Leah sah sich noch einmal in ihrem Zimmer um. Sie wusste, dass es das letzte Mal sein würde, doch sie hatte das schon oft getan. Sie hatte sich schon oft von etwas was ihr lieb geworden war verabschiedet und in dem neuen Haus wohnten sie erst seit ein paar Wochen, also fiel es ihr nicht ganz so schwer.
Was ihr dagegen schwer gefallen war, war zu entscheiden, welche Sachen ihrer Mutter sie mit in ihr neues Leben nehmen wollte. Es war klar, sie konnte nicht alles mitnehmen. Nicht einmal einen großen Teil von allem. Dumbledore hatte ihr klar gemacht, dass sie weder die Zeit noch den Platz hatten, um alles mitzunehmen.
Wohin mitzunehmen war ihr allerdings noch nicht ganz so klar. Ihre Mum hatte zwar geschrieben, dass Dumbledore sie mit zu seiner Schule nehmen wollte, aber was sollte sie da? Sie war nie auf eine Schule gegangen und schon gar nicht auf eine Zaubererschule. Sie kannte ja gerade einmal die einfachsten Zaubersprüche und mit Menschen umgehen konnte sie erst recht nicht… aber wo sollte sie auch sonst hin? Sie hatte weder Freunde noch Verwandte (zu mindest keine zu denen sie freiwillig gezogen wäre).
Leah seufzte und dachte wieder an den Brief. Sie hatte von Askaban gehört. Immer wenn jemand aus der Zaubererwelt ein Wort darüber verlor, zuckten alle zusammen. Ähnlich wie wenn jemand den Namen dieses schwarzen Zauberers nannte, dessen Anhänger die Todesser waren. Leah musste unbedingt seinen Namen erfahren, sie hielt nichts davon immer nur du-weißt-schon-wer zu sagen. Das war ihr definitiv zu blöd. Schließlich war es nur ein Name. Namen waren austauschbar. Ob sie nun vor seinem richtigen Namen zusammenzuckte oder weil jemand „du-weißt-schon-wer" verkündete, für sie machte das keinen Unterschied.
Noch einmal sah sie sich um. In Gedanken überflog sie kurz die Liste mit Dingen, die sie eingepackt hatte. Sie hatte Kleidung, ihre liebsten Bücher (darunter auch das Buch über die Blacks, nun wo sie wusste er ihre Verwandten waren, musste sie unbedingt noch einmal genauer über sie lesen) zusätzlich hatte sie noch den Zauberstab ihrer Mum (man wusste nie wozu man den nicht noch alles gebrauchen konnte) und ein paar andere Kleinigkeiten, wie Fotos, in ihre Tasche gesteckt. Sie war zum bersten voll, aber weniger ging einfach nicht.
Es fiel Leah schon jetzt schwer sich von den restlichen Sachen zu trennen und von irgendetwas musste sie ja leben. Abgesehen davon, dass es zurzeit keine gute Idee gewesen wäre mal so eben einkaufen zu gehen, fehlte Leah auch das Geld dazu. Ihre Mum und sie waren nie reich gewesen und hatten immer nur vom Erbe ihrer Großeltern gelebt. Leah hatte keine Ahnung wie viel davon nach zwölf Jahren noch übrig war, aber viel würde es definitiv nicht sein.
„Leah? Es wird Zeit."
Die Stimme Dumbledores ertönte und Leah schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete war sie bereit.
Sie schloss die Tür ihres Zimmers hinter sich und verließ mit Dumbledore das Haus.
Eine Sekunde zögerte Leah, dann blickte sie zu dem alten Mann mit der Halbmondbrille hoch. Kaum vorstellbar, dass er solch ein guter Zauberer sein sollte. Andererseits verstrahlten seine Augen eine Ruhe und Weisheit die unglaublich beruhigend war und ihr Sicherheit gab.
„Mr. Dumbledore, Professor? Was passiert jetzt mit mir? Wohin wollen sie mich bringen?"
Dumbledore nickte. „Ich kann mir vorstellen, dass dich das sehr beschäftigt und ich werde mir Mühe geben dir alle deine Fragen zu beantworten. Nur nicht jetzt. Es wird nicht mehr allzu lange dauern, bis die Todesser zurückkehren werden, um dich zu suchen. Zweifelsohne werden sie dich in die Obhut der Blacks übergeben wollen, daher wäre es unklug nicht sofort von hier zu verschwinden."
Leah verstand was er meinte. Ihr ganzes Leben hatte sie sich vor diesen Menschen verstecken müssen und nur weil diese nun einen Namen hatten und es geschafft hatten eines ihrer Ziele zu erreichen, hieß dass nicht das sie weniger gefährlich waren. Eher im Gegenteil. Nun da ihre Mum nicht mehr da war, um sie zu beschützen, fühlte Leah sich irgendwie hilflos.
„Ich gehe davon aus, du bist schon einmal seit-an-seit-appariert", fragte Dumbledore und riss Leah aus ihren Gedanken.
„Ja, Mum hat es ein paar Mal mit mir bei Notfällen gemacht."
„Gut, dann komm."
Dumbledore streckte seinen Arm aus und Leah ergriff ihn nach einem kurzen zögern.
„Du musst mir vertrauen", sagte er leise und Leah nickte unmerklich.
Es fiel ihr so schwer, aber irgendein Gefühl sagte ihr, dass Dumbledore sie nicht direkt zu ihren Feinden bringen würde, sondern ihr helfen wollte. Normalerweise hörte sie nicht auf ihr Bauchgefühl, es war einfach zu wage und ließ sich zu leicht täuschen, wenn man anfing seinen gegenüber zu mögen. Aber diesmal musste es reichen.
Gespannt schloss sie die Augen und umklammerte Dumbledores Arm noch ein wenig fester. Im nächsten Moment spürte sie das ziehen in ihrer Magengegend, doch eine Sekunde später war es schon wieder vorbei.
Neugierig öffnete sie ihre Augen und erblickte zum aller ersten Mal in ihrem Leben die berühmte Schule für Hexerei und Zauberei. Hogwarts. Leah blinzelte ein paar Mal, bis sie es wirklich glauben konnte. Dumbledore hatte sie beide direkt vor das riesige Tor, dass auf das Schlossgelände führte appariert. Von hier aus hatte man einen wundervollen Blick auf das Schloss und die Ländereien und Leah war tatsächlich sprachlos. Natürlich, ihre Mum hatte es ihr in allen Farben beschrieben, aber in echt sah es einfach nur unglaublich aus.
Dumbledore lächelte leicht, als er ihre großen Augen sah. Er kannte diese Sprachlosigkeit schließlich schon, denn jeder der das Schloss zum ersten Mal sah ging es so. Selbst ihm, der das Schloss nun schon seit etlichen Jahren bewohnte, konnte seinen Blick nie davon abwenden. Trotzdem wurde es Zeit.
Mit einem Schlenker seines Zauberstabes öffnete er das Tor und trat hindurch.
„Setz dich bitte Leah", sagte Dumbledore als sie sein Büro betraten.
Obwohl Leah nicht genug bekommen konnte sich andauernd umzublicken und neues zu entdecken, setzte sie sich gehorsam. Besonders interessierten sie die Bildern der Zauberer die sich leicht in ihren Rahmen bewegten, aber so taten als ob sie schliefen. Nur hin und wieder öffnete einer kurz ein Auge, schloss dann aber schnell wieder.
Doch das was sie am meisten faszinierte war der Vogel, der auf einer Stange hinter Dumbledores Schreibtisch saß und zu schlafen schien.
Dumbledore folgte ihrem Blick. „Dies ist Fawkes. Er ist ein-"
„Ein Phönix, richtig", unterbrach ihn Leah hingerissen. Entschuldigend blickte sie sofort zu dem Professor auf.
Er lächelte sie nachsichtig an und nickte. „Ja, er ist ein Phönix. Er ist erst heute Morgen wieder aus der Asche auferstanden und daher noch recht müde. Wir lassen ihn also lieber schlafen." Er schwieg eine Sekunde, dann fuhr er fort: „Ich denke, du hast viele Fragen an mich. Es wird am besten sein, wenn wir sofort damit anfangen, denn auch ich würde gern einiges von dir wissen. Um genauer zu sein würde ich dich gerne über eines deiner Elternteile ausfragen."
Leah blinzelte den Professor überrascht an. „Sir? Wir haben bereits über… über den…" Sie schluckte. Sie brachte es einfach nicht über die Lippen.
„Ich meine nicht den Tod deiner Mutter Leah", sagte Dumbledore behutsam. „Ich spreche von deinem Vater. Auch wenn es hart für dich ist und ich weiß, dass du jetzt eigentlich Zeit zum ausruhen bräuchtest, ich muss wissen was du weißt."
Leah wurde von Sekunde zu Sekunde verwirrter. Sie hatte doch gerade erst von ihrem Vater erfahren, was sollte sie Dumbledore da großartig erzählen?
„Leah, du musst mir sagen, wo dein Vater ist. Es ist unglaublich wichtig. Nicht nur für dich, sondern auch für den Rest der Zaubererschaft."
„Wir reden über Sirius Black, nicht", fragte Leah nach und eines der Portraits über Dumbledores Kopf regte sich.
Dumbledore nickte. Langsam schien er etwas ungeduldig zu werden.
Leah wusste noch immer nicht was Dumbledore eigentlich von ihr wissen wollte. Ihr Vater war doch im Gefängnis, oder etwa nicht? „Ehrlich, Sir. Ich weiß nichts. Erst in dem Brief meiner Mum, den sie mir vorhin gegeben haben, erfuhr ich zum ersten Mal seinen Namen. Sie schrieb mir, dass er sich unschuldig in Askaban aufhielte und dass es für mich gefährlich wäre sich bei ihm zu melden, sollte er noch da sein."
Dumbledore starrte einen Augenblick beunruhigt vor sich hin, doch als er bemerkte das Leah ihn beobachtete lächelte er sie rasch wieder an. Aber es war ein aufgesetztes Lächeln. Es erreichte nicht einmal seine Augen.
Was war, wenn Dumbledore sie nur beschützen wollte, so lange sie Informationen hatte, die er hören wollte? Vielleicht hatte er sie überhaupt nur deswegen geholt. Er suchte nach ihrem Vater… das bedeutete…
Leah blickte Dumbledore fest in die Augen. „Er ist nicht mehr in Askaban, richtig?" Sie sprang auf. „Es ist irgendetwas Schlimmes passiert, oder? Sie haben mich nur geholt, um Informationen zu bekommen!"
Dumbledore seufzte. „Immer mit der Ruhe, Leah. Es stimmt, dein Vater ist nicht mehr in Askaban und wir wissen auch nicht wo er sich zurzeit befindet. Das heißt aber nicht, dass etwas Schlimmes passiert ist. Und Leah, ich hätte dich immer von dort weg geholt. Du warst in Gefahr und ich habe deiner Mutter geschworen dich zu beschützen, wenn ihr etwas widerfährt. Bitte setz dich also wieder. Wir wollen Fawkes doch nicht aufwecken, oder?"
Leah blickte zu dem noch immer schlafenden Phönix, langsam setzte sie sich wieder. „Warum haben Sie gedacht, dass ich wüsste wo er steckt", wollte sie wissen.
Wenn ihr Vater nicht mehr in Askaban war, wo war er dann? Und war es gut oder schlecht, dass er von dort fort war? Natürlich gut, schließlich war Askaban schrecklich, aber auch irgendwie schlecht, denn nun wusste Leah nicht wo sie nach ihm suchen sollte. Sollte sie überhaupt nach ihm suchen? Eine kleine Stimme rief ziemlich laut NEIN in ihrem Kopf. Aber eine viel größere sagte JA! Schließlich war er ihr Vater. Der wahrscheinlich einzige Mensch in ihrer Familie der sie mochte oder der sie verstehen würde... der ihre Mutter gekannt hatte. Leah wollte zu ihm sprechen, sich wieder geborgen fühlen... einen Vater haben... 'und wenn er dich nicht will', sagte die kleine Stimme in ihrem Kopf und Leah schluckte. Sirius Black hatte vielleicht irgendwann vor über 15 Jahren einmal ihre Mutter geliebt, aber von ihrer Existenz hatte er nie erfahren...
Dumbledore riss sie wieder einmal aus ihren Gedanken. „Nun wir denken, das Sirius vielleicht-"
„SIRIUS", donnerte eine Stimme, die Leah erschreckt aufspringen ließ. „Sirius Black, Dumbledore? Redet ihr wirklich über meinen elenden-"
„Still Phineas", sagte Dumbledore bestimmt.
Leah blickte verwirrt umher. Die Stimme war doch eindeutig von der Wand gekommen. Von einem der Bilder um es genauer zu sein... Sie beobachtete die Gemälde an der Wand etwas genauer. Es waren ausschließlich alte Männer die ausgesprochen erhaben wirkten und es nun endlich aufgegeben hatten so zu tun als würden sie schlafen.
„Woher kennt das Gemälde meinen Vater", wagte Leah zu fragen und beging damit einen großen Fehler.
Dumbledore seufzte leicht, doch bevor er etwas sagen konnte ergriff wieder das Gemälde mit dem grimmigen Ausdruck das Wort.
„Sie ist es? Sie über die alle reden? SIE soll eine Black sein?" Phileas schien nicht sehr angetan von Leah zu sein und Leah hätte gerne gewusst wieso.
Im nächsten Augenblick erfuhr sie es.
„Die Tochter meines Ururenkels... Ich fasse es nicht... hier vor mir, wo doch alle seit Jahren nach ihr suchen! Ich muss sofort... entschuldige, Dumbledore." Mit diesen Worten verschwand das Bild aus seinem Rahmen.
