Kapitel 30 – Gefälschte Erinnerungen

Wer auch immer versucht in Harrys Gedanken einzudringen, war – dieses Mal – etwas vorsichtiger im Vergleich zu Snape, der nicht existierende, mentale Schilde überrannt hatte wie eine wildgewordene Herde Hippogreife. Nichtsdestotrotz zeigte es Harry deutlich, daß der ungeschickt herumschleichende Trampel in keiner Weise befürchtete, entdeckt zu werden. Harry würde sich beleidigt fühlen, daß der Bastard glaubte, Harry Potter wäre so absolut blind gegenüber seines Eindringens, hätte es nicht geradewegs in seinen Plan gepasst.

Selbst nachdem Harry stundenlang über seine verschiedenen Möglichkeiten nachgegrübelt hatte, konnte er wirklich nur mit zwei machbaren Wegen aufwarten, wie er zu handeln hatte. Er könnte ihn entweder wissen lassen, wozu er in der Lage war und den Idioten gleich jetzt hinauswerfen, oder er spielte mit – überzeugend – und schaffte es, ihn glauben zu machen, daß Harry genauso ahnungslos wie alle anderen war.

Selbstverständlich wäre es Harry lieber gewesen, überhaupt nichts preiszugeben. Er hätte gern gezeigt, was genau er von diesem ständigen Herummauscheln hielt. Als erstes jedoch rang Harry, nur eine Sekunde nachdem der Gedanke Gestalt angenommen hatte, den plötzlichen Instinkt nieder, denjenigen, der ihn ausspionierte, ganz zwanglos aus seinem Kopf zu katapultieren. Zweitens war es viel zu früh im Schuljahr, um irgendwen mehr wissen zu lassen, als er bereits offenbart hatte; falls es nach dem Gryffindor ging, würde Dumbledore für eine lange Zeit in Unkenntis bleiben ob Harrys Fähigkeiten in Okklumentik. Harry durfte in keiner Weise andeuten, daß er dem Ränkeschmieden des alten Kauzes auf die Schliche gekommen war; und obwohl Dumbledore es schaffte so verdächtig unverdächtig auszusehen, lenkte es Harry keineswegs von dem ab, was wirklich vorging. Harry hatte lediglich gehofft, daß er nach all diesem Gerede über Vertrauen diesen Teil der Konversation hinter sich lassen würden. Seine Enttäuschung weit weg in den dunkelsten Teil seines Geistes verbannend, schätzte Harry die Schwierigkeit ab, der er jetzt begegnete.

Das Problem mit gefälschten Erinnerungen war ziemlich offensichtlich. Wann immer Harry über etwas sprach, dachte er zur gleichen Zeit automatisch darüber nach – oder wenigstens sollte ihm dieselbe Sache im Kopf herumgehen. Dumbledore war – in seinen eigenen Worten – ein Meister in Legilimentik. Er wäre vorsichtig nicht zu tief zu stöbern, damit Harry sich seiner Gegenwart nicht bewußt würde. Der alte Mann würde direkt an der Oberfläche bleiben, wo er in Harrys Gedanken eindrang und wo die begehrten Erinnerungen von allein auftauchen würden, sobald er ihre Unterhaltung in die Richtung lenkte, in der Harry von der Woche sprach, die aus seinem Gedächtnis gelöscht war. Das bedeutete, sollte Harry seine Schilde vollständig errichten und seine falschen Erinnerungen abspielen ohne die reale Unterhaltung im Hinterkopf zu behalten, würde Dumbledore bald herausfinden, daß etwas nicht stimmte, wenn Harry plötzlich darüber nachdachte, bei den Dursleys Speck gebraten zu haben, während er lebhaft über eine mögliche Entführung durch Voldemort spekulierte. Das würde kein gutes Ende nehmen; aber Harry durfte nicht über seinen Sommer nachdenken – nicht über diese entscheidende eine Woche. Seine Worte mußten mit sein Gedanken und Erinnerungen völlig übereinstimmen.

Harry hatte sich die Zeit genommen, einige Vorbereitungen nur für diese eine Begebenheit zu treffen. In scheinbar zufälligem Stöbern in seine Gedanken würde Harry einige wahre oder wenigstens teilweise wahre Erinnerungen des jüngsten Sommers ausgraben müssen. Er konnte keine Erinnerungen vor dem eigentlichen Gespräch bereitlegen, da er weder wußte, welche Themen Dumbledore ansprechen würde, noch die Art und Weise wie er es tun würde. Harry würde schwer zu schaffen haben, seine Erinnerungen – wahre und gefälschte – davon abzuhalten, sich zu überschneiden. Er hatte keine Probleme jemanden aus seinem Kopf fernzuhalten oder das Blaue aus dem Himmel zu schwindeln, aber jemanden an der Nase herumzuführen und ihn glauben zu machen, daß der Himmel grün war, während er tatsächlich hochschauen und sehen konnte, daß er blau war, durfte ein wenig stressiger sein – besonders wenn ein gewisser jemand nicht mitbekommen durfte, daß er an der Nase herumgeführt wurde.

Die äußeren Schichten seiner Gedanken hatte Harry wie ein Labyrinth arrangiert mit nur einen Weg, dem uneingeweihte, herumschnüffelnde Besserwisser folgen konnten. Wer immer dort verloren ging, würde weder Anfang noch Ende finden, falls Harry nicht zuließ, daß sie der so sorgfältig errichteten Falle entkamen. Der Beginn dieses Ein-Weg-Labyrinths, wo jede Biegung auf denselben Pfad führte, enthielt den einfachen Krempel und führte schrittweise zum interessanten Teil. Das war notwendig, um den Legilimens glauben zu machen, daß er es tatsächlich eigenständig zustande brachte, sich durch Harrys Erinnerungen zu wühlen. Die beste Sache dabei war, daß der Eindringling sich niemals dieser Irreführung bewußt würde, solange Harry nicht ausdrücklich darauf hinwieß. Es gab Harry das nötige Vertrauen still in seinem Sitz zu bleiben und das Spiel des alten Dummschwätzers mitzuspielen, weil er wußte, daß er durchaus fähig war, jemanden für immer in seinem Verstand einzufangen – vielleicht konnte er Dumbledore mit Tom zusammenstecken. Möglicherweise würde dies den Möchtegernlord dazu bringen, einen Gang zurückzuschalten, so daß Harry sich auf Dumbledores neuesten Versuch, ihn zu manipulatieren, konzentrieren konnte.

Harrys Lippen zuckten kaum wahrnehmbar. Es wäre großartig, das Gesicht des Zausels zu sehen, wenn der Manipulator sich selbst in Gewahrsam mit dem ehemaligen Dunklen Lord manipuliert fand. Er hatte bestimmt eine Menge Vergangenheit mit Tom, die aufgearbeitet werden mußte. Natürlich wäre es für Harry noch anstrengender seine Schilde aufrechtzuhalten, sollte eine weitere magieerfüllte Seele in seinen Gedanken Residenz aufschlagen; aber eventuell wußte Tom die Gesellschaft zu schätzen. Wäre es der Kopf irgendjemand anderen gewesen statt Harrys eigenem, hätte er gemeint es wäre den Versuch wert herauszufinden wie es funktionierte, doch so wurde er schnell ernüchtert. Für seinen Teil der Unterhaltung mußte Harry seine Gedanken davon abhalten aus was auch immer für Gründen zu wanden, da alles andere sehr schnell auf ihn zurückfeuern könnte. Deshalb blickte Harry ganz ernst zum Direktor und wartete auf den alten Mann, die nächste Runde in ihrem Match zu eröffnen.

„Die letzte Sache über die wir reden müssen, Harry, ist, was während des Sommers geschah." Der Mann zwinkerte ihm über seine Brille hinweg zu, als er beobachtete, wie Harry sein Gesicht mit beiden Händen rieb. „Obwohl, falls du dich dazu nicht gewachsen fühlst, können wir für jetzt auch Schluß machen und uns morgen wieder treffen, nachdem du einige Stunden ausgeruht hast. Was meinst du?"

„Ich glaube nicht, daß mich der Morgen in besserer Stimmung findet, um hier heraufzukommen." Harry behielt sich einen flüchtigen Blick auf Snape vor. „Oder daß sonst jemand mit in der richtigen Laune antrifft, um ihm zu folgen, nachdem ich mich hier so ausgesprochen höflich hinaufbegleitet fand." Harry seufzte und beobachtete, wie Snape vorsichtig in die verlassene Ecke zurücktrat, seinen linken Arm fest umklammert, als könne er Harry davon abhalten zu wissen, was er unter dem Ärmel seiner Robe versteckte.

„Machen Sie einfach weiter, Sir." Harry ignorierte den Tränkemeister genauso wie ein verdächtig ruhiges Dunkles Mal und lehnte sich zurück, um dem Direktor seine volle Aufmerksamkeit zu geben. Er füllte die Erschöpfung in seine Knochen hinaufkriechen.

„Sehr gut, Harry." Dumbledore nickte, sein Blick einmal mehr zu Snape gewandt, bevor er Harry mit seinem verrückten Funkeln ihn den Augen durchbohrte. „Ich nehme an, Ms. Granger und Mr. Weasley haben dir erzählte, was während des Sommers vorging?" Der Blick der seine Augen traf, bedeutete Harry eindringlich, daß er ihm dahingehend besser zustimmen sollte.

„Äh... ja, Sir." Harry schaute zweifelhaft drein, seine ausgezehrte Miene änderte sich nicht. „Hermine meinte, daß Sie glauben ich... sei vom Ligusterweg verschwunden."

„Du glaubst es nicht, Harry?" Harry runzelte abgelenkt die Stirn und schüttelte wortlos den seinen Kopf.

„Ich erinnere mich nicht an viel, Sir." Mit gefurchten Brauen grübelte Harry über die Zeit nach, über die Dumbledore sprach. Er erinnerte sich, wie Vernon ihn in seinen Raum einsperrte. Harry hatte während seiner taglangen Haft seine Hausaufgaben gemacht, bevor er rausgelassen wurde, um für seine Verwandten, die von sich selbst glaubten dem Hungertod nahe zu sein, Abendbrot zu bereiten. Er konnte sich einfach nicht an eine Begegnung mit Todessern – oder Voldemort selbst – erinnern. Keinerlei Merkwürdiges war geschehen; und natürlich war der Gryffindor vollkommen ahnungslos von den kaum merklichen Momenten von grauem Nichts, die sich inmitten seiner Sommererinnerungen an die Dursleys abspielten – zurückgelassen für übereifrige Beobachter, um sicherzustellen, daß, was immer sie wollten, sie ihre eigenen – hoffentlich falschen – Folgerungen ziehen würden. Harry verzog das Gesicht, als er sich am falschen Ende von zwei unnachgiebigen Blick wiederfand und seufzte stumm, als wäre er eben bei einer Lüge ertappt worden.

„Ehrlich, Sir. Ich erinnere mich an rein gar nichts von Todessern." Es fertigzubringen so auszusehen als wäre auch das sein Fehler, war nicht einfach, weil Harry in erster Linie damit beschäftigt war, die richtigen Erinnerungen zu projezieren und nicht zu vergessen, was er ihnen auftischte. Er würde sich wahrscheinlich Notizen machen müssen so bald er sich all seine Lügen und Halbwahrheiten ins Gedächtnis rufen konnte. Gewiss mußte Harry seine Geschichte im Laufe dieses Jahres noch mehr als einmal erzählen.

„Sir?" Harry hatte nur einige Dinge ablaufen lassen, die ein ahnungsloser Gryffindor glaubte, wären während der fraglichen Zeit passiert. Es sollte genug sein, um darauf hinzuweisen, daß Harry noch immer im Dunkeln saß, was die ganzen Geschehnisse im Sommer anbetraf; es sollte sicher rüberbringen, daß er diese Tatsache überhaupt nicht mochte. Hoffentlich konnte Dumbledore leichter schlafen mit diesem Wissen. Der alte Kauz würde sich sicher besser fühlen, solang er sich einreden konnte, daß Harry nicht annähernd so unabhängig war wie er sein wollte, das der Junge noch immer sein Wissen und seine Weisheit brauchte, um durchs Leben zu kommen. Harry hatte keine Schwierigkeit, den Direktor denken zu lassen, daß er die Trumpfkarte sehr sicher versteckt in seinen sich ständig einmischenden, knorrigen Händen hielt.

„Sprich einfach weiter, Harry." Dumbledore zwinkerte gutgelaunt und Harry blinzelte mit einem tapfer erduldenden Ausdruck auf dem Gesicht – Schuldbewußtsein und Unsicherheit spiegelten sich in seinen Augen. Erst dann kam er mit einem schweren Seufzer darauf zurück, was er sagen wollte.

„Bis Hermine mir erzählte, daß alle nach mir gesucht haben," erklärte Harry und rutschte in seinem Stuhl umher, „dachte ich, ich wäre die ganze Zeit über bei den Dursleys gewesen." Er zuckte unverbindlich mit den Achseln. „Ich meine, ich war überrascht, als Professor Lupin und Moody auftauchten. Ich wußte nicht einmal, daß sie dachten, ich wäre weg geweseen – ich meine, daß ich weg war – für eine ganze Woche. Ich war wütend mit ihnen, daß sie nur für einen Kontrollgang kamen, wenn es mein Geburtstag war."

„Was glaubst du, ist vorgefallen?" Endlich erinnerte sich der alte Mann an den Beutel mit Limonendrops und nahm einen weiteren, musterte es nachdenklich und warf es nach einem Augenblick stiller Bewunderung in seinen Mund.

„Nichts." Zögernd und mit einem Schulterzucken musterte der Junge seine Tasse. Er hätte sie jetzt gern zurückgehabt. Entschlossen blickte er auf. „Sollte ich nicht der erste sein, der weiß wo ich gewesen bin? Ich sage Ihnen, Sir, ich war im Ligusterweg – die ganze Zeit. Ich weiß nicht, warum Sie glauben, ich war's nicht. Warum sollte ich Ihnen über soetwas Lügen erzählen? Können die Schutzzauber nicht zeigen, daß ich sie niemals passiert habe? Ich hätte nicht verschwinden können, ohne daß sie es registriert hätten, oder?"

„Nein, Harry, du hast Recht. Du kannst Schutzzauber nicht durchqueren, ohne daß sie davon Notiz nehmen." Das Funkeln in seinen Augen schien sich zu verdunkeln. „Harry, sie haben Alarm geschlagen, als du die Umgebung verlassen hast, die sie errichtet waren zu schützen."

„Aber..." Harry schüttelte seinen Kopf, Ungläubigkeit über sein ganzes Gesicht geschrieben. „Ich war nicht weg! Ich habe die Dursleys wirklich nicht verlassen! Sie haben mir gesagt, wie wichtig es ist, daß ich bei ihnen bleibe." Nicht die Worte findend irgendetwas hinzuzufügen, schüttelte er einfach wiederholt seinen Kopf. Seine Hände zitterten schwach, als er sie zusammenfaltete und versuchte genug Spucke zu sammeln, um seine Kehle anzufeuchten. „Ich kann Ihnen nichts anderes sagen."

Doch was Harry ihm sagen konnte – natürlich würde er das nicht freiwillig tun – war, daß er die Schutzzauber auf eigenes Gutdünken verlassen hatte. Noch ehe er irgendwie all diese neue Magie von Voldemort oder wem auch immer bekommen hatte, war Harry klar gewesen, was er tun mußte, obwohl es etwas dreckiger und schmerzhafter gewesen war als wenn er die Schutzzauber auf sich selbst gezogen hatte. Damals fühlte er sich ähnlich wie zu dem Zeitpunkt, als er aus seiner dummen, keifenden Tante einen Ballon gemacht hatte. Harry wußte nicht, was er getan hatte; und es gab keine andere Wahl für ihn, als die Schutzzauber zurückschnellen zu lassen, sobald er sich in sicherer Entfernung befand. Es hatte die Zauber nicht zerstört, aber es rüttelte ihre Struktur gewaltig durch. Dennoch war Harry nicht so verrückt, als daß er geplant hätte, mit Voldemort zu enden. Harry wischte diese Gedanken beiseite. Er konnte tödlich sein, über solche Dingen nachzugrübeln, während er sich unter strenger Beobachtung des Direktors befand.

„Ist etwas nicht in Ordnung, Harry?" Dumbledore blickte auf diese aufreizend herablassende Weise seine krumme Nase hinab, denkend, daß einfach jeder ihm seine tiefsten Geheimnisse anvertrauen mußte, weil er so ein freundlicher, verständnisvoller, großväterlicher Kerl von einem Älteren und Weisen war.

Harry zog seine Mundwinkel hoch und kümmerte sich nicht darum, daß dieses Lächeln falsch rüberkam – es sollte so aussehen. Dann blinzelte und lächelte er, als sich der dumme Ausdruck auf dem Gesicht des Mannes in etwas Erträglicheres änderte, obwohl Harry nicht erahnen konnte, woran er dachte.

„Nein, Sir." Harry schüttelte stirnrunzelnd seinen Kopf. "Ich denke bloß nach." Harry sollte in der Lage zu etwas von dem zu fühlen, was in diesem ergrauten Kopf vorging. Während seiner Praxis mit Vernon hatte es auf jeden Fall funktioniert. Warum nicht mit Dumbledore?

„Und über was, wenn ich fragen darf, Harry?" Harry musterte den alten Mann nachdenklich. Falls Dumbledore seine Gedanken durchleuchtete, sollte Harry irgendeine Reaktion bekommen, selbst wenn es nur ein Prickeln seiner Magie war, das ihn wissen ließ, daß ihre Energien sich an irgendeinem Punkt trafen. Harrys Augen verengten sich, als er den unschuldigen des Direktor begegnete und sein Rücken streckte sich. Wer zur Hölle befand sich eigentlich in seinem Kopf? Harry hätte den Schoßhund des alten Knackers gern gesehen, um sich zu versichern, daß seine Zweifel unbegründet waren. Harry konnte rein gar nichts durch die Verbindung des Dunklen Mals spüren; es fühlte sich an, als würde Snape seine Emotionen bewußt in Schach halten, als wüßte er, daß Harry sie auf irgendeine Weise lesen konnte.

„Ich bin mir einfach... nicht mehr sicher, Sir." Harry unterdrückte eine Grimasse. Als ob Dumbledore aufhören würde, Fragen zu stellen, wenn Harry es wollte. Er seufzte und wandte seine Aufmerksamkeit auf seinen Schoß, um seine Gedanken zu sammeln. Alles hing von der Tatsache ab, daß Dumbledore derjenige war, der seine Erinnerungen beobachtete. Harry wußte nicht zu welchen Schlußfolgerungen Snape kommen würde. Es war ein Spiel mit einem Einsatz, den er nicht machen wollte. Trotzdem konnte Harry nicht die Art und Weise ändern, in der er begonnen hatte. Er konnte nur hoffen, daß Snape berichtete, was immer er herausfand, ohne seine Mutmaßungen zum besten zu geben.

Als erstes jedoch mußte Harry seine Theorie testsen. Seine Sinne dorthin sendend, wo das Dunkle Mal war, konzentrierte sich Harry und fand den Punkt, an dem es ihn mit Snape und all den anderen Todessern verband. Harry konnte nicht zwischen einem und einem anderen Todesser unterscheiden. Es wäre Pech für Snape, falls all seine Kollegen diese Erinnerung sahen, aber es gab keinen anderen Weg, um sicherzugehen, wer beobachtete.

„Denken Sie, ein Denkarium würde helfen, Direktor?" Fragend blickte Harry auf. In dem Augenblick, in dem er nach dem Denkarium fragte, brachte Harry all seine Konzentration zu der einen Erinnerung, von der er wußte, daß Snape sie nicht im geringsten mochte; es würde Emotionen hervorbringen, die der Bastard unmöglicherweise unterdrücken konnte.

„Nein, ich glaube nicht, Harry. Ein Denkarium kann nur existierende Erinnerungen zeigen, nicht Erinnerungen die existieren sollten." Dumbledore schien es dieses eine Mal wirklich leid zu tun, aber das mochte daher kommen, daß er eine Chance, einen unverschleierten Blick in Harrys Erinnerungen zu werfen, auslassen mußte.

„Ich verstehe, Sir." Harry lächelte, obwohl seine Augen noch schmaler wurden. Glaubten sie, er wäre blöde? Das Band war voll Wut zurückgekehrt, aber die erste Emotion verschwand so schnell sie erschienen war; Harry hätte es verpasst, hätte er nicht darauf gewartet, daß etwas geschah. Es gab Neugier, Verwirrung und Ungläubigkeit anstelle von Haß. Es war nicht, was Harry wollte; und gleichzeitig fuhr der schmierige Bastard fort, nach weiteren Informationen in Harry Potters Gedanken zu suchen. Wenigstens zeigte es, daß Snape durchaus zu Legilimentik fähig war, ohne dabei Harrys Verstand in Stücke zu hauen, obwohl er noch immer ohne jegliche Vorsicht herumtrampelte. Offensichtlich hielt Snape nicht sonderlich viel von Harrys Fähigkeiten, ihn beim Herumspitzeln zu entdecken.

Harry hatte Glück, daß Tom noch nicht kapiert hatte, was los war. Der Typ war nicht dafür bekannt, sein Temperament im Zaum zu halten. Er würde gewiss in keinster Weise positiv reagieren; oder er würde versuchen, sich Snape bemerkbar zu machen, falls er noch immer glaubte, der Mann würde für ihn spionieren und nicht für die andere Seite.

„Falls, was ich gehört habe wahr ist, dann müßte ich in der Lage sein, Ihnen Voldemorts Versteck zu zeigen." Es war wirklich bedauerlich, daß Harry sein Gedächtnis verloren hatte. Er wandte den Blick nicht ab, als Dumbledore ihn einen Moment länger über sein halbmondförmigen Brillengläser musterte, ehe der Mann nachsichtig lächelte und einen flüchtigen Blick auf seinen Tränkemeister warf, der noch immer als schweigender Beobachter direkt neben der Tür stand.

„Es ist in Ordnung, Harry. Wir wissen, wo sein Versteck ist – war. Die magische Explosion, über die wir vorhin gesprochen haben, hatte seinen Ursprung genau dort, wo wir Voldemorts Hauptstützpunkt vermuteten."

„Vermuteten? Ist er jetzt nicht mehr dort?" Harry schaute hoffnungsvoll, während er innerlich kochte. Harry realisierte, daß es wirklich nicht der Direktor war, der die schmutzige Arbeit erledigte und biß sich in die Wangen bis er Blut zog. Es war der Tränkemeister in seinem Rücken, der versuchte seine Gedanken zu lesen und seine Hände schmutzig machte. Glaubte Dumbledore, daß Harry Potter völlig leichtgläubig war? Dachte er, daß er Snape einen Klaps auf die Hand geben und ihn in die Kerker schicken könnte, falls Harry ihn zur Rede stellte, als hätte Dumbledore nicht das geringste damit zu tun? Warum fragte niemand jemals? Warum hatten sie immer ihre Finger genau da, wo sie nichts zu suchen hatten? Traute ihm niemand genug, um sein Wort für das zu nehmen, was es war? Es hatte eine Zeit gegeben, zu der er freimütig alles erzählt hätte, obwohl diese Zeit jetzt endgültig vorbei war; und es war ihr Fehler.

„Ich glaube nicht, das er weg ist, Harry." Dumbledore musterte ihn auf diese großväterliche Weise. „Bist du sicher, daß du nicht weitere Visionen hattest?"

„Ich bin sicher, Sir." Harry nickte reflexhaft. „Nicht seit einer langen Zeit." Er wollte die Roten Roben nicht noch einmal zur Sprache bringen, damit er nicht aufgefordert würde, seine Geschichte wieder und wieder zu erzählen, um sicherzugehen, daß er keine wichtigen Details ausgelassen hatte. Es konnte wirklich schiefgehen.

Harry biß sich auf die Lippen, um sich davon abzuhalten, seinem Ärger Luft zu machen. Er schluckte den Klumpen in seiner Kehle und konzentrierte sich darauf, sein äußeres Erscheinungsbild intakt zu halten. Es war dumm, daß er nicht zuvor über die Möglichkeit nachgedacht hatte. Warum hatte der manipulierende Mistkerl seinem Schoßhund erlaubt zu bleiben, wenn ihn das Gespräch eindeutig nicht betraf, ausgenommen von dem dämlichen Dunklen Mal auf seinem linken Arm.

Harrys Gedanken schlugen Purzelbäume, als er versuchte mit einigen Erinnerungen aufzuwarten, der er bei Snape benutzen konnte, als seine frühere Frage, ob oder ob nicht Tom versucht hatte mit all seiner Kraft auszubrechen nachdrücklich mit einer Explosion von Schmerz beantwortet wurde, die seine Augen schier aus seinem Kopf springen ließen.

Warum von all den möglichen Zeitpunkten mußte diese bescheuerte, widerwärtige Seele von eine Möchtegern-Unsterblichen gerade jetzt wählen, um sich in eine Panik hineinzusteigern? Harry konnte nicht anlassen – nicht jetzt, wenn er fast mit dieser idiotischen Unterhaltung fertig war – daß mit mehr als seinen Erinnerungen etwas nicht in Ordnung war. Verdammter Kerl!

Harry war sich ziemlich sicher, daß Snape Tom nicht finden konnte, solange er in dem vorbereiteten Gedanken-Labyrinth herumwühlte; und es gab keine Möglichkeit, daß er herausfinden konnte. Der Bastard versuchte diskret zu sein, aber er bewegte sich auf eine Weise, die deutlich machte, daß er nicht wirklich einen Grund für Sorgfald sah. Das Problem war jetzt, daß Tom die ganze Sache für Harry nicht gerade einfacher gestaltete, Snape und jeglichen erstellten oder realen Erinnerungen auf der Spur zu bleiben. Die Manier in der Tom vorwärtspreschte, war zweifellos darauf ausgelegt, die Aufmerksamkeit von jedem auf sich zu lenken, der sich auch nur halbwegs in Legilimentik auskannte.

Snape, die Lippen fest zusammengepresst, stand sogar noch steifer da als zuvor. Er hielt seine Arme hinter dem Rücken verschränkt – die Hände mußten zu Fäusten geballt sein, um eine sichtbare Reaktion auf Toms Attacke zu unterdrücken. Diesmal spürte Harry keinen Haß, sondern Schmerz, der sich sehr nett zu seinem eigenen dazugesellte. Er war jedoch froh zu erkennen, daß, was Snape fühlte, nicht annährend dem nahekam, was er sich vorgestellt hatte. Aber natürlich war während des Willkommensfestes mehr passiert als nur Tom und in der Winkelgasse mußte sich Harry noch um seine außer Kontrolle geratene Magie kümmern.

Harry fluchte. Er hätte seine Gedanken nicht nur gegen jeden der seinen Weg hineinzwang, sondern auch gegen die, die versuchten ihren Weg hinaus freizukämpfen, mit Schutzzaubern belegen sollen. Das Schild war nur dazu gut, eine entkörperte Seel zu halten, nicht die Gedanken einer Seele oder kraftvolle Ausbrüche von roher Energie. Es war nicht allzu weit entfernt, daß, wenn Harry zufällige Gedanken von Tom aufschnappen konnte, daß Schlangengesicht fähig war, dasselbe zu tun. Harry biß seine Zähne aufeinander und konzentrierte sich, ruhig zu bleiben – nach außen hin.

Das leichte Zittern konnte er nicht unterdrücken, wissend – fühlend, durch das Mal – daß Snape einen Rückstoß erhielt, da die Emotionen plötzlich viel vorsichtiger flossen, fragend und mißtrauisch. Ein beinahe überwältigender, heftiger Schmerz war augenscheinlich. Es war, als würde Snape einen tiefen Atemzug nehmen, um zu verhindern, daß er sich vor Pein krümmte, als der Schmerz durch die Verbindung des Mals wogte – keine wirkliche Emotion – Schmerz (nicht so schlimm wie Harry fühlte, aber schlimm genug; und kein Aufruf von Voldemort zu einem Treffen).

Blut pulsierte in seinen Venen und Harry verzog das Gesicht mit unterdrückter Wut. Seine Magie wirkte nicht, wenn er darüber nachdachte, was er tat (oder tun wollte). Es schien eine Sache, bei der seine Gryffindorhaltung – Erst handeln, dann denken! – angemessen schien; und die Magie, die seit dem ersten Moment, an dem Harry in dieser Unterhaltung Toms Gegenwart zum ersten Mal wahrgenommen hatte, vor Kraft überfloß – an Ort und Stelle gehalten lediglich von Harrys Willen – befreite sich von ihren Beschränkungen und brandete auf die übermächtige Wand von Energie zu, die versuchte Harrys magische Verteidigung zu überrennen. Aber nicht jetzt!

Ein leises Wimmern drängte sich seinen Weg zwischen Harrys zusammengebissene Zähne.

„Ist alles in Ordnung, Harry?"

„Bloß... Kopfschmerzen, Sir," schaffte Harry zu sagen, sich des abschätzenden Blickes äußerst bewußt; obwohl er nicht aufsah und gebeugt saß, den Kopf in seinen Händen und seine Fäuste gegen die geschlossenen Augen gepresst, als er sich auf tiefe, gleichmäßige Atemzüge konzentrierte.

„Severus?" Dumbledores Stimme spiegelte die Zweifel des alten Mannes wieder; und nach einem zögernden, finsteren Blick zu dem Jungen, von dem Harry keinerlei Notiz nahm, antwortete der Tränkemeister, seine Worte nachdenklich auf die baren Fakten reduzierend.

„Das Dunkle Mal, Direktor." Bei den ersten Worten klang Snapes Stimme überlegen, doch dann einfach nur schroff. „Dennoch ist es kein Aufruf zum Sammeln. Ich habe jedoch nicht den leisesten Zweifel, daß der Dunkle Lord am Leben ist."

„Harry? Tut deine Narbe weh?"

„Nein, Sir." Harry schüttelte den Kopf. „Es prickelt ein bißchen, aber ich glaube nicht, daß es etwas mit meinenm Kopfschmerzen zu tun hat. Das sind normale, Sir. Ich kenne den Unterschied." Harry glaubte kaum, daß er es schaffte, seine Geheimnisse für sich zu behalten. Der dumme, arrogante Lord hätte nahezu alles verdorben. Letztes Mal hatte seine Magie gnadenlos nach allen Seiten ausgeschlagen – das hieß es schlug nach innen – also wußte Tom, was er ihn beinahe gekostet hätte.

„Also ist er tatsächlich am Leben." Dumbledores forschender Blick war auf Harry gerichtet, der noch immer seinen Kopf gebeugt und seine Augen geschlossen hatte.

Letztlich jedoch sah Harry auf und drehte sich um, um den schmaläugigen Blick des Tränkemeisters mit geweiteten Augen und offenem Mund zu begegnen. Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen, dann verzog Snape abschätzig den Mund und Harry konnte wieder atmen, sich jetzt absolut sicher, daß Snape der Verbindung über das Dunkle Mal nicht zu ihrem Ursprung folgen konnte... was für eine Überraschung das gewesen wäre.

„Warum würden Sie denken, er wäre es nicht?" Der Gryffindor runzelte die Stirn.

„Es war eine Frage, die aufkam als Voldemort spurlos verschwand und nicht einmal seinen engsten Vertrauten unter den Todessern wissen wo er zu dieser Stunde sein könnte." Der Direktor ließ den Jungen nicht aus seinem Blick, aber die einzige Regung, die Harry zeigte, waren stumme Fragen, die Dumbledore nicht einmal beginnen konnte zu beantworten.

„Oh." War alles, was Harry zu diesem Thema beizusteuern hatte, ehe er seine Augen rieb und sich in dem Versuch sich zu entspannen zurücklehnte.

„Was passiert jetzt? Ich meine, wenn es stimmt, was Sie sagen und ich mein... mein Gedächtnis verloren habe...?" Harry schaute zu dem Mann auf, als griffe er nach seiner letzten Sicherheitsleine. Der alte Mann sah tatsächlich besorgt aus. Es war bestimmt eine Verbesserung von dem ständig dreinredenden, alten Narren. Harry ließ seinen Kopf in scheinbarer Niederlage hängen und konzentrierte sich darauf, nichts von dem was er zu Dumbledore sagte zu vergessen und darauf, Tom ruhig- und Snape von allem interessanten in seinem Kopf fernzuhalten. Harry spürte, wie der Schmerz in seinem Schädel hinter seiner Stirn explodierte.

„Können Sie mir sagen, was geschehen ist?" Harry mußte hier so bald wie möglich raus. Er fühlte, als würden die Wände auf ihn einstürzen.

„Da ich nicht weiß, wo du gewesen bist, kann ich dir wirklich nichts dagen, Harry. Aber mache dir keine Sorgen, ich bin sicher, dein Gedächtnis wird zurückkommen, wenn du soweit bist." Dumbledore schüttelte seinen Kopf.

„Oh! Denken Sie?" fragte Harry grübelnd, einen unschuldigen Ausdruck auf seinem Geischt. Er war sich sicher, daß Dumbledore allerwenigstens eine gute Vermutung abgeben könnte. Er hatte bereits angedeutet, wo er glaubte, daß Harry abgeblieben war. Warum konnte er es nicht einfach so klar sagen, daß es für einen dümmlichen, leicht naiven Gryffindor verständlich war? Der dumpfe, pochende Schmerz machte es sich in seinem Kopf gemütlich. Merlin! Würden sie jemals zu einem Ende gelangen?!

„Falls du dich wirklich nicht erinnern kann, gibt es nichts, was ich tun kann, Harry." Er blickte Harry prüfend an. „Du erinnerst dich an gar nichts?"

„Ich habe es Ihnen schon gesagt, Sir!" Harry holte tief Luft. Es war Zeit diese Unterhaltung etwas zu beschleunigen. Er ballte die Fäuste, noch immer verzweifelt Tom in die hinterste Ecke seines Hirns drängend. „Ich kann mich nicht an das erinnern, was Sie wollen, daß ich Ihnen sage. Ich hab es gesagt! Ich weiß nicht, was Sie noch von mir wollen? Ich weiß gar nichts! Ich hatte keine weiteren Visionen! Denken Sie ich weiß wo Voldemort ist? Das ich selbstmörderisch bin und zu ihm renne, so daß er mich noch schneller töten kann, als er es sonst tun würde? Ich weiß nicht, wo er ist! Ich weiß auch nicht, wo ich während dieser Woche war, über die ihr alle das große Schweigen hängt! Ich weiß es einfach nicht!" Harrys Atem war weg und er sackte in sich zusammen, aber nur bis er erneut seine Lungen gefüllt hatte.

„Ich hätte nicht einmal von dem bißchen, das ich jetzt weiß eine Ahnung, wenn Hermine es mir nicht im Zug erzählt hätte. Nicht einmal Lupin hat mir gesagt was los ist! Alle drei von ihnen standen einfach in meinem Zimmer und nuschelten, daß es überhaupt nicht war; dann war es mein Geburtstag und plötzlich eine Sicherheitskontrolle!" So falsch wie die Wut wirklich war, sie solange aufrechtzuhalten, war erschöpfend. Harry mußte jedoch auf der Hut bleiben. Er merkte wie einfach es war, sich mitreißen zu lassen und wirklich zu sagen, was durch seinen Kopf ging.

„Sie waren in Sorge um dich, Harry." Der Direktor unterbrach seinen Wortschwall. „Und wie du dich benommen hast, hat sie sehr verletzt, besonders Remus Lupin." Er beobachtete Harry, als ob der Junge vor lauter Schuldbewußt sein zu Boden fallen müßte. Merlin bewahre, sollte Harry Potter irgendjemanden verletzen, sogar wenn er bloß die Wahrheit sagte! Harry setzte an seinen Arm in einer sehr taktlosen Muggelgeste zu heben, aber der Professor würde eh nicht verstehen. Du mußtest sagen, was du wolltest, ansonsten würden sie dich in Kreisen rennen lassen.

„Oh, die sollen sich nicht so anstellen! Sie hätten mir sagen können, was los war. Sie haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich etwas Glaubhaftes ausdenken! Als ob ich alles glauben würde!"

Ein Schnauben in seinem Rücken ließ Harry herumwirbeln. Er hätte es nicht verhindern können, selbst wenn er gewollt hätte; aber gut, wenn Snape glaubte, sie ließen ihn außen vor in dieser Diskussion und er mußte sich unbedingt mehr einbringen, dann würde ihm Harry dabei helfen.

Harrys Augen glühten vor Zorn. Es war schwer zu sagen, ob sein Ausbruch fingiert war oder nicht. Harry wußte jedoch noch immer, was er tat. Er war sich durchaus bewußt, daß der schmierige Bastard nicht aufgehört hatte, nach Informationen zu fischen. Snape hielt ihn noch immer unter einer milden Form von Legilimentik – stark genug um Eindrücke von Harrys Gedanken zu erhalten, falls Harry es nicht wußte oder nicht genug Aufmerksamkeit dem zuwandte, was er tat – so daß der kurzsichtige Mistvogel wahrscheinlich wußte wenn Harry log, aber das war nicht nötig, oder? Es gab genug Scheiße unter seinem Schuh, um ein bißchen davon für Snape zurückzubehalten. Harry war nur nicht sicher, ob er das Terrain, in das ein Gryffindor einstürmen würde, auch betreten wollte – ach, zur Hölle mit den Konsequenzen. Er würde in Zukunft noch immer mit dem Mann leben müssen; und auf einmal hörten sich diese ‚vier Unterrichtsstunden' nicht so unscheinbar an wie zuvor.

Mit einem letzten Atemzug packte Harry fester um Tom zu, obwohl es schien, als hätte der Hohlkopf beträchtlich an Tempo heruntergefahren. Wahrscheinlich hatte er letztlich doch mitbekommen, daß Harry nicht vorhatte, andere Leute wissen zu lassen, wer seine Unterhaltungen belauschte.

Harry wirbelte herum und kam über Snape nieder wie ein Sturm. „Es schert mich nicht, falls Dumbledore selbst Ihr Vater ist, oder ob ihre Mutter Tee trinkt mit Voldemort, aber wagen Sie es nie mich jemals wieder schlecht zu machen, mich zu beleidigen oder zu erniedrigen für Dinge, an die ich glaube oder für meine Meinungen, die ich vertrete, wenn Sie derjenige sind, der jedem, der ihnen einen Zauberstab unter die Nase hält, die Treue schwört." Harrys Worte waren vergleichsweise harmlos, ausgenommen von der Tatsache, daß er sie nahezu in das Gesicht des Professors schrie. Es waren die Erinnerungen im Kopf des Jungen, die ihn plötzlich bombardierten und den Tränkemeister erbleichen ließen – ein wirkliches Kunststück, da er schon zu Beginn weiß wie Kalk war – und aus dem Augenwinkel konnte Harry Dumbledore über seine Halbmondgläser hinweg mit finsterem Blick starren sehen, jedoch nicht auf ihn – auf Snape. Harry war in etwas Neues getreten; er hatte es nicht gewollt. Oder doch?

Harry hatte die Vermutung, daß sein alter Direktor – obwohl er es vielleicht glaubte – nicht oft unter Snapes Haut ging. Harry schaffte das recht regelmäßig. Mehr als einmal während der Unterredung verlor der Bastard beinahe sein gefaßtes Äußeres. Wahrscheinlich war jedoch, daß er es nur fertigbrachte, weil er ein Potter war. Snape war niemals in der Lage gewesen, seine Ruhe beizubehalten, wenn jemand den Namen seines Vaters einfach nur erwähnte. Es war mit Sicherheit ein Schwäche, die Harry erforschen mußte, obwohl es auch Harrys Schwäche war; aber es zu erkennen und als Schwäche zu akzeptieren war der erste Schritt, sie zu überwältigen. Er war Snape einen Schritt voraus. Ohne Snape weitere Beachtung zu schenken, wandte sich Harry seinem Direktor zu.

„Falls Sie sonst nichts tun – glauben Sie mir, Sir." Harrys Augen verengten sich in Erwartung zu schmalen Schlitzen. Er wollte, daß diese Farce ein Ende hatte. Zu dem Bastard herumwirbelnd als er erspähte, wie der seinen Mund öffnete, obwohl sein Blick noch immer auf den alten Mann gerichtet war, spiegelten Harrys Augen den Haß meisterhaft.

„Was immer Sie zu sagen haben, Snape, ich werde nicht zuhören," biß Harry hervor und machte es offensichtlich, daß er nicht beabsichtigte die bloße Existenz des Professors zu weiterhin würdigen, fügte er ein scharfes: „Direktor!" hinzu.

Dumbledore brauchte einen Augenblick, um seine Gedanken zu ordnen. Dann seufzte der alte Mann, als wäre seine Last schwerer geworden. Harrys Augen sprühten Flammen. Wie konnte der Mann es wagen, ihm zu suggerieren, er hätte versagt? Er wollte hier raus. An drei Fronten gleichzeitig zu kämpfen war zu viel, selbst für Harry Potter.

„Ich verstehe, daß du wütend bist, Harry."

„No." Seine Augen zeigten offen seine erhitzten Gefühle, doch Harry sprach mit größerer Ruhe, obwohl noch immer energisch, und lehnte sich in dem allzu weichen Stuhl zurück. „Mit allem Respekt, Sir, Sie haben nicht den Hauch einer Ahnung, oder Sie würden nicht tun, was Sie taten – und was Sie offensichtlich immer noch tun." Und um sicherzugehen, daß Dumbledore nicht dachte, er wüßte, daß er Snape veranlaßt hatte, seine Gedanken zu lesen, hing er hintenan: „Ich mag es nicht, wenn Leute mich zum Reden bringen wollen, wenn ich es nicht will, Sir!" Her nahm sich die Freiheit heraus, das ‚Sir' auszuspucken mit einem Abscheu, dem bisher nur Voldmort begegnet war; und es war als hätte er den alten Mann ins Gesicht geschlagen. Ha! Das hatte eine weit bessere Wirkung, als ihn einen Idiot zu nennen wenn er zuhörte. Emotion war was an Dumbledore herankam – tief empfundene, reine Emotionen. Es war nur für einen Augenblick, in dem sie sich gegenseitig abschätzten, bevor Dumbledore freundlich lächelte und ihm seinen lächerlichen Beutel mit Süßigkeiten entgegenhielt.

„Einen Limonendrops, Harry?" Falls das die Art und Weise war, in der Dumbledore sich entschuldigte, dann scherte sich Harry einen Scheißdreck darum. Der Mistkerl verdiente einen guten Hieb für das, was er tat. Harry wagte es nicht, zu Snape zurückzublicken. Er wollte sich nicht im letzten Augenblick eine Blöße geben.

Der Direktor wußte es noch nicht, aber in gerade diesem Moment hatte er wirklich die letzte Unze von... jeglichem verloren, daß Harry Potter noch irgendwo tief drinnen für ihn empfunden hatte; was ein insgeheim einsamer Junge sich erlaubt hatte zu fühlen, auch wenn er es besser wußte.

Wenn Albus Dumbledore wollte, daß alles nach seinem Willen ging, dann sollte er seinen Willen bekommen. Harry hob sein Kinn. Ihm ging es gut. Sollte der alte Kauz tun, was er wollte. Harry würde tun, was er mußte. Lautlos verfluchte er Tom dafür, alles schwieriger gemacht zu haben, als es sein mußte. Es war so dumm! Alle von ihnen waren dumm zu glauben, daß Harry Potter nicht eines Tages aufwachen würde.

Der Sturm, der draußen wütete, schien in seiner Kraft nachgelassen zu haben. Ohne einen Moment zu verweilen oder darüber nachzudenken, ob, was er tat, klug war – es war ganz gewiß sehr treffend für einen Gryffindor – stürmte Harry aus dem Büro, Snape und Dumbledore in seinem Kielwasser zurücklassend; und es war lediglich die Magie, die den Ort umgab, die die Tür davon abhielt mit aller Kraft zugeworden zu werden. Er stolperte die Stufen hinab und eilte aus dem Korridor hinaus so schnell er konnte.

Er rannte beinahe und verlangsamte kein Stück bis er die Eingangshalle erreichte. Dann beugte er sich hinab, die Hände gegen seine Knie gestützt, und holte tief und bebend Atem. Die erste Runde in ihrem Spiel war vorüber; Punkte... vielleicht einen für beide oder keinen von ihnen. Merlin, war er froh, daß er mehr oder weniger unbeschadet aus dem Büro hinausgekommen war.

Noch immer bewußt Atem holend, fuhr sich Harry mit beiden Händen durch sein haar. Er brachte seine Robe in Ordnung und warf einen guten Blick auf die Uhr. Das Mittagessen war schon vorbei. Jeder war bereits wieder im Unterricht, selbst Neville wäre jetzt in seiner Klasse. Entschlossen vermied Harry über die letzten Stunden nachzudenken und schloß seine Augen für einen Moment länger als es notwendig wäre, um zu blinzeln, als er seinen Weg hinauf zum Turm der Gryffindors machte. Er fühlte sich taub, unfähig festzustellen, was er gesagt hatte oder hätte sagen sollen – oder besser nicht. In kurzer Zeit würde alles auf ihn hinabstürzen.

Seine Beine zitterten, als die Spannung langsam begann seinen Körper zu verlassen. Harry machte seinen Weg durch das Schloß nur stolpernd. Er würde schwänzen was immer er für Stunden heute hatte. Es war unmöglich, daß er alle durchsitzen konnte, ohne preiszugeben, daß etwas nicht in Ordnung war. Harry zitterte. Er war ruhig gewesen, solange er in diesem verdammten Büro war, aber jetzt waren seine Reserven aufgebraucht. Seine Gedanken begannen, sich im Kreis zu drehen. Es gab nichts, was er tun konnte. Er hatte seine Karten auf den Tisch gelegt – einige von ihnen; jetzt mußte er warten, bis die anderen enthüllten, was sie für ein Blatt in den Händen hielten. Es war kein beruhigender Gedanke, aber das war es, was als nächstes geschehen müßte. Er hoffte bloß, daß er nicht zu viel preisgegeben hatte – oder zu wenig.

Harry zog sich mit Hilfe des Geländers die Treppe hinauf. Der Weg zum Turm schien unvorstellbar lang. Es war viel zu viel Zeit darüber nachzugrübeln, was er getan hatte; zu viel Zeit, an sich selbst zu zweifeln, daran zu zweifeln, daß er durchziehen konnte, wovon er jemals dachte er könnte es. Die Galle schluckend, die in seiner Kehle aufstieg, murmelte Harry das Passwort gerade laut genug, um gehört zu werden und ignorierte das noch immer verärgerte Geschwafel der Frau in dem Portrait, als er sich auf den Weg hinauf in den Schlafsaal machte, um aufzuhören zu denken. Harry wußte, daß er getan hatte, was er konnte. Wichtiger, Harry glaubte nicht, daß einer der Männer eine Idee bekommen hatte, von dem, was er in seinem Kopf versteckte.

Die Tür zum Schlafsaal fiel zu, als Harry sich dagegen lehnte. Er sog seine Lungen voll Luft und sank zu Boden, bebend vor Anspannung und Erleichterung. In was für einen Schlamassel hatte er sich jetzt wieder hineinmanövriert! Es war schlimmer als je zuvor. Wie konnte er es durch das ganze Schuljahr schaffen, ohne jemanden, der ihm den Rücken stärkte Er lehnte sich zurück, bis sein Kopf die Holztür mit einem dumpfen Aufschlag traf. Er war verrückt, überhaupt zu versuchen, die ganze Sache durchzuziehen. Harry schloß seine Augen, als Tränen aus ihnen hervorsickerten. Es war die Erschöpfung, die ihn jetzt einholte, all das Adrenalin, daß durch seinen Körper rauschte, die Erleichterung, es endlich hinter sich gebracht zu haben. Wütend rieb Harry sein Gesicht. Er würde nicht weinen, niemals. Er war stärker als das. Er hatte nicht genug Zeit auf seinem Weg, um zwischendurch anzuhalten. Er mußte vorwärts gehen, ununterbrochen.

Das Gespräch war vorbei; jetzt mußte er seine Nachforschungen starten. Er mußte den ultimativen Weg finden, Voldemort ein und für alle Male zu töten – ohne die Möglichkeit für ihn sich den Weg zurück zu erschleichen. Entfernt wußte Harry bereits, was er brauchte – Voldemort selbst war derjenige gewesen, der ihm gezeigt hatte, wie es getan werden konnte. Harry hatte jedoch nur eine vage Idee von dem, was das endgültige Ergebnis sein sollte. Er wußte nicht, was genau er zu tun hatte, oder wie. Es wahr wirklich Glück, falls persönlich traurig, daß er nicht mehr in der Quidditchmannschaft war. Harry würde all die Zeit brauchen, um nach Informationen über das Ritual zu suchen, daß er durchlaufen mußte, um sich selbst von Voldemort zu befreien.

Noch immer zitternd, drückte sich Harry nach oben und schwankte schwach zu seinem Bett – und ließ sich einfach fallen sobald er nah genug war, um die Matratze zu treffen und nicht den Boden. Er würde ein Schläfchen machen und dann würde er gehen und Madam Pince besuchen. Er konnte voraussehen, daß die Frau bald sein bester und einziger Freund werden würde. Immerhin war sie die Herrin der Bücher und ihr Königreich war der Platz, den Harry vorhatte in kurzer Zeit, zu seinem Zuhause zu machen. Seufzend schloß Harry die Augen. Wenn er jetzt bloß noch das Opfer vergessen könnte, das gebraucht wurde, um wenigstens eine Chance zu haben, das Ritual zu vollenden.