"Slytherin!"
Eine Sekunde erstarrte Leah.
Slytherin… es sollte also Slytherin sein…
Jemand nahm ihr den Hut vom Kopf und mit einem Mal nahm Leah wieder alle Geräusche um sich herum wahr. Sie hörte Dumbledores Schritte hinter sich, der den Hut zurück ins Regal legte und konnte das tippen eines Beines vernehmen.
Sie blickte auf und erkannte den blonden Mann, den Dumbledore Lucius genannt hatte, wieder.
Er wirkte nicht gerade erfreut und sah so aus als würde er die Minuten zählen, bis er wieder von hier verschwinden konnte. Allerdings nicht weil er sich vor Dumbledore fürchtete oder so, sondern eher weil er danach aussah, als ob er seine Zeit mit besseren Dingen verschwenden konnte.
Unwillkürlich fragte Leah sich was er hier tat.
"Nun, sie hätten sich wohl keine Gedanken machen müssen, Lucius." Das war Dumbledore, der sich jetzt wieder auf seinen Stuhl setzte.
Auch Leah setzte sich wieder. Professor Dumbledore saß nun auf der einen Seite des Schreibtisches, während Leah und Lucius auf der anderen saßen.
"Wie ich schon sagte, Lucius, der Hut wird alles richten." Dumbledore lächelte den grimmig blickenden Mann freundlich an. Allerdings wirkte er nicht ganz so freundlich wie zuvor. Irgendetwas an Lucius Anwesenheit hatte ihn aufgebracht und angespannt. Was war nur geschehen?
Dumbledore wandte sich an Leah. "Leah, darf ich dir Mr. Lucius Malfoy vorstellen? Er ist der Vorsitzende der zwölf Schulräte. Seine Frau ist außerdem die Cousine deines Vaters Sirius Black."
Leah erstarrte. Sie hatte nicht damit gerechnet sobald auf einen ihrer ‚Verwandten' zu treffen. Ob er auch ein... ein Todesser war? War er für den Tod ihrer Mutter verantwortlich?
Dumbledore blickte sie noch immer an. Anscheinend erwartete er irgendeine Art von Antwort von ihr.
Zögernd presste sie ein "Freut mich" heraus, erntete aber nur einen weiteren grimmigen Blick.
Lucius Malfoy wirkte plötzlich unglaublich überlegen- und war er vielleicht in den letzten Sekunden gewachsen? Sein schwarzer Umhang wirkte unfassbar elegant und reich. Er strahlte eine Autorität aus, die Leah auf einmal einschüchterte.
Am liebsten wäre sie aufgesprungen und hätte sich unter dem Schreibtisch versteckt oder wäre aus der Tür gerannt. Raus aus diesem Büro, raus aus Hogwarts, raus aus- ja aus was denn eigentlich? Wovor wollte sie fliehen? Wohin sollte sie gehen?
Mit einem Mal richtete Lucius Malfoy seinen Blick auf Leah und fixierte sie einige Sekunden lang.
Wie erstarrt saß Leah da, ohne eine Chance sich zu bewegen oder auch nur zu wagen Lucius Malfoy in die Augen zu blicken. Kein Wunder, dass der Hut sie nach Slytherin gesteckt hatte, mutig war sie wirklich nicht.
"Da sich meine Bedenken über die Wahl des Hutes nun zerschlagen haben, scheinst du vielleicht doch eine ehrwürdige Nachfahrin der Blacks werden zu können. Auch wenn man das von deinen Eltern nicht gerade behaupten kann." Er lachte kalt und in Leah zog sich alles zusammen.
"Ich verlange, dass du deinen Nachnamen offiziell in Black ändern lässt", fügte er hinzu und Leah starrte ihn ungläubig an.
Ihr Leben lang hatte sie denselben Namen, wie ihre Mutter getragen. Light. Sie mochte diesen Namen. Leah Light. Er klang toll. Er war auf sie abgestimmt und er schien das Gegenteil vom Namen ihres Vaters zu sein. Leah wollte nicht, dass jeder dem sie sich vorstellte, sofort wusste wer sie war bzw. wer ihre Familie war.
Sie hasste solche Vorurteile.
Trotzdem traute sie sich nicht etwas zu sagen.
Lucius flösste ihr Angst ein und sie wagte es nicht ihm zu widersprechen. Was wenn er tatsächlich ein Todesser war? Vielleicht hatte er sie bisher nur noch nicht umgebracht, weil Professor Dumbledore noch immer im Raum war.
Leah warf Dumbledore einen verzweifelten Blick zu, doch dieser lächelte nur traurig unter seiner Halbmondbrille hervor. "Es gibt da etwas, Leah, was ich dir noch nicht gesagt habe. Da deine Eltern tot sind -"
Leah blickte Dumbledore bestürzt an. Ihre Eltern? Tod? Hatte er nicht gesagt, ihr Vater würde nur vermisst werden? Leah verstand die Welt nicht mehr.
Aber dann warf sie einen genaueren Blick auf Professor Dumbledores Augen. Irgendetwas wollten sie ihr doch sagen oder? Sie wirkten nicht so, wie zuvor, als er mit ihr über ihre Eltern geredet hatte. Nicht so ernst... Mehr... mehr, wie jemand der log. Oder?
Im nächsten Augenblick war dieser seltsame Ausdruck in seinen Augen verschwunden und er sprach langsam und deutlich weiter. Hatte er vielleicht gelogen, um ihren Vater zu schützen? Sollte Lucius nicht erfahren, dass dieser nur verschwunden war und nicht tot?
"Da deine Eltern beide tot sind, Leah -" Dumbledore schien das ‚beide' unmerklich zu unterstreichen. "Und du noch nicht Volljährig bist, muss es jemanden geben der dein Vormund ist. Deine Mutter hat nie jemanden bestimmt und da ihre Familie ebenfalls tot ist, fällt die Vormundschaft in die Familie deines Vaters. Sirius Bruder und Eltern sind Tod, jedoch -"
Wieder legte Dumbledore eine kurze Pause ein.
Mit jedem seiner Wörter hatte sich Leahs Magen mehr und mehr zusammen gezogen.
"Jedoch seine Cousine Narzissa, die früher ebenfalls Black hieß, und ihr Mann Lucius, der ja hier vor uns sitzt, haben sich angeboten deine Vormundschaft zu übernehmen. Sie werden Hogwarts für dich finanzieren und dich in den Sommerferien aufnehmen. Für die nächsten zwei Jahre unterstehst du ihrer Obhut."
Dumbledore klang irgendwie gequält als er die letzten Worte aussprach. In seinen Augen erkannte sie Trauer und Hilflosigkeit, da selbst er dies anscheinend nicht ändern konnte.
Aber warum nicht? Sie wäre lieber in jedes Heim gegangen oder hätte auch alleine in der Schule übernachtet, bevor sie... bevor sie...
Langsam realisierte sie, was die Vormundschaft von... von diesen Leuten wirklich für sie bedeutete. Sie würde am Ende doch noch in die Fänge der Todesser gelangen. Die Blacks hatten sie am Ende doch noch gekriegt. Die bösen Zauberer, vor denen sie sich ihr Leben lang versteckt hatte...
War der Tod ihrer Mutter also ganz umsonst gewesen? Wäre es da nicht einfach gewesen sofort aufzugeben? Dann hätte ihre Mutter vielleicht nicht sterben müssen...
Am liebsten hätte Leah angefangen zu weinen, so verzweifelt war sie. Doch auch wenn sie immer recht ängstlich war, diese Blöße würde sie sich nicht geben. Nicht vor diesem... diesem Todesser!
Ein ängstliches Zittern durchfuhr Leah wieder. Was wenn er nicht zufrieden mit ihr war? Wenn er sich doch noch um entschied und befand, dass Leah keine gute Black abgab und dass es doch besser wäre sie zu töten?
Leah atmete tief ein und sagte dann leise: "Nein."
Dumbledore und Lucius Malfoy starrten sie beide gleichermaßen verständnislos an.
"Wie bitte, Leah", fragte Dumbledore. Seine Stimme sagte Leah, dass es gar keine Gute Idee wäre weiteren Widerspruch zu leisten, doch sie konnte nicht anders.
Ein Leben lang hatte sie sich verstecken müssen. Verstecken vor eben jenen Menschen, die jetzt ihre Familie werden wollten, sie beeinflussen wollten, ihr sagen wollten, was sie zu tun und zu lassen hatte. Zurzeit wünschte sich Leah nichts lieber als ihre Mutter zurück zu haben. Wenn ihre Mutter noch leben würde, wäre es ihr auch egal, ob sie zaubern könnte oder nicht. Sie würde sie garantiert nie wieder bedrängen ihr mehr beizubringen oder noch mehr zu erzählen. Am liebsten wäre es ihr jetzt, wenn sie überhaupt nie von dieser Zaubererwelt erfahren hätte.
Lauter wiederholte sie: "Nein." Mehr traute sie sich nicht zu sagen, denn der Blick, den Malfoy ihr diesmal zuwarf, brachte sie abermals zum schaudern.
