Snape (ebenso wie jeder andere Todesser) war mittels des Dunklen Mals an Voldemort gebunden. Harry glaubte, daß Snape gefühlt hatte, wie Tom gegen Harry in der Winkelgasse angekämpft hatte, ohne wirklich zu wissen, was vorgegangen war. Hatte Snape gefühlt, wie rasend Tom wieder war, als Hogwarts sein kleines Spielchen begann? In der Winkelgasse war es offensichtlich gewesen. Würde es immer so leicht wahrgenommen werden von denen, die an das ursprüngliche Dunkle Mal gebunden waren, wenn Tom und Harry ... Differenzen hatten? Obwohl jetzt, wo sich Tom von seiner früheren Gegenwehr beruhigt hatte, sollte alles was Snape gefühlt haben konnte, verschwunden sein. Hatte Snape überhaupt einen Nachhall dessen aufgefangen, was das Schloß getan hatte? Und wenn ja, könnte jeder, der das Dunkle Mal trug Hogwarts' Magie durch das Band toben fühlen, wie es das Band zu seinem neuen Ursprung verfolgte, bevor es sich zurückzog? Harry konnte sich nicht erinnern, ob das Mal, daß er jetzt mit sich herumtrug auf irgendeine Weise auf die gewaltsame Magie reagiert hatte. Falls es das getan hatte, erklärte das natürlich, warum Snape aussah, als wollte er sich in einer Ecke zusammenrollen – naja, nicht Snape, der würde eher jeden treten, der ihn seinen Weg kam, um so die Hauptlast seines eigenen Elends loszuwerden.
Harry hörte auf, den Tränkemeister zu beobachten und senkte seinen Kopf. Egal woran es lag, Harry hätte nichts dagegen tun können. Grinsend wandte er sich seinem Essen zu. Er zog den Teller zu sich und stocherte ein bißchen mehr in dem jetzt unidentifizierbaren Zeug – es hatte zu viel davon erlitten, um mit seinem äußeren Erscheinungsbild intakt zu überleben. Harry schüttelte seinen Kopf und warf einen flüchtigen Blick zurück. Wahrscheinlich dachte der Mistkerl bloß über Harry nach und verwöhnte Leben, das er mit seinen Muggelverwandten führte. Dieses Jahr würde Harry es ihm heimzahlen – nun ja, wenigstens sobald er nicht ganz so ausgelaugt war wie jetzt. Harrys Grinsen verbreiterte sich unwillkürlich. Es gab immer etwas, das es wert war zu leben, selbst wenn es nur war, um Snape zu verärgern, bis ausnahmsweise er es war, der die Kontrolle verlor. Es würde Spaß machen zu beobachten, falls er seine Augen lange genug offenhalten konnte.
Erschöpfung war auch so eine Sache, über die Harry nicht nachdenken wollte. Er war so müde, daß er einschlafen würde, wenn er sich nur vorstellte, sich hinzulegen. Nicht einmal ein flotter Spaziergang auf dem Dachfirst – in einem Gewitter – würde in der Lage sein, ihn wachzuhalten. Mit Augenlidern so schwer wie Berge nickte er Ron zu. Harry wußte nicht, was der Rotschopf einen Augenblick zuvor gesagt hatte, aber es mußte gut gewesen sein. Er grinste, als seine Freunde laut lachten. Selbst Neville versteckte ein Lächeln und Hermine hörte auf über Bücher nachzudenken – für einen Moment zumindest.
„Habe ich was Komisches gesagt?" Es war gut, seine Freunde ausnahmsweise einmal lachen zu hören, selbst wenn es wahrscheinlich auf seine Kosten ging. Er kümmerte ihn nicht wirklich. Alles was er wollte, war einfach aus der Halle zu gehen und in sein Bett zu klettern – jetzt.
„Nein, Harry." Vereint schüttelten sie ihre Köpfe und lachten. "Wir denken nur, daß du so schnell wie möglich ins Bett gehen solltest." Hermine lächelte, ihre Augen lachten noch immer.
„Das ist, was ich dir gesagt habe, erinnerst du dich?" Innerlich seufzte Harry schwer. Jedes Bett wäre willkommen. Wie lange noch, bis er in eines dieser wunderbar weichen Betten fallen konnte, die sie hier hatten? Er mochte diese Betten sehr gern, viel mehr als seine eigene klumpige Matratze im Ligusterweg. Hinzu kam, daß er keine Träume mehr über Voldemorts krankem Sinn für Humor und blindwütige Rache haben würde. Tom war sicher verstaut. Es gab keine Möglichkeit, wie er dort rauskommen konnte, und schlafen bedeutete, daß Harry über nichts nachdenken mußte. Um den Abend perfekt zu machen, mußte Harry nur noch ins Bett gehen.
Gerade als er dabei war fröhlich vor sich hinzudämmern, sprang Harry vom Tisch zurück, als Teller, Essen und alles andere abrupt in Luft auflösten. Er war nicht länger sensibel für die Magie, die in der Halle an der Arbeit war. Kein Schmerz war eine gute Sache. Er fühlte nicht einmal mehr das familiäre Prickeln um seinen Körper herum; aber gar nichts wahrzunehmen, schätzte Harry überhaupt nicht. Nichts zu denken und zu fühlen, passte ihm nur in seinem jetzigen Geisteszustand (einmal zuviel hin und hergestoßen für heute); Harry blieb sitzen und beobachtete mit etwas gedrückter Miene wie die anderen Gryffindors sich erhoben, um die Halle zu verlassen. Beide von seinen Freunden – insbesondere Hermine – kletterten von ihren Plätzen, um die Erstklässler einzusammeln und den neuen Aufsichtsschülern der Fünften zu helfen.
Da er damit beschäftigt gewesen war, eine dumme, verlorene Puppe zu suchen (gekrönt mit dem reichlich merkwürdigen und schmerzhaften Weg des Schlosses, ihn in seinen Hallen willkommen zu heißen), hatte Harry nicht nur schon wieder das Lied des Hutes verpasst, sondern auch die Bekanntgabe der Aufsichtsschüler. Dennoch, da es nicht jemand zu sein schien, den er mit Namen kannte, veranlasste es nicht dieses Kribbeln auf seiner Haut – nicht wie das Jahr zuvor. Es war ein einigermaßen wunder Punkt gewesen, daß beide seiner Freunde zu Aufsichtsschülern gewählt wurden, während er mit leeren Händen zurückblieb. Dieses Jahr jedoch würde es zu Harrys Vorteil sein, wenn sie ihre Aufsichtspflichten leisteten. Sie würden so beschäftigt ssein, daß Harry ein bißchen mehr Raum zum Atmen hatte, und Zeit um vorzubereiten, was kommen würde, ohne daß sie ihn ständig im Auge behielten.
Da Harry seine Aufmerksamkeit während auf die Erstklässler gerichtet hielt während sie in die Häuser eingeteilt wurden – wenigstens für den Teil, bei dem er anwesend war – wußte er nicht, wer in welches Haus gekommen war. Jetzt musterte er die neuen Gryffindors, wie sie stolz und mit aufgerissenen Augen in großem Gedränge folgten, um nicht am ersten Tag der Schule ihren Weg zu verlieren. Leider konnte er den Kopf voll schwarzer Locken, den er gehofft hatte zu finden, nicht entdecken. Harry hatte eine Zuneigung für das Mädchen entwickelt, irgendwo entlang des Weges von einer vergessenen Puppe zum Schloß. Er wußte nicht warum, aber vielleicht war es, weil sie genauso verloren ausgesehen hatte, wie er sich die meiste Zeit seines Lebens fühlte.
Er konnte weder Kind noch Puppe irgendwo in der Masse von Menschen entdecken, die aus der Halle in Richtung des Gryffindorturms hinauswogte. Sie war dann vielleicht in eines der anderen Häuser gekommen. Vielleicht war es besser für sie. Menschen, denen er nicht zu nahe kam, neigten dazu, um Jahre länger zu leben, als die mit denen er nahe kam. Seine Augen strahlten die Dunkelheit seiner Gedanken aus und Harry blinzelte jegliches Bedauern, das er fühlte, weg und grinste gähnend. Falls das kleine Mädchen in eines der anderen Häuser einsortiert war, würde es Rons Schuljahr bestimmt ein kleines bißchen leichter machen. Es würde schwer sein für Ron, während der ganzen Zeit ein Auge auf die kleine Schwester von Ginnys Freund zu haben, so wie er es ihrer Mutter versprochen hatte. Jetzt war seine Ausrede gut genug; er konnte unmöglich den Gemeinschaftsraum eines anderen Hauses betreten. Ron hatte mehr Glück als er verdiente, so einfach aus seiner Pflicht herauszukommen.
Harry blickte den Tisch hinunter, wo Ginny und ihre Freunde sich – gemeinsam mit Harrys Verderben Colin und Junior Nik – von ihren Plätzen erhoben. Rons Schwester schien mit der Wahl der Professoren nicht einverstanden zu sein. Harry hatte nicht gewußt, daß sie selbst Aufsichtsschülerin werden wollte. Dennoch, die Blicke, die sie gegenwärtig den neuen Aufsichtsschülern zuwarf, zeigten eindeutig ihren Widerwillen und versprachen keine enge Freundschaft. Harry wandte seine Augen ab, als eine Gruppe Fünftklässler seinen Platz passierte. Er wollte nicht in eine andere Unterhaltung mit Junas Brado hineingezogen werden; sein Magie stimmte völlig mit ihm überein. Sich hinunterbeugend, um seine Schnürsenkel und die Reste seines Bewußtseins einzusammeln, seufzte Harry. Er fühlte sich erleichtert, als er die Gruppe von Füßen die Halle verlassen sah, ohne neben ihm Halt zu machen.
Unglücklicherweise war er sich sicher, daß er Ginnys ausgetretene Stiefel erkannt hatte, wie sie ihren Schritt verlangsamten und gefährlich nah kamen, neben ihm zu halten. In einem lahmen Versuch, das Mädchen zu vermeiden, sank Harry noch tiefer hinab, um sich zu verstecken, wie es kein wahrer Gryffindor tun würde. Wie auch immer, selbst ein Gryffindor konnte nur so viel einstecken. Nicht einmal der Gryffindor in Harry war für eine erneute Herausforderung gewappnet, bevor er nicht für wenigstens zehn Stunden geschlafen hatte. Als er aufstand, war die Erleichterung in seiner erschöpften, aber nichtsdestotrotz zufriedenen Miene offensichtlich. Harry wirbelte heftig herum, als er einen ziemlich harten Schlag auf dem Rücken fühlte. Er atmete wieder aus, eindeutig wacher als noch Momente zuvor.
„Gut gemacht, Harry." Seamus lächelte und zwinkerte seinen Freunden zu. „Ich würde mich auch nicht mit ihm unterhalten wollen, direkt nachdem ich gegessen hätte." Seamus folgte den sich davoneilenden Rücken mit seinen Augen, klar auf den hell glänzenden, pinken Kopf konzentriert, der unter den ganzen brünetten, blonden, schwarzen und dem einen karrottenroten, die sie zu sehen gewohnt waren, herausstach.
„Danke Seamus." Harry grinste. "Genau das dachte ich auch." Es machte keinen Sinn, Seamus von seiner falschen Schlußfolgerung abzubringen. Sich zu den jetzt irgendwie ernsten Gesichtern umsehend, runzelte Harry finster die Stirn. „Was tut ihr alle hier?" Er blickte von einem zum anderen. Nur Neville hatte den Verstand, schuldig zu gucken, nervös von einem Fuß auf den anderen tretend.
Seamus öffnete seinen Mund, bestimmt um etwas Lächerliches zu sagen. Dieses Mal stoppte ihn Dean, bevor er einen Narren aus sich machen konnte ... oder wahrscheinlicher aus jemand anderem. Harry war Dean wirklich dankbar. Seamus' Humor war in Ordnung. Es war nur ein anderer Weg, mit all dem, was der Krieg auf ihre Türschwellen fallen ließ, klarzukommen. Nach Harrys Auffassung war es einer der besseren, gesünderen Wege, um den Kopf auf den Schultern zu behalten und den Verstand weg von Depressionen. Etwas, auf das Harry gerne hinweisen würde, falls irgendjemand daran dachte, ihn nach seiner Meinung zu fragen.
Schulterzuckend lieferte Dean ihre Erklärung mit einer nachsichtigen und leich entschuldigenden Miene. Seine Augen zeigten sein Einverständnis, zu dem was auch immer sie diskutiert hatten, während Harry beim Essen ein und denselben Gedanken nachgehangen hatte.
„Hermine hat gesagt," ließ ihn Dean wissen, „daß wir dich sicher ins Bett bringen sollen, so daß du nicht irgendwas tust und dich in Schwierigkeiten bringst. Wie beim Gehen einzuschlafen und dich zu verirren, so daß du im Slytherinterritorium endest."
„Sie hat was?" Ehrlich, Harry war bewegt. Nur Hermine konnte sich so etwas ausdenken. Es fühlte sich nicht ganz so schlimm an zu wissen, daß es Menschen gab, die sich wirklich um ihn sorgten. Dennoch mußte er es nicht mögen.
„Sie ließ uns auf unsere Ehre als Zauberer schwören." Seamus grinste. Harry dachte, daß er es lustig finden mußte. Seamus schien geduldig zu warten bis Harry bereit war zu gehen.
„Auf eure Ehre als Zauberer, hä?" Harry schüllte in dumpfer Belustigung seinen Kopf. Ein Lächeln zog an seinen Mundwinkeln. Es wäre nicht übel, auf dem Weg Gesellschaft zu haben. Es wäre weniger wahrscheinlich, daß etwas Schlimmes geschah, solange er von seinen Freunden umgeben war. Er hoffte außerdem, daß die Korridore nicht ganz so lang erscheinen würden, als wenn er allein war – mit Hogwarts.
„Na dann," Harry entschied sich mit Hermines freundlichem Vorschlag von Gemeinschaft mitzugehen (selbst wenn sie ihm nicht gerade viel Wahl gelassen hatte), „laßt uns endlich gehen. Ich will euch ja nicht von der Willkommensparty abhalten, die sie im Gemeinschaftsraum geben."
Die Party war Verantwortlichkeit der Siebtklässler, aber aufgrund des mächtig gepanschten Butterbiers (und einer Menge schmutzigen Geredes) war es nur den beiden letzten Jahrgängen erlaubt, bis zum Ende dabei zu sein. Fünftklässler und alle darunter wurden gegen halb elf aus dem Gemeinschaftsraum herausgetrieben. Sie verbrachten den Rest ihrer ersten Nacht damit, sich in ihren jeweiligen Schlafräumen zu verstecken. Trotzdem war es ein eine echte Sehenswürdigkeit zu beobachten, oder besser zu belauschen. Jedes Jahr neigten die Zaubersprüche, die jegliche Geräusche für Außenstehende zum Schweigen brachten gegen Mitternacht nachzulassen. Entweder waren die Schüler zu betrunken, um sie aufrecht zu erhalten, oder die Professoren wußten Bescheid und tolerierten diese Feiern – wenigstens bis Mitternacht. Dann pflegte McGonagall gewöhnlich mit ihrem strengen, aber freundlichen Blick in den Gemeinschaftsraum hineinzustürmen und schickte die verbleibenden Schüler in ihre Schlafräume. Harry dachte sich, das diese Nacht ähnliche Partys in jedem der anderen Gemeinschaftsräume stattfanden. Er fragte sich, ob die auch um Mitternacht dichtgemacht wurden. Schließlich konnte etwas wie das unmöglich vor den Professoren verborgen bleiben.
Harry krümmte sich innerlich über den Tumult, dem sie alle gegenübertreten würden, als er seinen Weg zum Ausgang der Halle machte – Neville, Dean und Seamus bewegten sich still mit ihm zusammen. Harry begann sich träge zu wundern, ob seine drei Begleiter sich fragten warum Hermine es für notwendig hielt, daß sie ihm Gesellschaft leisteten. Neville beendete das Schweigen ziemlich plötzlich, als er Harry schüchtern fragte, ob er vorhatte, zu der Party zu gehen. Hary hatte gedacht, daß der Junge diesen Teil seiner Selbst während des letzten Jahres überwunden hatte. Neville war wirklich überzeugt von sich gewesen, richtig selbstbewußt. Wohin war der Neville vom Ministerium für Magie jetzt verschwunden? Es war das erste Mal, daß Neville etwas zu ihm sagte, ohne das man ihn zuvor ansprach. Harry musterte ihn schweigend, ehe ein weiteres Gähnen ihn belustigt seinen Kopf schütteln ließ.
„Nein, Neville," lehnte er höflich ab. „Ich glaube nicht, daß du mich zu meinem Bett tragen willst. Aber wenn du wirklich möchtest," sagte er scherzend, „komm ich für ein paar Augenblicke dazu – eine Minute oder so." Plötzlich ernsthaft: „Tatsächlich kannst du mich dann vorm Herd aufsammeln – wo die Party am heftigsten ist."
„Warum da?"
„Einfach." Harry schmunzelte und seine Augenlider senken sich und blieben gefährlich weit unten. „Niemand würde auf die Idee kommen, daß irgendjemand dort schlafen könnte. Also werden sie nicht versuchen, mich aufzuwecken. Sie werden glauben, daß ich einfach nur zu betrunken bin, um meine Augen offenzuhalten." Harry blinzelte müde. „Glaub mir, ich kann überall schlafen."
„Ich mache es mir dann zur Aufgabe, dich zu wecken, Harry." Seamus legte den Arm um Harrys Schulter. Niemand bemerkte das leichte, instinktive Zusammenzucken, das Harry augenblicklich niederkämpfte. Er ertrug die kameradschaftliche Berührung länger als er geglaubt hatte, fähig zu sein. Seamus meinte es schließlich nur gut. Harry würde lernen müssen, Menschen wieder zu vertrauen, aber er würde es später tun. Er dachte, daß der Tag ihm viel mehr zum Händeln gegeben hatte, als ein Tag geben konnte.
Er holte bereits tief Luft vor Erleichterung, als er Professor McGonagall direkt in ihre Richtung kommen sah. Die Miene, die sie trug, sah so gespannt aus wie der Dutt, der ihren ergrauenden Kopf schmückte. Harry hielt plötzlich, als wäre er überrascht, froh, daß Seamus ihn losließ. Der andere Junge folgte harrys Blick bis zu der sich nähernden Professorin. Wenigstens, dachte Harry, hatte er eine Entschuldigung, um nicht zur Party zu gehen. Es gab keinen Grund mehr, dort den glücklichen, kleinen Gryffindor für seine Freunde zu spielen.
„Ich glaube, daß ich auf meinem Weg zum Turm andere Gesellschaft haben werde, Jungs." Die drei Jungen starrte die anrückende Frau bloß an. Harry nutzte die Gelegenheit, um seine drei Freunde wirklich anzusehen, oder genauer gesagt ihre Mienen. Er bezweifelte, daß sie irgendetwas über Harrys abenteuerlichen Sommer wußten. Falls sie es taten, hätten sie ihn schon längst gefragt. Außerdem würde eine Geschichte wie die nicht lange geheim bleiben. Jeder Schüler hätte darüber gehört, noch bevor sie zur Schule zurückgekehrt wären. Trotzdem schien niemand etwas zu wissen. Die flüchtigen Blicke und das Starren, die er von der Schülerschaft allgemein bekam, waren nur die normalen, die er jedes Jahr kriegte. Es hatte kein Flüstern oder hämische Blicke gegeben – nun ja, bis auf Malfoy, aber das war etwas vollkommen anderes.
Harry verlagerte seinen prüfenden Blick auf seine Hausleiterin. Er zweifelte, daß man ihr mehr als vage Informationen gegeben hatte. Dumbledore konnte stundenlang reden oder tatsächlich etwas zu sagen. Harry wußte nicht, wie Dumbledore es geschafft hatte, die Presse, und mit ihr den ganzen Rest der gewöhnlichen Bevölkerung der Zaubererwelt, von der Erkenntnis seines Verschwindens im Sommer fernzuhalten. Doch er hatte es getan, was zeigte, daß der alte Mann in der Lage war, den Informationsfluß zu stoppen, wenn es in seinem Interesse war. Dämlicher, manipulativer Bastard. Sein Gesicht unbewegt, beobachtete Harry seine Hausleiterin weiter, als sie direkt vor ihr kleinen Gruppe von Gryffindors anhielt. Seine Freunde zappelten unruhig. Harry war ein bißchen neugierig, aber größtenteils nur müde.
„Sie gehen weiter zu ihrem Gemeinschaftsraum, Gentlemen," sagte sie in schroffem Ton. Seine Freunde nickten nach einem kurzen Augenblick des Zögerns, hingen aber zurück. Seamus wagte sich, die Professorin zu informieren, daß sie dafür sorgen sollten, daß ihr erschöpfter Gryffindorfreund es sicher zu ihrem Gemeinschaftsraum schaffte. Neville warf sorgsam abschätzende Blicke von seiner streng dreinblickenden Professorin zu dem geduldig wartenden Harry.
„Ich bin sicher, daß ich für Mr. Potters Sicherheit sorgen kann, Mr. Finnigan." Harry dachte, daß sie verdächtig dankbar klang, daß einige seiner Klassenkameraden auf ihn aufpassten. Mißtrauisch gegenüber seiner Hausleiterin, verengte Harry seine Augen, als er sich aber unter einem durchbohrenden Blick wiederfand, starrte er sie nur mit müder Langeweile an, die er für den größten Teil des Tages angenommen hatte. Er fühlte ein gutes Maß an Verwirrug darüber, was er bereits möglicherweise getan haben könnte, um es zu verdienen, ins Büro des Direktors gerufen zu werden, da das normalerweise war, was diesen kleinen Unterhaltungen mit seiner Hausleiterin folgte.
Mit einem verbotenen Ausdruck sandte die stellvertretene Direktorin die Jungen auf ihren Weg, bevor sie Harry zur Seite nahm. Die ältere Frau beobachtete ungeduldig, wie seine Freunde aus der Halle gingen. Sie waren kaum verschwunden, als Harry sich selbst unter dem Gewicht ihres durchdringenden Blickes fand. Etwas wie Mitleid spiegelte sich in ihren Augen. Harry mochte Mitleid nicht sonderlich gern. Vielleicht war es nur Sorge? Seine Fähigkeit Emotionen zu lesen war etwas durcheinandergeraten. Seine Erschöpfung beeinflusste ihn stärker als seine kürzliche Unfähigkeit die korrekten Farben einer menschlichen Aura zu erkennen. Harry sah davon ab zu antworten und entschied sich statt dessen, einfach zu warten und zu sehen wohin diese Unterhaltung führte. Nach einem weiteren langen Augenblick des Schweigens, während welchem er von oben bis unten einer recht ... unangenehmen Prüfung unterzogen wurde, wartete Harry auf seine Professorin, ihm zu erklären, warum sie zu ihm gekommen war.
„Sie sehen krank aus, Mr. Potter," bemerkte sie unverblümt. „Müssen Sie Madam Pomfrey sehen?" Harry blinzelte erstaunt. Er hatte nicht gedacht, daß sie von allen Dingen seine Gesundheit ansprechen würde.
„Ich bin nicht krank, Professor. Ich bin müde." Er gab ihr sein unschuldigstes Lächeln. Harry wußte, daß es wenigstens McGonagall bezaubern würde, ihm ein bißchen Freiraum zu lassen. Falls seine Persönlichkeit mehr wie Nevilles gewesen wäre, hätte er einfach seine Augen ab zum Boden wenden können, als fände er die Steine wirklich interessant. Harry Potter war nicht als schüchtern bekannt. Er starrte sie an, wollte, daß seine Professorin endlich zur Sache kam und ihn dann in Ruhe ließ.
„Nun gut, sehen Sie zu, daß es nicht mehr ist, Mr. Potter." Ihre Augen verengten sich und Sorge lugte klar durch ihrem strengen Gehabe hindurch. „Falls Sie sich in einem Tag nicht besser fühlen, sehen Sie zu, daß sie Madam Pomfrey besuchen. Sie ist aus gutem Grund hier."
„Jawohl, Professor," sagte Harry in seiner strahlensten und fröhlichsten Stimme, die er aufbieten konnte. Er schaffte es sogar, seine Augen davon abzuhalten, vor Erschöpfung zuzufallen.
„Vergessen Sie es nicht." Sie blickte ihn an, als ob sie ihn dazu bringen konnte, allein aufgrund ihrer guten Absichten zum Krankenflügel zu gehen.
„Ich werde es tun, Professor." Doch Harry fühlte nicht, daß er tatsächlich schwor es zu tun, da er die wahre Bedeutung seiner Worte für sich behielt.
„Nun dann, Mr. Potter. Kommen wir zum Thema." Harry wartete mit geweiteten Augen, eine Leistung, auf die er wirklich stolz war, je länger der Tag andauerte. Er sehnte sich jedoch nach seinem Bett.
„Hier. Ich habe Ihre Schulbücher, die sie für Ihre Kurse benötigen, Mr. Potter."
„Danke, Professor." Harry lächelte süß. War er nicht ein netter Gryffindor, den sie alle liebten und bewunderten? „Das für mich zu tun, war wirklich freundlich, Professor." Ihre Miene wurde wärmer. Sie begann weniger so auszusehen, als würde sie jemandes Kopf abbeißen (obwohl ihr Dutt noch immer genauso straff war). Harry versteckte sein Grinsen, als er den offensichtlich geschrumpften Beutel entgegennahm. Es war klein genug, um mit Leichtigkeit in seine hohle Hand zu passen.
„Sie werden ihn in einem günstigen Augenblick vergrößern wollen, Mr. Potter." Harry bemerkte sofort, daß die Schärfe aus ihrer Stimme verschwunden war. Irgendwo in den Tiefen seines Verstandes fühlte er sich schuldig, mit den Gefühlen von Menschen so zu spielen, obwohl er es dennoch wieder tun würde, hätte er die Wahl. Es war besser, als lange Erklärungen und Diskussionen über den Grund, warum er so aussah wie er nun einmal aussah. Er wollte sich nicht mit den möglichen Folgen herumplagen müssen. Der Slytherin in Harry konnte die Notwendigkeit einige Dinge geheimzuhalten durchaus verstehen. Seine Emotionen zu verbergen, hatte ihm in der Vergangenheit mehr geholfen, als er zugeben wollte.
„Wissen Sie, warum Ihnen untersagt war, zur Winkelgasse zu gehen?" McGonagall hörte sich bedrückt an. Vielleicht konnte sich wirklich verstehen, was es für einen Jugendlichen bedeutete, von jeglicher Art Vergnügen abgehalten zu werden. Sie unterrichtete jetzt schon viele Jahre lang hier. Es war eher traurig, daß sie all die undankbaren Jobs zu kriegen schien, die Dumbledore selbst nicht machen wollte. Nun ja, alle Jobs die weder Töten oder Spionieren beinhalteten. Für solche, Harry war sich sicher, nutzte Dumbledore andere Optionen in seiner Reichweite. Blinzelnd kehrte Harry zum Hier und Jetzt zurück.
„Ja, Professor." Wegen der Wirkung übernahm Harry selbst einen bedrückten Tonfall. „Hermine und Ron haben mir etwas von dem erzählt, was vorgeht, aber ich bin nicht sicher, daß ich alles verstehe." Er schaffte es, gleichzeitig verwirrt, unschuldig und bemitleidenswert neugierig auszusehen.
Es schien, als ob sich seine Professorin kaum davon abhalten konnte, ihm den Kopf zu tätscheln oder ihm eine Mitleidsumarmung zu geben. Sie sah aus, als wüßte sie für einen Augenblick nicht, was sie tun sollte, obwohl Harry sich sicher war, daß sie jeden Moment zu ihren harschen Gebaren zurückfinden würde. Er wollte nicht ihre Erklärung hören. Harry wußte die Wahrheit bereits und war nicht an irgendetwas anderes interessiert. Indes, es konnte nichts schaden, wenn er seine Geschichte wenigstens einmal probte, bevor er sich auf den Weg zum Büro des Direktors machte. Mit einem Blick so rein und unschuldig, als glaubte er jedes Wort davon, bot er seiner Hausleiterin seine eigene Version an.
„Direktor Dumbledore wollte nicht, daß ich in die Winkelgasse gehe – selbst mit der Unterstützung der Auroren, wegen der dunklen Aktivitäten und Voldemorts anwachsender Stärke während des Sommers." Harry hielt es einfach und vage. Auf diese Weise würde er sich nicht so leicht in Widersprüche verfangen. Es ließ ihm außerdem die Möglichkeit offen, wenn nötig Details der Geschichte hinzuzufügen oder zu ändern, sollte er später gründlicher befragt werden.
„Ich weiß, daß gesagt wird, daß im Ligusterweg etwas passiert ist, aber keiner meiner Freunde konnte mir sagen was. Wissen Sie es, Professor?" Harry neigte seinen Kopf und spähte grübelnd zu ihr hinauf. Sie war eine dünne Frau, genauso groß wie streng. Es gab keinen großen Größenunterschied zwischen ihr und dem Tränkemistkerl. Harry konnte den Augenblick erkennen, als sie ihre Gefühle in den Griff bekam und die strenge Professorin für Verwandlung wieder zurück war.
„Ich bin nicht sicher, daß ich diejenige sein sollte, die es Ihnen erzählt, Mr. Potter. Bestimmt möchte der Direktor selbst mit Ihnen sprechen." Ihre Augen weiteten sich nur leicht und sie presste ihre Lippen zusammen, kaum sichtbar, aber Harry bemerkte es.
