Es dauerte ein bißchen, ehe Harry einschlafen konnte, nachdem ihm diese morbiden Gedanken durch den Kopf gingen. Als er jedoch endlich soweit war, rührte sich Harry nicht ein einziges Mal; er lag regungslos wie eine Leiche inmitten der Kissen. Erst als der magische Wecker ankündigte, daß es Zeit zum Aufstehen war und Seamus auf sein Bett sprang, kämpfte Harry seine schlafverkrusteten Augen auf.
Fröhlich grinsend hüpfte Seamus – gute gelaunt nach einem ausgedehnten Nachtschlaf – zweimal auf und ab, ehe er sich Harrys finsterem Blick bewußt wurde und sich aus dem Staub machte. Nach einem guten Lacher war Seamus gerade schnell genug, den halbherzigen Versuch seines schläfrigen Freunds zu vermeiden, den ungewollten Gast beiseite zu schieben.
Mit einem lautlosen Seufzer rollte sich Harry wieder zusammen. Er mochte weder Seamus noch irgendwen anders am Morgen. Das Erwachen kam immer zu abrupt, riß ihn weg von dem Frieden – jedenfalls wenn er nicht einen seiner schlechten Träume ... oder Visionen ... oder was immer sonst hatte, mit dem sein Schicksal aufwartete.
Grundsätzlich mochte Harry die Nacht. Er ging in der Stille auf, die über allem lag; die Dunkelheit versteckte all die garstigen kleinen Überraschungen, die im Licht des Tages gefährlich aufloderten. Dennoch, wie alles im Leben hatten alle Dinge eine gute und schlechte Seite. Während der Nacht wurden die Schatten lebendig. Für Harry war das nicht nur eine Kindergeschichte. Es war Wirklichkeit. Alles fühlte sich realer an, seine Verantwortung für die Zukunft der Zaubererwelt, seine Angst unter der Aufgabe, die er auf seine Schultern geladen hatte zusammenzubrechen, die Folgen wenn er scheiterte, und die Gefahr für sein eigenes Leben und das seiner Freunde. Harry konnte sich sehr gut in der Dunkelheit verbergen, aber er konnte sich nicht vor sich selbst verstecken.
Während des Tages konnte sich Harry darauf konzentrieren, nur an die wichtigen Dinge zu denken. Er erinnerte sich selbst, dem Weg zu folgen, auf dem bis zum bitteren Ende zu bleiben er sich zwangsläufig entschieden hatte. Harry rieb den Schlaf aus seinen Augen. Er wußte, daß er irgendwann aufstehen mußte. Es wäre besser, vorbereitet zu sein.
„Harry!" Sein Bett erbebte als ob ein Bergtroll einen Stepptanz darauf aufführte, obwohl es nur Seamus war. „Bist du auf?"
„Sicher. Bin ich." Harry setzte sich abrupt auf. Er wollte nicht schon am ersten Schultag mit kaltem Wasser übergossen werden. „Geh und wecke Ron." Verärgert wünschte Harry ihn weg.
„Keine Chance, Harry. Ron ist deine Zuständigkeit. Das weißt du." Harry nickte und kratzte unbewußt seine Hüfte, wo sich vollkommen unauffällig das Mal befand. Ja, er wußte es. Seine Freunde waren seine Verpflichtung.
„Wir sind nicht schnell genug, um aus dem Weg zu kommen." Seamus zwinkerte ihm zu. „Egal, mach nicht zu lange. Wir kriegen unsere Stundenpläne beim Frühstück."
„Ich werde dran denken," sagte Harry abwesend. In der letzten Nacht hatte er gefühlt, wie das Mal von selbst zum Leben erwacht war. Er hatte das Gefühl, daß die Verbindung, die er durch das Mal mit den gebundenen Todessern hatte, selbst jetzt beständig stärker und ausgeprägter wurde.
Harry hatte die Verbindung zum Mal noch nie so klar gespürt. Da war immer seine Magie gewesen, die er zu unterdrücken hatte, um sich wenigstens halbwegs auf die Spur des Mals zu konzentrieren. Jetzt jedoch war der Weg zum Band beängstigend klar und es fühlte sich realer an als je zuvor. Harry nahm sich einen Augenblick, um nachzudenken. Er fragte sich, ob die Todesser nicht in der Lage waren einige seiner willkürlichen Gedanken aufzuschnappen, genauso wie er die ihren öfter als nicht. Ablenkend wie es war, konnte Harry noch immer nichts kontrollieren was durch das das Band geschah. Harry kannte nicht die Art und Weise auf die es arbeitete, er wußte nicht, was das Band tun sollte. Tom würde kaum antworten falls er fragte.
Harry zog an einer Strähne seines widerspenstigen schwarzen Haares. Er würde einen Weg finden, mit diesem Problem fertig zu werden genau wie mit allem anderen. Das Mal war nur ein Problem unter vielen und Harry mußte alle von ihnen lösen. Es mußte Bücher über solche Verbindungen und Gedankenlesen geben und eine Menge Zeug, das mit diesen Themen verwandt war. Harry kämmte sein Haar mit den Fingern zurück. Es würde nicht flacher liegen, wenn er sich mit einer richtigen Bürste bemühte.
Harry versuchte sein Denken positiv zu halten. Nicht alles war so schlimm wie es am hellichten Tage schien. Auch der Tag hatte mehr als eine Seite. Harry würde sich beidem – Nacht und Tag – nur das positive behalten. Er mußte sein Leben nicht dunkler und trostloser machen als es bereits war.
Harry lächelte gleichmütig, einen vorsichtigen Blick aus dem hohen Bogenfenster werfend. Die Sonne wieder steigen zu sehen, selbst wenn es hinter einer rapide anwachsenden Wand aus dunkel auftürmenden Wolken war, war nicht so schlimm wie die Leute es aussehen ließen. Zum einen hatte er eine weitere Nacht überstanden. Nicht einmal hatte Harry in dieser Nacht geträumt, wenigstens konnte er sich nicht daran erinnern. Zum anderen würde er einen weiteren Tag erleben. Erleichtert viel sein Kopf zurück in die Kissen, bevor er einen Moment später, mit herzhaftem Gähnen, auf die Füße sprang und sich unterwegs streckte.
Nach einem kurzen Ausflug ins Bad, wo er Seamus und Dean einholte, schaute sich Harry nach Ron um, der noch immer tief schnarchte. Harry stieß einen Seufzer aus und lief zu seinem Koffer, um etwas zum Anziehen zu suchen.
„Bist du wach?" fragte Harry mit zweifelhaftem Blick.
Sich zu nichts einverstanden erklärend rollte sich ein grummelnder Ron noch tiefer unter seiner dicken Decke zusammen, beinahe darunter verschwindend. Nur sein Haar schien sein Kissen in Flammen zu versetzen, nach allen Seiten abstehend genau wie Harrys während des Tages. Glücklicherweise für Ron benahmen sich seine Haare nur in der Nacht auf diese Weise und behielten tagsüber ihre Form. Dennoch, Haare hin Haare her, Rons Augen hatten sich nicht ein einziges Mal geöffnet, seit Seamus mit ziemlicher Wucht auf Harry losgegangen war.
Harry seufzte und schlüpfte in das einzige Hemd, das nicht auf seinem kleinen Finger steckenblieb. Falls er irgendetwas anderes zum Anziehen haben wollte, würde er die ganze gestrige Prozedur in einem freien Augenblick wiederholen müssen. Nachdenklich musterte Harry seinen Zauberstab. Er funktionierte nicht wie er sollte. Nicht nur hing sein Zauberstab von der Menge an Magie ab, die er kontrollieren mußte, es schien sogar als würde Harrys Magie manchmal in ihm festsitzen. Es half auch nicht, daß Harry mit seiner zauberstablosen Magie darum herumarbeiten mußte.
Hatte sich seine Magie nicht nur in der Stärke verändert, sondern auch auf andere Weise? Die Art, in der seine Magie mit der Umgebung zusammenwirkte, schien anders, aber Harry konnte sich nicht sicher sein. Er hatte nie zuvor irgendwelche Magie gesehen und das Level seiner Macht war dramatisch angestiegen. Vielleicht brauchte er einfach einen anderen Zauberstab? Harry schnaubte. Er hatte soviel zu tun, so viele Dinge zu überschauen. Es wäre ein Wunder, wenn er alles so schaffte wie geplant.
Wieder blickte Harry zu seinem Freund hinüber. Dann griff er nach einem Kissen von seinem eigenen Bett, zielte und warf es quer rüber auf die flammend rote Mähne, doch ein leises Grummeln war die einzige Antwort, die er erhielt.
„Du mußt aufstehen, Ron." Harry wollte den Tag hinter sich bringen. Er mußte seine Nachforschungen so bald wie möglich beginnen. Die Antwort, die er letztlich bekam, war etwas unerwartet.
„Mein Bauch tut weh," kam das erste verständliche Murmeln. Es beruhigte Harry, daß Ron nicht in irgendetwas verwandelt worden war, das zu nichts anderem als unartikulierten Grunzern in der Lage war.
„Und mein Kopf," murmelte der Rotschopf schwächlich.
"Neuer Tag, neues Glück, Ron." Harry lächelte auf seinen dösenden Freund hinab. „Ich bin sicher, das Frühstück den Schmerz vertreiben wird." Gemächlich schloß er alle von den drei Knöpfen die das Hemd noch hatte.
Ein weiterer Grunzer aus den Tiefen der Kissen, ehe die gesamte Masse aus Decken zurückgeworfen wurde und Ron endlich seine Füße auf den Boden stellte, seine Augen von Schlaf verkrustet und rot verschwollen.
„Ich hätte nicht diese ganzen Butterbiere trinken sollen," kam die neue Einsicht in rauhem Flüstern.
„Da müßte ich dir zustimmen." Harry lachte. Er lachte lauter, als Ron seinen Kopf zwischen den Schultern versteckte und das Kissen mit einem Blick zurückwarf der Snape Konkurrenz machte. Es war gut zu wissen, das einige Leute normale Probleme mit sich herumtrugen.
„Denkst du, Hermine wird die Kopfschmerzen wegzaubern?" Ron klang wirklich mitleiderregend und er sah auch so aus.
„Ich bin nicht sicher. Ich glaube, falls sie dir hilft, würde sie es für eine Lektion halten, die du nicht gerlernt hast." Lächelnd streifte Harry seine Schuhe über und machte sich auf seinen Weg. „Ich werde sie für dich ein bißchen weichklopfen. Vielleicht bist du glücklich und sie hat Mitleid mit dir, aber vor ihr in die Knie fallen, mußt du allein."
„Danke, Kumpel." Harry war sicher, daß Ron sich an einem Lächeln versuchte, aber es wirkte eher wie eine Grimasse. Als Harry ging, fühlte er sich richtig gut zu wissen, daß – selbst wenn nur für einige Minuten mehr – er nicht der einzige war, der sich miserabel fühlte. Hermine ließ niemals einen Freund hängen, der Hilfe brauchte, selbst wenn besagter Freund das Übel selbst über sich gebracht hatte.
Es dauerte eine halbe Stunde, ehe Ron im Gemeinschaftsraum erschien. Während dieser Zeit versuchte Hermine Harry dazu zu bringen, ihr eine andere Erklärung zu geben, als die, daß er seine Robe geschrumpft und wieder vergrößert hatte, als er merkte, daß er sie zu sehr verkleinert hatte. Die Antwort befriedigte weder ihre Neugier noch ihr Bedürfnis alles zu wissen, um ihm helfen zu können.
Jetzt hatte sie ihn in ein Gespräch über neue Arten Pflanzen einzutopfen und großzuziehen verwickelt, die sie von Neville gelernt hatte, wobei Gespräch bedeutete, daß sie redete und Harry gezwungen war zuzuhören.
Harry war sich nicht sicher ob er für Ron eine große Hilfe war, um ein Heilmittel für seinen Partykater zu bekommen. Harry war fast soweit ohne seine Freunde hinunter zum Frühstück zu gehen, als sein Schicksal ein Einsehen hatte und die Schwester seines Freundes von der einen Seite und Neville von der anderen hinabsandte.
Mit einem kleinen, unsicheren Lächeln setzte sich Neville einfach neben Harry und lauschte aufmerksam. Wahrscheinlich hatte er vom Schlafsaal aus gehört, wie Hermine weiter und weiter von Pflanzen erzählte und hatte nichts gegen noch ein bißchen mehr – es war immerhin sein Lieblingsfach in der Schule. Ginny jedoch ließ sich mit nur einem flüchtigen Blick zu Harry neben Hermine fallen. Ziemlich offensichtlich war sie mehr mit ihren Gedanken beschäftigt als mit den Leuten die sie umgaben. Hermine war diejenige, die ihr die Frage stellte, auf die alle eine Antwort wissen wollten.
„Deine Zeit zusammen mit Dean war wirklich kurz," meinte Hermine rundheraus ohne ihre eigene Meinung über des Mädchens raschen Wechsel an Partnern anzusprechen. „Ron sagte, du hast einen neuen Freund? Wie ist er? Liebst du ihn?"
Mädchen! Harry rollte seine Augen und blickte zu Neville hinnüber als Ginny sich mit einem geheimnisvollen Lächeln vorbeugte. Man konnte nichts anderes tun, als sie reden zu lassen und zu hoffen, daß sie bald fertig sein würden.
„Naja, Dean ist wirklich nett und alles," achselzuckend, aber noch immer mit einem geheimnissvollen Lächeln, sah Ginny in die Richtung der Jungenschlafsäle, „aber Tore ist sehr viel reifer. Ich weiß er ist ein Muggel, aber er ist wirklich freundlich und verständnisvoll. Er hat braune Augen und dunkle Locken. Ich mag ihn wirklich." Ginnys Augen schimmerten, aber Harry fand, daß sie nicht sehr verliebt aussah. Es schien eher wie ein Fall von Vernarrtheit. Er schauderte sich vorzustellen, daß er selbst am Empfangsende ihrer Gefühle sein könnte. Es war wirklich Glück, daß sie aus ihrer blinden Obsession für Harry Potter herausgewachsen war, selbst wenn es am Anfang ganz witzig gewesen war. Was immer es mit Ginny und den Jungs auf sich hatte, Harry nickte verständnisvoll und schwieg.
„Tore weiß über Magie Bescheid," fuhr Ginny mit ihrer Erklärung fort. „Er ist richtig fasziniert von unserer Welt. Er ist allerdings auch ein bißchen traurig, daß seine Schwester nach Hogwarts kommt und er niemals dazu in der Lage sein wird."
Harry Braue hob sich fragend. „In welches Haus ist sie übrigens gekommen?" Er hatte das kleine Mädchen und Rons Auftrag ihr zu helfen glatt vergessen.
„Sinje? Sie ist in Hufflepuff. Woher kennst du sie?" Ginny musterte ihn achtsam, als wäre sie eifersüchtig – worauf konnte Harry nicht im Ansatz ergründen.
„Wir haben ihr bloß geholfen, ihr Spielzeug wiederzufinden." Hermine antwortete bevor Harry noch seinen Mund öffnen konnte. Was war das mit den Mädchen dieser Tage?
"Ihre Puppe." Ginny lächelte, ein selbstzufriedenes Funkeln in den Augen. „Ich weiß. Sie trägt sie überall hin mit herum. Es war ein Geschenk von ihrer Tante glaub ich." Ihre Augen verengten sich kaum sichtbar.
„Was ist?" Hermine bemerkte es schnell genug.
"Oh, es ist wegen ihrer Tante." Ginny zuckte die Schultern, ihre Miene mitfühlend. „Sie verschwand. Ich weiß nicht warum oder wie und wann. Tore hat es mir nicht erzählt und Sinje spricht mit niemandem darüber."
„Kamen sie deshalb hierher?"
„Nun ja, Tore sagte, daß ihr Vater einen neuen Job bekommen hat, viel besser bezahlt als der alte – aber ich weiß nicht. Es ist ein Thema, daß er nicht besonders mag. Ich glaube nicht, daß seine Eltern es mehr mögen würden, wenn ich sie sensibles Zeug über ihre Vergangenheit frage, deshalb hab ich es sein lassen." Sie hob unangenehm berührt die Achseln. „Ich hoffe, daß ich die ganze Geschichte erfahre, wenn ich ihn wiedersehe."
„Hm." Hermine summte nachdenklich. Sie schien mit der Familie mitzufühlen. Harry versuchte nichts von den Dingen preiszugeben, die er fühlte.
Wenn was immer der Tante des Mädchens passiert war während des Sommers geschehen war, wußte Harry, daß es nicht Voldemort gewesen sein konnte. Es war etwas anderes, wenn es vor Harrys Sightseeing Tour durch Voldemorts Versteck geschehen war. Vielleicht hatte ein streunender Todesser einen kurzen Ausflug aus ihrem traditionellen Jagdgebiet heraus gemacht. Wie auch immer, Harry würde das kleine Mädchen dazu bringen, zu ihm zu reden, selbst wenn es nur darum ging, daß sie sich öffnete. Über ungelöste Probleme zu reden, sollte Erleichterung bringen. Harry mußte das noch immer irgendwann einmal selbst versuchen.
„Überhaupt hatte Dad eine schwere Zeit mit ihnen." Harrys Aufmerksamkeit schnappte zu Ginny zurück. „Es war nicht einfach ihre Eltern zu überzeugen, ihr Baby nach Hogwarts zu schicken. Sie dachten alle, daß es viel sicherer sei, wenn sie bei ihnen bliebe, unter einem Dach sozusagen."
„Was hat—" Plötzlicher Lärm von den Jungenschlafsälen ließ Hermine mitten im Satz stoppen. Sie blickte eindringlich hinüber um zu sehen wer solchen Ruckus veranstaltete.
Dean war der erste der vorwärts stolperte, laut lachend ehe er die schweigende Gruppe Schüler bemerkte, die sie so intensiv beobachtete als wären sie eine unbekannte Spezies von Insekten.
„Seid ihr immer noch alle hier? Frühstück wartet nicht für immer, wisst ihr?" warf Seamus ein als er die letzten Stufen hinuntersprang, unbewußt oder einfach unwillig die schwere Stimmung im Gemeinschaftsraum anzuerkennen. „Ist denn keiner von euch hungrig?"
Neville räusperte sich und alle Aufmerksamkeit wandte sich zu ihm. Harry hatte vergessen, daß der ruhige Junge direkt neben ihm saß – und er schien nicht der einzige zu sein.
„Ich bin hungrig," sagte Neville spröde und musterte Ginny entschuldigend, die Chance auf Flucht ergreifend.
„Gut zu wissen, daß wenigstens noch einer von euch normal ist. Komm, Neville." Bereits auf dem Weg zum Portrait winkte Seamus ihm lebhaft.
„Hey!" Harry stoppte sie auf ihrem Weg mit einem plötzlichen Ausruf als er sich an etwas erinnerte. „Ist Ron endlich auf?"
„Yeah," Seamus grinste schadenfroh. Da er einer von denen war, die niemals einen Kater zu haben schienen, konnte er es sich leisten sich an anderer Leute Partynachwirkungen zu weiden. „Er ist damit beschäftigt, sich zu übergeben."
„Das klingt nicht allzu gut." Hermine drehte sich zu Harry um. „Wieviel von diesen gepunschten Butterbieren hat er gehabt?"
„Woher soll ich das wissen?" Harry hob beide Hände in defensiver Geste. „Wie du wissen solltest, bin ich ziemlich früh schlafen gegangen." Harry bemerkte das Seamus ihm zuzwinkerte im selben Augenblick in dem die Jungen den Gemeinschaftsraum verließen. Mit Sicherheit war Seamus der letzte aufrecht und in der Lage gewesen, seine Freunde ins Bett zu buxieren. Sein „irisches Blut" würde er sagen. Harry seufzte und wandte sich zu dem zerknirscht blickenden Mädchen um.
„Es war eine Willkommensparty, Hermine. Es war nur einmal und es war das erste Mal, daß er seine Hände an richtigen Alkohol bekam. Ich bin sicher, daß Ron von dieser Erfahrung geheilt ist." Harry unterdrückte ein Grinsen. „Du kannst ihm jedoch die Levitten lesen wenn du magst. Ich will mich nur nicht den ganzen Tag mit einem über einen Kater jammernden, leicht auf die Palme zu bringenden Rotschopf herumärgern müssen, falls du mir folgen kannst." Er blinzelte ihr flehentlich zu bis Hermine das Gesicht verzog.
„Vielleicht hast du recht." Sie runzelte die Stirn, aber ein Lächeln lag in ihrer Stimme. „Ich werde ihm aber sagen was ich davon halte."
„Tu das." Froh seine gute Tat für seinen Freund getan zu haben, kam Harry auf die Füße. "Ich werde mal nachsehen und ihn vom Eimer wegholen. Du wartest hier, und halte deinen Zauberstab bereit." Hermine nickte wortlos, ein Buch bereits wieder offen auf ihrem Schoß. Harry schüttelte seinen Kopf und sprintete die Treppe hinauf. Er wollte noch immer einige seiner Sachen in ihren Ursprungszustand zurückversetzen, wenn er sie schon nicht zum Besseren verändern konnte. Dafür jedoch mußte Ron verschwinden und Hermine mitnehmen, damit sie nicht neugierig wurde und den Rotschopf zum Schnüffeln hochschickte.
„Ron?" Vorsichtig öffnete Harry die Tür und sah sich um. Es schien als ob sein Freund wirklich damit beschäftigt war, hochzuwürgen was er erst gestern hinuntergeschluckt hatte. Lächelnd ging Harry zum Bad.
„Bist du hier drinnen?" Er steckte seinen Kopf in die offene Tür zu den Toilettenkabinen und Ron, der einzige Insasse, hing unkomfortabel über einer der Kloschüsseln.
„Seamus hat angedeutet, daß du Schwierigkeiten hast, dich von deinen Knien zu erheben," meinte Harry diplomatisch und ignorierte Rons Wimmern auf seine Worte hin. Harry hatte wirklich nicht soo laut gesprochen.
„Falls du es hinunterschaffst, wartet Hermine auf dich." Harry rubbelte beruhigende Kreise auf dem Rücken seines Freundes. „Sie ist bereit Krankenschwester zu spielen, aber wie ich gesagt habe, du wirst ihre Übernimm-Verantwortung-für-deine-Handlungen-Rede über dich ergehen lassen müssen." Harry zuckte unbekümmert die Schultern, als sein Freund kümmerlich aufstöhnte.
„Tut mir leid, aber ich hab sie nicht überzeugen können," erwähnte Harry unschuldig, „aber wenn du vielleicht dieses eine Mal ihren Ratschlag tatsächlich beachten würdest, würde sie eventuell damit aufhören immer wieder dieselbe Rede zu halten."
„Klar, als ob." Ron riß einen langes Stück Klopapier ab, rollte es achtlos zusammen und wischte sich den Mund innen und außen, bevor er ein weiteres Mal würgte.
„Du solltest wirklich nicht soviel Gepunschtes trinken, weißt du." Harry half Ron auf und sagte nichts weiter, als Ron sein obligatorisches: „Ich trinke nie wieder," vor sich hinmurmelte.
„Schaffst du die Treppen allein?"
„Es wird schon gehen. Ich bin kein Invalide, Harry."
„Sicher nicht, du bewegst dich nur wie einer." Harry grinste hinter dem Rücken seines Freundes. „Geh schon runter, okay? Ich muß noch ein paar Bücher suchen, die ich brauche. Falls ich nicht unten bin, wenn Hermine mit dir fertig ist, geht schon mal vor zum Frühstück. Ich hole euch ein. In Ordnung?"
„Geht klar." Ron nahm nicht einmal seine Hand von der Wand. Harry beobachtete ihn für einen Augenblick, um sicherzugehen, daß Ron sicher unterwegs war und nicht die Stufen hinunterpolterte wie der unglückliche Erstklässler – selbst wenn sich die Treppe nicht aus eigenem Willen bewegte, sondern lediglich in Rons Kopf.
Die Tür schließend, beugte seine Hand mehrmals und griff mit neuerwachter Entschlossenheit seinen Zauberstab. Er wußte, was er gestern falsch gemacht hatte. Es reichte nicht, den Zauberspruch zu sagen und auf die Menge Magie achtzugeben, die er benutzte. Seine Magie war trotzdem stark genug, um nicht nur durch seinen Zauberstab hindurch sondern jederzeit auch durch seinen Körper hindurchzusickern. Harrys Magie war durch einen viel schwerwiegenden und wichtigeren Wandel gegangen, als er zuvor gedacht hatte.
Jetzt, wo er viel wacher war und seinen Verstand beieinander hatte, würde es nicht allzu lange dauern, um das Kunststück zu vollenden, daß ihn nur geestern Jahre seines Lebens gekostet hatte. Der Gedanke kam ihm, direkt nach dem Aufstehen. Harry mußte seinen Zauberstab dazu kriegen, mit seiner Umgebung zusammenzuarbeiten, oder besser gesagt, er seine Magie mußte es tun. Harry wußte nicht wie, aber er hatte es schon früher getan. Ohne lange darüber nachzugrübeln, öffnete Harry seinen Koffer und fischte eines der geschrumpften Hemden aus seinen Tiefen.
Es half Harry zu wissen, daß die Magie da war, selbst wenn er sie nicht mehr sehen konnte. Obwohl es für jetzt viel einfacher wäre, richtig mit seiner Magie umzugehen, wenn er seine Augen schloß, um die Konzentration zu dem Level hochzufahren, auf dem er aktiv mit seine neuen magischen Fähigkeiten wirken konnte – zumindest einige von ihnen.
Harry konnte die magische Energie fühlen. Er sah es wachsen und flackern vor seinem inneren Auge als er tief in sich hineingriff. Sein Körper zitterte, als er seine eigene Magie erspürte und den intensiv glühenden Punkt fand, von dem seine Magie beständig durch seinen Körper strömte, Hitze austrahlend und einen Sinn von Leben. Harry folgte ihrem Weg durch seine Arme, hinauf zu seinen Händen und noch weiter. Mit einem lautlosen Knall, der durch sein ganzes Wesen ertönte, spürte Harry wie sich die Magie mit dem Stein selbst verknüpfte, der sie umgab, sich mit allem verband, daß auch nur ein kleines bißchen Magie in sich wohnen hatte.
Langsam öffnete Harry seine Augen zu Schlitzen, richtete seinen Zauberstab auf die abgetragene Puppenkleidung und sprach die Zauberformel deutlich und mit innerer Ruhe. Seine Konzentration schwankte niemals. Er mußte keine Kraft aufwenden zu spüren, wie die Magie sich seinem Wunsch den vorbereiteten aber zu schmalen Weg durch seinen Zauberstab zu nehmen widersetzte.
Harry wußte nicht wie genau er es tat, aber er… spaltete seine Magie auf. Den größten Teil sandte er durch die Luft und den Stein selbst, so daß der Rest ungehindert durch seinen Zauberstab fließen konnte. Ein kleines zufriedenes Lächeln kämpfte sich den Weg auf seine unbewegte Maske der Konzentration frei, als Harry die Magie spürte, die er durch seinen Zauberstab geschickt hatte, ausgreifend um sich mit der anderen Hälfte zu vereinen. Er erlaubte seinem Lächeln aufzublühen, während er beobachtete, wie das geschrumpfte Hemd sich so vergrößerte wie es sollte, weder mehr noch weniger als er beabsichtigt hatte.
Es gab nichts zu sehen. Es sah nicht aus, als wirkten sein Zauberstab und seine Magie anders als sie es vor dem Sommer getan hatten, aber natürlich würde es nicht anders aussehen, nicht wenn niemand in der Lage war die Magie selbst zu sehen. Harry dachte über das was er getan hatte nach. Mit einem bißchen Praxis, einem Quentchen mehr Konzentration als er letztes Jahr gebraucht hatte, und er wußte, daß er es mit Leichtigkeit wieder tun konnte.
Es brauchte wirklich nicht viel, um seine Kleidung zu wiederherzustellen. Wenn die nächste Woche begann, würde er keine Probleme im Unterricht bekommen. Harry war sich durchaus bewußt, daß er nur einen Kompromiß herausgearbeitet hatte, aber es war einer der funktionierte. Solange er mit allem was er tat – und vor wem er es tat – vorsichtig war, war das alles was zählte. Es war unglaublich wie viel ein bißchen Konzentration ausmachen konnte, wenn man zauberte, aber zu viel konnte schiefgehen, wenn er seine Gedanken wandern ließ. Dennoch es war ein tolles Gefühl, wieder fähig zu sein, seinen Zauberstab zu benutzen, auf welche Weise auch immer.
