Unruhig warf Leah sich hin und her. Sie weigerte sich ihre Augen aufzuschlagen- sie war viel zu müde.
So schlecht, wie in dieser Nacht, hatte sie noch nie geschlafen. Das Bett war viel zu weich, viel weicher als ihr eigenes und- MOMENT MAL!
Mit einem überraschten plumpsen landete Leah auf dem Fußboden und blickte wild umher. Wo war sie? Das hier war weder ihr Bett, noch ihr Zimmer! Hatte sie diesen Raum überhaupt jemals zuvor gesehen?
Denk nach, Leah. Was ist gestern passiert?
Mit einem Mal dämmerte Leah wieder alles.
Die Geschichte mit Dumbledore. Und Lucius Malfoy. Und… und ihren Eltern.
Ihre Mum war tot. T. O. D. Tod. Ganz einfach Tod. Einfach so… eigentlich nicht einfach so. Sie war ermordet worden. Ermordet von der Familie ihres Vaters. Wenn sie nur daran dachte…
Entschlossen schob Leah diesen Gedanken fort. Sie wollte nicht schon wieder anfangen über alles was passiert war nach zu denken. Es reichte ja schon, dass es überhaupt passiert war. Sie wollte nicht wieder von vorn beginnen. Sich wieder fragen, wer schuld war. Ob sie Schuld hatte. Ob ihre Geburt nicht das Leben ihrer Mutter zerstört hatte.
‚Du wirst verdammt noch mal nicht schon wieder anfangen zu heulen', schalt sie sich selbst. ‚Gestern warst du schon Angsthase genug, dass hört jetzt auf!'
„Leah?" Eine leise, freundliche Stimme klang an Leahs Ohr. Richtig. Tonks. Nymphadora Tonks. Ihr neuer Vormund.
Noch gestern Abend hatte Dumbledore der überraschten, jungen Hexe die Papiere für die Vormundschaft überreicht und sie hatte sie ohne zu zögern unterschrieben. Was Leah ausgesprochen glücklich gemacht hatte.
Endlich wusste sie, dass jemand da war. Jemand der sie ohne zu Fragen aufnahm. Jemand der sich um sie kümmern würde.
„Bist du wach?" Allem Anschein nach schien Tonks respektvoll vor der Tür zu warten.
Leah fuhr sich kurz durch ihr verwurschteltes, dunkles Haar, dann machte sie die Tür auf.
„Bist du aus dem Bett gefallen", fragte Tonks und deutete mit einem leichten grinsen auf Leahs Bettzeug, dass auf dem Boden verteilt lag.
Auch Leah musste grinsen. Es war so schön. So schön mit jemandem lachen zu können.
„Möchtest du frühstück", schlug Tonks vor und Leah nickte begeistert. Sie hatte seit gestern Morgen nichts mehr gegessen, Frühstück war also eine wundervolle Idee.
Nach dem Leah und Tonks ausgiebig gefrühstückt hatten, zeigte Tonks Leah ihre kleine Dreizimmerwohnung die sie bewohnte.
Sie lag im Herzen Londons, in der Nähe des Zaubereiministeriums und war wirklich süß. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund (zu mindest verstand Leah ihn nicht) schien Tonks total auf Pink zu stehen. Wohnzimmer, Schlafzimmer und ihr Büro, das nun zu Leahs Zimmer umfunktioniert wurde, waren größtenteils in Pink gehalten. Auch fiel Leah auf, das Tonks, als Metamorphhexe pink bei ihren Haaren am meisten bevorzugte.
Leah gefiel es sehr bei Tonks. Diese war immer lustig und öfter auch sehr tollpatschig, aber das machte Leah nichts. Trotzdem fragte Leah sich, warum Tonks sie ohne wenn und aber aufgenommen hatte.
Sie selbst hätte das nie getan. Einen fremden Menschen einfach so Einlass in ihre Wohnung zu lassen und dazu auch noch die Verantwortung für diesen zu übernehmen…
„Warum hast du mich aufgenommen, Tonks? Du weist, du hättest das nicht tun müssen", sagte Leah nach dem sie den ganzen Nachmittag darüber nach gegrübelt hatte, was für Beweggründe Tonks wohl gehabt hatte.
Tonks blickte überrascht von den Zetteln, die überall im Wohnzimmer auf dem Boden verstreut lagen, auf. „Warum", hakte sie nach.
Leah nickte zögernd. Vielleicht wollte sie die Antwort ja auch gar nicht wissen. Bisher hatten sie die Antworten, die sie in den letzten zwei Tagen bekommen hatte, in nur noch mehr Fragen gestürzt.
„Einen Moment", sagte Tonks und stand auf. Wie eine Katze umrundete sie gekonnte ihre Papierberge ohne etwas zu berühren. Vor sich hin murmelnd begann sie ein Regalbrett nach dem anderen zu durchsuchen. Nach fünf Minuten hatte sie es anscheinend gefunden, denn sie kehrte mir einem Fotoalbum zu Leah zurück.
Im Schneidersitz setzte sie sich vor Leah und schlug das Buch auf, dann hielt sie es Leah hin.
„Hier, sieh."
Und Leah sah. Sie konnte gar nicht genug davon bekommen was sie da alles sah. Das Buch war tatsächlich ein Fotoalbum und es enthielt ausschließlich Fotos auf denen ein junger Mann mit unordentlichem, kurzem, schwarzem Haar, braunen Augen und einem fast spitzbübischen grinsen auf den Lippen abgebildet war.
Auf manchen plapperte er mit den Leuten, die neben ihm standen, auf anderen winkte er Leah fröhlich zu.
Ein Bild stach Leah besonders ins Auge. Wieder war es der Mann, doch diesmal hielt er jemanden im Arm. Eine Frau. Und Leah kannte diese Frau.
„Das ist Mum", flüsterte sie fassungslos. Sie konnte sich nicht mehr von diesem Bild abwenden. Immer wieder studierte sie es und die Gesichtszüge der beiden Menschen, die überaus glücklich miteinander zu sein schienen.
„Ist das… ist das… das ist mein Dad", hauchte Leah. „Und meine Mum. Meine Eltern."
Tonks lächelte. „Du kannst es haben. Ich schenke es dir gerne."
„Danke", flüsterte Leah, immer noch nicht im Stande ihre Augen von dem Foto abzuwenden. Das war also ihr Vater. Ihr Dad. Sirius Black. Er sah gut aus. Lustig irgendwie, als hätte er Humor und wäre für jeden Spaß zu haben.
Leah blätterte etwas weiter und fand noch ein paar Bilder von ihren Eltern. Hin und wieder fand sie auch Fotos von Sirius und einem kleinen Baby, welches er glücklich und stolz anstrahlte. Aber sie wusste, dass das nie im Leben sie selbst sein konnte. Schließlich war ihr Vater noch vor ihrer Geburt in Askaban gelandet, oder nicht?
„Das ist Harry. Harry Potter. Sirius Patenkind", sagte Tonks. „Und das da", sie deutete auf ein glückliches strahlendes Ehepaar vor dem Traualtar, „Das sind Harrys Eltern. Lily und James Potter. Sie waren die besten Freunde von Sirius."
Dann deutete sie auf ein weiteres Bild. Es schien ebenfalls am Hochzeitstag der Potters aufgenommen worden zu sein, denn die Anwesenden Männer trugen allesamt Frack.
„Das da, der Mann neben James und Sirius, das ist Remus Lupin." Irgendetwas veränderte sich in Tonks Stimmlage als sie Lupins Namen erwähnte, aber Leah war viel zu fasziniert von den Fotos, um irgendetwas zu bemerken.
„Er gehörte ebenfalls zu den besten Freunden von James und Lily. Und von Sirius natürlich."
Leah deutete auf die vierte Gestalt auf dem Foto. „Und wer ist das?"
Es war ein kleiner, rundlicher Mann, der irgendwie im Schatten der anderen stehen zu schien.
Tonks seufzte schwer. „Das ist Peter Pettigrew. Früher einmal war er der beste Freund von James, Sirius und Remus. Sie sind alle zusammen zur Schule gegangen. Lily und deine Mum auch. Aber Peter hat sich zur bösen Seite gewandt. Er verriet James und Lily an du-weißt-schon-wen und ließ es so aussehen, als wäre Sirius Schuld daran gewesen. Nach James und Lilys Tod durch du-weißt-schon-wen, täuschte Peter auch noch seinen eigenen Tod vor, um Sirius einen Mord anzuhängen."
Leah ging ein Licht auf. „Deswegen war Dad also in Askaban", murmelte sie. Wie gemein. Ein Freund der gar kein echter Freund war und der seine besten Freunde verriet und ermorden ließ.
„Warum hat er das getan", fragte Leah, dabei wusste sie, dass auch Tonks ihr das nicht würde beantworten können. Aber dafür viel ihr wieder ein, dass Tonks ihr noch immer nicht ihre Frage beantwortet hatte.
„Warum hast du mich denn jetzt aufgenommen?"
Tonks lächelte und irgendwie wirkte es etwas traurig. „Du siehst ihm ziemlich ähnlich, weißt du? Ehrlich gesagt, hab ich Sirius nicht lange gekannt. Fast mein halbes Leben hat er in Askaban verbracht- und als er wieder raus kam… er hatte sich verändert, irgendwie."
Tonks schwieg kurz, dann sagte sie: „Ich vermisse ihn schrecklich. Er und ich- wir waren immer wie Aussätzige in der Familie. Wir beide, die Einzelkämpfer. Immer rebellisch und mit einem Hass gegen jeden dunklen Zauberer. Er hat eine Art… Sirius brachte mich immer wieder zum lachen, besonders in der Zeit als ich begann gegen meine Familie zu rebellieren. Er verstand mich. Er versuchte mir so gut es ging zu helfen. Ich konnte ihm nicht helfen, als er nach Askaban kam, aber dir… dir kann ich helfen, Leah. Ich weiß, dass Sirius dasselbe für mein Kind tun würde, wenn ich eines hätte. Außerdem", sie lächelte noch einmal und diesmal war es ein breites, fröhliches lächeln, „Außerdem muss das bisschen Familie, dass wir noch haben, doch wohl zusammen halten, oder nicht?"
„Danke", war alles was Leah zu Stande brachte. Sie wusste nicht einmal für was genau sie Tonks dankte. Vielleicht für das Album, vielleicht dafür das sie ihr helfen wollte, vielleicht auch dafür, dass ihr endlich jemand ein wenig Einblick in das Leben ihrer Eltern verschafft hatte.
Es war aber auch egal.
Tonks schien auch so zu verstehen, was Leah meinte.
