Kapitel 22 – Ruf der Nacht

Nichts passierte. Für einen langen Augenblick saß Harry einfach nur auf dem Boden des Schlafraums der Sechstklässler im Gryffindorturm und starrte auf den Zauberstab in seiner Hand. Das zunehmende Kribbeln und das Wirbeln in der Luft, die anzeigten, daß sich Magie ansammelte und die einem Verlust der Kontrolle vorausgingen, wie er es an dem schrecklichen Tag im Sommer erlebt hatte, blieben aus.

Mit leichtem Stirnrunzeln zog Harry den Zauberstab näher um ihn genauer zu untersuchen. Das erwartete Prickeln in seiner Handfläche war kaum merkbar und er konnte die magische Aura um seinen Zauberstab nicht sehen. Es bräuchte eine Weile, bis er sich daran gewöhnt hätte, und es hinterließ einen bitteren Geschmack in seinem Mund. Seine ganzen Versuche, mit seiner Magie zurecht zu kommen und sich während des Sommers daran zu gewöhnen, waren jetzt vergeudet. Alles war jetzt anders und er mußte fast wieder von vorn anfangen.

Leider würde ihm das nichts bringen, wenn er morgen zum Unterricht ging oder Malfoy über den Weg lief. Es dürfte keine sonderlich gute Idee sein, ihn zum explodieren zu bringen und sein ganzes kostbares Reinblut quer über den Korridor zu spritzen. Es wäre allerdings eine Freude, ihn zu beobachten wie er sich wandt. Harrys Lippen zuckten während er sich umsah, um zu entscheiden, was er jetzt tun sollte. Er mußte seinen Zauberstab an etwas weniger Augenfälligem als Malfoy testen, so angenehm der Gedanke auch war. Seine Brauen stiegen in die Höhe, als sein Blick mitten in seinem Koffer auf einen besonders derben, klumpigen Lumpen aus Dudleys alten Hemden traf.

Mit verspieltem Grinsen hielt Harry die Zeit für gekommen, um sich ein paar anständige Klamotten zu verschaffen. Vielleicht funktionierte es, aber wenn nicht war es keine Tragödie ein paar von den widerlichen Fetzen zu verlieren. Nachdenklich biß sich Harry die Lippen. Für den Unterricht wäre es sinnvoller, die Zauber mit einem Flüstern zu versuchen, aber er würde nichtsdestotrotz herausfinden, ob seine Zaubersprüche auch ohne Worte funktionierten – für die Korridore. Alles was Harry tun mußte, war sich zu konzentrieren, richtig zu zielen und die richtige Bewegung mit seinem Zauberstab auszuführen ... und zu hoffen, daß es funktionierte.

Harrys Mund öffnete sich, um den Spruch auszusprechen. Er dachte über die korrekte Bewegung für den Zauberstab nach und bereitete sich vor, sie auszuführen, als sein Zauberstab anfing sichtbar zu vibrieren. Erstarrt beobachtete Harry die Magie am Werk, ohne daß er tatsächlich die Worte äußterte. Das Hemd begann so schnell zu schrumpfen, daß das Kleidungsstück bereits so klein war wie das einer Fingerpuppe, als Harry es ansah. Mit einem fürchterlichen Geräusch reißenden Gewebes wurde es sprichwörtlich in Fetzen gerissen.

Harry neigte seinen Kopf und musterte den Schlamassel, den er angerichtet hatte mit grüblerischem Stirnrunzeln. Es war nicht was er gewollt hatte, aber es kam auch nicht gerade unerwartet. Für seinen ersten wirklichen Versuch in langer Zeit etwas anderes als Luft mit seinem Zauberstab zu verändern, war es gar nicht so schlecht. Wenigstens war sein Hemd nicht explodiert, in Flammen ausgebrochen oder ins Nichts verschwunden. Müde blinzelnd folgerte Harry, daß er vielleicht ein bißchen mehr Magie übrig hatte, als er zuvor geglaubt hatte. Es schien jedoch, daß er ein ganzes Stück Praxis benötigte.

Es gab keine bessere Zeit als die Gegenwart. Diesmal konzentrierte sich Harry, in der Hoffnung sie besser zu kontrollieren, auf seine Magie. Er brauchte keine große Menge an Kraft um einen einfachen Zauberspruch wie diesen durchzuführen. Er versuchte die Magie bis zum angemessenen Augenblick zurückzuhalten, sie erst freigebend, nachdem er die letzte Silbe ausgesprochen hatte.

Sobald die Worte raus waren, wußte Harry, daß etwas fehlte. Ein Stirnrunzeln setzte sich auf seinem Gesicht fest, als er in die Tiefen seines Koffers blickte. Er nahm mit zwei Fingern seine einzige Ersatzrobe hinaus und hielt sie in Armeslänge entfernt, um sie zu mustern. Es schien als sei seine gesamte Garderobe ein ziemliches Stück geschrumpft. Wenigstens würde es jetzt nicht aussehen, als ob er ein Zelt trüge. Er mußte sich daran erinnern, besser zu zielen. An sich selbst hinabblickend, gähnte Harry und seufzte erleichtert. Die Robe, die er jetzt trug, schien noch in Ordnung zu sein. Dank Merlin für kleine Wunder.

Zumindest richtete seine Magie jetzt kein Unheil mehr an – nun ja, nicht so viel wie zuvor. Immerhin sollten die Sachen ja schrumpfen. Er hätte auch lieber einen Klassenkameraden in Miniaturformat als einen, dessen Körperteile auseinandergerissen und über den ganzen Raum verstreut waren – nicht gerechnet Malfoy.

Seinen Zauberstab locker in der Hand wiegend, dachte Harry über die Notwendigkeit nach, diese kleinen Wechsel in seiner Magie zu kontrollieren. Er wußte, daß er die richtige Menge finden mußte, um seinen Zauberstab zu nutzen. Falls er nur eine halbe Unze zuviel freigab, konnte es sehr böse enden. Er setzte sich einen Augenblick zurück und grübelte. Es war erstaunlich wieviel seiner Zauberkraft das Schloß tatsächlich blockiert hatte. Es war regelrecht beängstigend wieviel Magie Harry zu seiner Verfügung hatte ... oder bis heute gehabt hatte. Wo war die Grenze?

Harry war sich sicher, daß er sogar noch mehr Energie ansammeln konnte, um seine Magie dazu zu kriegen zu funktionieren, nicht notwendigerweise für ein einfaches Reducto, aber nichtsdetsotrotz. Seine Augen schließend, fühlte Harry tief in seinem Inneren das konstante Pulsieren der Magie. Es sammelte sich merklich und füllte die Fixpunkte, die er errichtet hatte, um die Magie vom Überfließen abzuhalten.

Tief in Gedanken, folgte Harry den Wegen der Energie durch seinen Körper bis sie auf seine Hände trafen. Das Gefühl ließ seine Fingerspitzen kribbeln – äußerst sensibel auf Berührungen. Selbst mit geschlossenen Augen konnte Harry die kleinen Funken der Magie sehen, die sich von seinen Fingerspitzen lösten. Dennoch blieb sein Zauberstab untätig, Funken gingen nicht von seinem Zauberstab aus, wie es hätte sein sollen.

Es erforderte viel Mühe und Kontrolle seine Magie davon überzeugen, nur durch seinen Zauberstab zu fließen. Nach allem fand Harry seine Magie ohne Zauberstab bei weitem leichter, seit sie sich so überraschend verändert hatte.

Es war einfach, wirklich. Es war soviel leichter seiner eigenen Magie zu erlauben direkt mit der Magie den Objekten zu interagieren, die er ändern wollte. Selbst wenn Harry die Magie nicht mehr sehen konnte, jetzt da er wußte, daß sie da war, war es nicht schwierig sich vorzustellen wie seine Magie auf die Magie wirkte, die dem innewohnte, worauf er seinen Zauberstab richtete. Er hatte es auf diese Weise für die zweite Hälfte des Sommers größtenteils mit Erfolg getan.

Der Puls der Magie erfüllte ihn mit reinster Euphorie. Es machte ihn schwindelig wie ein Kind auf seiner ersten Karussellfahrt. Der Rhythmus der Energie war ebenmäßig und stark und rann wieder und wieder durch seinen ganzen Körper. Es war schwierig aufzuhören, noch mehr Magie anzusammeln, besonders, wenn er es wirklich nicht wollte.

Ehe Harry seine Magie aus eigenem Willen zur Ruhe bringen konnte, stoppte alles plötzlich. Es war, als ob eine Tür zugeschlagen wurde und ihn von seiner Umgebung, von seiner Quelle der Kraft trennte. Ein dumpfer Schmerz pochte in seinen Venen, als nicht mehr Magie hervorströmte und der beständige Fluß abrupt unterbrochen wurde.

Harry biß die Zähne aufeinander und wartete, daß die Welle aus Schmerz verging. Anscheinend hatte er einen Punkt erreicht, an dem das Schloß seine Magie vor ihm verschloß. Wenn er jedoch mit sich selbst ehrlich war, dann mußte Harry zugeben, daß er – für einen Augenblick – an der Grenze von dem gewesen war, daß er ohne Gefahr die Kontrolle zu verlieren handhaben konnte. Stirnrunzelnd öffnete er die Augen, sein Körper prickelte vor Magie, gerade noch kontrollierbar.

Harry würde vorsichtig sein müssen, aber selbst ein kleiner Teil von dem, was er ansammeln konnte, sollte jetzt für die meisten Zaubersprüche ausreichen, die er während des kommenden Schuljahres benutzen würde – obwohl er eine intensive Freude spürte, soviel Magie wie möglich zu halten.

Harry fragte sich, ob Dumbledore sich so fühlte, wenn er die Menschen an Fäden tanzen ließ. Vielleicht war das der Sog, den Voldemort gefühlt hatte, diese mächtige, vibrierende Energie. Man würde verrückt werden, soviel in sich zu halten, sie aber nicht freizugeben. Viele Leute sagten, daß Dumbledore seine Murmeln vor langer Zeit verloren hatte. Und Voldemort? Nun ja, es mußte nicht gesagt werden, das der niemals Murmeln gehabt hatte.

Harry erkannte plötzlich, daß er froh sein konnte, daß das Schloß dazwischengegangen war. Aus welchem Grund auch immer, es hatte tatsächlich nur einen Teil seiner veränderten Kraft genommen, den Teil, der ihn davon abhielt, seinen Kopf senkrecht zu halten.

Harry zwang sich, die Magie ungehindert dorthin zurückkehren zu lassen, von wo er sie hergeholt hatte. Er fühlte sich erleichtert, als er spürte, wie die Energie ihn verließ und mit seiner Umgebung verschmolz, alles durchdringend, als sie seinen Körper verließ wie ein sanftes Ausatmen nach einem tiefen Atemzug.

Harry bemerkte, daß er jetzt mehr Kontrolle über seine Fixpunkte hatte. Es war leichter auf den beständigen Fluß zuzugreifen, ohne daß er über seinem Kopf explodierte, und Harry sammelte seine Magie noch immer aus seiner Umgebung genauso wie aus seinem eigenen Körper.

Harry dachte nicht sehr viel über die Tatsache nach. Zur Hölle, bis zu diesem Sommer hatte er geglaubt, daß Magie Magie war. Punkt. Harry wußte nicht, ob es verschiedene Formen zauberstabloser Magie gab oder ob diese Art Magie nicht notwendigerweise bedeutete, daß man aktiv die Kraft der einen umgebenden Magie benutzen konnte. Schließlich wirbelte selbst die Magie normaler Hexen und Zauberer durch die Gegend, suchend und interagierend mit anderer Magie. Der einzige Unterschied zwischen ihnen und Harry war, daß sie nichts davon wußten. Sie konnten die Magie nicht sehen und deshalb nicht beeinflussen. Vielleicht wäre es auch für die anderen möglich Magie aus ihrer Umgebung zu ziehen, wären sie in der Lage die Magie zu sehen.

Bis jetzt waren die Roten Roben nur andere Zauberer, von denen Harry sicher war, daß sie es ebenso tun konnten ... und wahrscheinlich der Witz von einem DADA Professor, der bewußt seine Aura unterdrückt hatte, was er nicht hätte tun können, wäre er nicht fähig gewesen, Auren zu sehen.

Harry runzelte die Stirn. Er war der Tatsache gegenüber nicht blind, daß es hieß, daß Magier, die ohne Zauberstab zaubern konnten wirklich selten waren, aber es konnte keine so seltsame Fähigkeit sein. Schließlich hatten sich eine Menge rotgerobter Männer in Voldemorts Schlupfloch befunden. Harry zitterte, als er darüber nachdachte, wie sie ihn alle einkesselten und das Schlangengesicht komplizierte Zauberformeln beschwörte und auf etwas wartete.

Harry glaubte, daß diese Roten Roben ein ganzes Stück stärker waren als gewöhnliche Zauberer. Natürlich waren sie das, sie brauchten schließlich keine Zauberstäbe für ihre Magie. Sie waren stark genug, ihn beinahe zu fangen, hätte Snape sich nicht wieder eingemischt, und sie hatten sich nicht einmal angestrengt es zu tun. Harry kannte nur zwei andere Menschen, die etwas wie das zustande bringen konnten – Dumbledore und natürlich Tom – andererseits wäre der nette Bursche nicht einmal fähig zu versuchen aus seinem Gefängnis zu entkommen. Wie auch immer, es war reine Vermutung, warum ein Eindringen in Harrys Gedanken (als Voldemort versuchte ihn zu besetzen) dazu führte, daß er plötzlich eine ganze Menge mehr Magie zur Verfügung hatte, für die er keinen Zauberstab brauchte als Magie, für die er seinen Zauberstab benötigte. Leichter zugänglich war erstere Form von Magie außerdem.

Zu einer anderen Zeit und wegen einer anderen Sache hätte Harry als erstes den Direktor gefragt. Er hätte einige Dinge erklären können. Er glaubte ehrlich, daß Dumbledore in der Lage war, Magie aus seiner Umgebung aufzunehmen. Immerhin war der alte Mann fähig einige Zauber ohne Zauberstab auszuführen. Harry hatte keinen Grund von etwas anderem auszugehen. Sie hatten niemals über etwas wie das gesprochn. Warum hätten sie das auch tun sollen? Es hatte nie einen Grund gegeben ... und mit vielen anderen Geheimnissen, die der Mann für sich behalten hatte, wäre es sowieso fraglich, ob er es ihm überhaupt gesagt hätte. Jetzt jedoch waren diese Überlegungen wertlos. Harry konnte dem sich ständig einmischenden alten Kauz nicht mehr trauen – niemals wieder.

Seufzend wandte er seine Aufmerksamkeit wieder seiner derzeitigen Aufgabe zu. Harry mußte lediglich seine Magie durch den Zauberstab wirken. So einfach es in der Vorstellung auch war, es tatsächlich zu tun, war viel schwerer. Seine Hände zitterten vor Erschöpfung, als die Magie aus ihnen hinausströmte.

Harry bewegte sich leicht und blickte auf seine geschrumpfte Garderobe. Er mußte sie wieder auf Normalgröße zurückbekommen. Schrumpfen funktionierte ganz gut, so lang wie er seine Kraft ein bißchen zurückhielt, aber wie vergrößerte er sie jetzt?

Wackelig richtete sich Harry auf und konzentrierte sich. Er zog nur ein bißchen seiner Magie von den Fixpunkten ab. Er spürte, wie sie durch seinen Körper floß, summend vor Energie, in seine Hände und von ihnen in seinen Zauberstab ... in seinen Zauberstab. Harry runzelte die Stirn, zielte und flüsterte die korrekte Zauberformel. Es gab kein Anzeichen, daß seine Magie durch seinen Zauberstab wirkte. Es hatte überhaupt nicht funktioniert. Die Magie summte noch immer in seinen Händen.

Seine Roben hatten sich überhaupt nicht verändert. Sie waren noch immer klein genug, daß sie höchstens als Puppenkleider herhalten konnten. Harry schnaubte. Überhaupt keine Magie, das war sogar noch besser. Bevor er sich versähe, gäbe es überall Gerüchte über Harry Potter den Squib, der mit Filch und seinem naseweißen Vierbein Hand in Hand arbeitete. Merlin! Harry knüllte die Robe in seiner Faust zusammen. Warum konnte seine Magie nicht einmal so funktionieren wie für andere Leute?

Harry warf die kleine Robe mit all seiner Kraft und musterte mit gerunzelten Brauen wie sie unscheinbar nur ein paar Fuß von der geschlossenen Tür entfernt lag. Irgendwie mußte es zu schaffen sein. Er mußte in der Lage sein, sich in wenigstens einigen Dingen auf seine Magie verlassen zu können.

Sein Kiefer knackte schmerzhaft. Er ließ seine Augen für einen Moment zufallen und rieb sie müde. Nach einem weiteren Versuch seine Kleidung wiederherzustellen, entschied sich Harry, daß er es für heute gut sein lassen und morgen vielleicht besser Hermine auf sie loslassen würde. Seine eigene Magie war zu nichts zu gebrauchen.

Harrys „Engorgio!" war schroff und ging mit einem kurzlebigen, verärgten Zischen seines Zauberstabs einher, als er die Magie der Tür und seiner Robe entgegenschleuderte. In dem Augenblick, in dem er fühlte wie sein Zauberstab arbeitete – dieses Mal wußte Harry, daß er es richtig getan hatte – wurde er sich bewußt, daß er es wieder vermasselt hatte, denn die Tür öffnete sich im selben Moment.

Mit einem schweren Seufzer schloß Harry seine Augen und sank knochenlos zurück. Es schien, als wäre er nicht der einzige, der nicht wußte was er tun sollte, wenn er versuchte seine Magie offen davon zurückzuhalten, so zu funktionieren, wie er es gewohnt war.

„Entschuldige, Neville," seufzte er ohne den verblüfften Jungen anzusehen, dessen äußere Robe sich nicht gerade anmutig um ihn herum auf den Boden auftürmte, zu groß um nicht über die Schultern zu rutschen, als der Vergrößerungszauber traf und seine Arbeit tat.

„Uh, ... Harry?" Sich selbst unsicher trat Neville zaghaft über seine Roben hinweg.

„Tut mir leid, daß es dich traf, Neville." Das Gesicht verziehend stemmte sich Harry auf seine Ellbogen auf. „Der Zauber sollte eigentlich meine Robe treffen." Harry deutete auf das winzige Kleidungsstück vor den Füßen seines Freundes. „Ich hab es aus Versehen geschrumpft."

„Es ist in Ordnung, Harry." Schluckend blickte Neville hinab und tastete nach seiner eigenen Robe. Mit beiden Händen hielt er sich von sich entfernt. „Kannst du sie zurückverwandeln?"

Harry runzelte die Stirn. Seine Magie arbeitete ziemlich gründlich, wenn er nur seinen Zauberstab dazu kriegte, ihm zu gehorchen. Es schien ein generelles Problem zu sein. Für den Augenblick sollte alles in gut sein. Er mußte sich im Unterricht nur daran erinnern, immer weniger Magie zu benutzen, als er ursprünglich dachte tun zu müssen – viel weniger.

„Ähm... ich glaube es ist besser, wenn du Hermine das morgen tun läßt." Harry lächelte entschuldigend. „Es tut mir wirklich leid, Neville. Ich hab mich wohl ein bißchen verrannt." Die Robe, die Neville in seinen Armen hielt, war groß genug, um für das Bett den Vorhang zu ersetzen.

Seine eigene Kleidung, die entweder zu klein oder zu groß waren zum tragen, prüfend in der Hand haltend, hoffte Harry direkt vorm Frühstück in ihren Normalzustand zurückzuversetzen. Merlin! Er konnte sich jetzt einfach nicht konzentrieren. Harry warf seine Sachen in den Koffer, schloß den Deckel und kam langsam auf die Füße.

Neville zuckte still die Achseln, seine Wangen rot angehaucht, und setzte sich auf sein Bett. „Was hast du gemacht?"

„Geübt, du weißt schon." Harry stand wackelig. Er mußte sich am Bettpfosten festhalten, um zu vermeiden, daß er auf den Boden stolperte. Er legte seinen Zauberstab auf den Nachttisch und blinzelte. „Um nach den ganzen Monaten ohne irgendwelche Magie das Gefühl dafür zurückzukriegen."

„Oh, ... ich verstehe." Obwohl es offensichtlich war, daß Neville es überhaupt nicht verstand. Es war wahrscheinlich gut, daß der Junge ihn unterbrochen hatte. Harry fühlte sich wie tot auf seinen Füßen.

Er würde seine Magie morgen wieder ausprobieren müssen, wenn er sich für einen Moment von seinen Freunden wegschleichen konnte. Natürlich konnte er die Sachen immer noch der Erstklässlerin mit der kleinen Puppe geben, die im Kreis gerannt und nach ihrer Mutter geschrien hatte. Wie auch immer, Harry würde sich während des Unterrichts zurückhalten. Sein Zauberstab mußte einwandfrei funktionieren, ehe er damit tatsächlich vor den Professoren zaubern konnte. Er konnte mit seinem Zauberstab am Nachmittag experimentieren und über das ganze Wochenende. Es geschah nicht oft genug, daß man glücklich genug war, um das Schuljahr an einem Freitag zu beginnen. Nur ein Tag Unterriicht und er konnte durchatmen.

Gähnend fiel Harry auf sein Bett. Endlich war der Tag vorüber und er konnte versuchen ein bißchen Schlaf einzufangen. Vielleicht sah morgen die Welt schon wieder besser aus. Er würde herausfinden, was das Schloß mit ihm gemacht hatte. Tief atmend fühlte Harry, wie sich sein Körper entspannte und tiefer in die Kissen sank, in seiner Nase der klare Geruch von sauberem Leinen.

„Du schläfst nicht in deiner Robe, oder?"

„Logisch nicht, Neville." Harry blinzelte. „Ich hab nur Kraft gesammelt." Mit unhörbarem Grummeln stemmte er sich wieder auf, sammelte sein Nachtzeug zusammen und zog den Jumper über seinen Kopf, bevor er mitten in der Bewegung anhielt, sich bewußt werdened, daß Neville ihn neugierig beobachtete.

„Ich schätze, ich werde doch schnell eine Dusche nehmen," murmelte Harry und trottete lustlos zum Bad.

Harry stoppte erst in der Duschkabine selbst, schloß den Vorhand und lehnte sich schwerfällig gegen die Wand. Zweimal schlug er mit dem Hinterkopf und einem dumpfen Geräusch gegen die Kacheln. Sein Atem bebte, als Harry schnell in den Pyjama wechselte ohne das jemand das violette Mal auf seiner Hüfte zu sehen bekam. Er hatte sich gerade noch rechtzeitig erinnert. Für die Zukunft mußte sich Harry etwas ausdenken, um das Mal zu tarnen.

Als Harry in den Schlafsaal zurückschlurfte, hatte sich Neville bereits gemütlich in sein Himmelbett gekuschelt, eine Pflanze auf dem Nachttisch (wahrscheinlich lebensgefährlich) und seine Kröte auf der Tagesdecke, sanft streichelnd mit einem weit entfernten Blick. Für einen Augenblick fragte sich Harry, ob Trevor eine magische Kröte war, oder ob diese Tiere generall so lange lebten. Harry hatte keine Ahnung. Seine Augen brannten und er wußte, daß sie gefährlich gerötet aussahen. Harry dachte, daß falls nur ein weiteres Äderchen platzte, es gut möglich wäre, daß das Blut begann seine Wangen wie rubinrote Tränen hinunterzufließen.

„Harry?" Neville endete seine Gedanken ziemlich abruupt. "Kann ich dich etwas fragen?"

Harry stolperte auf diese unerwartete Störung hin in seiner stillen Welt von Halbschlaf. Zurückblickend blinzelte Harry in das Gesicht seinen erwartungsvollen Freundes und nickte, während er sich schwer gegen den Bettpfosten lehnte.

„Sicher, aber bitte ... morgen, Neville." Harry ließ sich zum zweiten Mal auf sein Bett fallen. „Ich muß jetzt wirklich schlafen. Laß uns morgen reden, in Ordnung?"

„Okay, Harry," kam es irgendwie eingeschüchtert von dem anderen Bett, aber es kümmerte Harry nicht.

„Merlin!" Die Erleichterung in Harrys Stimme war offensichtlich, als er sich hinlegte und seine Augen zufielen beinahe ohne das er es merkte. Nicht ein Gedanke verschwendete er an Nevilles Frage, die mit Sicherheit mit Kröten oder Pflanzen zusammenhing.

„G'nacht, Nev," murmelte Harry schläfrig und drehte sich in seinen Laken, das Bettuch mit sich ziehend, um sich gemütlich darin einzurollen. Er kehrte sich nicht einmal darum, die Vorhänge zuzuziehen.

„Gute Nacht, Harry." Neville flüsterte und beobachtete seinen Freund nachdenklich, aber Harry hörte und sah nichts mehr. Er war weit weg im Land der Träume und für einige wenige geschätzte Stunden fühlte er nichts mehr.

Als Harry seine Augen wieder aufschlug, mußte es mitten in der Nacht sein. Dunkelheit drückte sich fest gegen die hohen Bogenfenster. Das leise Schnarchen von den angrenzenden Betten war das einzige Geräusch, bis auf das dumpfe Pochen von Harrys Herzem.

Schwach erinnerte er sich, geträumt zu haben, daß er wählen mußte – und dem bedauernden Bewußtsein zu wissen, daß er überhaupt nicht wählen konnte, weil es nur eine Möglichkeit gab. Für einen Augenblick blinzelte Harry in die Dunkelheit, versuchte die Gebilde zu bestimmen, die von der sternenlosen Nacht verwandelt wurden. Es war nicht schön von möglichen Entscheidungen zu träumen, wenn die Entscheidung bereits getroffen wurde – aber es war hundert Mal besser als Alpträume.

Innerlich mit den Schultern zuckend, drehte sich Harry einfach zur Seite, zog die Decke über den Kopf und erinnerte sich an eine Zeit, in der er nur ein kleines Kind gewesen war, das glaubte, daß häßliche Monster mit scharfen, glänzenden Zähnen und unglaublich langen Klauen aus den Schatten hervorspringen und zerfetzen würden welches Körperteil auch immer er aus seiner Decke hervorschlüpfen ließ. Es war gut, älter zu sein und die Monster hinter sich gelassen zu haben – nur daß er sich jetzt mit anderen befassen mußte, mit Monstern, die beängstigend real waren.

Tat er das richtige? Harry mochte es nicht, an sich selbst und seinen Entscheidungen zu zweifeln. Er würde viel lieber sagen können, daß er die Gefühle von Befangenheit abgelegt hatte, seine Angst wieder allein gelassen zu werden, obwohl jetzt mehr als je zuvor alles wieder zurückgekommen schien.

Harry lag absolut still und ließ sich treiben wohin immer ihn seine Gedanken zogen, als ein leichtes Kribbeln in seinem Mal spürte, das ihn vor Überraschung aufkeuchen ließ. Seine Augen schossen weit auf während sein Geist versuchte zu folgen und dieses eigenartige Gefühl einzufangen – War es Belustigung? – war er sich bewußt, daß es etwas Neues war, das das Mal ohne Toms Einmischung aufflammen ließ.

Seit Hogwarts seine Magie von ihm genommen hatte, fühlte Harry das Mal stärker als je zuvor, obwohl er noch immer nicht festmachen konnte von wo die Spuren von Emotionen herkamen. Sicherlich nich von ihm selbst. Auch nicht von Tom. Harry bekam kein Echo von Tom, als ob er sich versteckte. Vielleicht würde Harry jetzt öfter verrückte Einsichten in die gebundenen Todesser kriegen, jetzt wo seine Magie die Verbindung zum Mal nicht mehr überschattete.

Stirnrunzelnd ließ Harry sich zurückfallen. Sein Schicksal präsentierte ihm Rätsel über Rätsel. Er hoffte bloß, daß er lang genug lebte, um die letzten Stücke zu allen zu finden. Auf seine Unterlippe beißend rollte sich Harry zitternd zusammen.

War es falsch, sich über seine Zukunft im Unklaren zu sein? War es falsch, sich vor dem was kommen würde zu fürchten, oder wenn er dachte, daß er lieber bei seiner Aufgabe versagen würde? War es falsch, Erleichterung zu fühlen? Jetzt, wo er nicht mehr mit so viel Kraft umgehen mußte, daß er mehr Zerstörung mit der Magie wirken konnte, die er in einer Fingerspitze hielt, als andere Zauberer überhaupt je zustande brachten.

Er hatte niemals so viel Verantwortung gewollt. Als er über eine Veränderung nachgedacht hatte, hatte Harry gehofft, daß er Voldemort vielleicht tötete ... oder das er getötet wurde, nicht daß er gemeinsam mit Tom Riddle in seinem Kopf würde weiterleben müssen.

Es ängstigte ihn zu Tode, denn Tom WAR Voldemort, selbst wenn Harry versuchte, diesen Gedanken mit aller Kraft zu unterdrücken. Es war einfacher Tom den Waisenjungen hinter seinen Schilden festzuhalten, als den Mann, der Tod und Verzweiflung über die gesamte Zaubererwelt brachte und den größten Teil der menschlichen Bevölkerung auf der Welt vernichten wollte.

War es falsch, Angst vor dem Augenblick zu haben, an dem die Prophezeiung schließlich wahr werden würde? In einem Versuch Trost zu finden, umklammerte Harry sein Kissen fest. Er hatte die Verantwortung für seine Taten auf sich genommen, die diese unvorhergesehenen und niemals gewollten Konsequenzen verursacht hatten. Vieles konnte schief gehen entlang des Weges, aber jetzt gab es wirklich niemand sonst, der die Prophezeiung in seine Hände nehmen und den Dunklen Lord töten konnte. Jetzt war es wirklich einfach nur Harry und Tom ... denn keiner kann leben, während der andere überlebt ...