Kapitel 25 – Lagepeilung

Beide Gryffindors standen nachdenklich nebeneinander und beobachteten die sich rasch leerende Halle mit trägen Blicken. Einer von beiden war sehr damit beschäftigt einen Weg zu finden, wie man möglicherweise das Unvermeidbare noch länger vermeiden konnte – namentlich die Unterredung mit dem alten Mann; der andere fand sich einfach ohne etwas Besseres zu tun als zu bleiben und hoffte, daß sein Freund eine Idee haben würde, wie man etwas Zeit um die Ecke bringen konnte.

„So, Neville," Harry lächelte gelassen, „was machst du mit deiner unerwarteten Freizeit?" Harry musterte Neville aus dem Augenwinkel. Der Junge war sich eindeutig unsicher, was er mit sich selbst tun sollte, nervös von einem Fuß auf den anderen tretend schien er nicht dazu geneigt Harry alsbald allein zu lassen.

„Weiß nicht," murmelte Neville und zuckte gleichmütig die Schultern. „Ich hab mir noch nix überlegt."

„Hm." Harry selbst hatte geplant für ein Weilchen einen Gang hinunter zu schalten. Dumbledore sollte nicht denken, daß er ihn um den Finger gewickelt hatte. „Du könntest zum See runtergehen oder in die Bibliothek." Harry wollte solange wie möglich warten, bevor er hinauf zur funkelnden Inquisition stapfte. Er würde sicherlich mit Limonendrops gefoltert werden, wenn Dumbledore erkannte, daß er nicht sehr freigiebig mit Informationen sein würde.

„Ich könnte mit dir gehen," sagte Neville hoffnungsvoll.

„Was?" Harry blinzelte vor Überraschung. „Ich glaube nicht, daß du eingeladen bist, Neville. Warum gehst du nicht zum See? Das Wetter ist nicht sooo schlecht."

„Ich kann das hinterher machen," erklärte Neville sanft. „Es dauert noch lange bis zur Mittagspause." Er war nervös, machte aber noch immer keine Anstalten Harry allein zu lassen.

„Na schön. In Ordnung, Neville." Seufzend drehte sich Harry um. Die Halle war leer. Der Unterricht hatte bereits begonnen. Es war niemand mehr da bis auf sie selbst. „In Ordnung, aber keine Eile." Mit einiger Schwierigkeit griff Harry um Nevilles Schultern herum – der Junge war etwas kleiner als Ron – und zog ihn mit sich, in die entgegengesetzte Richtung in der das Büro des Direktors auf Harry wartete.

„Wohin gehst du?" Stirnrunzelnd blickte sich Neville um. Er wußte nicht genau wo Dumbledores Büro war, aber es war mit Sicherheit nicht draußen.

Harry grinste schelmisch und führte den anderen Jungen zur Eingangshalle. Es wäre gut eine frische Brise einzufangen, ehe er sich selbst zu einem ganzen Morgen in einem staubigen Büro verdonnerte. Harry freute sich nicht gerade darauf von dem alten Wasserkopf nach Informationen ausgepumpt zu werden, während er den Geruch von Limonendrops in seiner Nase hatte.

Harry ließ Neville los sobald sie das Schloß verlassen hatten. Tief Atem holend erinnerte sich Harry daran, daß er morgen um diese Zeit über seine Unruhe lachen würde. Zum Guten oder Schlechten, morgen um diese Zeit wäre er fertig mit Dumbledore. Er schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf seine Umgebung.

Es sah aus als ob es bald regnen würde, oder eher, als ob sich ein schwerer Sturm zusammenbraute. Die sich auftürmenden Wolken waren nahezu schwarz und in den heftigen Windböen wechselten sie beständig die Gestalt. Die alten Bäume des Verbotenen Waldes schüttelten sich mit Gewalt, die Blätter rauschten laut. Es schien als hielten sich die Bäume nur durch reinen Willen am Boden fest wenn ein noch heftigerer Windstoß sie traf. Harry wußte es nicht, aber er lächelte während er zusah, wie sich das Ende der Welt selbst ankündigte.

Sie gingen schweigend, lauschten der Welt, aber es dauerte nicht lange bis Neville nervös anhielt. Er war zögerte mächtig sich weiter von der Sicherheit des Schlosses wegzubewegen. Harry würde es nicht stören wenn er selbst vom Blitz getroffen wurde. Es wäre der leichte Ausweg. Kurz und… aufblitzend. Er kicherte voll vergnügter Ironie.

„Tja, Neville." Harry steckte die Hände in seine Taschen, wippte auf den Zehenspitzen und versuchte so gegen die ankommende Wand aus Wind auszuhalten. „Welche anderen Klassen hast du für die NEWTs ausgewählt? Geschichte war sicher eine Erleuchtung für uns." Vielleicht würde Neville endlich reingehen, wenn ihn das Wetter zu sehr beunruhigte.

„Ähm… ich denke…," Neville beobachtete sorgsam den bedrohlichen Himmel, „weißt du… Herbologie, Geschichte, Verteidigung und… äh… Wahrsagen."

„Wahrsagen?" Harrys Brauen wuchsen in die Höhe, aber er lächelte auf Nevilles unsichere Miene hin.

„Es ist interessant. Ich meine… ich bin nicht wie Lavender oder Parvati, aber ich mag es." Neville klang nicht sehr bestimmt darüber.

Harry hielt es für wahrscheinlicher, daß die Erklärung dieselbe war wie die, warum Neville Geschichte ausgewählt hatte. Jeder mit einem klein bißchen Vorstellungskraft konnte die Klasse bestehen – selbst ohne Zauberstab. Man brauchte nicht notwendigerweise dieses innere Auge von dem Trelawney so schwärmte. Klar waren einige Dinge über Wahrsagen interessant. Wenn Harry sich vorstellte, daß er keinen inkompetenten oder einen von Mars besessenen Professor hatte, wenn er die Kristallkugeln und die stickige Luft in matt beleuchteten Räumen wegdachte, wenn er die Vorhersagen von seinem eigenen Tod und die Visionen von Voldemort vergaß und diese bescheuerte, vermutlich allzu wahre Prophezeiung über ihn und den komplett durchgeknallten Dunklen Lord, dann wäre Harry vermutlich selbst an Wahrsagen interessiert – aber er bezweifelte, daß es in diesem Leben soweit kam.

„Nun ja, solang wie es dir Spaß macht." Harry unterdrückte eine Grimasse. „Das ist die Hauptsache, oder? Laß es dir von niemandem ausreden."

Neville lächelte mit sichtlicher Erleichterung. Er hatte wirklich geglaubt, daß Harry sich über ihn lustig machen würde. Harry schüttelte seinen Kopf. Seine Freunde – Neville insbesondere – sollten es besser wissen. Wann hatte er sich jemals über irgendjemanden lustig gemacht? Natürlich gab es Malfoy… und Snape… und Fudge… und Umbridge, und einige anderen Leute – aber da machte er sich nicht lustig, bei denen beglich er nur die Rechnung. Harry zitterte, als ein kalter Windstoß ihn so hart traf, daß er einen Schritt zurücktreten mußte, um das Gleichgewicht zu halten. Er liebte das Wetter – es passte perfekt zu seiner Stimmung – aber er mochte es nicht wenn ihm kalt war, oder wenn er umgeworfen wurde.

„Laß uns reingehen, Neville. Wir können zur Küche gehen, was Heißes trinken und uns eine stille Ecke zum Faulenzen suchen.

„Oh, ja." Neville nickte leidenschaftlich, Wangen und Nase rot, und seine Augen verließen niemals die Linie wo Horizont und Wald aufeinandertrafen. Die Bäume schienen die letzte Barriere bevor der Sturm über sie hereinbrach. „Nach drinnen!"

Harry grinste. Was immer Neville tat, er tat es aus vollem Herzen. Es gab nichts Listiges in Neville – und das war keine Beleidigung. Es war erstaunlich, daß Neville so vertrauensvoll und – in Mangel eines besseren Wortes – rein sein konnte, obwohl er wußte wozu die Menschen fähig waren. Schließlich wurde er daran wiederholt erinnert, wann immer er seine Eltern besuchte.

Harry fragte sich, was geschehen wäre, wenn Neville derjenige mit der blitzförmigen Narbe auf der Stirn gewesen wäre. Wie würden sich ihre Leben verändert haben, wäre Neville Longbottom als der Junge-Der-Überlebte bekannt geworden? Harry seufzte schwach. Für seinen Teil war es Wunschdenken. Neville war Neville, nichts weiter. Neville war einfach und das machte es Harry möglich, sich in seiner Nähe zu entspannen. Jetzt mehr als zuvor, weil Neville seine Schwäche – wenn man es denn überhaupt so nennen konnte – für alle offen sichtbar trug.

In Nevilles Welt passte alles in seine mutmaßlichen Kategorien, das Leben war einfacher auf diese Weise. Trotz allem das Neville gesehen hatte, gab es keine Falschheit und keine Aussicht auf Betrug. Alles war entweder das eine oder das andere – darin war er sich mit Ron ähnlich, nur viel gemäßigter und Neville hatte nicht diese Sturköpfigkeit und dieses hitzige Temperament. Neville war nicht einfältig, weit davon entfernt, immerhin war er in Herbologie ein Genie, aber Nevilles Welt schien einfach im Vergleich zu der, in der Harry lebte.

In seinen schwächeren Augenblicken spürte Harry manchmal etwas, das verdächtig nach Neid roch, weil die Weltnicht dazu gedacht war noch länger für Harry so unkompliziert zu sein. Jetzt fand er es schwer nicht die Dinge zu sehen, die zwischen dem einen und dem anderen lagen. Nur weil man bestimmte Leute für gut hielt, hieß das nicht notwendigerweise, daß sie nichts anderes waren. In Dumbledore hatte er ein passendes Beispiel. Harry war sich ziemlich – nicht jedoch absolut, nicht mehr – sicher, daß Dumbledore in seinem Wesen eine gute Person war, dennoch war er mit Bestimmtheit ein ebensolcher Bastard und Harry mochte das nicht sonderlich.

Der alte Mann glaubte, daß er mit allem davonkommen konnte, nur wegen dieses dämlichen, wissenden Funkelns in seinen Augen. Er war nicht allwissend. Er konnte es nicht sein. Niemand war. Bei Dumbledore mußte Harry nur noch hinterfragen was genau – ohne Zweifel – der Direktor wußte und was der Mann aus dem Benehmen der Leute schloß, wenn sie ihm gegenüberstanden, aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage ihre Fassung zu behalten. Es mußte geholfen haben, so ein starker Legilimens zu sein; schließlich machte das Dumbledore in den Augen anderer Leute umso mehr allwissend, ließ man außer Acht, daß er das Vertrauen derselben Leute mißbrauchte, wenn ohne Überlegung in ihre Gedanken eindrang.

Harry schnaubte. Er würde nicht länger einer dieser Menschen sein – er konnte es nicht sein und wollte es nicht. Er ballte wiederholt seine Fäuste. Es tat ihm nicht gut sich darüber aufzuregen. Auf eine Hinsicht wollte Harry die ganze Sachen hinter sich bringen; aber es war, wie es immer mit einfachen Plänen geschah. Plötzlich schienen sie nicht sicher genug um das eigene Überleben zu sichern. Umso länger er wartete, desto mehr zweifelte Harry daran, daß er auf der anderen Seite herauskommen würde – und könnte – ohne mehr als einen oder zwei Kratzer hinzunehmen.

Eine Strähne aus seinem Gesicht pustend wußte Harry, daß er trödelte. Er wollte den alten Zwinkerer einfach dazu bringen zu zweifel – selbst wenn es nur für einen Augenblick war – daß Harry auftachte; vielleicht eine Stunde, um die Dinge zu durchdenken, nicht um darüber nachzugrübeln, was alles schiefgehen könnte. Eine Gryffindorfassade vor seinen Klassenkameraden und Freunden aufrechtzuhalten war eine Sache, etwas ganz anderes war es, daran festzuhalten, während Dumbledore höchstwahrscheinlich in seinem Kopf herumstöberte. Harry hoffte, daß es nicht dazu kommen würde. Er war sich nicht sicher, daß er alle „Sorgen" des Direktors beschwichtigen konnte, wenn der neugierige Bastard damit anfing Legilimency zu benutzen. Allerdings würde es ganz gut funktionieren – wahrscheinlich – warf er nur einen flüchtigen Blick auf Harrys Gedankenwelt. Es gab nur eine Sache, die Harrys Zweifel umso mehr steigerten. Das war die klitzekleine Tatsache, die Harry herausfinden mußte, nachdem er bereits in den sprichwörtlich heißen, brodelnden Kessel hineingesprungen war.

Traurigerweise konnte Harry Tom Riddle nicht einfach im Schlafsaal zurücklassen, damit er dort auf ihn bis nach dem Gespräch mit dem Direktor wartete. Er schauderte daran zu denken, was passieren würde, sollte Dumbledore, der Anführer des Phönixordens und eine Galionsfigur im Kampf gegen das Dunkle, die fremde Präsenz in Harry Potters Kopf – DER Galionsfigur – finden oder erfühlen. Harry Potter, der dumm genug war, der Rolle die man ihm aufgezwungen hatte, treu zu bleiben, einer Rolle, die ihn letzten Endes das Leben kosten würde. Für eine Weile nicht nachdenkend folgte Harry Neville schweigend.

Einmal mehr in Gedanken versunken achtete Harry nicht wirklich auf Neville. Vergeblich versuchte der andere Junge ihn in ein freundliches Gespräch einzubeziehen – eine Tatsache, die Harry nicht einmal bemerkte. Neville hätte zur Hölle und zurück gehen können und Harry wäre ihm fraglos gefolgt so sehr war er in seiner eigenen Welt hineingeraten. Erst als Neville anhielt und vorsichtig an seinem Ärmel zog, blickte Harry vom Boden auf und hob fragend eine Augenbraue.

„Ich hab keine Ahnung, wie ich von hier weitergehen soll, Harry." Neville hob die Schultern. „Ich bin niemals hier unten gewesen, obwohl ich einige Schüler hab reden hören, daß die Küche irgendwo in diesem Teil des Schlosses ist." Harry blinzelte, grinste gutgelaunt und sah sich um. Sie waren wirklich nicht allzu weit weg von der Küche. Nur ein paar Schritte mehr und ein Stück in den Korridor zur Linken und sie wären da.

„Kein Problem, Neville," Harry sah den Jungen an, „aber warum hast nicht früher mal jemanden gefragt, dir den Weg zu zeigen?" Neville zuckte wortlos die Achseln und Harry runzelte die Stirn. Dachte er, daß niemand es ihm gesagt hätte, weil sie ihn für tolpatschig genug hielten die Birne zu durchbohren anstatt sie zu kitzeln? Harry seufzte. „Dann pass auf. Es ist gleich hier unten."

Seine Gedanken schon wieder mit anderen Dingen beschäftigt, machte sich Harry auf den Weg die Treppe hinunter. Er wollte den alten Mistkerl bloß noch ein klein wenig länger warten lassen, nur lang genug, damit er sich fragte, ob Harry jemals kommen würde; und Harry war absolut nervös. Falls er zu vertrauensvoll ankam würde Dumbledore es ihm nicht abkaufen, nicht nach dem Temperamentsausbruch, den er sich letztes Jahr geleistet hatte. Nichtsdestotrotz konnte Harry ihm einen neuen, verbesserten Gryffindor zeigen, obgleich er es gleichmäßig ausbalancieren mußte, um den Mann nicht noch mißtrauischer ihm gegenüber zu machen. Es wäre kein Vorteil, wenn Dumbledore von Anfang an ihm klebte, wenigstens nicht stärker als er es bereits tat. Es wäre wie Seillaufen mit verbundenen Augen und hochhackigen Schuhen. Dämlicher, manipulativer Bastard.

Ein plötzliches Kitzeln an der Stelle, an der das Mal war, ließ ihn abrupt anhalten, gerade als sie den Korridor betraten, in dem die Küche mit Essen und heißer Schokolade auf sie wartete. Neville sah besorgt aus, aber Harry war sich sicher, daß sich seine Verwirrung nicht durch das breite Lächeln zeigte, das er trug. Was immer das Mal durch das Band sandte – oder das Band durch das Mal – es wurde mit jedem weiteren Augenblick klarer, aber gleichermaßen verwirrender. Jemand kam näher. Harry richtete sich auf, als er erkannte, daß es nur eine Person sein konnte, der erlaubt war, durch die Korridore zu laufen während er gleichzeitig das Dunkle Mal trug. Was ihn jedoch für einen Moment verwirrte, war der Mangel an Haß. Das war der Grund warum Harry das Muster nicht gleich erkannt hatte. Snape hatte sie noch nicht gesehen. Er war noch immer auf der Treppe, aber er würde es bald wissen. Es waren seine Gefühle, die Harry durch das Band empfing, obwohl das Mal niemals so leicht zu lesen gewesen war wie jetzt.

Offensichtlich würde es nicht ein so ruhiges Jahr werden, wie er vorhin gedacht hatte, aber was sein mußte würde geschehen. Gestern war Harry viel zu müde gewesen, um sich über so etwas Sorgen zu machen, aber jetzt war er so bereit wie er nur sein konnte; und es war ebensogut, daß Ron und Hermine nicht bei ihm waren. Sie konnten ein bißchen Luft schnappen und Harry konnte Gebrauch von der Gelegenheit machen, die sich ihm präsentierte. Warum sollte er nicht jetzt anfangen? Was sprach dagegen mit Snape anzufangen? Es gab keine bessere Zeit als die Gegenwart ein neues Spiel zu starten. Harry bereitete sich mental auf die kommende Konfrontation vor. Tief Atem holend und nicht einen Schritt weitergehend wartete Harry, noch immer Angesicht zu Angesicht mit einem noch ängstlicheren Neville, daß Snape um die Ecke trat. Harry lächelte beruhigend.

„Ich glaub, ich zeig dir die Küche ein anderes Mal, Nev."

„Warum?" und der Junge hielt neben Harry den Atem an, als er in die Richtung blickte, aus der die Dunkelheit auf sie hinabstieg. Neville erbleichte dramatisch und Harry fühlte leichtes Bedauern in seiner Brust widerklingen, daß er seinen Freund nicht vorgewarnt hatte, wer die Stufen hinunterkam. Seine Konzentration völlig unversehrt, wandte sich Harry träge um.

„Professor Snape!" rief er vor Überraschung aus, wie es erwartet wurde, und erkannte sofort, daß er nicht in der Lage sein würde den Mann nur mit seiner Magie eingehend zu lesen, entweder er würde den Faden bei der Unterhaltung verlieren oder die kaum sichtbare magische Aura, die ihn umgab. Dennoch, realisierte Harry, daß der Haß jetzt da war. Ein heiß brennendes Feuer der Abscheu, alles davon auf Harry Potter gerichtet.

Das Dunkle Mal würde ein große Hilfe sein, wenn er mit Snape zu tun hatte, aber da es zweifelhaft war, daß Dumbledore selbst gebrandmarkt war, würde er dort noch immer im Dunkeln tappen. Harry hatte damit gerechnet, daß er fähig sein würde Dumbledores Aura während ihrer bevorstehenden Unterhaltung lesen zu können. Er mußte einen Weg finden, die Absichten und möglichen Motive des Mannes herauszufinden, einen Weg die Gefahr abzuschätzen, die von ihm ausging. Es war einfach, sie an der Nase herumzuführen, wenn er ihre Emotionen kannte. Harry mochte nicht sonderlich wie sehr er bereits von der Fähigkeit abhing, aber er wollte sich auch nicht nur auf Vermutungen verlassen. Hogwarts würde hoffentlich bald beendet haben womit es beschäftigt war, so daß Harry seine Magie zurückkriegen konnte.

Harry schüttelte seinen Kopf. Das Schloß und das Band des Dunklen Mals (und was es wahrscheinlich tun konnte) mußten für eine andere Zeit zur Seite gelegt werden. Er mußte sich entscheiden, wie er den Schleimbolzen in Zukunft händeln wollte. Harry dachte schnell nach. Er konnte ihn nicht frei herumlaufen und ihn alles willkürlich ausschnüffeln lassen. Es war besser ihn auf etwas anzusetzen, daß Harry für ihn vorbereitet hatte, damit er nicht über wichtige Dinge stolperte, bei denen sein Einmischen genausogut das Ende von allem bedeuten konnte. Wie auch immer, es würde nicht wehtun zu testen, ob überhaupt möglich war was Harry vorhatte oder ob er sich etwas anderes überlegen mußte. Als erstes jedoch mußte Harry ihm etwas zurückzahlen. Er brauchte eine Reaktion auf der er aufbauen konnte. Es war einen Versuch wert.

Neville quiekte ängstlich und biß seine Lippen als Snape ihn ins Visier nahm. Seine Augen waren weit und vorsichtig in der Gegenwart seiner größten Angst, doch er hielt sich gut. Harry konnte nicht sagen, ob er so stark sein konnte, wenn er seiner eigenen größten Angst begegnete, obwohl Harry sich nicht allzu sicher war, was es jetzt sein würde. Seine größte Angst konnte nicht Voldemort sein und er zweifelte, daß die Dementoren noch an der Spitze der Liste standen. Vielleicht war es Azkaban oder sogar Dumbledore – oder die Zukunft, der er entgegensteuerte. Es wäre interessant zu wissen wie ein Boggart aussehen würde, sollte das der Fall sein.

Harry räusperte sich, so daß der andere Junge sich geringfügig entspannen konnte, als sich Snapes Aufmerksamkeit Harry zuwandte.

„Neville und ich haben uns bloß über Herbologie unterhalten, Professor," sagte Harry unschuldig genau als Neville ein weiterer Quiekser entschlüpfte. Dieses Mal war die Überraschung in Nevills wortlosem Kommentar eindeutig. Harry hörte es und Snape bestimmt auch, aber letztlich war es egal, ob Snape das kleine Märchen glaubte oder nicht. Nur wegen Neville machte er sich die Mühe. Weder war Harry daran interessiert, noch würde Snape es sein nachdem Harry seinen Teil gesagt hatte. Er mußte einfach schnell reden, damit ihn der Professor nicht unterbrach und seine Geschichte mit ein paar kleinlichen Beleidigungen unbrauchbar machte. Immerhin mußte er seinen Standpunkt klarmachen.

„Ja," nickte Harry leidenschaftlich und ließ dem Mann keine Pause ein Wort einzufügen. „Wir haben über Tiere gesprochen. Es gibt einige, die besondere Pflanze wirklich schlimm zurichten. Ich dachte, es wäre gut, die Dinger in Stücke zu schneiden," Harry hob die Schultern als ob er sich entschuldigte, es nicht besser zu wissen, und blickte dem Meister der Kräuterkunde ins Auge, „aber wußten Sie, daß der Schwanz eines Wurms sich von allein bewegen kann, selbst wenn der Körper abgeschnitten ist?" Er hielt den schwarzen, harten Blick nur einen Augenblick länger und linste zwinkernd zu Neville. Das Band des Dunklen Mals schien einen Moment zu verschwinden, ehe es mit Nachdruck zurückkehrte, jede Emotion verzehnfacht.

„Es hat echt Spaß gemacht, mit dir zu plaudern, Neville." Harry lächelte gezwungen. Er wußte, daß ihr Gespräch für jetzt vorbei war.

„Ja," schaffte der verängstigte Junge gerademal herauszupressen während er versuchte ruhig zu bleiben. Nichtsdestotrotz trat er einen schnell Schritt zurück, da er derjenige war, auf den sich der verbotene, starre Blick über Harrys Kopf hinweg richtete.

„Longbottom!" biß Snape sarkastisch hervor und verzog hämisch das Gesicht als der Junge zusammenzuckte. „Solltest du nicht irgendwo einer Pflanze beim Wachsen zusehen?" Neville schluckte nervös. Was immer er als Antwort zu dieser Frage sagte, wäre offensichtlich die falsche. „Geh topf eine ein, da es scheint, als wäre das die Grenze deiner Fähigkeiten." Das hämische Grinsen weitete sich, als Neville wie festgewurzelt stehenblieb. „Tue es irgendwo anders, Longbottom! Ich will deine Dummheit nicht auch noch zwischen den Klassen ertragen müssen, wenn ich dich gerade aus meinem Unterricht herausbekommen habe." Ein geringschätziges Knurren folgte und Neville, mit einem entschuldigenden Blick zu Harry, brachte sich so schnell er konnte in Sicherheit. Harry schwieg, aber seine Fäuste ballte sich ohne eigenes Zutun. Er wollte, daß Neville ihn alleinließ, aber er wollte den Jungen nicht unnötig ängstigen.

Die beiden verbleibenden Zauberer folgten dem fliehenden Gryffindor mit entschlossenen Blicken. Erst als Neville um eine Ecke trat und man seine panischen Schritte über die Treppen hasten hören konnte, wandten sich ihre Blicke einander zu, sich gegenseitig abschätzend. Jetzt wo Neville weg war, war es Harry, der jetzt einen Schritt zurückwich.

„Wir haben uns wirklich über Herbologie unterhalten, Professor." Sie hatten es getan. Harry log nicht. Neville hatte ihm immerhin erzählt, daß er Herbologie auf NEWTs Level nehmen würden, also hatten sie an einem Punkt tatsächlich über Herbologie gesprochen, selbst wenn sie gewisse Würmer und ihre Schwänze nicht erwähnt hatten.

„Ach, das habt ihr, Potter?" Snapes Augen waren eiskalt, lediglich Schlitze, in denen der Haß brannte, der sprichwörtliche Abgrund der Verdammnis. Der Haß, der Harry beständig durch das verrückte Band erreichte, brachte ihn beinahe dazu, daß er sich übergeben wollte, die reine Emotion beugte nahezu seine Knie.

„Zehn Punkte von Gryffindor, dafür einen Professor anzulügen, weitere zehn Punkte, dafür einen anderen Schüler in deine Dummheiten zu verwickeln, und noch einmal zwanzig Punkte Abzug dafür, daß du nicht realisierst, wenn du erwischt wurdest, Potter!"

Harry unterdrückte ein amüsiertes Lächeln. Gryffindor mußte inzwischen um die hundert Punkte im Negativen sein – er versuchte mitzuzählen – und alles wegen Harry. Seine Miene unter Kontrolle bringend, bevor Snape realisierte das er sich um Hauspunkte nicht wirklich schehrte, schluckte er jegliche unangebrachten Kommentare und entschied sich stattdessen sich ungerechtfertigt bestraft zu fühlen. Trotzdem, es würde interessant sein wie seine Freunde ihm gegenüber auf die negative Spitzennote reagierten. Vielleicht wäre es daraufhin nicht mehr ganz so gemütlich im Gemeinschaftsraum.

Schlagartig durchbohrten die zu schmalen Schlitzen verengten Augen des Meisters für Kräuterkunde, dessen Augen wie bösartige schwarze Perlen glommen, die in Ärger weit geöffneten des Jungen mit verstörender Wildheit. Ohne ein weiteres Wort zog der Mann den kaum protestierenden Jungen vom gut übersichtichen Teil des Korridors hinein in eine andere dunkle Ecke, die er höchst wahrscheinlich oft nutzte, um, wenn auf der Jagd nach Störenfrieden, Schülern aufzulauern, die nach dem Zapfenstreich noch durch die Gänge stromerten.

„Und jetzt rede!" Der Mann ließ den Jungen nicht los und hielt sich mit knapper Not davon zurück ihn zu schütteln bis ihm das Genick brach; und genau das war die Reaktion auf die Harry wartete. Es war gut, daß sich der Mistkerl an das erinnerte was Voldemort ihn so viele Jahre zuvor gesagt hatte – direkt bevor er ihn schwören ließ, Schweigen zu bewahren. Es ließ hoffen, daß sich Snape auch an all die anderen Zeiten erinnerte, an denen er Geheimnisse für sich behalten hatte. Hoffentlich würde es das für Harry einfacher machen, sich in Zukunft mit dem Bastard auseinanderzusetzen – oder es wäre zumindest weniger wie einen tobenden Hippogreifen zu handhaben.

„Worüber?" Verwirrt aber noch wütender darüber, wie er herumgestoßen wurde, stand der Gryffindor stramm während er versuchte sich aus dem klauengleichen Griff zu befreien, der ihn auf den Zehen balancieren ließ, ohne den Mann tatsächlich berühren zu müssen.

Snape sollte sich die Zeit nehmen über die Möglichkeiten nachzudenken. Er konnte sich nicht sicher sein, daß Harry nicht über wirkliche Würmer gesprochen hatte. Bevor Harry den nächsten Schritt machte, mußte sich der Mann erstmal abkühlen; obwohl es auch eine Art wäre sich an Snape zu rächen, ihn aufzustacheln bis der Bastard letztlich die Kontrolle verlor, die er so sehr zu schätzen schien. Vielleicht würde Harry das später tun, wenn die Konversation mit dem Direktor erledigt war und nur wenn die anderen Schüler, vorzugsweise von allen vier Häusern, zuschauten. Jetzt war es jedoch Zeit für ein anderes Thema.

„Meinen Sie die Zauberer in den roten Roben?" Harry schüttelte seinen Kopf und sprach weiter ehe Snape verneinen konnte. „Ich weiß nicht viel über die Männer, Sir. Sie waren auch da." Harry neigte nachdenklich seinen Kopf. „Ich meine, meine Sicht gab nicht soo viel her." Harry blinzelte unschuldig, anscheinend vollkommen unwissend was er gerade preisgab. Snape sah nicht überrascht aus, aber er ließ von Harrys Robe ab und der Haß der durch das Band wogte, wandelte sich zu Verwirrung bevor es in Argwohn wechselte. So ein kleines Wort und so gewaltige Konsquenzen. Harry seufzte.

„Professor?" Er fragte behutsam, nur allzu gewahr, daß der Mann jeden Moment explodieren konnte. Es kam wohl nicht oft vor, daß der Bastard sich davon abhielt den zu beleidigen, mit dem er gerade sprach.

„Du hast sie zuvor schon gesehen?" Snapes Stimme klang mühevoll beherrscht, die Spitze seines Messers ritzte bereits Harrys Hals. Harry bestaunte wie der Mistkerl es schaffte relativ gelangweilt über ihre Unterhaltung zu wirken, während er aussah als hätte er etwas Übles geschluckt.

„Hä?" Harry blickte sehr verwirrt drein. „Oh! Die Vision? Ja, Sir," sagte er eifrig mit widerspiegelndem Stolz (aber nicht zu viel) – Snape würde nicht denken er wäre doof sondern hirntot wenn Harry es übertrieb. Der Junge zuckte gleichmütig mit den Schultern. „Es war eine alte, Professor." Sein Gesicht zeigte genau was der Kräutekundemeister zu sehen erwartete. Märtyrertum vom Feinsten.

Die große Nase des Mannes runzelte sich in Abscheu, als der idiotische Junge ihn anstierte als erwartete er für sein Leiden gelobt zu werden. Der Bengel war nicht sechszehn sondern sechs, selbst wenn es schien als wäre er aus diesem krankhaft süßen Kindergesicht herausgewachsen.

„Warum hast du früher nichts davon gesagt, du unverschämtes Gör?" Snape kam wieder über ihn, Langeweile plötzlich verschwunden, als Harry ihn einfach dümmlich anblinzelte. „Du unmögliches, undankbares Kind! Erkennst du nicht das wir im Krieg sind? Trägst du einen Strohhaufen oder einen Kopf auf deinen Schultern?" Der Mann feuerte eine Frage nach der anderen und schaffte es dabei irgendwie in Größe zuzunehmen. Wie machte er das? Harry wich an die Wand zurück bevor er sich erinnerte, Gryffindor zu sein und dasselbe tat und ehrliche Rechtschaffenheit hervorsickern ließ (oder in Snapes Augen die typische Dummheit, die Gryffindors oft zeigten).

„Sie haben nicht gefragt, Sir," stellte Harry gleichgültig inmitten des sehr uninformativen Geschwafels fest und verzog das Gesicht. „Es ist nicht mein Fehler, daß niemand daran dachte; und ich wußte nicht, daß es wichtig war."

„Eine weitere armselige Entschuldigung dafür, nicht sonderlich helle zu sein, nicht wahr, Potter? Das sind weitere zehn Punkte." Harry blitzte ihn energisch an und biß sich auf die Lippen. Snape mußte einen wirklich schlimmen Tag haben. Seine Beleidigungen ließen die gewöhnliche Farbkraft missen und seine Gründe, um Punkte abzuziehen, waren in der Vergangenheit schon besser gewesen.

„Es ist egal, Sir. Ich hatte die Vision gleich nachdem ich zu den Dursleys zurückgekehrt war, falls es eine Vision war."

Mit einem jähen Stoß schob Severus Snape den Jungen ein gutes Stück weg von sich, denn er konnte sich wirklich schwer davon abhalten, das Kind zu erdrosseln. Mit einem haßerfüllten Blick änderte er sein Vorhaben, packte den Jungen hart am Kragen und schritt vorwärts, den undankbaren Bengel dorthin zerrend wo er seit dem Frühstück hätte sein sollen.

„Hey!" Harry versuchte sich aus dem Griff herauszuwinden. „Laß mich los!" Snape würdigte ihn nicht einmal mit einem Blick. Er zog den Jungen noch ein bißchen schneller hinter sich her als zuvor.

„Die Zauberer haben eh nur rumgestanden und nichts getan," verteidigte er sich ungehalten, als er sich selbst zu den Treppen abgeschleppt fühlte. Grumpig kreuzte der Junge die Arme vor der Brust.

„Machst du dich über mich lustig, Potter?" Snape fragte in gefährlich leiser Stimme, während er sich zu ihm hinunterbeugte. Ein Anzeichen von Ungläubigkeit flüsterte durch das Band, daß sie teilten. Snape kannte wohl nicht viele Leute, die närrisch genug waren, um ihm offen zu widersprechen – oder schlimmer, sich einen Scherz erlaubten. Harry merkte, daß er nur ein kleines bißchen mehr als einen Kopf kürzer war als der gehässige Mistkerl, nicht so wie früher, wenn er kaum zur Taille des Bastards reichte ohne einen steifen Nacken zu bekommen.

„Nein, Sir." Murmelte Harry wütend und wich einen Schritt zurück. Er konnte sich von allein nicht viel weiter bewegen, denn die Faust des Professors hielt ihn unnachgiebig. „Warum würde ich das tun, Sir?" Harry lächelte insgeheim, ein beleidigter Ausdruck auf seinem Gesicht. Für jetzt lief alles nach Plan.

„Ich bin nicht gut auf Lügen zu sprechen, Potter!" spuckte der Mann aus und hielt sein Verlangen den dicken Schädel des Bengels gegen die nächste Wand zu hämmern eisern zurück. Er mußte schluckte, wenn er sich Potters Gesicht vorstellte, sollte er das ernsthaft tun. Wie dem auch sei, der Junge sah ehrlich überrascht aus.

„Wirklich?" überlegte Harry laut, während er gedankenvoll sein Kinn kratzte, ohne Notiz zu nehmen von den gewalttätigen Bildern, die durch den Kopf seines Professors geisterten. „Wer hätte gedacht, daß wir endlich etwas finden, daß wir gemeinsam haben – nach fünf Jahren – und auch noch etwas so Grundsätzliches wie das. Erstaunlich." Ungläubig schüttelte Harry seinen Kopf und der Sarkasmus war diesmal offensichtlich, und obwohl seine Stimme scherzhaft schien, verrieten seine Augen seine Ernsthaftigkeit.

Snape fletschte die Zähne und in seinen Augen blitzte ein gefährlicher Funke als er den Jungen beobachtete. Als er nicht fand was er suchte, knurrte er etwas Unverständliches und wirbelte herum. Er weigerte sich über den Idioten Potter nachzudenken. Kraftvoll, seine Roben blähten sich hinter him, raste Snape weiter, zu Harrys Neid vollkommen lautlos. Snape ließ in keinem Augenblick von Harry ab, so daß der Junge mit bedeutend weniger Eleganz hinter ihm her stolperte.

„Laß uns sehen, was der Direktor zu dieser Heldentat zu sagen hat, Potter." Harry seufzte und atmete tief durch. Er mußte wirklich gut schauspielern, um Dumbledore aus seinen Sachen rauszuhalten. Hoffentlich blieb Tom während des Gesprächs ruhig, obwohl Harry nicht glaubte, daß der ehemalige Lord sehr mögen würde, was immer Dumbledore aus einer Information wie dieser fabrizierte – oder sogar ohne. Harry verhielt sich still während ihres unbequemen Gangs hinauf zum Büro des alten Manns und versuchte nichts zu vergessen und im Kopf zu behalten, was in Kürze geschehen würde.

Direkt bevor Harry grob in das Büro des Direktors gestoßen wurde, hatte er einen fatalistischen letzten Gedanken. Er hoffte mit aller Kraft, daß Tom wenigstens ein bißchen Selbsterhaltungstrieb in sich hatte. Harry hätte ihm geraten still zu sein und es diesmal auch zu bleiben. Falls Tom sich unsichtbar machen konnte wäre das jetzt der Moment es zu tun. Harry wollte nicht, daß der Direktor herausfand, wo sich Voldemort versteckte? Wollte Tom?