Kapitel 32 – Ohnmacht
Harry war sich nicht vollkommen sicher, aber falls es möglich war, daß Tote auf der Erde wandeln konnten, dann fühlten sie sich bestimmt genauso wie er in diesem Augenblick, direkt nachdem er in den stillen und glücklicherweise noch immer leeren Schlafsaal erwachte. Selbstverständlich wurde nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wurde und nach ein paar Minuten intensiven Starrens in die Luft begann sich Harry, trotz des verharrenden Pochens in seinem Schädel, ein bißchen besser zu fühlen. Schließlich drehte er sich um und betrachtete das verschwommene, düstere Grau draußen vor dem Fenster. Es war noch dunkel, obwohl wenigstens der Sturm sich zurückgezogen zu haben schien. Er wußte das, weil der Wind aufgehört hatte, um die Türme herumzuheulen wie eine brennende Todesfee; es brauchte seine Brille, die direkt neben ihm lag – er sollte sich glücklich fühlen, daß er sie beim Schlafen nicht zerbrochen hatte – damit Harry erkannte, daß die Dunkelheit das erste Anzeichen der bereits herannahenden Nacht war.
Grummelnd drehte sich Harry auf die andere Seite. Der magische Wecker, der die Jungen am Morgen aus dem Schlaf riß, zeigte an, daß der Tag bereits vorbei war, kurz vorm Abendbrot. Gähnend streckte Harry seine verkrampften Muskeln und während er sich noch aufsetzte, kam alles, was diesen Tag geschehen war mit Macht zurück. Mit einem schweren Seufzer fiel er auf die Kissen zurück, seine Hände unter dem Kopf verschrälnkt, und versuchte, sich darüber klarzuwerden, was er als nächsten tun mußte.
Ehrlich, Harry wollte nicht wirklich aufstehen. Dem Schweigen zuhörend, blieb Harry wo er war. Er hatte genug vom Spielen. Als er das Geräusch sich nähernder Schritte auf der Treppe hörte, gab es nichts, was er tun konnte. Seufzend setzte sich Harry auf, rieb sich ein letztes Mal die Augen und wartete mit einem neugierigen Lächeln auf seinem Gesicht, um zu sehen, wer wohl kommen und ihn aus seiner Isolation herausholen würde.
„Hey, Neville." Harry grinste, als der schüchterne Junge seinen Kopf durch die Tür streckte, als hätte er nicht sein eigenes Bett in diesem Raum. „Warum so vorsichtig? Ist etwas passiert?"
„Oh!" Neville blinzelte. „Du bist wach." Er blickte sich um und trat, wie ein verlorenes Hündchen, inmitten des alltäglichen Chaos in einem Raum von fünf Jungen, auf der Stelle von einem Fuß auf den anderen. „Ich wollte dich warnen." Er zuckte die Achseln.
„Warum?" Harry lächelte noch immer neugierig, während er versuchte einige der Falten in seiner Robe glattzustreichen.
„Irgendein Erstklässler hat seine ersten Punkte bekommen."
„Das ist gut. Warum die Warnung?" Harry wußte es. Verdammter Snape.
„Naja, keiner der Punkte, die irgendein Gryffindor heute bekam, wurden angezeigt."
„Es ist nicht mein Fehler, das Snape ein Bastard ist. Ich schätze, sie müssen ein paar mehr Punkte machen, ehe Gryffindor aus den negativen raus ist. Tut mir leid."
„Oh, ich hab Snape gesehen." Neville schüttelte nachdrücklich seinen Kopf. „Jeder weiß, daß er ungerecht ist. Ich sage das nur, weil Ron es rausgefunden hat. Ich glaube nicht, daß er auf dich wütend ist, Harry." Neville biß sich auf die Lippe.
„Na klasse." Harry nahm sich Zeit, seine Brille zu putzen, bevor er sich wieder aufsetzte. Vielleicht konnte er das Temperament seines noch besten Freundes für seine eigenen Zwecke benutzen. „Laß uns runtergehen, Nev." Harry grinste den Jungen an, der ihn unsicher anstarrte. „Es bringt nichts, es auszusitzen. Es ist besser, wir schaffen das aus dem Weg, bevor wir zum Abendessen gehen. Essen wird ihn schnell genug ruhigstellen, da bin ich mir sicher." Harry öffnete bereits die Tür, als er sich mit fragendem Stirnrunzeln umwandte. Neville kicherte.
„Hab ich was verpasst?" Seine Lippen zuckten unfreiwillig.
„Oh, es tut mir... leid, Harry." Nevilles Kopf verschwand zwischen seinen Schultern. „Ich bin nur..."
„Nee." Harry schüttelte seinen Kopf. Er wollte es wirklich nicht wissen. „Komm schon." Er konnte Ron schon hören. Harry würde wetten, daß irgendeines Tages ihn sein Temperament in ernsthafte Schwierigkeiten bringen würde.
Das erste, das ihm auffiel, als Neville und er in den Gemeinschaftsraum traten, war Rons Gesicht Zentimeter von seinem entfernt.
„Weißt du, Harry," knurrte der rotgesichtige Junge mit unterdrückter Wut, „ich hasse diesen Mistkerl wirklich."
„Oh." Harry tauschte mit Neville einen Blick aus. „Du bist wirklich nicht auf mich sauer, oder?" Harry blickte sich um. Der Gemeinschaftsraum war voll. Es schien, daß nicht viele Leute das stürmische Wetter für einen Spaziergang draußen mochten, aber nicht viele achteten auf Harry. Der Geräuschpegel war einfach zu hoch, um auf irgendetwas anderes als Geschrei zu hören.
„Logisch nicht," grummelte Ron, ehe er zum Kamin stürmte, vor dem Hermine schweigend wartete; ihr klar mißbilligender Blick traf sich einen Augenblick mit Ron, als der Junge seine Tirade fortführte. „Ich schwöre, Harry. Snape hat seinen häßlichen Schädel endlich völlig an einem seiner dämlichen Kessel zerschlagen, oder er hat zuviel Dämpfe von Zaubertränken eingeatmet. Oder er-"
„Stop, Ron," mahnte Hermine ihn. „Was hast du überhaupt getan, daß er nicht einmal wartet, bis wir ein paar Punkte haben, die er abziehen kann?" fragte sie Harry.
„Nichts, wirklich." Harry beobachtete, als Neville den Hinweis aufgriff und sich zum anderen Ende des Raums, wo Dean und Seamus ihre Kopfe zusammensteckten, aus der Gefahrenzone brachte. „Ich wollte Neville nur die Küche zeigen, bevor ich direkt zu Dumbledore gegangen bin. Neville wußte nicht, was er tun sollte, Hermine. Ich konnte ihn nicht bis zum Mittagessen Däumchen drehen lassen." Harry seufzte und trat hinüber, um die Flammen zu betrachten. Nach seinem Nickerchen fühlte er sich ein bißchen steif und launisch. Aus dem Augenwinkel sah er Hermine ihren Kopf schütteln.
„Du mußt etwas getan haben. Er hat uns nie zuvor ins Negative gebracht, Harry."
„Du kennst den Schmierbolzen, Hermine." Mit einem finsteren Blick auf das Mädchen setzte sich Harry in einen der gemütlichen Sessel. Sobald er sich an Snape erinnerte, war es einfach, wütend zu werden. „Snape kam, beleidigte unsere nicht existente Intelligenz, versetzte Neville einen mächtigen Schrecken und nahm uns Punkte fürs falsche Atmen weg."
„Aber... so viele Punkte? Der Erstklässler allein bekam fünfzig." Sie furchte die Stirn. „Er hat einen Zauber aus dem dritten Schuljahr gezeigt, meiner Meinung nach mehr Glück als Verstand, aber wie auch immer," kam sie auf das ursprüngliche Thema zurück. „Es kann nicht das allein gewesen sein, Harry."
„Ja," presste Harry sarkastisch hervor, „so viele Punkte, Hermine." Er zuckte leicht die Schultern und warf Ron einen leidenden Blick zu, der mitfühlend mit den Augen rollte. Dann wandte er sich zurück an Hermine. „Snape ist ein Arschloch. Er zog Punkte ab, weil ich seine Frage nicht richtig beantwortet habe, dann zog er sie ab, weil ich's tat und-"
„Welche Frage?" warf das Mädchen ein.
„Oh, Kräuterkunde, denke ich." Harry musterte sie finster, aber blinzelte gleichmütig nach einem kurzen Moment. „Ich weiß ehrlich nicht, was er wollte." Er seufzte. Sie hatte ihm erfolgreich den Wind aus seinen Segeln genommen.
„Und dann?" Ron grinste und wartete auf das Finale.
„Nichts," leierte Harry weiter, als würde er eine der Einkaufslisten seiner Tante Petunia aufsagen. „Snape beleidigte mich ein bißchen mehr, nahm noch ein paar Punkte weg und hastete davon. Er hatte nicht einen guten Grund, um Punkte abzuziehen, aber wenn er mich in die Ecke schiebt, schiebe ich zurück." Harry verschränkte seine Arme, hob die Augenbrauen und lehnte sich verärgert zurück.
„Also hast du etwas getan!"
„Nein!" Trotzig begegnete er Hermines Blick. "Das ist ein Versprechen für die Zukunft. Wenn er denkt, daß er so viel cleverer ist als der kleine, dumme Harry, dann werde ich ihn dazu bringen, seinen Kessel zu fressen, ehe das Jahr um ist.
„Ha." Ron grinste über sein ganzes sommersprossiges Gesicht. „Ich bin dabei, Harry."
„Danke." Harry grinste zurück. "Rache zu planen ist weit lustiger, als eine sinnlose Unterhaltung mit Dumbledore zu führen, während Snape mir im Nacken sitzt."
„Er ließ den Mistkerl bleiben?" knurrte Ron mit aufgerissenen Augen zur selben Zeit als Hermine wissen wollte, ob ihm erzählt wurde, was während des Sommers geschehen ist. Harry runzelte düster die Stirn und seine fröhliche Laune verflog. Verlaß dich auf Hermine, die notwendigen Fragen zu stellen.
„Na ich würde es wissen!" biß Harry in bitterem Sarkasmus hervor. „Alles was er sagte, war, daß wenn ich mich nicht erinnern kann, er mir nichts sagen kann. Kurz und schmerzlos. Dann brabbelte er ewig über stärker werden und härter kämpfen, aber ich habe darin für mich nicht allzu viel Brauchbares gefunden. Etwas gab's jedoch, das interessant war." Harry blickte sich um, um sicherzugehen, daß niemand nah genug dran war, um dem, was er jetzt sagte, zu lauschen. Der ersten Schüler packten bereits ihre Sachen zusammen und gingen zum Abendbrot. „Dieses blöde... Tattoo von Ihm hat anscheinend verrückt gespielt ohne irgendwen zu sich zu rufen." Harry erklärte sehr knapp und nur in flüsternder Stimme wie das Dunkle Mal jetzt aussah. Es wäre verdächtig, wenn er seinen Freunden davon nichts erzählte, wenn er doch angeblich alles mit ihnen besprach.
Ron fand es großartig. „Super!" vermeldte er mit einem Grinsen so breit wie ein Weihnachtsbaum. „Ist der Blitz nicht praktisch dein Symbol, Harry? Ich meine, komm schon, es schreit doch total: Draußen bleiben, Harry Potter war zuerst hier!"
„Ich weiß." Was für eine Ironie. Harry konnte Rons Enthusiasmus nicht wirklich teilen. Hermine jedoch hatte einen Blick drauf, als wäre das eine weitere Frage für die Bibliothek. Sie sagte nicht das Geringste auf Antwort zu Harrys Information. Harry würde sie im Auge behalten müssen, um zu sehen, was sie herausfand. Es wäre nicht gut, wenn sie dieselben Themen nachlasen. Die Zeit war kurz genug wie sie bereits war.
„Du weißt jedoch noch immer nicht, was passiert ist." Sie fand zu allem den Kern und saß noch aufrechter als zuvor. „Es könnte wichtig sein!" Mal was neues, sogar sie war jetzt gegen die Entscheidung eines Professors, ihren Freund gegenüber der Gefahr im Unklaren zu lassen. „Er muß dir sagen, was vorgefallen ist!"
„Nein." Harry schnaubte humorlos und bließ eine Strähne seines Haares aus dem Gesicht. „Niemand muß und sagt mir mit Sicherheit gar nichts. Falls ich Glück habe und irgendetwas erfahre, das einen Wert hat, dann bin ich der letzte – selbst wenn es mein gottverdammtes Leben ist."
Harry stand auf, zu ärgerlich, um still zu sitzen, sein Gesicht wie Stein und seine Arme über der Brust gekreuzt. „Falls du wissen willst was los ist, schlage ich vor, du fragst nicht mich. Geh und frage Snape oder Dumbledore." Im Nachhinein fügte er hinzu: „Und falls es nicht zuviel verlangt ist, würde ich es schätzen, wenn du mir erzählen würdest, was du herausfindest."
In wortloser Wut gegen alle und jeden nahm Harry den Schürhaken und ließ das Feuer auflodern. Er schüttelte den Kopf, als seine Freunde weiter schwiegen. „Ich verstehe wirklich nicht, wie dieser Mann arbeitet. Zuerst rennen mir alle Leute panisch die Bude ein und versuchen mich zu überzeugen, daß ich von Voldemort selbst als Geisel genommen wurde oder so," Ron zuckte zusammen, „doch wenn ich frage, bekomme ich bloß neugierige Blicke und Mitleid; und Dumbledore tätschelt mir den Kopf und hält an der Meinung fest, daß es für meine eigene Sicherheit ist, wenn er seine Vermutungen für sich behält und wartet, bis ich selbst herausfinde was auch immer geschehen ist." Harry schnaubte, seine Wut auf neue Höhen kletternd. „Von wegen. Hat ihnen letztes Jahr nichts beigebracht? Ich glaube nicht, daß er mir irgendetwas erzählt, ehe ich nicht praktisch darüber stolpere." Er sprach seine Gedanken mit mehr Nachdruck als nötig aus und um die Schau perfekt zu machen, ließ Harry die Funken extra hoch in den Raum fliegen. Ein paar Erstklässler, die die glimmenden Stücke verbrannten Holzes in ihre Richtung wirbeln sahen, wichen zurück und einige andere musterten ihn vorsichtig von oben bis unten, nicht sicher, ob es besser war sich von ihm fernzuhalten oder zu versuchen, ihn zu beruhigen. Glücklicherweise für sie hatte er zwei Freunde, die das tun konnten. Weitere verließen den Raum und gingen zum Abendessen.
„Das Snape da war und sich lustig machte, hat auch nicht gerade sonderlich geholfen." Harry hielt einen Moment inne und fuhr ruhiger fort. „Ich frage mich, wann Dumbledore denkt ich wäre alt genug, um zu entscheiden, was für mich richtig ist. Ich werde nicht warten bis ich wie er einen Bart trage, verrückte Lieder singe und meinen Kopf mit Limonendrops vollstopfe." Harry wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Ron in offensichtlicher Belustigung schnaubte und sich auf die Lippen bis, um sich davon abzuhalten lauthals aufzulachen. Die Vorstellung von einem weißhaarigen Harry mit Monden und Sternen auf seiner Robe sprang in seinen Kopf. Ron schluckte, als Hermine ihm einen finsteren Blick sandte, der Snape ebenbürtig war. Harry lächelte unmerklich und setzte sich in den Sessel zurück, sein Blick mindestens genauso düster wie der ihre.
„Laß es, Hermine!" Harry schüttelte seinen Kopf. „Laß es einfach." Er zog tief Atem und zitterte vor Wut. „Ich will es nicht hören." Ehe jemand etwas sagen konnte, stürmte Harry aus dem Gemeinderaum hinaus zu den Treppen, sein Gesicht zu einer zornigen Maske verzogen.
„Bist du jetzt zufrieden?" konnte er Rons Stimme hören und dann Hermine: „Gib ihm einen Augenblick, um sich zu beruhigen, Ron." Dann hatte Harry den Schlafsaal erreicht, die verärgerte, unbeherrschte Miene noch immer gegenwärtig.
Dennoch, sobald Harry die Tür zum Schlafsaal mit einem Zauber verschloß, wandelte sich sein Gesicht zu einem reuigen Lächeln, seine Augen nicht länger von blanker Wut umwölkt. Jetzt zeigten sie nur noch Trauer. Es war gut, daß Harry diese Scharade nicht das ganze Jahr würde aufrecht halten müssen. In ein paar Wochen würde er jedem der zuhörte ehrlich sagen können, daß er sich beruhigt hatte, nachdem er einfach ... um Sirius getrauert hatte.
Harry lag auf seinem Bett und wartete für exakt acht Minuten ehe er sich auf den Weg in den Gemeinderaum machte. Hermine und Ron waren als einzige noch da und blickten gleichzeitig zu ihm auf, als sie ihn die Stufen hinunterkommen hörten.
„Es tut mir leid." Harry verzog das Gesicht. „Ich wollte nicht ausflippen." Mit einem schiefen Lächeln auf den Lippen versuchte er das Unerklärbare zu erklären. „Es ist nur manchmal so frustrierend..."
„Das wissen wir, Harry." Hermine lächelte und begegnete Rons Blick. Hatte sie nicht gesagt, daß Harry sich beruhigen würde. „Es ist ja nichts passiert. Laß uns zum Abendessen gehen, bevor Ron verhungert."
„Hey! Sag sowas nicht!" Ron stemmte die Hände in die Hüften und Harry grinste. Es schien als hätte Ron ein neues Wort über Hermines Schulter erspäht, als sie eines ihrer intellektuellen Bücher verschlang. Die drei Freunde musterten sich und nach nur einem Augenblick schweigenden Zögern verließen sie den Gryffindor-Gemeinschaftsraum.
Für Ron war die ganze Episode damit beendet. Alles das ihn noch interessierte war, was er zum Essen bekommen würde. Hermine beobachtete Harry jedoch wie ein Falke, füre einen Moment wartend, mehr Informationen herauszuholen als Harry preisgab. Harry kannte sie. Es war in ihrer Natur zu allem eine Meinung zu haben. Sie ließ Ron während des gesamten Wegs zur großen Halle über Belanglosigkeiten reden, aber sie würde sich nicht auf ewig zurückhalten. Harry müßte wahrscheinlich eher bald als später mit ihr reden, ehe sie zu jemand anderem sprach. Für jetzt jedoch vermeideten sie Dunkle Lords und Entführungen und endlich konnte Harry selbst die anderen nach Informationen aushorchen.
„Genug Essen, Ron. Wie war dein erster Tag? Wie war der Unterricht?" Da Harry sich jetzt offiziell von seinem Ausflug ins Reich des Direktors beruhigt hatte, wollte er wirklich wissen, was seine Klassenkamereaden von dem merkwürdigen Typen dachten, der ihnen Verteidigung gegen die Dunklen Künste beibringen sollte.
„Pflege magischer Geschöpfe war in Ordnung, obwohl ich gedacht hätte, es wäre ein bißchen leichter. Hagrid gibt uns viel mehr zu lesen," meinte Ron ein wenig mürrisch und heiterte nur einen Augenblick später merklich auf: „Aber diese Kupferenten-Dinger, die wir gerade durchgehen, sind wirklich eigenartig. Sie sehen überhaupt nicht wie Enten aus und sie essen Kupfer." Ziemlich enttäuscht schüttelte Ron seinen Kopf. „Sie sehen nicht mal ein kleines bißchen gefährlich aus."
„Das nenn' ich Pech, Ron." Harry versuchte etwas Mitgefühl zu zeigen, aber wen interessierten Tiere? „Hat Dean dir von Brado erzählt?"
„Nicht viel," Ron zuckte mit den Schultern, „aber als wir den Typen nach dem Mittagessen hatten, haben wir nicht vielmehr gemacht als zuzuhören, wie er endlos davon gequatscht worin er uns unterrichten sollte. Maaan." Er schüttelte seinen Kopf. „Ich schwör' dir, Harry, der ist in seine eigene Stimme verliebt."
"Also ist er tatsächlich nur ein weiterer Lockhart?" Das schien nicht wirklich zu passen. Harry glaubte immer noch, daß er Mann gefährlich war. Zugegeben, am Ende war Lockhart auf gefährlich, aber irgendwie schien es… mehr. Harry konnte nicht das ungute Gefühl, daß er von Brado hatte, nicht abschütteln. Fragend ließ er seinen Blick an Ron vorbeiwandern zu dem einen Freund, der gegen Lehrer generell ohne Vorteile gegenübertrat.
„Nein." Hermine runzelte die Stirn, unbeeindruckt von Ron. Dieser Tage tat sie das reichlich oft. „Er hat uns lediglich einige der Themen genannt, von denen er annimmt, daß wir sie in den letzten Jahren durchgenommen haben und etwas von dem was er plant uns beizubringen. Du hättest dir Notizen machen sollen, Ron, statt mit Seamus herumzualbern."
Ron rollte mit den Augen. „Sicher. Es ist ja nicht, als ob er alles während der Stunde wiederholt hätte – war es zweimal oder dreimal?"
„Na gut, er hat ein bißchen viel geredet," wieder sandte sie ein tiefes Stirnrunzeln an den Rotschopf, „aber was der Professor gesagt hat, war eigentlich sehr informativ. Verteidigung könnte wirklich interessant sein dieses Jahr." Sie lächelte. Es war offensichtlich, daß sie sich auf die nächste Stunde freute. „Es gibt einige Dinge, die wir selbst nachlesen müssen, da wir sie letztes Jahr nicht durchgenommen haben. Wenigstens kennen wir jetzt die richtigen Bücher, die wir aus der Bibliothek holen sollten, um uns auf den Unterricht vorzubereiten."
„Klar." Grummelnd kratze Ron seinen Kopf. „Dean hatte eine Doppelstunde. Vielleicht war da ja genug Zeit die Bücher aufzuschlagen und ein paar Zaubersprüche loszulassen." Er schien eher sarkastisch.
„Du denkst also er weiß, was er tut?" Harry wandte sich an Hermine. Vielleicht hätte er nicht den letzten Teil der Stunde schwänzen sollen.
„Ich glaube schon." Hermine schien keinesfalls sicher. "Er redet jedenfalls, als wüßte er wirklich was er lehrt, wie das aber mit seiner Kleiderwahl zusammenpasst, weiß der Deibel. Vielleicht ist er exzentrisch. Genies sind das oft."
"Er könnte einfach nur irre sein," murmelte Ron. "Je daran gedacht?" Harry seufzte. Er hatte keine Wahl als auf die nächste Stunde zu warten und sich selbst ein Bild zu machen.
„Wie auch immer," Rons Augen leuchteten auf als sie die Halle betraten und er die reich gedeckten Tische sah. „Ich hab' Kohldampf."
Harry war der letzte, der sich neben seinen schwer beschäftigten Freund niederließ. Wie konnte eine Person nur so viel essen und trotzdem am Leben bleiben, um darüber zu erzählen? Er schüttelte seinen Kopf und wappnete sich gegen den Teller der unfraglich den Moment auftauchen würde, in dem er sich hinsetzte.
Seit Dumbledores Büro hatte er diese Kopfschmerzen. Es wurde nicht schlimmer, aber es ließ auch nicht nach. Wenn Harry nicht daran dachte oder seinen Kopf zu schnell bewegte, vergaß er beinahe, daß sie da waren. Es war lediglich ein dumpfes Pochen, das nicht verklungen war seit Tom im Wutrausch gegen die Barrikaden rannte sobald er Snapes Versuch Harrys Gedanken zu lesen bemerkt hatte.
Harry glaubte der Schmerz würde intensiver werden, jetzt wo er inmitten weit aktiverer Magie war. Aber das tat es nicht. Der Teller tauchte zusammen mit einem Glas Kürbissaft und Nachschub an Essen auf und Harry realisierte, daß er gar nichts fühlte bis auf ein kaum wahrnehmbares Kribbeln tief in seinen Eingeweiden. Er war nicht so verletzlich wie zuvor wenn jemand in seiner Nähe Magie praktizierte. Einmal mehr hatte Harry gemischte Gefühle über die Einmischung des Schlosses. Er war froh, daß es ein gutes Stück seiner Kräfte weggenommen hatte – und auch nicht. Es war hart nicht darüber nachzugrübeln.
Aus dem Augenwinkel glimpste Harry zum Tisch der Professoren. Hoffentlich spiegelte sich seine nunmehr kaum beeindruckenden Kräfte auch in seiner Aura wieder. Nicht das er in der Lage gewesen wäre, seine eigene Aura auch nur ein einziges Mal zu sehen – nicht einmal ein Spiegel funktionierte in dem Fall – aber er war sich nahezu sicher, daß sie zusammen mit allem anderen bedeutend nachgelassen hatte. Es war logisch, falls es überhaupt noch etwas in dieser verrückten Welt sein konnte. Oder bedeutete es, daß Harry einfach keine Aura besaß? Wie die Thestrale und (möglicherweise) Dumbledore selbst? War das der Grund, aus dem er seine eigene Aura nicht sehen konnte? Er hätte gern Dumbledore gefragt.
Die Aura spiegelte immerhin die magische Stärke wieder und sobald er diese nicht mehr hatte, gab es für niemanden eine Möglichkeit die wirklichen Grundlagen seiner Fähigkeiten zu erkennen – nicht einmal Dumbledore, wenn das Schicksal mitspielte – da er diese Fähigkeiten nicht wirklich mehr besaß.
Es gab einige Möglichkeiten wie dieses Rätsel um diese Auren sich für oder gegen ihn wenden konnte. Erstens, generell war Dumbledore in der Lage Auren zu erkennen, hatte aber keine Chance die Beeinflussung durch Hogwarts zu überkommen, so daß er glaubte Harrys Aura war normal so wie er sie jetzt sah. Zweitens, Dumbledore hatte Harrys Aura gesehen noch ehe Hogwarts dran… rumgepfuscht hatte, konnte sie jetzt nicht mehr sehen und wurde wirklich mißtrauisch, da aller anderen ihre Auren unverändert waren und er jetzt wußte oder wenigstens vermutete, daß Harry irgendwie in der Lage war seine eigene Aura zu manipulieren. Oder, drittens, Dumbledore war so ahnungslos wie ein Kürbis, wußte nichts von irgendwas und das er selbst keine Aura hatte war lediglich ein Zufall, der nichts im Geringsten mit dem zu tun hatte, was Harry passiert war.
Harry stocherte nachdenklich in seinem Essen herum. Während des Gesprächs mit dem Direktor hatte er nicht bemerkt, daß irgendetwas Seltsames vorging, wenigstens nichts, das vermuten ließe der Mann hätte irgendeine Ahnung von magischen Auren. Trotzdem, niemand mit ein wenig Sensitivität für Magie konnte vollkommen übersehen, daß etwas während des Festessens geschehen war; und falls Dumbledore in der Tat Magie sehen konnte…? Harry würde noch verrückt werden, wenn er ständig darüber grübelte. Es war einfach schwer zu entscheiden, ob er froh oder besorgt sein sollte über Hogwarts Intervention. Es hing alles davon ab, wie Dumbledore auf lange Sicht darauf reagierte, ob und was er wußte und wieviel er vermutete.
Wie auch immer, dringender als selbst das war die Tatsache, daß, jetzt wo es offensichtlich war (für Harry), daß Hogwarts eine eigene Personalität besaß, vielleicht sogar eine Seele, er in keinster Weise vorhersagen konnte, was als nächstes passieren würde. Menschen waren unberechenbar. Zu was war ein magisches Wesen wie Hogwarts fähig, das für mehr als tausend Jahre existierte und von einfachen Menschen rein gar nichts zu fürchten hatte? Harry hatte keinen Weg zu fragen, was das Schloß versuchte zu bewirken, indem es Harry Magie band. Was beabsichtigte es? Versuchte es, ihm etwas zu sagen, etwas zu tun?
Es war nicht, als könnte Harry Nachforschungen anstellen über Hogwarts' Persönlichkeit, da keine Bücher zu diesem Thema existieren würden. Als ein Schüler von Hogwarts hätte er mit Sicherheit schon vorher davon gehört. Horrorgeschichten über ein Schloß, daß seine Schüler nach Zapfenstreich verschlang oder etwas ähnlich lächerliches wäre von einer Generation zur nächsten weitergetragen worden. Es hätte Gerede in den Korridoren gegeben, gäbe es auch nur irgendwo in der Zaubererwelt die geringste Chance, daß ein Gebäude sein eigenes Bewußtsein entwickelte; mit Sicherheit jedoch hätte Hermine darüber irgendwas gesagt.
Nichtsdestotrotz setzte sich in Harrys Hinterkopf der Gedanke fest, daß etwas Undefinierbares, etwas Großes im Geschehen war – und es war nicht Tom. Darüber war er sich sicher, als wenn einem ein Schauer den Rücken hinunterlief und man es einfach… wußte, ohne die Worte zu haben, es zu erklären.
Die Kopfschmerzen, die sich anscheinend für lange Zeit in seinem Kopf einnisten wollten, halfen ihm nicht gerade, sich zu konzentrieren. Stirnrunzelnd schob Harry sein Essen herum und versuchte vergeblich diesem unerklärlichen Gefühl bis zum Ende zu folgen. Er wollte nichts mit dem Schloß zu tun haben, nicht mit all dem anderen was noch dazukam. Wenn jemand zuhörte, war es leicht, sich auf den Gedanken zu konzentrieren, aber das Gefühl blieb dasselbe. Es war immer noch da. Jemand beobachtete ihn, ständig und mit unmenschlichem Gleichmut als könne nichts es aus der Bahn werfen. Es gab keinen Punkt, das Messer anzusetzen. Es mußte das Schloß sein. Harrys Miene entgleiste, doch er änderte sie mit sichtlichem Aufwand in ein freundliches Lächeln.
