Wenige Augenblicke später vernahmen Leah und Professor Dumbledore ein lautes Türenschlagen. Unmerklich atmete Leah beruhigt aus. Allein die Anwesenheit von Lucius Malfoy hatte sie fast wahnsinnig vor Angst gemacht, aber die Vorstellung, er könnte sie mitnehmen, ihr Vormund werden…

„Professor, was hat Mr. Malfoy damit", begann sie, doch Dumbledore hielt einen Finger vor die Lippen und bedeutete Leah somit zu schweigen.

Dumbledore trat ans Fenster und Leah folgte ihm. Einige Sekunden war nichts zu sehen und Leah fragte sich, warum sie hatte still sein sollen, aber dann sah sie Lucius Malfoy mit raschem Schritt aus dem Schlosstor treten und über die Ländereien hasten. Kaum hatte er die Ländereien durch das große Tor verlassen disapparierte er auch schon.

Leah wandte sich wieder Professor Dumbledore zu und sah ihn fragend an.

„Entschuldige Leah, du musst nur wissen, Lucius Malfoy hat seine Ohren überall." Mit einem verärgerten Blick deutete er auf das Gemälde von Phineas der daraufhin Schultern zuckend verschwand.

„Sir? Was meinte Mr. Malfoy mit dem was er gesagt hat? Ist er ein Todesser? Und was ist wirklich mit meinem Vater? Er ist doch gar nicht tot oder? Und wer ist Nymphadora? Ist sie die Cousine die auch Gryffindor besucht hat? Warum hat mich der Hut nach Slytherin gesteckt? Heißt das, dass ich genauso bin, wie diese Todesser", sprudelte es aus Leah heraus. Seitdem Malfoy verschwunden war hatte sie irgendwie ihre innere Ruhe mehr oder minder wieder erlangt. Zu mindest traute sie sich jetzt wieder zu sprechen, ohne darauf zu achten nicht irgendetwas Falsches zu sagen.

„Das sind viele Fragen, Leah. Ich kann dir leider nicht alle davon beantworten und es tut mir sehr Leid, dass ich dir gerade auch nicht helfen konnte. Leider untersagt mir das Zauberergesetz in Familien Zwistigkeiten einzugreifen, besonders wenn es um so wichtige Familien, wie die Blacks und die Malfoys geht."

Dumbledore verdrehte leicht die Augen und brachte Leah damit zum lächeln.

„Der Zaubereiminister will mir einfach nicht glauben, dass alle Familien gleich wichtig sind. Nun, aber das tut hier wohl nichts zur Sache, richtig?"

Er wartete auf ihr Nicken, dann fuhr er fort: „Wie du wohl eben mitbekommen hast, ist Lucius Malfoy nicht eben der angenehmste Zeitgenosse. Ehrlich gesagt, sollte man sich nicht mit ihm anlegen, Leah! Er hat einen starken Einfluss in der Zauberergesellschaft, besonders unter der Gruppe, die wir die Todesser nennen. Also sei vorsichtig, wenn du ihm über den Weg läufst."

Wieder wartete Dumbledore auf ihr Nicken, bevor er hinzufügte: „Das ist auch einer der Gründe, warum ich es für besser erachte ihn so weit es möglich ist, nichts von dem Verschwinden deines Vaters mitbekommen zu lassen. Die Todesser denken nämlich er ist tot, was uns zu mindest die Gewissheit gibt, dass sie ihn nicht entführt haben." Er lächelte Leah aufmunternd zu. „Wie ich Sirius kenne, wird er früher oder später wieder auftauchen."

„Aber wie ist er überhaupt verschwunden? Wenn die Todesser doch denken, dass er Tod ist…" Noch immer verstand Leah die komplizierten Zusammenhänge nicht. Wenn Malfoy doch ein Todesser war, warum verhaftete man ihn nicht einfach und schickte ihn nach Askaban, anstatt gute Miene zum Bösen Spiel zu machen und ihn auch frei herum laufen zu lassen?

„Es ist etwas schwierig zu erklären und manches von dem was sich zugetragen hat, kann ich dir leider nicht erzählen, da dies nicht für deine Ohren bestimmt ist. Aber soweit nur soviel: es gibt einen Orden, der sich dem Widerstand gegen Lord Voldemort und den Todessern verschrieben hat. Dein Vater gehört ihm an, sowie auch ich und einige andere Lehrer, Auroren und sehr gute Zauberer und Hexen. Da dein Vater allerdings vor etwa zwei Jahren aus Askaban geflohen ist, lebt er auf der Flucht und muss sich also nicht nur vor den Todessern, sondern auch vor dem Zaubereiministerium verstecken." Dumbledore machte eine kurze Pause.

Leah versuchte derweil diese neuen Informationen zu verarbeiten. Ihr Vater war geflohen? Er war schon seit über zwei Jahren aus Askaban fort? Warum hatte er nie nach ihrer Mutter und ihr gesucht? Okay, er wusste nichts von ihr, aber was war mit ihrer Mutter? Liebte er sie nicht mehr? Warum war er überhaupt aus Askaban geflohen?

Es war Leah, als würden all diese Antworten nur noch viel mehr Fragen hervorrufen…

„Sirius ist leider nicht unbedingt der Mensch der gut Still herum sitzen kann, während er mit ansehen muss, dass die die er liebt im Kampf sterben. Bei einem Kampf von Lord Voldemort und Sirius Schützling Harry Potter vor zwei Monaten, konnte er es nicht mehr aushalten. Er eilte Harry zu Hilfe, wie auch einige andere aus dem Orden. Bei diesem Kampf schaffte deine Tante Bellatrix es nun Sirius Kampfunfähig zu machen. Die Todesser dachten in dem Chaos jedoch, dass er Tod sei und verschwanden schließlich mit ihrem Lord. Sirius verschwand allerdings einige Zeit danach auch. Zuletzt wurde er von deiner Tante Nymphadora auf der Krankenstation im St. Mungo gesehen. Nachdem die Heiler ihn jedoch offiziell entlassen hatten, war er nirgendwo mehr aufzufinden. Natürlich ist es auch zu gefährlich für uns, richtig nach ihm zu suchen, schließlich würde, dass nur die Aufmerksamkeit der Todesser auf ihn richten, aber wir dachten, er hätte sich vielleicht bei dir und deiner Mutter gemeldet."

Jetzt verstand Leah, warum Dumbledore so erpicht darauf gewesen war zu erfahren war sie über ihren Vater wusste. Dann fiel ihr jedoch wieder etwas ein.

„Aber wusste er… ich meine wusste mein Vater, dass es… dass es mich gibt? Weiß er, dass er…"

„Das er eine Tochter hat?"

Leah nickte. Sie hatte sich diese Frage schon die ganze Zeit gestellt. Schon seit dem Brief ihrer Mutter überlegte sie, ob ihr Vater es nicht vielleicht doch irgendwie herausgefunden hatte, dass seine Freundin schwanger gewesen war.

Dumbledore sah Leah fest in die Augen. „Nein, Leah. Er weiß es nicht. Es hat uns auch so schon all unsere Überredungskünste gekostet ihm das Versprechen abzunehmen sich nicht vom Hauptquartier zu entfernen. Hätte er von dir gewusst…" Dumbledore schüttelte den Kopf. „Hätte er von dir gewusst, hätte ihn nichts mehr aufhalten können. Glaub mir, Leah, dein Vater, Sirius Black, ist ein Verantwortungsvoller und liebevoller Mensch. Zwar temperamentvoll und auch manchmal etwas unbedacht in seinen Taten, aber wenn er wüsste, dass er ein Kind hätte, ein Kind dass ihn braucht, würde er jederzeit sein Leben dafür aufs Spiel setzen, diesem zu helfen."

Leah nickte benommen. Ob Dumbledore Recht hatte? Sie wünschte, sie wüsste es. Sie wünschte, sie würde ihren Vater kennen. So wie Dumbledore ihn kannte. So wie ihn ihre Mutter gekannt hatte. So wie selbst Harry Potter ihn zu kennen schien.

Trotzdem würde sie ein anderes Mal darüber nachdenken müssen. Zurzeit gab es noch viel wichtigere Dinge zu klären.

„Was passiert jetzt mit mir? Meinen Sie Nymphadora wird mich wirklich aufnehmen, Sir? Mr. Malfoy sagte sie wäre noch ein halbes Kind und-"

„Mach dir darum keine Sorgen. Nymphadora Tonks würde nie jemandem ihre Hilfe verweigern. Auch sie gehört zum Orden, also wird auch dein Schutz gewährleistet sein. Aber wir müssen noch über etwas sehr viel wichtigeres sprechen." Er zwinkerte ihr zu. „Deine Schulbildung!"

Leah hob die Augenbrauen an. Wie konnte Dumbledore nur in einem Moment wie diesem, nach dem so viel geschehen war, an ihre Schulbildung denken? Aber irgendetwas sagte ihr, dass es besser wäre, sich mit alltäglichen Dingen zu beschäftigen, als sich immer nur über Leid und Elend Gedanken zu machen.

„Was ist denn mit meiner Schulbildung", fragte sie also interessiert. Schließlich war sie noch nie auf eine Schule gegangen. Sie hatte keine Ahnung wie es da ablief.

„Du bist zwar 15 und müsstest somit eigentlich in die 5. Klasse, aber das wird schwer möglich sein, da dir einige wichtige Grundkenntnisse fehlen", erläuterte Dumbledore.

Leah horchte auf. Er wollte sie doch wohl nicht etwa zu den Erstklässler stecken, oder? Das wäre mehr als peinlich.

„Natürlich, kannst du auch nicht in die erste Klasse gehen, dass würde zu viel Aufsehens, um dich machen. Außerdem weiß ich, dass deine Mutter selbst dir einige Sachen beigebracht hat. Ich denke, es wäre das Beste, wenn du nach den Ferien in die vierte Klasse kommen würdest. Dann musst du nicht sofort die ZAG Prüfungen mitschreiben, sondern hast noch ein Jahr Zeit. Bis zum Schulbeginn wirst du allerdings fleißig üben müssen, um das alles aufzuholen. Außerdem solltest du dir überlegen, ob es gut für dich ist, jedem deine Vergangenheit zu erzählen. Natürlich werden die Slytherins deren Eltern Todesser sind, wissen wer du bist, aber es wird um einiges einfacher für dich werden, wenn du es trotzdem nicht allen erzählst."

Dumbledore lächelte Leah aufmunternd zu. „Und mach nicht so ein Gesicht. Nicht alle Hexen und Zauberer, die in Slytherin waren, wurden böse. Die meisten Schüler dort sind nur viel zu beeinflusst von ihren Eltern, die reines Blut als unglaublich wichtig erachten. Sie würden sich nie trauen, ihren Eltern gestehen zu müssen, dass sie in ein anderes Haus außer Slytherin gekommen sind. Aber deswegen sind sie nicht gleich schlecht. Ich hoffe du verstehst, was ich meine?"

Leah nickte zweifelnd. Dumbledore war schließlich der Schulleiter. Er konnte ja nichts Schlechtes über seine Schüler sagen.

„Nun denn, es ist schon spät. Wir sollten uns auf den Weg zu Nymphadora machen, damit du endlich zur Ruhe kommst."

Benommen dachte Leah an den Morgen, als sie bemerkt hatte, dass sie von nun an vollkommen auf sich gestellt sein würde. Sie dachte auch an den Mittag, als Dumbledore plötzlich mit dem Brief aufgetaucht war, nachdem sie Stunden weinend bei ihrer toten Mutter gekniet hatte.

Heute Nacht würde es Leah sicher schwer fallen zu schlafen. Zu viel hatte sie heute erlebt. Zu viel war geschehen. Zu viel hatte sie erfahren.

Und so wenig wusste sie eigentlich…