Kapitel 26 – Allmächtige Direktoren
Albus Dumbledore spielte müßig mit einem Limonendrops, er zwirbelte ihn um seine knorrigen Finger herum wie eine Münze. Doch er sah nicht aus wie ein liebevoller Großvater, sein Gesicht eine leere Maske der Konzentration. Ausnahmsweise war kein Funkeln in seinen Augen und sein Verstand machte Überstunden. Vielleicht war es, weil niemand da war, um ihn zu beobachten; gleichermaßen war aber auch möglich, daß ihm einfach stank, daß Harry Potter letztendlich aus seiner Abhängigkeit nach Führung durch seine Älteren – nämlich ihn selbst – herausgewachsen war. Endlich schien der Junge auf niemandes Meinung als seine eigene zu hören, wenn es Dinge seines Lebens betraf. Zugegeben, es war ein schlechter Zeitpunkt, um sich auf niemanden zu verlassen, aber es schien, als gerieten die Dinge endlich in Bewegung, wenn auch anders als der Direktor vorausgesehen und geplant hatte.
Nachdenklich fügte Albus Dumbledore einen weiteren Drops zu dem hinzu, mit dem er bereits beschäftigt war und zwirbelte beide schneller als zuvor. Auf diese Art und Weise hielt er seine Finger flexibel für seinen Zauberstab. Bestimmt würde er die Fähitkeit bald benötigen, wenn die Dinge weiter in dieser verstörenden Geschwindigkeit voranschritten.
Albus war gewarnt worden, daß sich etwas dramatisch ändern wüde. Er hatte nicht geglaubt, daß es völlig neue Gruppierungen von Zauberern dazu bringen würde, sich zu offenbaren, jeder einzelne von ihnen ausgestattet mit Kräften, die möglicherweise seinen eigenen gleichkamen – oder stärker noch, wenn er den Berichten Glauben schenkte.
Albus hatte einen Verdacht, wer diese neuen Spieler eventuell sein könnten, aber ihm fehlte noch immer die Bestätigung und ohne die konnte er nichts tun. Selbst wenn sein Informant bekräftigte was Albus für höchstwahrscheinlich hielt, könnte er nichts anderes tun als zu versuchen, den Schaden zu begrenzen und weitere Zwischenfälle zu verhindern, denn er selbst hatte keinen Zugang zu den ... Ressourcen der Zauberer. Ob er nun richtig lag mit seiner Vermutung oder nicht, es wäre einfach eine Erleichterung Bescheid zu wissen. Traurig genug war jedenfalls, daß sein einziger Informant, der vielleicht hätte wissen können was vor sich ging, zur selben Zeit verschwand zu der die unvorstellbare magische Eruption über die Welt rollte und jedes magische Wesen bis in den Kern erschütterte. Die Erfahrung hatte auch Albus Dumbledore gehörig durchgeschüttelt.
Wenn er zur Kenntnis nahm, daß die magische Explosion mit Harry Potters Verschwinden zusammentraf, war es zuviel, das gleichzeitig geschah; und Albus Dumbledore glaubte nicht an Zufälle. Es war ein Mangel an Voraussicht, daß Albus nicht daran gedacht hatte, seinen Informanten zu fragen, ob er etwas über die Geschehnisse am Lingusterweg wußte, solange er noch in seiner Reichweite war. Jetzt war es zu spät.
Es ließ sein Herz schneller schlagen und die selbstauferlegte Bürde auf seinen Schultern ein wenig schwerer werden, denn wenn er recht hatte, dann mußte die Zaubererwelt von nun an in einer neuen Liga spielen – und es war nicht die andere Mannschaft, die in ihren nahenden Begegnungen die Schwächeren sein würden. Es gab nicht viel, daß die Zaubererwelt gegen diese Zauberer in den Kampf schicken konnte. Albus selbst hätte Mühe mehr zu tun, als dort einzuspringen, wo er am meisten benötigt würde, alles in allem nicht sehr viel Hilfe. Falls Voldemort diese geheimnisvollen Zauberer – Rote Roben, wie sein Spion und Tränkemeister sie Mangels eines realen Namens betitelte – auf seiner Seite hatte, könnte es gut sein, daß die Zaubererwelt den Krieg bereits verloren hatte.
Er hoffte wirklich, daß der Junge etwas Licht in die ganze Sache bringen konnte. Albus mußte wissen, was vor sich ging. Er mußte seine Pläne anpassen und die Zaubererwelt vorbereiten. Für einige würde es ein größerer Schock werden als für andere; aber als erstes mußte er dringendere Dinge erledigen, selbst wenn diese nicht notwendigerweise für das Schicksal der Welt wichtiger waren.
Harry Potters OWL-Resultate lagen vor ihm. Der Junge hatte sich zum größten Teil gut geschlagen, obwohl nicht besonders. Seine Noten waren keineswegs überdurchschnittlich, aber auch nicht unterdurchschnittlich – größtenteils. Was Albus am meisten überrascht hatte, war die miserable Note, die der Junge in Kräuterkunde bekommen hatte. Er hätte gedacht, daß Harry besser sein würde, nach all dem Gerede, daß er nach der Schule Auror werden wollte. Der Direktor seufzte. Er konnte nichts tun, außer auf Harry zu warten, damit er sich selbst erklärte – falls der Junge willens war mit ihm zu sprechen.
Manchmal, in letzterer Zeit öfter als nicht, fühlte Albus wie ihn sein Alter einholte. Außer acht lassend, daß dieser Sommer den Jungen auf eine Weise beschäftigt gehalten hatte, die keiner von ihnen hätte vorhersehen können, hatte Albus gehofft, daß Harry Zeit gefunden haben würde, um während der Wochen fern von Hogwarts über bestimmte Dinge nachzudenken und sein Temperament bedenklich abzukühlen. Das der Junge seinen Direktor rundheraus ignorierte, ließ jedoch auf etwas anderes schließen. In gutem Gewissen konnte Albus nicht sagen, daß er in Harrys Lage nicht genauso gehandelt hätte. Wenn er geglaubt hätte, daß jemand so wichtige Informationen wie die Prophezeiung vor ihm verschwieg, hätte Albus sie zum Weinen gebracht bis sie schworen niemals wieder etwas auch nur annähernd Ähnliches zu tun.
Seit dem letzten Jahr war Albus mehr als einmal nach der Prophezeiung gefragt worden, aber er war fest geblieben. Ausgenommen er selbst kannte niemand bis auf Harry den vollständigen Inhalt. Einigen Ordensmitgliedern hatte er es natürlich sagen müssen, aber die waren zum Schweigen verpflichtet und würden niemals fähig sein selbst Hinweise zu geben. Er hoffte, daß der Junge genug Vernunft besaß, das Wissen auf Menschen zu begrenzen, die sein absolutes Vertrauen genossen. Albus hätte es vorgezogen, wenn er das Wissen auch von dem Jungen hätte zurückhalten können.
Müde wandte sich der Mann um und blickte durch die hohen, bogenförmigen Fenster. Er war sich sicher, daß die Scheiben ohne Magie bereits vor einiger Zeit zerbrochen wären. Eine Wand aus Dunkelheit drückte sich gegen das uralte Schloß und Albus konnte den Sturm bedrohlich um die Türme heulen hören. Es schien als hätte die Nacht einige Stunden früher begonnen, kein gutes Omen, falls man an solche glaubte.
Der Direktor wandte seine Aufmerksamkeit von dem tobenden Sturm ab, als er aus dem Augenwinkel sah, wie Fawkes sich auf seiner Stange streckte, seine Federn noch konzentrierter putzte, als versuchte er beschäftigt auszusehen für den kommenden Besucher. Einen Herzschlag später ließ ihn das Schloß wissen, daß jemand den Wasserspeier passierte, der den Eingang seines Büros bewachte.
Es war lediglich ein sanftes Kribbeln der Magie, das durch seinen Körper rann, nicht viel für eine Warnung, aber Hogwarts war schließlich nur ein Gebäude (gewiß erfüllt mit Magie, aber nichtsdestotrotz von menschlichen Händen erbaut). Albus erlebte dieses Kribbeln immer wenn jemand auf dem Weg die Treppe hinauf zu seinem Büro war. Was auch immer für Magie das Schloß hielt, es war genug, damit der gegenwärtige Direktor den schnellsten Weg zu einem bestimmten Ort fand, es führte ihn die kürzeste Route hinab zu dem Ort, an dem er sein sollte, und die meisten der zahllosen Portraits waren einverstanden, ihm zu helfen, wann sie konnten.
Albus holte tief Atem. Es war Zeit wieder Direktor zu sein, Zeit zu sehen, ob seine Art und Weise mit Harry Potter noch immer funktionierte, oder ob er sich etwas anderes ausdenken mußte, um ihn davon abzuhalten über Bord zu gehen. Die Fehler, die er bei dem Jungen gemacht hatte, konnte er nicht ungeschehen machen so sehr er wünschte einige Dinge ändern zu können – jedoch wohl nicht die Dinge, von denen alle annahmen er würde sie ändern. Was immer Harry oder sonst jemand glaubte, er liebte den Jungen als gehörte er zu seiner Familie, und dennoch, seine Gefühle änderten nicht die Rolle des Jungen in diesem Krieg oder sein Schicksal. So sehr es ihn schmerzte, Albus würde dafür sorgen, daß Harry nicht vor seiner Zukunft davonrannte. Der Bedarf der Welt war größer als Albus Dumbledores Bedürfnis – oder sein Recht – den Jungen fern und sicher von allem zu halten.
Mit mehr Selbstvertrauen und weniger Zweifel betreffend seiner eigenen Entscheidungen würde der Junge in einen außergewöhnlichen Jungen man heranwachsen, der, mit Erfahrung, jeden auf seinem Weg zur Größe übertreffen würde. Wie auch immer seine Zensuren aussahen, Harry war keiner unter tausend anderen. Seine Noten waren das einzige Durchschnittliche an dem Jungen und die Tatsache ließ Albus jedes Jahr aufs Neue rätseln, denn er wußte, daß Harry viel mehr tun konnte, selbst wenn der Junge niemals zu denen gehörte, die das Lernen übers Leben stellte.
Nur wenige Zauberer und Hexen waren mächtig genug, um die Quellen der Magie und des Verstandes zu sehen, auf die andere zugreifen konnten, setzten sie ihr ganzes Sein für etwas ein. Es mußte schwerer sein für Harry den Pfad zu erkennen, den seine Zukunft nehmen konnte. Es war immer schwerer in einen Spiegel zu blicken und zuzugeben was da war. Es war traurig, daß nicht mehr Menschen Harrys Schicksal erkannten – nicht einmal Harry selbst (oder er wollte es einfach nicht). Der Junge hatte den Hang Dinge zu vergessen, an die er sich nicht erinnern wollte. Auf der anderen Seite tendierte er dazu sich Dinge ins Gedächtnis zu rufen, die besser in Vergessenheit gerieten. Es war nicht notwendigerweise eine gute Art mit dem Leben zurecht zu kommen. Albus hoffte – für Harry – daß der Junge es mit der Zeit lernen würde; und das ihm genug Zeit zum Lernen blieb.
Während des Willkommensfests hatte Albus den Jungen im Auge behalten. Aus der Entfernung hattte er nicht viel sehen können, bis auf das Harry gut genährt aussah und in allgmein besserer Verfassung war als die Jahre zuvor.
Dennoch, als der Junge in sein Büro trat, erkannte Albus sofort, daß Harry eine dramatische Wandlung unterlaufen hatte – nicht so sehr in seiner Erscheinung, aber in seinem Verhalten. Die Art wie er sich hielt, wie er den Raum musterte (zielsicher und mit Selbstvertrauen, wie er immer hätte sein sollen) Harry schaffte es gleichzeitig mehr und weniger wie ein Gryffindor auszusehen als zuvor, um Severus' Angewohnheit, seinen Schülern sogenannte Hausqualitäten anzuheften, aufzunehmen – nicht daß er es ihm gesagt hätte oder plante es ihm zu sagen. Bei einigen Dingen war es gut sie zu wissen, aber man behielt sie besser für sich. Es reichte aus zu wissen, daß Harry Dinge anders handhaben konnte als sich mit dem Kopf voran in Gefahr zu stürzen wenn er mußte. Albus war niemand, der sich darüber beschwerte, immerhin lebte er seine Slytherinseite ganz gut aus, wenn die Situation es verlangte.
Der Junge schien noch immer neugierig, doch zurückhaltender darin. Er wußte jetzt, daß die Antwort zu manchen Fragen jenseits dessen sein konnte, was man sich vorstellen konnte. Das Harry noch wütend über ihn war, war ziemlich offensichtlich, und obwohl Albus es als Tatsache akzeptiert hatte, tat es nicht weniger weh, ließ aber keine Fragen offen, daß die alte Art und Weise mit Harrys umzugehen nicht mehr funktionieren würde.
Es verwirrte ihn, daß Harry überhaupt erschienen war. Doch das Rätsel löste sich selbst, als Severus – einen merkwürdigen Ausdruck absoluten Widerwillens und... Zweifels auf seinem Gesicht – lautlos hinter dem Jungen in den Raum schlich. Albus würde nicht bis zum Abendessen warten müssen, bis Harry zu ihm kam oder er die Hausleiterin wieder nach ihm schickte, was Harry eine Strafarbeit verschafft hätte. Minerva nahm Mangel an Respekt gegenüber Albus Dumbledore nicht auf die leichte Schulter.
„Ich danke dir, Severus," nickte Albus ihm zu. Vielleicht wäre es gut den Meister der Kräutertränke für wenigstens einen Teil des Gesprächs dabei zu haben. Seine Gegenwart machte es für Harry mit Sicherheit schwerer seine Gedanken bei der Sache zu halten und vielleicht öffnete sich sein Mund so viel ungehinderter. Mit einer kaum sichtbaren Geste deutete er dem Mann zu bleiben und ignorierte die Grimasse auf Harrys Gesicht. Das Funkeln in seinen Augen war sicher an Ort und Stelle, als er sich dem Jungen zuwandte.
Für den Anfang ließ er Harry warten und musterte ihn auf eine Art, die er jedem von Bedeutung zukommen ließ, offensichtlich und anscheinend ohne jegliche Raffinesse ließ es jeden noch unbehaglicher fühlen. Unwillkürlich dachte man Dinge, die man womöglich falsch gemacht hatte, sicher, daß man jeden Moment für seine Fehler zur Rechenschaft gezogen würde. Seufzer der Erleichterung waren keine Seltenheit, wenn Albus gerade das nicht tat, dennoch waren die meisten während des folgenden Gesprächs mit dem Direktor bedeutend umgänglicher und mehr als einmal löste Albus' Herangehensweise träge Zungen – leider jedoch niemals die seines Meisters für Kräutertränke.
Interessiert beobachtete der jüngere Mann das Vorgehen vone einer Ecke aus. Er fragte sich gewiß warum Albus plötzlich die Art und Weise änderte, wie er mit dem Jungen umging – und sicherlich wußte Severus was das bedeutete, wenigstens teilweise, da er dabei zu sein schien, seine Überraschung hinter einer Maske schlecht erduldeter Langeweile zu verstecken. Natürlich war der Gedanke in Harry Potter irgendetwas anderes als ein Ärgernis zu sehen neu für den Tränkemeister, ein Hindernis auf seinem Weg, ein Hindernis auf seinem Weg, wohin auch immer der führte.
Der Junge wußte nicht, daß Albus nur ihm Ebenbürtige – oder Höhergestellte – auf diese Art begrüßte, Freunde und Feinde gleichermaßen. Mit Sicherheit würde niemand der es wußte Harry, der diesen Status rasch zu erreichen schien – falls er ihn nicht bereits innehatte – was es beinhaltete. Selbstverständlich hatte er Harry während der vergangenen Jahre nicht weniger unter ständiger Beobachtung gehalten, er hatte lediglich versucht, dem Jungen – und Kindern im Allgemeinen – ein Gefühl von Behaglichkeit zu vermitteln, während er ihn unbemerkt im Auge behielt.
Es freute Albus ungemein, daß er endlich damit Erfolg hatte, Severus für eine neue Art des Denkens zu öffnen, selbst wenn es wahrscheinlich Jahre dauerte, bis Wurzeln schlugen. Er respektierte den jüngeren Mann sehr, aber die Blindheit wenn es irgendetwas betraf, daß mit Potter zu tun hatte – sei es James oder Harry oder ein Muggel, der unglücklich genug war, denselben Namen zu tragen – ließ jeglichen Verstand, den der Mann normalerweise besaß, geradewegs aus dem Fenster fliegen.
Albus war der Meinung, daß es sehr ermüdend war, Gefühle über einen so langen Zeitraum so heiß und lebendig zu halten. Es war kein Wunder, daß Severus ständig eine so ungesunde Miene zur Schau stellte. Er brauchte all seine Energie, um den Haß stark genug zu aufrecht zu erhalten, um sich bei jeder Gelegenheit wieder und wieder darüber auszulassen. Natürlich hing Albus genug am Leben, um kein Wort darüber zu verlieren. Mehr als einmal dachte er, daß Severus lang genug in seinem Elend und Selbstmitleid gelebt hatte, doch solange es ihm half seine bemerkenswerten Fähigkeiten als Spitzel beizubehalten, würde Albus nichts dagegen tun, nicht solange das Schicksal der Welt aus dem Gleichgewicht war.
Währenddessen kam Harry nicht so gut wie Severus damit klar so offensichtlich gemustert zu werden, aber dann, der Junge hatte nicht lange Jahre Praxis hinter sich. Er war in keinster Weise daran gewöhnt, wie Albus ihm Ebenbürtige behandelte – oder auch gefährliche Narren, die von sich selbst glaubten, ihm gleichrangig zu sein. Die Augen des Jungen verdunkelten sich, als er nervös von einem Fuß auf den anderen trat, doch er stand still als ihm bewußt wurde was er tat. Albus schmunzelte gutgelaunt als wäre er sich der Unterströmung, die in der anwachsenden Spannung im Raum offenbar war, nicht gewahr. Es war für jeden der auch nur halbwegs in der Funktionsweise zwischenmenschlicher Beziehungen bewandert war spürbar. Mit einem übermäßig fröhlichen Lächeln zog Albus Dumbledore einen Beutel mit Limonendrops aus dem Nichts und entschied, seinen Tränkemeister bleiben und fürs erste beobachten zu lassen und dem Jungen seine volle Aufmerksamkeit zu geben.
„Hättest du gern einen Limonendrops, Harry?" fragte der Direktor liebenswürdig. Enttäuscht den Kopf schüttelnd steckte er sich selbst einen in den Mund, wenn der Junge etwas zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorpresste, das er als das „Nein!" nahm, als daß es sicherlich gedacht war. So viel Wut in einem Kind, und nichts was er tun konnte.
„Sir?" Harry mochte die Art und Weise, auf die ihn der Direktor anstarrte überhaupt nicht, obwohl es Snape ziemlich zu amüsieren schien, falls irgendetwas den kaltherzigen Bastard amüsieren konnte.
„Ah, ja." Der alte Mann deutete auf einen Stuhl. "Nimm Platz, Harry. Mach es dir bequem."
Harry warf einen Blick dorthin, wo der Tränkemeister stand und ihn beobachtete. Als er den düsteren, abschätzenden Augen begegnete, verzerrte sich die ehemals ausdruckslose Maske in ein Gesicht, daß Voldemort stolz machen würde. Harry blinzelte und sah schnell weg. Er wollte nicht folgen wohin der Gedanke führte; aber er setzte sich schließlich hin.
„Ich nehme an, du warst gestern ein wenig damit beschäftigt, dich einzuleben, Harry?" gab ihm der Direktor eine Entschuldigung.
"Ähm... ja, Sir. Ich schätze das war ich." Der Gryffindor griff die Armlehne fester, seine Augen bewegten sich von einem Ende des Raumes zum anderen, begegneten aber weder dem fragenden Blick des Direktors, noch dem forschenden Blick des gehassten Tränkemeisters.
„Ich habe ziemlich lange auf dich gewartet, Harry." Der Junge krümmte sich ob der offenen Enttäuschung in der Stimme des alten Mannes.
„Es tut mir leid, Sir," sprach Harry leise, bevor er lebhafter vorwärts drängte. „Ich war wirklich müde. Ich dachte nicht, daß Sie es schätzen würden, wenn ich in Ihrem Büro einschliefe, Sir." – obwohl es für den alten Mistkerl ein Verhör mit Legilimentik um vieles erleichtert hätte und es Harry erschwert hätte zu merken, was vor sich ging. Jetzt war es anders, aber natürlich hatte der verrückte Kauz keine Ahnung von Harrys Fähigkeiten in Okklumentik. Harry würde sein Gesichtsausdruck um nichts in der Welt vermissen wollen, wenn ihn der Augenblick der Erkenntnis traf. Selbstverständlich mußte Harry sichergehen, daß dieser feine Augenblick nicht allzu früh vorüberzog und auch nur wenn Harry wollte, daß seine Fähigkeiten bekannt würden. Es war bestimmt eine Überraschung für den Direktor; hoffentlich aber nicht heute.
Sich verstörend des niemals schwankenden Blicks Dumbledores und den brennenden kohlschwarzen Augen in seinem Rücken bewußt, war Harry schnell dabei, sich in das zurückzuzwingen, von dem er als ‚Gryffindor-Muster' dachte. Es war nicht einfach sich zwischen diesen beiden Männern zu behaupten, aber er würde tot zu ihren Füßen fallen, bevor er zuließ, daß sie mit ihm taten, wie es ihnen gefiel. Dieses Jahre würde es Dumbledore sein, der Harrys Spiel spielte, nicht andersherum. Sie würden früh genug feststellen wie sehr er es mochte, während des ganzen Spiels mit dem Gesicht nach unten auf dem Tisch zu liegen – im übertragenen Sinn.
Harry war klar, daß er sich zwischen ihnen in bedeutendem Nachteil befand, und von dem Moment an, in dem Snape ihn in das Büro geschoben hatte, spürte er, daß etwas nicht stimmte, eine auf irgendeine Weise wichtige Sache, etwas Bedeutsames. Der Grund für das juckende Gefühl zwischen seinen Schulterblättern traf ihn nur jetzt, wenn seine Gedanken in eine Richtung wanderten, in die er sie nicht wandern lassen wollte. Als erstes glaubte Harry, daß es der Tränkemeister sein mußte, der Löcher in seinen Rücken starrte – oder versuchte, seine Gedanken zu lesen – was ihn aufhorchen ließ, aber es war etwas vollkommen anderes, daß den starren Blick des Bastards zu einer zweitrangigen Sache herabsinken ließ.
Obwohl das Schloß irgendwie Harrys Fähigkeit genommen hatte, die Magie zu sehen, war der diffuse Schatten der Aura eines Zauberers noch immer etwas erkenntlich, wenn er genug Konzentration aufbrachte. Jetzt war es das nicht. Entweder hielt ihn das Schloß zum Narren – schon wieder, oder Dumbledore hatte keine Aura – obwohl er eine haben mußte! Selbst Voldemort hatte eine Aura, wenigstens solange der Bastard noch einen Körper um das dunkle Loch hatte, das seine Seele war.
Schluckend versuchte Harry auszusehen, als schmolle er, während er sich die Thestrals ins Gedächtnis rief. Die mysteriösen Tiere hatten keine Aura, aber bei ihnen war das in Ordnung – sie waren Tiere, besondere Tiere, aber dennoch. Bei ihnen war Harry überrascht gewesen, aber es hatte sich nichtsdestotrotz natürlich angefühlt. Das hier jedoch... Harry versuchte hinzusehen ohne hinzusehen. Konnte Dumbledore seine Aura beeinflussen? War so etwas möglich? Harry hatte schon früher darüber nachgedacht, seine Aura zu verstecken – als die rotgerobten Zauberer ihn beinahe in ihrem Netz einfingen. Es schien jetzt wirklich möglich zu sein. Voldemort war nicht in der Lage gewesen seine eigene Aura zu ändern – wenigstens wußte Harry darüber nichts... und Tom?
Harry lauschte. Entweder Tom wußte es nicht oder er wollte nicht antworten; letzteres war wahrscheinlicher, obwohl Tom ziemlich beeindruckt und verstört schien von Dumbledores Schau von... was immer. Es wäre nett zu wissen, was es war, daß Tom so beeindruckte. Harry war sich sicher, daß was er von Tom nicht wußte viel mehr war, als das was er wußte; und was er nicht wußte war wahrscheinlich – selbst bei Harrys Glück – viel wichtiger als alles andere. Das Gefühl von Toms Gegenwart war nur ein fernes Prickeln tief in seinem Schädel, aber es sandte Gänsehaut sein Rückgrat hinunter und brachte Harry dazu, sich zu erinnern, wo er war und mit wem.
Harry versuchte Dumbledore zu zu hören. Er war sicher, daß der alte Mann etwas zu sagen hatte – seine Lippen bewegten sich, aber letzlich nahm er einfach nur das Pergament, das der Direktor in seine Richtung schob und ergriff die Gelegenheit in seinen Schoß zu blicken. War das der Grund, warum Dumbledore ihn auf diese verstörende Weise anstarrte? So als wäre er wirklich irre. Die Linien auf dem Pergament in seiner Hand schwammen zusammen. Harry war bloß erleichtert, daß seine Hände nicht zitterten wie seine Welt von Plänen und Wünschen. Was tat er, wenn Dumbledore Auren sehen konnte? Was blieb ihm zu tun, sah er mehr als das? Nicht das Harry irgendetwas ändern konnte, aber er war wirklich erstaunt. Der alte Zwinkerer war in seiner Aura wie die Thestral... aber auch nicht. Es fühlte sich in keinster Weise natürlich an.
Er sah auf, wurde sich des erwartungsvollen Blickes des Direktors bewußt und senkte seinen Blick sofort. Was auch immer der Mann fähig war zu tun oder nicht zu tun, war etwas, worüber er besser zu einem späteren Zeitpunkt nachdachte. Für den Augenblick mußte Harry sich mit dem Direktor und diesem dämlichen Pergament auseinandersetzen. Letztlich konzentrierte Harry seinen Blick auf die Papierrolle und las, während er versuchte, sich über die Reaktion klar zu werden, die er zeigen sollte. Obwohl die scheinbare Verwirrung, die er bis eben gezeigt hatte ein guter Anfang gewesen zu sein schien. Harrys Augen weiteten sich für einen Augenblick und er las das Pergament ein weiteres Mal.
