlaf ohne Professoren, die ihre Köpfe reinstecken und mich wecken." Hermine starrte ihn aus nachdenklich verengten Augen an, als bezweifelte sie seine Worte. Harry fühlte sich wirklich besser – wenigstens auf magischer Seite. Ausgenommen von Tom hatte Harry nichts, das jeden Moment außer Kontrolle geraten konnte – nicht mehr. Harry wußte, daß er körperlich noch immer so bleich wie der Mond aussah, mit dunklen Gräben unter seinen Augen. Es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Wenigstens sah er nicht aus wie eine Hungerlatte. Er hatte während des Sommers ordentlich zu essen gekriegt – nun ja, bis auf während des letzten Tages aufgrund seiner eigenen Unachtsamkeit.

„Was willst du unternehmen?" Harry brachte sie zurück, ziemlich erleichtert, daß sie nicht endlos plapperte. Offensichtlich hatte es geholfen, bereits ein Erlebnis mit dem Gebrauch hoher Magie zu haben.

„Was ich tun werde?" Ein entschlossenes Funkeln schien in ihren Augen, als sie einen Blick durch die Halle warf, bevor sie auf Harry zu ruhen kam. „Ich werde es natürlich nachschlagen. Es ist schon zweimal passiert," erklärte sie rapide mit überraschenderweise viel Begeisterung. „Das bedeutet, es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, daß es etwas ist, das regelmäßig geschieht ... oder wenigstens mehr als ein Mal pro Jahrhundert." Ihre Augen wurden leicht glasig wie in einem Fieber. „Es muß Bücher über etwas wie das geben." Sie presste ihre Lippen verbissen zusammen. „Wo immer diese Bücher sind, ich werde sie finden, Harry." Das Mädchen erblühte unter so einer Herausforderung. Streß (und nicht einen Augenblick Freizeit) verlängerte ihr Leben und machte sie glücklich.

„Ich bin sicher." Harry lächelte ziemlich nachsichtig. Sie schien absolut entschlossen, das Rätsel zu lösen. Er mochte ihre hartnäckige Zielstrebigkeit und ihre Findigkeit in solchen Dingen ganz gern – meistens. Sie hatte mehr Möglichkeiten etwas zu finden als er; und Harry würde dieses Jahr viele Informationen nachlesen müssen. Er war froh, daß Hermine ihm helfen konnte, selbst wenn sie es nicht wissen würde.

Es war bedauerlich, daß er seinen zwei besten Freunden erzählen konnte, was ihn beschäftigte. Harry folgte diesem Gedanken reichlich schwermütig, obwohl er seine Entscheidung schon vor einiger Zeit getroffen hatte. Es waren hochsensible Informationen, die er verbarg. Harry traute ihnen nicht, daß Problem so zu handhaben wie er wollte, oder besser so wie er es geplant hatte zu lösen. Außerdem würden sie genug in ihren Köpfen haben und sollten sich ausnahmsweise nicht mit seinen Problemen befassen müssen. Hauptsächlich waren es selbstsüchtige Motive, die seinen Mund fest geschlossen hielten. Harry wollte nicht, daß sie irgendetwas über das erfuhren, was geschehen war, aus Angst das sie versuchen würden sich in Dinge einzumischen, über die sie nichts wußten.

Er konnte Ron bereits sehen, wie er mit einer Miene von erschrockenem Ekel zurückwich, nachdem Harry ihm erzählte, daß der Dunkle Lord wortwörtlich in seinem Kopf lebte. Er beobachtete alles, was Harry tat und versuchte wenigstens einmal am Tag sich zu befreien und die Weltherrschaft an sich zu reißen. Hermine würde höchstwahrscheinlich ihr Notizbuch hervorziehen und niemals wieder von seiner Seite weichen. Wenigstens so lange, bis sie einige klevere Bücher über Besessenheit gelesen hätte, an welchem Punkt sie es für Harry – und jeden anderen – für zu gefährlich erachten würde, wenn er ungehindert herumwandern konnte. Natürlich wäre es nur in seinem besten Interesse, daß sie in im tiefsten Kerker einsperren würden. Unausweichlich würden sie zu einem Professor rennen, wenn sie bemerkten, wie Harrys Entschlossenheit sich alleine durch sein Problem zu arbeiten sich nicht in nächster Zeit ändern würde. Sicher, sie würden nur versuchen ihm zu helfen. Es wäre egal, mit wem sie sprachen. Letztendlich würde Dumbledore es erfahren. Harry konnte dem Mann nicht vertrauen, daß er IHN tun ließ, wovon er wußte, daß es in dieser verrückten Situation das beste wäre.

Es gab nur einen Weg, wie Harry mit seinem Problem umgehen konnte – allein. Er hatte keine Wahl. Es war sein Problem und er würde sich darum kümmern. Es tat jedoch weh, nicht in der Lage zu sein neben seinem Spiegelbild noch mit jemand anderem zu reden; und er hatte nicht damit gerechnet, daß er auch Hogwarts in seinem Nacken hatte. Harry musterte seine Freunde mit einer Art bedauernder Standhaftigkeit. Er wollte nicht über Unterstützung nachdenken, die er nicht erbitten konnte, oder über eine Zukunft, die er nicht hatte. Seine Aufmerksamkeit zurück auf sein Essen richtend, lauschte Harry mit einem Ohr seinen Freunden.

Für den Augenblick schien Hermine beschäftigt ihre gründliche Forschung durch jedes der Bücher in der Bibliothek zu planen. Ron schob noch immer diese gräßlichen Dinge in seinen Mund. Einmal mehr nahm Harry einen Bissen von was immer sein Teller für ihn warm hielt. Er genoß mehr die Ruhe als den Geschmack des Essens. Harry wußte, daß dieser Moment von Frieden nicht lange währen konnte. Er fand sich wieder unter einem prüfenden Blick, nur Momente nachdem er seinen Verstand von den Sorgen die über ihm auftürmten, geklärt hatte. Er zögerte einen Blick auf den Tisch der Professoren zu riskieren, aber Harry mußte es wissen.

Mit leichtem Stirnrunzeln, sah Harry, wie der Direktor ihn nachdenklich beobachtete. Harrys Augen verengten sich. Dummes Schloß, etwas von seiner Magie direkt unter dier Nase des alten Mannes zu senden! Mittlerweile würde der alte Zwinkerer ausgeknobelt haben, daß was immer während des Sommers geschehen war weitreichende Folgen hatte, die nicht annäherned vorüber waren. Er sah nicht aus, als hätte er eine Ahnung, was genau vorging. Konnte es sein, das Dumbledore blind gegenüber des wirklichen Wesens von Hogwarts war? Noch immer? Es schien nicht wahrscheinlich, daß der Direktor etwas so Mächtiges in Ruhe ließ, ohne es zu kontrollieren. Nachdem er schon seit Jahrzehnten Direktor war, sollte er es nicht wissen?

Harry hatte sich geschworen, weit weg von Dumbledore zu bleiben wann immer möglich. Es würde dem manipulativen Bastard gut tun, einmal aus erster Hand zu erfahren, was es bedeutete, anderen zu vertrauen zu wissen was am besten war und gezwungen zu sein blindlings ihren Spuren zu folgen. Nun ja, Harry wurde früh genug herausfinden, wie lange Dumbledore ihn von der Leine ließ. Sicherlich wußte der krummnasige Mann, daß während des Sommers etwas vorgefallen war. Höchstwahrscheinlich hatte er Harrys Abwesenheit vom Ligusterweg bemerkt – darüber mußte er nicht nachgrübeln, nach dem Besuch des Ordens nur Augenblicke nach seiner Rückkehr. Laß ihn mißtrauisch sein. Es war egal. Es gab keine Möglichkeit, daß irgendjemand wissen konnte, was während seiner Abwesenheit geschehen war. Diese Dinge konnte niemand bis auf er selbst erzählen; jeder andere, der dort gewesen war, war tot. Natürlich konnte er sich an die goldenen Roben erinnern. Keiner von denen war dort gewesen, als Harry den Ort verlassen hatte. Es sei denn Snape ...

Harry schaute verstohlen weiter den Tisch hinab und schluckte, als der Tränkemeister seinen Blick mit selten zuvor gesehenener Ernsthaftigkeit erwiderte. Nein! Snape wußte gar nichts. Das gesamte Personal schien sich damit zu beschränken, ihn zu beobachten – wahrscheinlich im Auftrag von Dumbledore – bis Harry ihnen einen Aufschluß gab über all diese Vorkommnisse. Snape war keine Ausnahme. Der Mann blickte immer säuerlich drein. Im Augenblick mangelte es seinem verächtlichen Blick jedoch an dem Abscheu, den er normalerweise ziemlich überzeugend ausstrahlte.. Seine Augen waren so schmal zusammengezogen, daß es schien, als würden sie verschwinden, genau wie der fest zusammengepresste Mund. Harry glaubte, er könnte durch die Halle hinweg hören, wie seine Zähne knirschten.

Sie hatten nicht mehr als ein paar Worte gesprochen während der ganzen Zeit in der Winkelgasse oder am Bahnhof. Nun ja, hauptsächlich hatten sie auf dem Weg bloß fiese Bemerkungen ausgetauscht, oder besser Harry hatte genommen, was großzügig gegeben würde. Vielleicht vermutete Snape etwas. Es gab eine Menge Theorien, aber nichts Endgültiges. Harry blickte zu den Professoren auf. Es konnte nicht sein! Es durfte nicht sein! Snape würde mit Dumbledore gesprochen haben. Wenn der alte Kauz etwas wie das wußte, würde er nicht warten bis Harry aufgegessen hatte. Er hätte direkt neben dem Eingang des Schlosses gestanden, als Harry ankam.

Es war nicht möglich, daß Snape dort gewesen war ... nein. Harry blinzelte, schüttelte sich selbst aus dieser Spirale hinaus und zuckte innerlich mit den Schultern. Er konnte nichts tun, deshalb war es verlorene Zeit – wieder – darüber nachzudenken, was er letztlich tun würde. Harry würde sich nicht in Dingen wälzen, die außerhalb seiner Fähigkeit waren zu kontrollieren. Wenn Snape dort gewesen war, wäre er jetzt tot wie all die anderen. Punkt. Harry schob seinen Teller weg. Er war noch hungrig, aber sein Bedürfnis nach Essen war verschwunden. Ein Apfel und ein paar Bissen von ... Harry blickte hinunter. Es hatte einen Nachgeschmack von Kürbis, aber es glich nichts entfernt Ähnlichem. Was immer es war, es war nicht genug seinen Magen zu füllen.

Harry würde erst über Snape nachdenken, wenn äußere Umstände ihm keine andere Wahl mehr ließen. Er war nicht ohne Munition, falls sein erlauchter Tränkemeister sich dazu entschied, ihr kleines Tête-à-Tête auf eine andere Stufe zu bringen. Tatsächlich freute sich Harry darauf, wenn er bloß seine Magie besser im Griff hätte. Seufzend wandte Harry seine Beobachtung dem nächsten Individuum von Interesse zu. Er konnte kaum verhindern, daß sich seine Abneigung auf seinem Gesicht zeigte, direkt gefolgt von einem entnervten Rollen seiner Augen.

Brado trug noch immer dieses dämliche Lächeln und schien überhaupt nichts gespürt zu haben. Fröhlich auf Harrys eher finster blickende Hausleiterin einredend, schien sich Brado über nichts Sorgen zu machen. Hin und wieder winkte er einigen Schülern zu, deren Blicke er auffing. Obwohl Brados Beehmen nicht notwendigerweise etwas zu bedeuten hatte, war seine Aura beinahe unsichtbar geworden. Vielleicht sollte Harry auf ihn zu gehen und ihm sagen, daß er sich nicht mehr zu verstecken brauchte, da Harry nicht mehr in der Lage war irgendetwas zu sehen und wenn es direkt vor seinem Gesicht war.

„Er ist wütend, das er Neville nicht mehr hat, um Punkte abzuziehen. Er kann es bei Hermine ja nicht machen. Jeder weiß, daß sie keine Fehler machen, die sie nicht machen will." Harry wandte sich langsam um, damit es sich in seinem Kopf nicht drehte. Er blickte von Seamus zu Neville und wieder zurück und dachte, daß er schon wieder seinen Einsatz verpasst hatte.

„Du hast Snape rübergeschaut," erklärte Seamus ebenmäßig und grinste dabei wie der Racker der er war. „Er sieht aus, als ob er umkippen will und es bloß nicht tut, weil er weiß, daß wir ihm für diese Leistung applaudieren würden.

„Tut er?" Harry hatte nichts besonderes entdeckt. Er hatte das fahle Aussehen einfach für alltäglich gehalten. Harry gab keinen Furz über die Auswahl die Kluft des Mistkerls (aus den unzähligen schwarzen Roben, die er hatte) oder über irgendetwas anderes.

„Vielleicht fühlt er sich nicht gut?" Hermines Stimme der Vernunft meldete sich an und wurde von einer Wand von verständnislosen Blicken und achtungslosem Spott getroffen.

„Wie ich sagte," Seamus lächelte schadenfroh. „Er kippt um."

„Und wenn er ernsthaft krank ist?" Erneut war Hohn die einzige Antwort. Ron begann sogar vor Freude in die Hände zu klatschen, obwohl nur für einen Augenblick. Er mußte seine Gabel ablegen, um so eine Leistung zu vollbringen. Er bevorzugte jedoch mehr das Essen.

Nun ja, was war, wenn er krank war? Einmal mehr beobachtete Harry den Tisch und die Leute die daran saßen. Im Allgemeinen musterte er den Bastard nicht mit sonderlicher Aufmerksamkeit. Harry hatte vor, es dabei zu belassen, wenigstens solange wie er nicht Gefahr lief eine weitere der unzähligen (und meistens ungerecht ausgehändigten) Strafarbeiten aufgebrummt zu kriegen, die Snape versuchen zu schien zwei für den Preis von einer auszuteilen, wenn er sie Harry gab. Wie auch immer, sie hatten recht. Snape sah aus, als hätte er etwas Ekliges geschluckt. Harrys Augen weiteten sich mit Erkenntnis.