Lucius Malfoy warf Leah einen eisigen Blick zu und musterte sie herablassend. Sie konnte seine Augen förmlich spüren, die über ihre alte Muggelkleidung, ihren zierlichen Körper und ihre braunen Augen glitten. Halt machten sie erst, als sie bei ihrem Pechschwarzen Haar angekommen waren. Ihre Mutter war von Natur aus blond gewesen. Ob Leah ihre Haare von ihrem Vater geerbt hatte? Musterte Lucius sie deswegen so streng? Erkannte er in ihr ihren Vater?
Es war ihr als würde sie unter seinem prüfenden Blick immer mehr zusammen schrumpfen. Nervös drückte sie sich tiefer in ihren Stuhl hinein. Wieso konnte er sie nicht einfach in Ruhe lassen? Warum musterte er sie nur so lange?
Wie hatte sie nur wagen können diesen kalten Blicken zu widersprechen? In diesem Moment brachte sie nicht mehr einen einzigen Buchstaben über die Lippen, geschweige denn ein ganzes ‚Nein'.
Dumbledore hatte sie gewarnt, oder nicht? Er hatte es für besser gehalten, sie diesem Zauberer zu überlassen… für sicherer… vielleicht war er ja doch nicht auf ihrer Seite? Er hatte seine Informationen über ihren Vater nicht bekommen. Sie hatte nichts Wichtiges zu sagen gehabt, also lieferte er sie an die Gegenseite aus…
‚Aber', flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. ‚Aber er hat ihn nicht verraten. Er hat Lucius nicht gesagt, dass dein Vater noch lebt.' Und wenn er doch tot war und Dumbledore sie hatte reinlegen wollen? Sie über den Verbleib ihres Vaters belogen hatte? Aber was für einen Vorteil hätte ihm das verschafft?
Leah zupfte an einem ihrer schwarzen Zöpfe. Wie sehr wünschte sie sich in diesem Moment den Hut zurück. Die Hausentscheidung kam ihr jetzt so unglaublich banal vor. Abgesehen davon, dass sie ausgerechnet in dem Haus gelandet war, in dem Lucius sie hatte haben wollen.
Warum war ihr Leben nur schon wieder so schrecklich kompliziert? Leah wusste weder was noch wem sie glauben sollte. Hatten die Malfoys und die Blacks ihre Mutter getötet? War ihr Vater tot oder am Leben? Wenn er am Leben war, warum versteckte er sich dann? Und wo versteckte er sich?
Nicht zum ersten Mal in ihrem Leben, wünschte sie Leah antworten zu bekommen. Antworten auf all ihre Fragen. Jene die sie schon so oft gestellt hatte, aber auch jene die in den letzten Stunden neu hinzugekommen waren. Aber sie wusste, dass sie die jetzt garantiert nicht bekommen würde.
Sie musste irgendwie herausfinden, wem sie trauen konnte. Konnte sie überhaupt einem der beiden Zauberer vor ihr trauen? Was wenn beide sie herein legen wollten? Nach dem Motto, guter Bulle, böser Bulle, wie sie es so oft im Fernsehen gesehen hatte. Hatte ihre Mutter nicht immer gesagt, Zauberern darfst du nicht trauen? Hatte Mum nicht deswegen versucht sie vor ihnen zu beschützen? Hatte sie Leah nicht aus genau diesem Grunde nicht nach Hogwarts geschickt?
Leah richtete sich etwas auf und spürte auf einmal wieder das Stechen des Umschlages in ihrer Jackentasche. Der Brief! Ihre Mum hatte gesagt, sie könnte Dumbledore trauen! Und Dumbledore wollte sie anscheinend zu den Malfoys schicken. Oder hatte er nur keine andere Wahl? Seine gequälte Stimmlage viel Leah wieder ein und auch seine Augen… Was wenn Leah selbst eine Lösung für das Dilemma fand?
„Leah?" Die barsche Stimme Lucius Malfoys unterbrach Leahs Gedankenfluss. Ohne, dass sie es mitbekommen hatte, war er mittlerweile aufgestanden und wartete nun an der Tür auf irgendetwas.
Verdammt, nur noch ein paar Sekunden, dann hätte Leah sicher eine Lösung gefunden… sie brauchte nur mehr Zeit…
„Wir gehen!" Er tat so, als hätte sie nie Einwände gegeben. Als hätte sie nie diesen ‚Nein' ausgesprochen.
Aber sie wusste, dass sie es getan hatte. Sie hatte es sogar zweimal gesagt.
Zeit… zeit… woher sollte sie die jetzt nehmen? Lucius Malfoy war bereit zu gehen- und er würde sie mitnehmen. Ganz außer Frage. Er war nicht nur größer und stärker als sie, auch konnte sie die Abdrücke seines in der Umhangtasche steckenden Zauberstabes sehen.
Mit einem verzweifelten Blick wandte Leah sich an Dumbledore. Er konnte sie doch nicht einfach mit diesem Todesser (Leah war sich sicher, dass er einer sein musste) mitgehen lassen!
Aber Dumbledore sah sie nicht an. seine Augen huschten die ganze Zeit von einer Ecke des Raumes zur anderen. Wollte er ihr damit etwa… Leah folgte seinen Augen.
Als sie ihren Blick über den schlafenden Fawkes, die Gemälde die sie nun alle ausgesprochen interessiert anstarrten und Dumbledores Schreibtisch schweifen ließ, viel ihr Blick auf das Regal. Das Regal auf dem der sprechende Hut lag. Aber nicht nur der Hut lag auf dem Regal. Da waren auch noch Bücher. Viele Bücher. Bücher, die Leah schon einmal gesehen hatte- und auch gelesen hatte.
Leah liebte Bücher über alles. Genau wie ihre Mum. Bücher waren heilig. Ihre Mutter hätte niemals ein Buch weg geschmissen. Auch wenn sie die Bücher, die sie nicht mochte, versteckt hatte, Leah hatte sie immer gefunden. So auch dieses eine, auf das Leahs Blick sich jetzt gerade fixierte.
Es war ziemlich groß und schwer und hatte einen dunkel braunen Ledereinband. Aus ihren Erinnerungen wusste Leah, dass auf der Vorderseite in goldenen Lettern ‚Schutz für Minderjährige Zauberer' stand. Auch wusste sie ziemlich genau was darin stand.
Stolpernd erhob sie sich.
Lucius Malfoy, der wohl dachte, dass sie ihm folgen würde, machte sich auf den Weg die Steintreppe hinunter. Leah hatte das Buch schon erreicht, bevor er überhaupt gemerkt hatte, dass sie nicht mitgekommen war.
Dumbledore beobachtete Leah mit einem verwirrten Blick, aber als sie das schwere Buch heraus nahm und auf seinem Schreibtisch aufschlug, lächelte er kurz. Er wusste ebenfalls was in diesem Buch drin stand und anscheinend schien ihm Leahs Plan zu gefallen.
Lucius betrat wieder das Büro. „Leah Black! Ich sagte wir gehen! Fräulein, ich weiß, deine Mutter hat dich total verzogen, aber das wird sich jetzt ändern!" Seine Stimme war eiskalt und Leah wagte nicht ihn anzusehen.
Stattdessen blätterte sie immer in dem schneller durch das Buch zu der Stelle die sie suchte. Sie wusste zwar nicht in weit sie ihr helfen würde, aber sie konnte nur hoffen, wenigstens Lucius würde sie dadurch loswerden.
Lucius trat hinter sie und griff mit seinen kalten Fingern nach ihrem Arm. Leah zuckte zusammen als sich seine Finger fest um ihren Oberarm schlossen.
Dumbledore räusperte sich. „Lucius, du solltest dir das ansehen", sagte er und deutete auf das Buch.
Lucius ließ Leah unwillig los und diese trat schnell einige Schritte zurück.
Er blickte auf das Kapitel, dass Leah aufgeschlagen hatte.
Vormundschaft von Waisenkindern
Das Gesetz zum Schutz für Minderjährige Zauberer sieht vor, dass, sollten diese ihre Eltern verlieren, ein Vormund bis zu ihrer Volljährigkeit bestimmt werden muss.
In erster Linie geht dieses Recht an die von den Eltern bestimmten Paten. Sind keine Paten im Familienbuch vermerkt oder im Testament angegeben, werden die Familien der Eltern zu rate gezogen.
Zuerst die Verwandten ersten Grades, die Großeltern auf beiden Seiten, dann die zweiten Grades, die Geschwister auf beiden Seiten, weiter folgt der dritte Verwandtschaftsgrad, Onkel und Tanten der Eltern auf beiden Seiten und der vierte Verwandtschaftsgrad Cousinen oder Vettern der Eltern auf beiden Seiten.
Können sich die Familien des Vaters und der Mutter nicht einigen wer das Kind aufnehmen soll, entscheidet das Kind, sollte es älter als elf Jahre sein.
Bei einem Kind über neun Jahren muss dieses zu mindest nach seinen Wünschen gefragt werden.
Bei jüngeren Kindern, sollte das Amt für den Schutz Minderjähriger Zauberer eingeschaltet werden. Trotzdem sollte daran gedacht werden im Sinne des Kindes zu handeln.
„Ich bin älter als elf", flüstere Leah. Noch immer hatte sie Angst wieder den kalten, gefühllosen Augen, Malfoys zu begegnen. „Ich… ich darf selbst ent-" Die Worte blieben ihr im Halse stecken, denn sie spürte seinen Blick auf ihr ruhen.
Zum Glück half ihr Professor Dumbledore nun endlich zum ersten Mal seit Lucius gekommen war. „Sie darf selbst entscheiden, Lucius. Das Gesetzt sagt es."
Lucius Malfoy lachte auf. „Das Gesetz! Wo soll sie denn hin? Sie wissen ganz genau, dass sie keine andere Familie mehr hat, Dumbledore."
In Leahs Augen brannten die Tränen, doch sie versuchte sie hinunter zu schlucken. Lucius hatte ganz Recht, sie hatte keine Familie mehr. Niemand der sich um sie kümmern wollte. Niemand der sie liebte. Am liebsten hätte sie sich irgendwo verkrochen und wäre nie wieder aus ihrem Versteck heraus gekommen.
Dumbledores Stimme ließ sie aufhorchen. „Das ist nicht wahr, Lucius. Sirius hatte noch mehr Cousinen als Narzissa."
Leah starrte Dumbledore an. Sie sah ihm direkt in die Augen und wusste, dass er Recht hatte.
Krampfhaft versuchte sie sich an den Stammbaum der Blacks zu erinnern. Wer war da noch neben Sirius gewesen? Sein Bruder, ihr Onkel, Regulus Black. Aber der war Tod hatte Dumbledore gesagt. Und er hatte auch Cousinen gesagt… Bildlich stellte sie sich den Stammbaum vor, ging die Reihen durch. Endlich einmal half ihr das fast Photographische Gedächtnis, dass sie von ihrer Mutter geerbt hatte.
Malfoy lachte wieder, diesmal noch frostiger. „Bellatrix etwa? Bellatrix hasst Kinder. Sie würde das Mädchen niemals aufnehmen!" Er sprach die Bezeichnung ‚Mädchen' besonders verabscheuungswürdig aus und wieder einmal zog es sich in Leah zusammen.
„Ich meine nicht Bellatrix, Lucius. Ich meine Nymphadora." Dumbledore lächelte Lucius fast freundlich an. Anscheinend hatte auch er endlich eine Lösung gefunden, die ihm zu gefallen schien.
Nymphadora… Das musste eine entferntere Cousine sein… War das vielleicht… ja, die Cousine von der der Hut gesprochen hatte. Die die mit ihrem Vater in Gryffindor gewesen war.
Erleichtert lächelte Leah auf und traute sich endlich zu Lucius hoch zu blicken.
Wütend starrte Lucius erst Dumbledore und dann Leah an. „Das wird niemals funktionieren, Dumbledore. Nymphadora Tonks und ein Kind?! Sie ist doch selbst noch ein halbes Kind. Aber mir soll es Recht sein. Ein Fehler von dieser Blutsverräterin und das Ministerium wird es wissen. Dann hat sie keine andere Wahl mehr. Außerdem", er lachte noch einmal, diesmal klang es fast grausam, „was glaubst du, wie lange du und deine Anhänger sie verstecken könnt? Der Lord ist interessiert an allen Reinblütigen Familien und er hat die Blacks nicht vergessen."
Mit diesen Worten rauschte Lucius Malfoy davon.
