Harry und Professor McGonagall standen in der großen Halle von Hogwarts. Ihre 'kleine Unterhaltung' fing an auf Harrys Nerven zu gehen. Er wußte noch immer nicht, was genau sie von ihm wollte. Harry war so müde und wollte einfach nur in sein weiches, warmes Bett im Gryffindorturm steigen.
"Haben Sie ihren Brief betreffend Ihrer OWLs gelesen, Mr. Potter?" Harry runzelte über den plötzlichen Themenwechsel die Stirn, bekam aber keine Möglichkeit zu antworten. Seine Professorin schien auf einmal in Eile, daß Gespräch zu beenden, aus welchen Gründen auch immer.
„Ich wollte mit Ihnen sprechen, Mr. Potter, bevor Sie Ihren Stundenplan erhalten. Ich muß sagen, daß es mir wirklich—" Ihrer beider Köpfe wirbelten herum, als ein Schmerzensschrei durch das Schloß hallte und ein dumpfes Poltern ihm folgte. Alles verstummte für einen Augenblick, ehe hastige Schritte gemeinsam mit dem Geräusch wimmernder Schreie und den Rufen nach Hilfe widerhallten. Professor McGonagall brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden. Sie warf sich so scharf zu Harry herum, daß der stramme Dutt auf ihrem Kopf drohte sich loszureißen und wie eine Gewehrkugel quer durch die Halle zu schießen. Auf die widerhallenden Rufe nach Hilfe antwortend, wirbelte ihr Kopf erst in die eine, dann in die andere Richung mit einer Abruptheit und Energie, daß Harry glaubte, sie würde das nächste fast kopflose oder kopflose Wesen in Hogwarts werden.
Unbeteiligt beobachtend, bewegte Harry sich nicht nach dem ersten Schrecken. Er war einfach viel zu müde, um sich über irgendetwas anderes als Schlaf Sorgen zu machen. In jedem anderen Schuljahr wäre er jetzt völlig Gryffindor geworden in dem Versuch jedem zu helfen und zu retten. Selbst wissend, daß es andere Personen gab, die fähiger waren, schneller und auf bessere Weise zu helfen, hätte ihn da nicht gestoppt. Seine Macke alles retten zu wollen, war viel zu sehr ein Teil von ihm. Es war in jeder Zelle seines Körpers eingeprägt. Harry musterte mit beinahe klinischem Interesse, als seine Professorin beachtlich erbleichte. Sie beobachtete die Türen zur großen Halle mit Dringlichkeit, beinahe verängstigt, bevor sie ihr durchdringendes Starren ihm zuwandte, ein Blick der zu wissen verlangte, was in seinem Kopf vorging.
„Wir werden später miteinander sprechen müssen, Mr. Potter. Bitte gehen Sie jetzt zum Büro des Direktors. Ich bin sicher, Sie kennen den Weg mittlerweile, ohne sich zu verirren." Sie gab ihm keine Zeit zu antworten. Ihre Gegenwart wurde woanders verlangt und sie mußte sich beeilen. Sie wußte, daß Harry sehr gut überblickte, wo er das Büro des Direktors finden konnte. Er brauchte sie nicht, um ihn hinzuführen. „Das Passwort ist Geleebohne. Er erwartet Sie, Mr. Potter. Beeilen Sie sich und nehmen sie keine Umleitungen auf Ihrem Weg.
Harry fand es schwierig all die Informationen zu verarbeiten, die sie auf ihn abfeuerte. Er dachte darüber nach, sie zu fragen, ob sie es wiederholen könnte. Aber er glaubte nicht, daß sie allzu amüsiert wäre mit seiner Unfähigkeit ihr die komplette Aufmerksamkeit zu schenken, aufgrund der Tatsache, daß er auf seinen Füßen einschlief. Er nickte einfach, als sie auf eine Reaktion von ihm zu warten schien. In diesem Augenblick flogen die Türen zur großen Halle auf. Ein eindeutig aufgelöster Aufsichtsschüler von Ravenclaw rannte stolpernd hinein. Er rief etwas Unverständliches über stürzen, sich bewegen und Treppen.
Ein müdes Blinzeln und kaum einen Atemzug später waren Schüler und Professor verschwunden. Harry fand sich in einer plötzlich verlassenen Halle umblickend, zurückgelassen, um zu überlegen, was er jetzt tun sollte. Erschöpfung zog heftig an ihm und er fragte sich, ob es in Ordnung wäre, einfach hier auf einer der Bänke zu schlafen. Es war erst dann, daß sein Verstand verarbeitetet hatte, was seine Professorin wollte das er tat. Harry knirschte mit den Zähnen. Jetzt fühlte er sich wirklich willkommen geheißen, obwohl es tatsächlich ein bißchen zu früh für seinen Geschmack war. Es schien als hätte nicht viel gefehlt und Dumbledure hätte in der Tat am Eingang des Schlosses gestanden, als Harry ankam.
Ein Gähnen unterdrückend, öffnete Harry die Knöpfe seiner Robe, damit er ein bißchen leichter atmen konnte. Er hätte neue kaufen sollen. Seine Robe war nicht nur zu kurz für ihn, sondern auch wirklich eng um seine Brust und machte es schwierig einen tiefen Atemzug zu holen. Sie erinnerten mehr an ein Kleid als eine Robe und das passte nicht wirklich mit dem Bild überein, das Harry von sich selbst hatte. Allerwenigstens würde er sie ein bißchen vergrößern müssen, damit er sich leichter in ihnen bewegen konnte.
So langsam wie Harry konnte, seine Hände in die Hosentaschen geschoben, folgte er seiner Hausleiterin aus der Halle hinaus. Sein Atem gleichmäßig und seine Augen einmal mehr geschlossen, lauschte Harry dem dumpfen Geräusch seiner Schuhe auf den Steinen. Er biß sich die Lippen, als ein leicht verlorener Ausdruck auf sein Gesicht kroch. Er wollte sich nicht mit Albus Dumbledore unterhalten. Der Mann würde Fragen stellen, die Harry nicht zufriedenstellend beantworten konnte, und – so müde wie er war – konnte er kaum mehr klar denken. Harry seufzte, als er seine Augen zwang offenzubleiben und blickte den wie ausgestorben daliegenden Korridor hinauf und hinunter. Für einen kurzen Augenblick fragte er sich, was mit dem Schüler geschehen war, der die Treppen hinuntergefallen war, dann bewegte er sich ohne weitere Gedanken den Korridor hinunter in Richtung des Büros des Direktors.
Seine Gedanken jetzt zum Direktor wandernd, gähnte Harry bis Tränen in seinen Augen aufstiegen und die Luft gefährlich in seinen Ohren knisterte. Dumbledore hatte während des Sommers für Wochen gewartet. Falls er so dringend mit ihm sprechen mußte, hätte er es jeden Tag während des letzten Monats tun können. Also warum konnte der alte Knacker nicht warten, bis Harry die Nacht durchgeschlafen hatte? Jenseits von Harrys beständigem klick-schlurf-klick als er Schritt um langsamen Schritt seinen Weg ging, war nicht ein Laut zu hören. Klick wenn er seinen linken Fuß vorsetztee und schlurf wenn der rechte folgte, dessen Schuh eine lose Sohle hatte. Es war ein hypnotisierendes Geräusch – bis es stoppte.
Abrupt hielt Harry auf seinem Weg zum Büro des Direktors mitten zwischen zwei Schritten – ein Fuß bewegunglos in der Luft. In plötzlicher Erkenntnis weiteten sich Harrys Augen, bevor sie sich zu Schlitzen verengten. Trotz seiner Erschöpfung ließ er sich einen Augenblick Zeit nachzudenken und änderte schleunigst sein Vorhaben und seine Richtung als ihn die Erkenntnis von Dumbledores Taktik voller Wucht traf. Was für ein manipulativer Bastard! Seine neue Entschlossenheit zeigte sich auf seinem Gesicht, als er seinen Fuß resolut in die entgegengesetzte Richtung auf den Boden setzte. Dumbledore würde denken, daß es einfach wäre Legilimency auf ihn anzuwenden, während er sich in einem Zustand totaler Erschöpfung befand. Offensichtlich glaubte der Knacker, daß Harry springen würde, wenn er ‚springen' sagte. Nun, er wäre dann für eine Überraschung fällig. Da er nicht offen Widerstand leisten konnte, würde vielleicht ein bißchen passive Geringschätzung funktinieren – bis zum Morgen wenigstens.
Harry blickte den leeren Korridor hinunter zum Büro des Direktors. Falls er weiterging, würde er in nur wenig mehr Momenten den Eingang zum Büro erreichen. Harry entschied sich, daß das Verhör des allmächtigen Direktors würde warten müssen bis Harry in der richtigen Stimmung war. Er wollte sich erst mehr wie er selbst fühlen, bevor er Dumbledore die Möglichkeit bot, einen kurzen Blick in seinen Geist zu erlauben. Dumbledore wußte über das meiste was in diesem Schloß geschah Bescheid, obwohl längst nicht über alles. Harry hatte einmal geglaubt, daß der Mann allwissend war. Gegenwärtige Ereignisse hatten diese Ansicht jedoch verändert. Er wußte jetzt, daß das Schloß tatsächlich eine gefährliche Unbekannte war.
Harry beeilte sich, dem Weg zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors zu folgen. Er wollte gerade jetzt von allen Zeiten niemanden treffen. Er wollte keinem der Professoren über den Weg laufen. Harry bevorzugte einen guten Nachtschlaf. Wenn er die Wahl hatte, würde er sich morgen mit den Erwachsenen befassen – falls es sein mußte. Stirnrunzelnd beschleunigte Harry seinen Schritt bis er das Portrait der Fetten Lady sehen konnte, daß den Eingang des Gemeinschaftsraums bewachte.
Harry schluckte schwer und versuchte all die neugierigen Blicke zu ignorieren, die er von rundherum erhielt. Manchmal fühlte er sich, als sollte er die ganzen naseweißen Portraits verbrennen. Er fragte sich müßig, welche von den Portraits, an denen er auf dem Weg hierher vorbeigekommen war – wenn überhaupt welche – Dumbledore in genau diesem Augenblick über sein unverschämtes Benehmen informierten. Oder, überlegte er, waren sie an sich mit Schloß verbunden? Würden sie den Wünschen und Bedürfnissen des Schlosses folgen, wenn diese denen des Direktors widersprachen? Schließlich hatten die Portraits der ehemaligen Direktoren in Dumbledores Büro gesagt, daß sie verpflichtet waren, dem gegenwärtigen Direktor zu assistieren.
Wie auch immer, in diesem Augenblick fühlte sich Harry wirklich dämlich. Er konnte ins Büro des Direktors gelangen, aber nicht in seinen eigenen Gemeinschaftsraum. Ein Blick auf das süß lächelnde Gesicht der Fetten Lady sagte ihm, daß sie ihn ohne das Passwort nicht hineinlassen würde. Er fragte sie nicht einmal. Genervt blies Harry eine Haarsträhne aus seinem Gesicht und musterte finster das Portrait. Umso länger er hier draußen stand, desto größer war die Chance, daß er von einem der Professoren oder Filch entdeckt wurde.
Letztendlich, nach etlichen Minuten, entschied sich Harry auf Muggelwege zurückzugreifen, um Zugang zu erhalten. Er begann mit kühlem Lächeln und wachsamem Auge gegen das Portrait zu hämmern, interessiert darin, wie die keifende Alte reagieren würde. Es brauchte nur einen Augenblick für die pinkgekleidete Frau den Schock zu überwinden, daß jemand sie tatsächlich schlug. Sobald der Schock zurückwich, fing sie an zu schreien, als wäre der Dunkle Lord persönlich gekommen, um ihre Bekanntschaft zu machen.
Seufzend ignorierte Harry sie und biß seine Lippe, um sich davon abzuhalten, die gemalte Frau zu verfluchen. Träge neben sie an die Wand gelehnt, fuhr er mit einer allgemein gelangweilten Miene fort, gleichmäßig gegen das Portrait zu schlagen. Er dachte entfernt, daß sie bestimmt eine schwierige Person gewesen sein mußte, während ihres wirklichen Lebens in ihrer Gesellschaft zu sein.
„Um Merlins Willen, Frau! Du kannst dein verdammtes Bild verlassen, also tu das, wenn du es nicht ertragen kannst, oder öffne die Tür." Harry lieferte einen besonders schweren Schlag direkt in ihre Mitte, als ein Drittklässler neugierig seinen Kopf herausstreckte – den Hieb um Haaresbreite vermeidend. Er wich mit aufgerissenen Augen zurück, als er Harry Potter schwer gegen die Wand gelehnt sah, mit einer eindeutig verärgerten Miene über sein Gesicht huschend. Harrys Ausdrucks wechselte schnell zu einem sehr unschuldigen und offenen Lächeln.
„Ich bin wirklich glücklich, daß du das Portrait geöffnet hast." Harry suchte in seinem Geist nach dem Namen den Jungen, konnte sich aber nicht erinnern. Letztes Jahr hatte er ihn in Gesellschaft des jüngeren Creevey gesehen. Wortlos nickend, trat der Junge vorsichtig zur Seite, als Harry sich an ihm vorbei in den Gemeinschaftsraum schob. Harry hatte nicht einmal einen Blick übrig für die noch immer schimpfende Lady, die Rückseite des Portraits, die jetzt den verblüfften Blick des kleineren Jungen fesselte.
„Ignoriere sie," sagte Harry zu dem Jungen. Es schien als ob der erschrockene Drittklässler einen genaueren Blick auf das Portrait werfen wollte. „Sie ist bloß in einer miserablen Stimmung. Ich würde nicht da rausgehen, wenn ich du wäre – jedenfalls nicht jetzt." Harry zwinkerte grinsend. Das Gesicht des Jungen glühte von der Aufmerksamkeit des Jungen-Der-Überlebte, als er zurück in den Gryffindorgemeinschaftsraum trat. Ihm mit seinen Augen folgend, war sich Harry sicher, daß Gerüchte über sein Verhalten gegenüber dem Portrait früh genüg die Runde machen würden. Es kümmerte ihn nicht wirklich. Wenigstens war er jetzt auf der richtigen Seite des Portraits.
So bald Harry in den Gemeinschaftsraum trat, stieg der Geräuschpegel, der auf seine Ohren zustürmte, dramatisch an. Harry mußte zugeben, daß er es schwer haben würde, in diesem ... Irrsinn Schlaf zu finden. Er würden Stunden vergehen, ehe die jüngeren Jahrgänge in ihre Schlafsäle verbannt würden, aber trotz dessen schien jeder schon ein bißchen zu viel Spaß zu haben. Vorsichtig den Raum nach den Gesichtern seiner Freunde absuchend, fand er sie zur selben Zeit, als sie ihn bemerkten. Hermine bereitete sich schon darauf vor, ihm die Levitten zu lesen (falls er ihren Blick richtig deutete), obwohl ihre Erleichterung offentsichtlich war, für jeden der sie kannte.
„Was wollte Professor McGonagall, Harry?"
„Oh," Harry runzelte die Stirn, gähnte und blinzelte. „Sie wollte bloß mit mir über meinen Stundenplan reden, denk ich, aber sie wurde weggerufen, bevor ich erfahren konnte, was los war. Anscheinend hat irgendein Erstklässler die sich bewegenden Treppen ziemlich persönlich kennengelernt."
„Yeah." Ron hielt neben ihm, ein Butterbier bereits in seiner Hand. „Es war ein Tumult da draußen." Ron sah erfreut aus, sein Wissen seinen Freunden mitteilen zu könen. „Irgendein Ravenclaw stolperte die Treppen hinunter, als sie sich plötzlich bewegt haben ... ein Erstklässler, glaub ich. Ich hab gehört, daß er sich ein Bein gebrochen hat." Er schluckte einen Mundvoll der geschmuggelten Substanz hinunter. „Naja, sie sind gar nicht so gescheit, oder?"
„Du bist wirklich gemein heute, Ron." Hermine schüttelte ihren Kopf. Harry blinzelte müde und unterdrückte ein Zurückzucken, als Seamus seinen Urm um seine Schultern legte.
„Tja, er konnte ja kaum wissen, daß die Treppen zittern, bevor sie sich bewegen. Es war ein Erstklässler. Und überhaupt, Madam Pomfrey wird ihn früh genug wieder auf die Beine stellen." Der irische Junge grinste.
„Er hätte Hogwarts, eine Historie lesen sollen," murmelte Hermine leise zur gleichen Zeit.
„Wie habt ihr davon gehört?" Harry musterte sie mit gehobenen Brauen.
„Neuigkeiten reisen schnell, Harry, weißt du?" Dean blickte flüchtig hinüber, wo die zweite Runde Butterbier – noch immer ungepanscht – ausgeteilt wurde. Seamus' Grinsen wurde breiter.
„Ja. Weißt du, ich hab das Gerücht gehört, daß du die Fette Lady verprügelt hast."
„Nicht wirklich." Harry betrachtete sie vorsichtig. Diese neue Einigkeit unter seinen Schlafsaalkumpels schien ein bißchen plötzlich für seinen überarbeiteten Verstand. „Ich habe bloß gehofft, jemand würde mich hören."
„Naja, Harry, morgen wird die ganze Schule glauben, daß du die arme Fette Lady angegriffen hast."
„Yeah, du wartest nicht lange, um dein Ansehen anzukurbeln." Damit wurde Harry still. Er wollte nicht länger darüber sprechen. Er hatte bloß geklopft. Dieses neueste Gerücht würde früh genug abebben. Überhaupt fühlte sich Harry nicht länger nach reden.
„Wisst ihr, Jungs, ihr redet zuviel." Mit beiden Händen scheuchte er sie weg. Er atmete tief durch, als wenigstens Dean und Seamus mit einem letzten Lachen gingen, um bei der Party mitzumachen. Neville verweilte, als ob er unsicher war, was er tun sollte. Er schien nie sehr eine Partyperson zu sein. Harry war sich sicher, daß der stille Junge ihm viel zu bald hoch in den Schlafsaal folgen würde.
„Ron, du mußt nicht hier bei mir bleiben." Harry grinste, als Rons sehnsuchtsvollen Blick sah.
„Bist du sicher, Kumpel?" Ron schien hoffnungsvoll, sein Gewissen für eine kurze Zeit ignorieren zu können. „Ich würde wirklich gern noch bei der Party reinschauen."
„Dann schau rein." Harry zuckte die Schultern. „In ein paar Minuten werde ich nichts anderes tun als zu schnarchen. Ich bin sicher, daß ich das alleine schaffe." Leise aber entschlossen schob Harry seinen Freund in die Menge feiernder Schüler hinein. „Ich werde nichts tun, ich schwöre. Falls ich Probleme haben sollte, mein Bett zu finden, rufe ich dich." Harry wandte sich dann um und blickte hilfesuchend zu Hermine. Er nahm sie mit in eine Nische, wo sie ein bißchen Ruhe hatten.
„Könntest du mir einen Gefallen tun, Hermine?" fragte Harry sobald sie nah genug war, daß niemand sie belauschen konnte.
„War es etwas, daß Professor McGonagall wollte?"
"Nein, Hermine, nichts von der Art." Harry schüttelte seinen Kopf. Er würde hart daran arbeiten müssen, sie davon zu überzeugen, daß er die Wahrheit sagte. Es schien als ob Hermine über ihren naiven Glauben hinweggekommen war, daß ihr ihre Freunde immer die Wahrheit erzählten – wenigstens was ihn betraf.
„Ich wollte bloß, daß du Neville ein bißchen für mich beschäftigst. Bitte?"
„Neville?" Sie runzelte die Stirn, nicht verstehend, worauf er hinauswollte.
„Ja – bitte." Harry blickte sie flehentlich an. "Er kommt sonst in ein paar Minuten rauf. Er ist nicht der Typ hier unten zu bleiben."
„Warum, Harry? Was willst du da oben machen?"
"Hermine!" Harrys Stimme hallte sichtbar verletzt wider. "Was denkst du von mir. Ich würde nur gern ein bißchen Ruhe haben, bevor ich ins Bett gehe, weißt du." Für einen Moment länger blickte sie forschend in seine Augen. Harry hielt ihrem Blick stand. Hermine schien zu glauben, daß seine Augen nichts als die Wahrheit zeigten, genau wie alle anderen. Harry lächelte sie ein und hob fragend eine Augenbraue.
„In Ordnung, Hermine? Tust du es?"
„Wie lange?" Sie nickte mit einem Seufzer, als ob sie schon vorher gewußt hatte, daß sie es sowieso tun würde.
„Eine Stunde? Eine halbe?"
„Ich werde mich mit ihm einfach über Herbologie unterhalten. Ich habe sowieso einige Fragen für ihn darüber." Jetzt war sie diejenige mit dem Lächeln. „Eine Stunde geht klar, Harry." Ihre Augen ließen ihn nicht gehen.
„Vielen Dank," sagte Harry und wandte sich zum Gehen.
„Harry?" Sie hielt ihn zurück. „Du wirst mir morgen sagen, was du getan hast, in Ordnung?" Harry brauchte einen Moment, um auf ihr wissendes Lächeln zu antworten. Dann nickte er.
„Natürlich, Hermine." Er lächelte. „Ich sag es dir." Harry beobachtete schweigend, als Hermine Neville in eine lebhafte Konversation darüber verwickelte, wie man Pflanzen eintopfte und zum Wachsen brachte. Seufzend machte er sich auf den Weg zu den Treppen und stieg sie gedankenvoll hinauf.
Sobald er einmal in dem schwach beleuchteten Schlafraum war, ließ er die Tür schwer zufallen und lehnte sich wortlos gegen sie. Er warf einen Blick quer durch den Raum und lief dorthin, wo sein Koffer am Fußende von seinem oh so einladenden Himmelbett stand. So gern er auch einfach auf seinem Bett zusammenbrechen wollte, eine Sache blieb zu tun, bevor er sich erlauben konnte, in Vergessenheit zu sinken. Sobald Hogwarts früher an diesem Abend mit ihm fertig gewesen war, hatte eine nachklingende Frage seinen Kopf ncht mehr verlassen. Er hatte die abrupte Minderung seiner magischen Kraft erkannt.
Schwer auf seine Knie fallend, zog Harry seinen Koffer zu sich herüber. Er öffnete den Deckel mit einer ernsthaften und leicht ängstlichen Miene und stöberte durch Dudleys Kleider. Er suchte nach dem einen Ding, daß er brauchte, um sicherzugehen, daß das dumme Schloß wenigstens etwas getan hatte, daß eine positive Wirkung haben könnte. Falls er richtiglag, hatte Hogwarts den letzten fallen Block gerichtet, der sein Geheimnis schützte.
Für einen Augenblick starrte Harry seinen Zauberstab einfach nur an. Während der letzten Wochen war Harry ein bißchen ängstlich geworden, ihn zu benutzen. Wie auch immer, jetzt (mit Dank an das Schloß) war seine Magie etliche Level niedriger. Er war noch immer stärker als zuvor, aber jetzt war es für ihn zu bewältigen. Das sollte es für seinen Zauberstab auch sein, oder nicht? Seine Beklemmung hatte jedoch nicht wirklich nachgelassen. Wenn nicht aufgrund der Einmischung des Schlosses mit seiner neugewonnenen Magie (er fühlte das Schild, daß ihn vom größten Teil davon trennte), Harry würde nicht einmal versuchen, ihn zu benutzen, am allerwenigsten irgendwo in der Nähe von Menschen, von denen er nicht wollte, daß sie starben.
Erinnerungen an den Tag, der alles änderte, blitzte durch seinen Kopf – der Schmerz, die Verwirrung und die Angst, jetzt genauso greifbar wie damals. In dem Augenblick, in dem er gespürt hatte, wie sein Verstand aus Voldemorts Griff freibrach, war Harry in wahnwitzigem Vorstoß nach seinem Zauberstab vorgeprescht – er erinnerte sich vage, ihn in der Nähe des übel zugerichteten Schlangenkörpers gesehen zu haben. Er mußte zugeben, daß es ein erhebendes Gefühl gewesen war, als die Magie endlich durchbrach und der Schmerz beinahe augenblicklich verebbte, überwältigt von reinstem Glück. Jedenfalls solange, bis er die Sauerei gesehen hatte, die er verursacht hatte – selbst wenn es Todesser gewesen waren. Sie blieben einfach, zu schockiert sich zu bewegen, nachdem sie den Körper ihres Herrn verkrümmt und leblos am Boden liegen sagen und Harry Potter danebenstehend in all seiner strahlenden Herrlichkeit.
Harry neigte den Kopf, eine Grimasse ziehend. Sehr viel Ehre war nicht involviert gewesen, falls er sich richtig an sein blutiges und zerschlagenes Aussehen erinnerte. Es hätte schlimmer sein können – viel schlimmer. Er schauderte an die anderen Pläne zu denken, die Voldemort müßig in seinem verfolgt hatte. Er war ein verrückter Bastard und es brachte Harry dazu, sich übergeben zu wollen, wenn er daran dachte, daß er seine ... Essenz irgendwo in seinem Verstand hatte.
Den Kopf schüttelnd, erinnerte sich Harry daran, was ihn auf diesen kleinen Trip in die Vergangenheit mitgenommen hatte. Unentschlossen blickte er hinunter auf sein unverdächtig aussehenden Zaubererinventar. Es hatte eine Weile gedauert, bis er erkannt hatte, warum sein Zauberstab nicht angemessen funktionierte. Um die Wahrheit zu verstehen mußte sein Zauberstab erst wortwörtlich mit so viel Kraft aus seiner Hand herausschießen, daß es seine Handfläche rot und roh zurückließ, und die Magie noch immer aus ihm in schmerzhaft blendenden Wellen hinausfloß.
Es hatte einen Moment gegeben, in dem er fürchtete, daß Voldemort irgendwie seine Magie weggenommen hatte, während dem, was immer er erreichen wollte. Harry schauderte erneut. Er hatte eine ziemliche genaue Vermutung, was das gewesen war und es war nichts, das eine gesunde Zukunft für den letzten Nachkommen der Familie Potter versprach.
Nachdem Harry entkommen war, war er nicht ein einziges Mal dazu in der Lage gewesen, seinen Zauberstab zu benutzen – nicht das er es wirklich versucht hätte nach dem ersten Mal. Schließlich gab es noch immer das Ministerium, mit dem er rechnen mußte. Wie auch immer, es schien sowieso sicherer und leichter zu sein, die Magie zu meistern, während er seinen Zauberstab wegließ. Es war unmöglich die Kraft durch ihn zu kontrollieren, selbst die Vortäuschung von Kontrolle schien nicht existent zu sein ... jedenfalls war es so gewesen.
Harry hoffte, daß dieses Problem jetzt behoben war. Sein Zauberstab zu benutzen, war ein zweischneidiges Schwert geworden ... seine erstaunliche magische Kraft entwickelte sich so schnell, daß Harry keine Ahnung hatte, wie er mit ihr Schritt halten sollte. Ob Hogwarts es beabsichtigt hatte oder nicht, dadurch, daß es einen gewaltigen Teil seiner neu erwachten Kraft zurückhielt, machte das Schloß es für Harry möglich seine gegenwärtige Lage zu verbergen. Was eine gealtige bröckelnde Mauer war, hinter der er seine Pläne vor denen versteckte, die zu neugierig für ihr eigenes Wohl waren, war hoffentlich nicht länger in Frage.
Mit weniger magischer Energie zu kontrollieren, fühlte sich Harry durchaus in der Lage zu beherrschen wieviel er freigab. Sein Zauberstab sollte nicht aus seiner Hand explodieren und offenbaren, was Harry im Augenblick – falls jemals – nicht offenlegen wollte. Es würde bestimmte Dinge enthüllen, wenn sein Zauberstab abrupt in einem plötzlichen Ausbruch unkontrollierter Magie aus seiner Hand schoß. Es wäre großartig, falls die Magie, die er ohne Zauberstab nutzen konnte, nicht seine einzige Option zu sein hätte, damit er seine Kraft benutzen konnte.
Mit einem tiefen Atemzug griff Harry nach dem dunklen Holz. Sein Hand schwebte zitternd darüber. Harry biß seine Lippe vor Erwartung. Seine Gedanken wanderten zurück zu Tom Riddle. Harry wußte, gerade jetzt brauchte er nicht wirklich die zusätzliche magische Kraft, die er über den Sommer entwickelt hatte. Er fand es nicht schwierig Tom in dem mentalen Gefängnis festzuhalten, das er für ihn erschaffen hatte. Harry könnte sich glücklich schätzen, die Schutzschilde drum herum erhöht zu haben, bevor das Schloß sich mit seiner Magie eingemischt hatte. Jetzt hatte Harry keine Möglichkeit mehr in seinen Bemühungen Riddles Seele in seinem Kopf festzuhalten seine neue Magie aufzuwenden. Er hatte keine Magie dafür übrig. Er mußte hoffen, daß die Schilde, die er konstruiert hatte, genug sein würden, bis das Schloß entschied, ihm zurückzugeben was seins war.
Harry wußte, daß er später alle magische Kraft brauchen würde, die er aufbringen konnte. Voldemort endgültig und vollständig zu zerstören, würde ihm alles abverlangen. Diesmal würde es keine wundersame Rückkehr für den teuflischen Bastard geben. Kein Quirrell mit schwachem Willen und stinkendem Turban. Kein feiger, rattengesichtiger Wurmschwanz, willig eine Hand für seinen Herrn und Meister aufzugeben. Dieses Mal würde er nicht zurückkommen. Harry hatte vor ihn für immer und ewig zu zerstören, aber dafür brauchte er Magie – sehr viel Magie. Für den Augenblick jedoch mußte er zum Unterricht gehen. Morgen, das wußte Harry, würde die Schule beginnen und dafür mußte er seinen Zauberstab benutzen. Falls er in der Klasse darauf verzichtete, würden die Leute mißtrauisch werden.
Seine Finger spürten das vertraute Summen der Magie, als er seine Hand direkt über seinen Zauberstab hielt. Es war genau dasselbe Prickeln, das er am ersten Tag in Ollivanders Laden gefühlt hatte, als er zum ersten Mal den wunderbaren Holzstab berührt hatte. Dennoch war es jetzt anders – aber er berührte ihn ja auch nicht.
Harry würde seine Magie testen müssen, bevor er seinen Zauberstab vor seinen Freunden oder im Unterricht benutzen konnte. Er mußte ihn anfassen. Er mußte ihn festhalten. Er mußte seinen Gryffindorcourage finden und das versuchen, wovor er sich seit dem Sommer gefürchtet hatte. Harry konnte etwas so einfaches wie seinen Zauberstab aufzunehmen nicht vermeiden. Sein Mut begann abzuflauen, als er sich wieder daran erinnerte, wie er zum letzten Mal versucht hatte, einen Zauberspruch damit auszuführen, eine Menge Dinge waren zur Hölle gefahren.
Ein weiteres Mal tief Atem holend, zögerte Harry nicht länger. Er griff den Zauberstab so fest, daß seine Knöchel weiß hervortraten.
