Kapitel 28 – Gespräche überm Tee

Es war eindeutig, daß Harry nichts mehr hinzufügen würde betreffend seines Patenonkels Sirius Black, aber keiner der Anwesenden brach das Schweigen, das sich schwer auf sie hinablegte. Harry wartete einfach darauf, womit Dumbledore als nächstes aufwarten würde; und der Direktor schien sich zu entscheiden, wie er beginnen sollte. Der bedrückende Augenblick schien länger als er tatsächlich war. Harry dachte, daß der alte Kauz wahrscheinlich sichergehen wollte, daß Harry wirklich in seinen Schuldgefühlen versank. Harry biß in die Innenseite seiner Wangen. Er wollte hier raus. Er hatte lang genug gewartet.

„Worüber wollten Sie sprechen, Sir?" Harry versuchte so dankbar wie irgend möglich auszusehen. Das zu erreichen war ein echtes Kunststück, da er sich überhaupt nicht dankbar fühlte. Der Gryffindor war weit davon entfernt dem Direktor jemals wieder zu vertrauen.

„Möchtest du eine Tasse Tee, Harry?" Mißtrauisch blinzelnd nickte Harry und sah zu während der Direktor ihm eine Tasse eingoß und eine andere für sich selbst. Harry wandte sich beinahe um, um Snape zu fragen, ob er etwas wollte – einfach nur um ihn ein bißchen mehr auf die Palme zu bringen. Die Geduld des Mannes schien sich abzunutzen; und scheinbar hatte der Direktor seinen schweigsamen Beobachter vollkommen vergessen (oder er wollte lediglich, daß Harry ihn vergaß).

„Danke, Sir." Harry nahm die Tasse mit einem Lächeln. Wenn ihm schon verboten war, den alten Zwinkerer zu erdrosseln, war es gut, wenigstens etwas zu haben, das seine Hände beschäftigt hielt.

Der manipulative Bastard lächelte sich seinen Weg durch seine ständigen, bewußt herbeigeführten Täuschungen. Als erstes versuchte er immer die Hintertur, ganz zu schweigen davon, daß er wahrscheinlich zur Vordertür eingeladen worden wäre (an einem gewissen Moment in der Vergangenheit), hätte der alte Mann – bildlich gesprochen – an die Tür geklopft. Harry lächelte schwach zurück. Der Direktor würde es nicht schaffen, ihn dazu zu bringen, sich so schuldig zu fühlen, daß er ihm die tiefsten Geheimnisse seiner Seele beichtete. Durchtriebener Mistkerl. Dumbledore hätte sich bestimmt gut geschlagen in Slytherin, hoffentlich aber nicht so gut wie Harry. Es kam aber gar nicht darauf an – Harry kannte ihn jetzt etwas besser; und es schien das Harry mehr Slytherin in sich hatte als irgendetwas anderes – wenigstens für den Augenblick.

Harry fragte sich, warum man die Schüler noch immer in vier Häuser aufteilte, wenn alles bloß eine Farce war. Es sagte wirklich nicht viel darüber aus, wie der Verstand eines Menschen arbeitete. Es wäre einfacher, einfach einige Namen aus der Liste herauszupicken und die Schüler in ausgewogene Klassen aufzuteilen, wie die Muggel es taten, dann hätte wenigstens jeder denselben Ausgangspunkt – mehr oder weniger (wenn besagter Schüler nicht von einem hasserfüllten, schwer übergewichtigen Cousin begleitet wurde).

"Worüber wollten Sie mit mir sprechen, Sir?" Fragend blickte Harry den Direktor mit schuldbewußten Augen an und versteckte alle Gefühle, die er hatte. Ein Themenwechsel war passend und sie hatten noch einige Dinge zu diskutieren. Was wurmte den alten Mann am meisten? Worüber würde er als erstes sprechen wollen?

„Nun." Der Direktor wartete bis Harry einen Schluck von seinem Tee genommen hatte, bevor er sich räusperte, um die Aufmerksamkeit des Jungen auf sich zu lenken. Dumbledore seufzte schwer. „Laß uns damit beginnen, was Professor Snape mir gestern erzählt hat." Er blickte Harry durchdringend an, als warte er, daß der Junge vor lauter Schuldgefühlen und einem Gewissen, das schwer auf ihm lastete, in Stücke fallen würde.

„Was hat er erzählt? Ich habe nichts getan," verteidigte sich Harry mit einem vorsichtigen Blick auf den in Schwarz gehüllten Mann, der beinahe in dem kleinen Schatten zu verschwinden schien, den er in der Ecke gefunden hatte.

„Professor Snape hat dich nicht beschuldigt." Harry spürte einen Ruck in dem Band zwischen ihnen so sicher wie er das kaum hörbare Schnauben hörte als Dumbledore die Worte sprach. „Profsessor Snape berichtete mir lediglich von der interessanten Begegnung, die du in der Winkelgasse hattest, Harry."

Oh! Die Roten Roben? Harry lehnte sich zurück. Nun, das war etwas, worin er selbst interessiert war. Er wußte nahezu nichts über die Männer, ausgenommen, daß sie mit Tom auf einer Wellenlänge zu sein schienen. Irgendwie. Es wäre hilfreich, wenn Dumbledore ihm sagte, was er über sie wußte, obwohl die Chance dafür genauso hoch war wie die an einem klaren Sommertag von einem Blitz getroffen zu werden.

Harry überlegte, wie er weiter vorgehen wollte. Er hatte die Erfahrung gemacht, daß wenn man es so aussehen ließ als wüßte man bereits alles, die Menschen anfingen zu glauben, daß man wirklich alles wüßte. Sie sprachen in seiner Gegenwart über wichtige Dinge (falls sie ihn bleiben ließen), nur weil sie glaubten er wüßte sowieso schon alles. Es machte wenig Sinn Wissen zu verstecken, wenn derjenige vor dem man es verstecken wollte es bereits wußte. Auf diese Weise, falls Harry seine Karten richtig spielte, würde er nur durchs Zuhören weit mehr Informationen erhalten als sie für möglich hielten. Ob das jedoch bei Snape und Dumbledore funktionierte, stand in den Sternen, aber vielleicht würde er mit der Zeit von all dem etwas lernen.

„Würdest du mir saggen, wie du dort hineingeraten bist." Dumbledore sah genauso aus wie Harry sich einen Großvater vorstellte, der sein Enkelkind musterte, daß gerade aus Versehen auf sein Gebiß getreten war – und dann draufsprang, weil es glaubte das knirschende Geräusch zu hören sei lustig.

Harry schaute seine Teetasse an und nahm einen Schluck, um Zeit zu kaufen. Er wußte nicht, was die Zauberer in der Winkelgasse getan hatten; obwohl, nachdem er sich von dem Zauber befreit hatte, schien es, als wären sie mit ihrem Gemurmel dabei jemanden in eine Falle zu locken. Harry würde nicht darauf wetten, wen sie hatten finden wollen, aber er würde sich viel besser fühlen, falls er sich dahingehend sicher sein konnte. Wichtiger war jedoch, was sie im Sommer während des Rituals getan hatten, oder warum sie überhaupt dabei gewesen waren – Harry hatte keine Ahnung und konnte sich nicht wirklich daran erinnern. Es war schwer sich auf andere Dinge als die zu konzentrieren, die sein Leben bedrohten. Als er sie zum ersten Mal aus dem Augenwinkel gesehen hatte – Harry war sich sicher, daß sie es gewesen waren – war er gerade dabei sich vor Schmerzen zu krümmen und irgendwie Voldemort loszuwerden. Harry seufzte und nippte seinen Tee bis er spürte, daß Snape merklich ungeduldig wurde (keine Frage durch ihre Verbindung).

„Mein Onkel war unterwegs zu einem Meeting," begann Harry sein kleines Märchen. „Er hat mich so früh hergebracht, damit ich den Zug nicht verpasse." Harry warf einen flüchtigen Blick nach hinten. Was hatte Snape dem Direktor erzählt? Das war der Teil, den Harry nicht mochte – sich auf anderer Leute Vorhersagbarkeit verlassen zu müssen. Er war sich sicher, daß Snape ein paar Informationen für sich behalten hatte. Der Mann war einfach viel zu paranoid, um alle Munition, die er ergattert hatte, wegzugeben. Was Harry nicht wußte war, welche Informationen der Mann zurückgehalten hatte. Harry biß sich auf die Lippe und nahm einen weiteren Schluck von seinem rasch abkühlendem Tee, ehe er zum erwartungsvoll wartenden Direktor aufsah.

„Ja, genau so bin ich da hineingeraten." Harry blinzelte und lehnte sich zurück. Es war ein langer Augenblick Stille während Dumbledore ihn eindringlich musterte. Offensichtlich wollte der alte Mann ein klein bißchen mehr wissen. Harry zuckte gleichmütig mit den Schultern und gab mit einem kleinen leidvollen Seufzer für die hinteren Ränge nach.

„Ich hielt es auch für etwas früh, Sir, aber Onkel Vernon mußte zu seiner Verabredung wirklich pünktlich sein." Zwei konnten sich dumm stellen. Gelassen nippte Harry an seinem Tee. Er mochte Tee nicht sonderlich, aber es war eine genauso gute Gelegenheit sich zu beschäftigen und die Fragen des Mannes zu ignorieren wie jede andere mit der er aufwarten konnte. Und noch ein Schluck.

„Ich bezweifle jedoch, daß mein Onkel sein Büro rechtzeitig erreicht hat." Harry nickte betrübt. Niemand würde bemerken wie hart er zu kämpfen hatte, den ‚Onkel' gegenüber mißtrauische Ohren gleichgültig klingen zu lassen.

„Er hat sich wirklich beeilt." Ein weiterer, kleiner Schluck; und Dumbledore hob die Hand um Harrys weniger als informatives Geschwafel zu unterbrechen. Harry unterdrückte hinter seiner Tasse ein Lächeln.

„Sir?" Er runzelte die Stirn. Harry konnte den Bastard von einem Kräutetränkelehrer vor Wut praktisch schnauben hören – er brauchte dafür keine mentale Verbindung.

„Die Zauberer, die du getroffen hast, Harry," sagte Dumbledore mit einem schweren Seufzer und biß seinen Limonendrops in Stücke, „erzähle mir über die Zauberer, ja?"

„Oh, natürlich." Harry lächelte und verfolgte den Tassenrand mit einem Finger. „Ich wanderte einfach nur so herum, als ich einen von ihnen sah. Ich folgte ihm in diese merkwürdige Gasse. Ich hatte wirklich nichts besseres zu tun und er war interessanter als die anderen Leute in der Winkelgasse," gab Harry seinen Bericht und hob die Achseln, die Stirn nachdenklich in Falten gelegt. „Er hat sich ständig umgesehen und so. Ich dachte, er wäre ein Todesser in Verkleidung oder so. Na jedenfalls hat er sich mit diesen anderen komischen Typen getroffen, die ganz genauso aussahen wie er." Bedauernd schüttlete Harry seinen Kopf. „Ich konnte nicht verstehen, worüber sie redeten, also habe ich mich hinter ein paar Fässern versteckt und sie beobachtet." Mit einem leidtragenden Seufzer erzählte Harry dem aufmerksam zuhörenden Direktor wie sich sein Gryffindor-Mut bemerkbar gemacht hatte; und wie er näher an sie herankommen wollte, um sie besser zu belauschen und herauszufinden was sie planten.

Harry hielt sich an die baren Fakten. Er sagte nichts über einen Zauberspruch, der ihn traf, über das Bedürfnis zu ihnen zu gehen, um zu tun was sie taten; nichts darüber, daß er Magie sah und fühlen konnte wie sie aufwogte oder ihr Hunger nach Energie und Leben. Das wäre gewiß nicht in Snapes Seite der Geschichte, deshalb gab es keinen Grund für Harry Aufmerksamkeit darauf zu ziehen, nicht wenn er seinen Fähigkeiten für sich behalten wollte.

Das Gesicht verziehend erinnerte sich Harry an den Augenblick, in dem Snape ihn... gerettet hatte. Er würde den Mann wirklich gern noch mehr auf die Palme bringen. Finster zum Professor hinüberstarrend – der arrogante Bastard schien hauptsächlich gelangweilt, aber Harry wußte es besser (für eine Minute übertraf die Neugier den Haß den er fühlte) – zuckte Harry in einer nachlässigen Geste die Achseln ehe er wieder sprach, launisch und selbstsicher.

„Ich hab noch weiter nichts als ein Murmeln gehört, als... Snape," Harrys Blick verfinsterte sich gemeinsam mit dem des Professors, „hereinplatzte und meine Position verriet." Harrys Miene ließ kein Zweifel, daß er nichts anderes von dem Mann erwartet hatte. „Naja, die Zauberer sahen uns also und... Professor Snape," Harry änderte seine Anrede auf Dumbledores lächerliche Anweisung hin, „rannte weg, um sich zu verstecken. Er hat mich beinahe umgeworfen, weil er mich nicht losließ und ich bin fast über seine dämliche Robe gestolpert." Harry nickte zu sich selbst und warf einen Blick auf seine Tasse. „Er ist auch wirklich schnell gerannt."

Mit sich selbst zufrieden zuckte Harry innerlich zusammen, als er spürte wie der Haß zu neuen Höhen aufflammte. Das Band loderte mit der Heftigkeit der hindurchgesandten Gefühle. Es war ein kleines Wunder – bestimmt nur aufgrund der Gegenwart des Direktors – daß Snape es schaffte, in seiner Ecke zu bleiben und nicht direkt an Harrys Kehle sprang. Harry warf einen Blick auf den schwarzgekleideten Mann, den Kopf nachdenklich geneigt. Vielleicht sollte er sich für die nächsten paar Tage von den Kerkern fernhalten. Harry machte sich eine Notiz im Kopf wenigstens zwei seiner Freunde immer in der Nähe zu behalten, sollte er den Wunsch haben, den dunklen Gewölben einen Besuch abzustatten.

„Nun gut." Dumbledore betrachtete Harry schweigend – seine Augen glitzerten heiter zum Meister der Kräutertränke für nur einen Moment – und warf einen neuen Limonendrops in seinen Mund. Seinen Bart streichend schien er tief in Gedanken versunken. „Das Ende unterscheideet sich ein wenig von dem, was Professor Snape mir erzählte, Harry." Obwohl er über Harrys Bericht nichtsdestotrotz reichlich amüsiert schien.

Harry blinzelte und hob unschuldig die Schultern. Er hatte nichts zu verstecken. Selbst wenn Harry wütend auf ihn war, der Gryffindor hasste den Bastard von Kräutertränkelehrer. Es konnte nichts falsch daran sein, sie an die kleine Tatsache zu erinnern, damit es nicht ihrer Aufmerksamkeit entging (etwas, auf das Harry sich verließ). Harry starrte den boshaften Man nieder. Ihm war klar, daß er keinerlei Reaktion bekommen würde; obwohl das Gefühl von heiß brennendem Haß, daß durch das Dunkle Mal drang sich dramatisch verstärkte und Harry innerlich lächeln ließ (wenn auch ein bißchen gequält).

„Ohne Zweifel, Sir." Harry blickte noch immer den Professor an. Es war interessant zu sehen, wie die Emotionen, die er durch das Band fühlen konnte sich wiederspiegelten – oder eher unterdrückt wurden – auf der reichlich mürrischen Miene des Mannes. Das konnte nicht gesund sein; und es würde nicht lange dauern ehe er die Kontrolle verlor. Der Bastard war kaum in der Lage, ein – anscheinend – unbeteiligter Beobachter zu sein. Zu schadfe. Warum sollte Harry jedoch der einzige sein, der sich während ihres kleinen Treffens unwohl fühlte?

Harry rutschte in seinem Sitz umher und versuchte ohne Erfolg eine Möglichkeit zu finden die Wellen negativer Emotionen, die versuchten ihn zu schlucken, freizusetzen. Die ersten Zeichen massiver Kopfschmerzen krochen seine Schläfen hinauf. Sollte Harry wirklich den dämlich Unterricht in Kräuterkunde besuchen (er bezweifelte nicht, daß er es letztlich würde) mußte er einen Weg finden, das Dunkle Mal dazu zu bringen, ständig Gefühle zu übertragen.

Daran zu denken, daß Voldemort sich zu dieser Tortur freiwillig hergegeben hatte, und zwar nicht nur mit einem Todesser sondern mit allen von ihnen, sollte einem zeigen, wie verrückt der schlangegesichtige Mistkerl wirklich war. Es war verstörend zu wissen, was sein Lehrer fühlte; und umso intensiver die Emotionen, desto schwerer war es, sich der eigenen klar zu werden. Kein Wunder, daß Voldemort zu so einem abscheulichen Ding verkommen konnte, wenn er ständig mit zahllosen verdrehten Emotionen kranker Dreckfresser wie Malfoy und Lestrange bombardiert war... nicht zu vergessen Snape. Es mußte eine Möglichkeit geben, es zu stoppen.

Harry fuhr herum, als er seinen Namen hörte. Wieder waren seine Gedanken gewandert, aber diesmal schien er etwas Wichtiges verpasst zu haben. Harry musterte Dumbledore vorsichtig. Der alte Mann starrte ausnahmsweise eindringlich Snape an. Harry folgte dem Blick des Direktors. Der Haß, der ihn durch das Dunkle Mal erreichte, war beißend, aber Harrys Lippen zuckten. Er hatte sich gewundert wann der Bastard seinen Senf zu ihrer kleinen Teeparty hinzugeben würde. Es schien, als hätte er es bereits getan.

„... sollten Sie Potter fragen, Direktor," mokierte sich der Mann verächtlich gerade als Harrys Aufmerksamkeit sich zu ihnen zurückwandte. „Der… Junge scheint mehr über sie zu wissen als er zugibt." Die Worte Schwachkopf und Depp wurden nicht ausgesprochen, waren aber dennoch sehr deutlich zu hören; Harry scherte sich nicht drum.

Harrys Gedanken schlugen Purzelbäume, als er schnellstens versuchte herauszufinden, worüber der Bastard redete; und als er es hatte – herausgefunden das war es – nahm Harry einen weiten Schluck seines Tees und versteckte sein Lächeln. Endlich. Es schien, als hätte ihre Unterhaltung den nächsten Akt erreicht.

„Harry?" Dumbledores gealterter Kopf beugte sich zu ihm, seine Miene bitterernst, als er den Jungen fragte: „Hat Professor Snape recht?"

„Was meinen Sie, Sir?" Harry musterte den Direktor verwirrt. „Ich habe sie nie zuvor gesehen."

„Die Vision, Potter," presste Snape hervor, deutlich am Ende seiner Geduld.

Harry blinzelte als wäre er überrascht. Hier war es. Snape rächte sich an ihm – oder versuchte es zumindest. Der schmierige Bastard dachte, er könnte ihn ausspielen. Es schien als hätte Harry Recht gehabt, der bittere Mann konnte seinen Mund nicht geschlossen halten wenn sein Stolz und Fähigkeiten belächelt wurden – auch noch von einem Potter. Oder glaubte er, daß Dumbledore mehr Informationen aus einem offensichtlich hirntoten Gryffindor herausholen konnte als er? Er war wirklich ein Bastard. Harrys Augen blitzten als er sich zurücklehnte, versichert, daß worüber sie versuchten ihn zum Reden zu bringen nichts von Wichtigkeit war, und sichergehend, daß sie wußten, daß er so dachte.

„Oh, darüber." Harry schnaubte scheinbar gelangweilt. „Ich wußte da ja noch nicht wer sie waren. Die Vision war eine alte, die ich vor Ewigkeiten hatte." Harry warf dem Tränkemeister einen düsteren Blick zu. „Wie ich... ihm hier schon gesagt habe." Harry knirschte mit den Zähnen. Er mußte seinen Hals strecken, um den Mann sehen zukönnen. Falls Snape unbedingt mitreden mußte, könnte er nicht wenigstens den Anstand haben, nach vorne zu kommen, so daß Harry beide Männer sehen konnte, ohne sich dabei die Glieder zu verrenken? Grummelnd wandte er sich zum Direktor. „Wirklich. Ich hatte sonst keine mehr seitdem."

„Eine Vision!" Dumbledores Augen loderten mit... irgendetwas. „Wann hattest du eine Vision über diese Zauberer, Harry?"

„Es war nur ein paar Tage nachdem ich bei den Dursleys angekommen bin." Harry runzelte die Stirn. „Ich bin nicht einmal sicher, ob es eine Vision war, Sir. Es könnte genauso gut ein Traum gewesen sein... oder eine falsche von Voldemort." Harry blickte traurig auf seinen Schoß, die kleine Tasse mit Tee taumelte auf seinen zusammengepressten Knien als sein Schuldgefühl erneut anstieg.

„Laß das unsere Sorge sein, Harry." Der Direktor nickte beruhigend und mit eindeutig weit weniger Geduld als er dem Jungen glauben machen wollte zu besitzen: „Erzähle mir einfach darüber, Harry, dann werden wir entscheiden, was wir unternehmen."

„Also gut," meinte Harry nach einem Augenblick des Zögerns. „Sie standen in einem Kreis, Sir. Sie haben nichts getan, daß ich sehen konnte. Sie standen einfach nur herum, wedelten mit ihren Händen und starrten nach oben." Harry verzog das Gesicht als käme er sich albern vor, ihnen über etwas zu erzählen wo eigentlich überhaupt nichts weiter geschehen war. Seine anderen Visionen waren immer ein bißchen blutiger und aktiver gewesen, mindestens. Hoffnungsvoll – und gleichzeitig alles bis auf das – musterte Harry vertrauensselig seinen Direktor, stützte sich auf den alten Mann, die Dinge zu entwirren. „Denken Sie es war eine, Sir?"

Nachdenklich goß sich Dumbledore eine weitere Tasse dampfend heißen Tee ein und bot dem Jungen eine zweite an. „Harry?"

„Nein danke." Harry hielt seine Tasse hoch. „Ich habe noch etwas, Sir. Könnte es eine echte Vision gewesen sein?" kam er auf die Dinge zurück, die von Bedeutung waren.

„Ich kann nicht sicher sein, Harry." Dumbledore schüttelte seinen Kopf ohne seinen Blick von dem Jungen abzuwenden. „Hast du die Umgebung gesehen, Orientierungspunkte, irgendetwas, daß uns sagen könnte wo sie gewesen sind?"

„Nein, Sir," sponn Harry sein Märchen weiter, „obwohl es ein wenig unheimlich war. Ich habe lediglich die Zauberer gesehen, alles andere war nur dunkel, als würden sie... im Nichts schweben." Harry beobachtete den alten Mann aufmerksam während er von seiner Vision erzählte, mit einem Auge die neu entstandene Verbindung zu Snape im Visier haltend so gut er es schaffte, da er sie nicht aktiv beeinflussen konnte – noch nicht. Harry versuchte herauszufinden, wie sie seine Geschichte aufnahmen; aber ausgenommen das Snape noch immer mißtrauisch und bitter war, obwohl auch fasziniert, konnte Harry mit nichts Nützlichem aufwarten. Dennoch dachte Harry, daß es eine seiner leichteren Aufgaben dieser Tage war, seine Begegung in der Winkelgasse zu nehmen und es zu etwas völlig anderem umzuwandeln.

Damit seine kleine Vision funktionierte, mußte Harry einfach nur die fremden Zauberer aus der Winkelgasse hinausnehmen – in etwas Düsteres (mit Sicherheit, falls sie sich irgendwo anders träfen, wäre es dunkel und feucht, da alle üblen Typen in Romanen sich verstecken wo es genau so aussah) hinein – und sie tun lassen, was sie zuvor schon getan hatten, nämlich herumzustehen. Harry erzählte nicht von der außergewöhnlichen Art wie sie ihre Zauberkraft händelten, nur von dem Kreis den sie formten, da der etwas war, daß jeder wiedererkennen konnte, der zusah.

Harry war sich mehr als sicher, daß die in rote Roben gehüllten Männer diese Kreissache mehr als die ein oder zwei Mal getan haben mußten als er sie beobachtet hatte. Er bezweifelte ernsthaft, daß die Zauberer ein Phänomen waren, daß einfach so verschwinden würden, wenn sie nur lang genug darauf warteten. Die Zauberer waren von irgendwoher gekommen und würden gewiß darhin zurückgehen – wohin immer das auch war – wenn sie erreicht hatten, was sie zu tun hierhergeschickt worden waren. Bevor sie jedoch das taten, würden sie die Zaubererwelt gewiß mit dem ein oder anderen Besuch beehren und vielleicht hatten sie das ja auch bereits schon getan.

Es war nur logisch weiter anzunehmen, daß, sollte jemand über die Männer Bescheid wissen Dumbledore (der nicht in der Lage war sich irgendwo herauszuhalten) einer derjenigen wenigen war, der wußte wer sie waren; und wenn der alte Narr damit beschäftigt war die Welt da draußen zu manipulieren, war Snape höchstwahrscheinlich knietief in dieses Spielchen verwickelt.

In der Winkelgasse hatte der unausstehliche Mann schnell reagiert und niemals einen Anflug von Überraschung gezeigt. Harry würde wetten, daß der Bastard diese Zauberer an dem Tag nicht zum ersten Mal gesehen hatte; obwohl Harry sich zugestehen mußte, daß Snape ein Meister darin war, sein Gesicht frei von allem zu halten was auch nur im entferntesten als menschliche Regung gedeutet werden konnte; und er war ein Spion... und war ein Todesser gewesen. Also vielleicht war es das erste Mal gewesen und nur Harrys Gegenwart hielt ihn davon ab völlig perplex auf eine merkwürdige Gruppe von Zauberern zu starren, die nichts taten.

Stirnrunzelnd trank Harry von seinem Tee während Dumbledore über die Vision, die nicht existiert hatte bevor Harry seine Füße in dieses Büro setzte, tief in Gedanken versunken schien. Noch immer mit gefurchter Stirn dachte Harry zurück an die Winkelgasse. Warum hatte Snape ihn zurückgezogen wenn er nichts sehen konnte als, zugegeben verdächtige aber unschuldige Zauberer, die einfach nur herumstanden? Soviel er wußte, hätten sie Touristen sein können. Dann erinnerte sich Harry an die Gesichter der Zauberer – oder an den Ort wo die Gesichter inmitten der roten Roben hätten sein sollen. Das allein mit der Art wie sie auf sie niedergefahren waren, war wahrscheinlich genug um jemanden wie Snape mehr als ein bißchen mißtrauisch zu machen; oder er hatte sie zuvor gesehen und wußte was zu erwarten war. Es führte alles zurück zum Anfang.

Harry trank den letzten Schluck kalten Tees und balancierte die leere Tasse auf seinen Knien, ehe er den Direktor aus seinen Gedanken riß. Der alte Zwinkerer konnte seine Verschwörung weiterplanen wenn Harry hier raus war. Er konnte nicht sagen warum, aber von Augenblick zu Augenblick fühlte er sich... rastloser; als wäre plötzlich etwas da, daß einen Moment zuvor abwesend gewesen war.

„Könnte ich jetzt ein bißchen mehr haben, Sir?" räusperte sich Harry und reichte seine Tasse mit einem mutig erduldenden Seufzer hinüber, um sie dankbar zurückzunehmen, bis zum Rand gefüllt mit frisch gebrühtem Tee. Er war in keiner Weise willig, seine einzige Entschuldigung aufzugeben, ein wenig länger nachzudenken, ehe er die Fragen des alten Manns beantwortete. Selbst wenn Harry Tee im Grunde nicht mochte. Er hatte davon zuviel in seinen frühen Jahren gehabt, das und Wasser soweit Harry sich erinnern konnte. Doch er lächelte als Dumbledore die Tasse ohne Frage füllte. Bedauerlich jedoch hatte das Auffüllen der Tasse die Aufmerksamkeit des Direktors zurück auf seinen unschuldig, falls ein wenig ungeduldig wartenden Gryffindorschüler gelenkt.

„Ich danke dir, Harry, daß du mir von deiner Vision erzählt hast. Bist du sicher, daß es die einzige war?" hakte Dumbledore mit einem Funkeln über seine Brille hinweg nach, deutete ganz unverfroren an, daß Harry es unmöglich genau wissen konnte.

„Ja, Sir." Harry nickte eifrig. Er wußte aus welcher Richtung der Wind blies.

„Sie war ziemlich ungewöhnlich, Harry. Du könntest noch andere übersehen und für einfache Träume gehalten haben." Der alte Mann lächelte nachsichtig und ließ den schuldbewußten Gryffindor glauben er täte gerade das.

„Falls es eine war, Sir," warf Harry stirnrunzelnd ein, „und ich bin sicher."

„Es ist unerläßlich für dich zu lernen, deine Gedanken zu verschließen."

„Es würde wenn Voldemort mich immer noch angriffe," presste Harry hervor. „Aber er tat es nicht und tut es auch nicht mehr! Nicht ein einziges Mal. Es ist also nicht nötig." In der Hitze des Augenblicks vergaß er das respektvolle ‚Sir' hinzuzufügen, obwohl es nicht schien als mache es Dumbledore viel aus. Harry würde wetten, daß der Zwinkerer froh war, Harry endlich aus seinem Schneckenhaus hervorgeholt zu haben.

„Nun, Harry, das steht wirklich nicht zur Diskussion." Der alte Mann schien untröstlich – genau wie Snape, nur aus völlig anderem Grund.

„Ja, Sir." Harry nickte. „Es steht wirklich nicht zur Diskussion." Sein Blick loderte vor Wut als der Gryffindor seine Tasse fest umklammerte. „Ich werde nicht zu Okklumentik gehen. Vergessen Sie es!" Er biß die Zähne aufeinander bis sein Kiefer schmerzte.

„Nun gut. Wir werden sehen, Harry." Der Direktor nickte zu sich selbst, nicht einmal einen Blick auf Harry wendend. „Es gibt nicht viel was wir tun können. Laß uns sehen, ob diese Visionen, so wie du glaubst, aufgehört haben."

„Ja, Sir." Der Junge atmete gleichmäßig und sah dunkel zu ihm auf. „Sie haben!" konnte er nicht anders als hinzuzufügen. Einen großen Schluck Tee hinunterstürzend – es verbrannte seine Zunge, weckte ihn aber für eine weitere Runde auf – konzentrierte sich Harry darauf was er sich kurz zuvor entschieden hatte gleich zu tun.

Es wäre perfekt, wenn Dumbledore ihm vollkommen glaubte, aber kaum möglich, wenn er den Gedanken zum Ende brachte – wie er es in den langen Stunden seiner Nacht getan hatte.

Über Wochen hatte der alte Mann Zeit gehabt, über diesen Sommer nachzudenken und allem das geschehen war – neben den Geheimnissen, die Harry Potter umgaben. Dumbledore wußte, daß Harry verschwunden war und was auch immer Harry ihm erzählte – vielleicht glaubte er ihm sogar – er würde niemals wirklich seinen Argwohn ablegen, immer beobachten und von den Schatten aus im Auge behalten, ganz wie Snape. Ein kleiner Fehler, ein winziger Ausrutscher wenn es darauf ankam und Harry hätte kein Zeit mehr sich zu wundern, bevor er in Askaban aufwachte... oder irgendwo anders, versteckt und sicher gehalten aller anderen zum Schutz – und zu seinem eigenen.

Harry starrte den Direktor an, sicher, daß sein Gesicht offen Ärger zur Schau stellte, Schuldgefühle und jetzt ein bißchen Verzweiflung. Harry fühlte den entfernten Schmerz in seinen Schläfen zu einem dumpfen Schlagen ansteigen, neben dem Bewußtsein des Bandes spürte er etwas, von dem er gehofft hatte, daß er für die nächste Zeit davon verschont bliebe. Es schien, Tom und er stimmten nicht wirklich über die Vorteile von Unsichtbarkeit überein, oder der andere hatte einfach nicht mehr Überlebensinstinkt als ein stinkender Haufen verrottender Schlamm.

Das wichtige war jedoch, daß Harry nicht voraussagen konnte, wie der Direktor reagierte, nicht mehr, nicht in diesem… Schlamassel. Der alte Mann hatte so viele Fehler gemacht, wenn es darum ging, das beste für Harry Potter zu tun, daß das beste für Harry Potter genauso gut Harry Potters Tod bedeuten konnte – im stillen arrangiert und mit all den Ehren, die sich ein toter Held in der Welt der Zauberer wünschen konnte. Harry wußte einfach nicht, was der alte Mann tun würde, und er hatte nicht das Vertrauen, alles nur auf bloßen Glauben zu riskieren.

Dumbledore ließ andere Menschen niemals in Dingen entscheiden, die er als ‚wichtig' titulierte. Es waren immer seine Entscheidungen und immer andere Menschen, die mit den Konsequenzen zu leben hatten. Es war einfach nicht richtig. Dumbledore hielt sich für unfehlbar; und wenn ihm etwas nicht gelang, dann gelang es mit Sicherheit keinem – das war einfach unheimlich falsch. Harry brauchte eine Hintertür, einen Ausweg, falls etwas schiefging und Dumbledore beschloß sich einzumischen.