„Bevor wir mit dem üben anfangen, brauchst du erst mal einen eigenen Zauberstab, eigene Bücher und all diesen Kram für die Schule", erklärte Tonks Leah am nächsten Morgen beim Frühstück.
„Das kaufen wir dir alles am besten in der Winkelgasse."
„Aber ich hab Mums Zauberstab", warf Leah ein. „Ehrlich, ich brauch keinen eigenen- und schon gar nicht, will ich, dass du irgendwas für mich bezahlst. Ich kann Mums Geld nehmen und-"
„Leah", unterbrach Tonks sie sanft. „Natürlich brauchst du einen eigenen Zauberstab. Zauber die du mit deinem eigenen Zauberstab ausführst sind viel effektiver als die, die du mit fremden Zauberstäben ausführst. Und die Bücher brauchst du doch auch. Du magst doch Bücher, richtig?"
Leah nickte zögernd.
„Also! Ich bin nicht gerade eine Leseratte, ich hab also kaum welche. Oh und neue Sachen zum anziehen brauchst du auch noch. Hogwarts hat eine Uniform, weißt du? Bestehend aus Umhängen und Hüten und so was." Grübelnd zog Tonks einen Brief aus ihrer Umhangtasche. „Hier, der ist heute Morgen für dich gekommen, als du noch geschlafen hast. Dürfte deine Liste für Hogwarts sein."
Sie reichte den Brief Leah, die ihn neugierig aufmachte.
„Wir brauchen also eine ganze Menge Zeug für dich- und das mit dem Geld", sie sah Leah gespielt tadelnd an, „das vergisst du ganz schnell wieder."
Leah wollte gerade etwas erwidern, als Tonks sie abermals unterbrach.
„Und jetzt fang bloß nicht wieder mit deinem Danke an."
Sie grinste Leah an.
Leah grinste zurück.
Was ein Glück, dass sie sich getraut hatte Malfoy zu widersprechen.
Was ein Glück, dass Dumbledore Tonks vorgeschlagen hatte…
„Warst du schon mal in der Winkelgasse", fragte Tonks Leah als sie gerade in den Hinterhof des Tropfenden Kessels traten.
Leah nickte. „Mum hat mich nur ein einziges Mal hierher gebracht und da war ich fünf, später fand sie es immer zu gefährlich. Aber ich weiß noch, dass es großartig war. Alles so bunt und es gab so unglaublich viel zu sehen. Ich fand es toll."
Leah lächelte bei dem Gedanken an diese Erinnerung. Sie mochte sie. Ihre Großeltern hatten damals noch gelebt und ihre Mum war nur selten so traurig gewesen, wie in der letzten Zeit.
Erschüttert musste Leah daran denken, dass ihre Mum jetzt nie wieder würde glücklich sein können.
Verzweifelt versuchte Tonks sich nun daran zu erinnern, auf welche Steine sie tippen musste. Sie seufzte. „Ich vergesse es einfach immer wieder. So was kann sich doch niemand merken."
Etwas verärgert tippte sie einfach auf alle Steine, die das verborgene Tor enthielten, doch nichts geschah.
„Darf ich mal", fragte Leah zögernd und Tonks reichte ihr überrascht ihren Zauberstab. Den ihrer Mum hatte Leah bei Tonks gelassen, schließlich würde sie heute ihren eigenen bekommen.
Bestimmt tippte Leah auf vier Steine auf der rechten und dann auf zwei auf der linken Seite.
Eine Sekunde später begann sich das Tor zur Winkelgasse zu öffnen.
Tonks starrte Leah ungläubig an. „Ich dachte, du warst erst ein Mal hier?"
Leah wurde rot. „War ich auch. Aber ich hab ein fast Fotographisches Gedächtnis. Ich vergesse so gut, wie nichts. Auch wenn das manchmal tatsächlich etwas nervig ist- besonders für andere."
Tonks grinste. „Ich finde es toll", sagte sie und Leah wurde noch ein wenig roter.
Sie freute sich sehr, über das Lob von Tonks, denn es war ihr wichtig, dass die junge Hexe sie mochte. Schließlich würde sie, sogar vielleicht für die nächsten zwei Jahre, bei ihr wohnen.
Und wie auch Tonks schon gesagt hatte, viel richtige Familie hatten sie ja beide nicht. Eine Sekunde fragte sie sich, was mit Tonks Eltern war, aber die Winkelgasse war wahrscheinlich nicht gerade der richtige Ort, um das anzusprechen.
Verwundert blickte sich Leah um, als sie und Tonks auf die gepflasterte Straße traten.
„Es… es ist so…", begann sie und Tonks führte ihren Satz zu Ende: „Verändert?"
Leah nickte. Tatsächlich. Alles war so leer. Nirgendwo standen die Leute herum und plauderten oder lachten zusammen. Die meisten aller Läden waren geschlossen- oder wirkten zu mindest so trist, dass man erst bei genauerem hinsah, dass sie tatsächlich offen waren.
„Beeilen wir uns lieber etwas", sagte Tonks leise und blickte sich verstohlen um. Nur wenige Leute waren überhaupt auf den Straßen und die meisten hasteten so schnell es ging von einem Laden zum anderen.
Sie machten sich auf den Weg und es dauerte nicht lange bis beide Taschen voller Umhänge, normaler Kleidungsstücke und Zaubertränkezutaten sowie einem Kessel trugen.
Ihren neuen Zauberstab hatte Leah stolz in ihre Hosentasche gesteckt. Immer wieder sah sie nach, ob er noch immer da war und betastete ihn fasziniert.
Tonks konnte darüber nur grinsen.
Als es jedoch dazu kam, Leahs Bücher zu holen, trennten sich die Wege der beiden Hexen.
„Also Bücher sind einfach nicht meine Welt", murmelte Tonks als Entschuldigung. „Ich muss sowieso noch zu", sie zögerte kurz, „Freunden, die auch einen Shop hier haben." Hastig sah sie sich um und blickte Leah dann verschwörerisch an. „Ich erklär es dir später, in Ordnung? Wenn ich fertig bin komme ich wieder her und hole dich ab."
Leah nickte ergeben.
Zu gerne hätte sie gewusst, wer Tonks geheime Freunde waren und warum sie sich nicht traute es ihr hier in der Winkelgasse zu erzählen. Vielleicht waren sie auch Mitglieder dieses geheimen Widerstandes, von dem Dumbledore ihr erzählt hatte. Sie wusste es nicht.
Aber für den Moment gab sie sich auch damit zufrieden, erst später informiert zu werden. Schließlich hatte sie jetzt eine Menge Zeit in aller Ruhe nach ihren Büchern zu suchen und vielleicht auch das ein oder andere neue zu entdecken, dass sie noch nicht kannte.
Freudig betrat sie „Flourish & Blotts", einen mittelgroßen Buchladen in dem es erstaunlicherweise vor Menschen nur so wimmelte. Allerdings hielten sich die meisten nur an einem Stand des Ladens auf. Auf einem großen, darüber schwebenden Schild wurde verkündet: „Die 50 besten Flüche und Zauber zur Verteidigung gegen dunkle Künste".
Die wenigen anderen Zauberer im Laden standen an der Verkaufstheke Schlange, um sich anscheinend bestellte Bücher abzuholen oder ihr Exemplar von „Die 50 besten Flüche und Zauber zur Verteidigung gegen dunkle Künste" zu kaufen. Fast hätte Leah laut los gelacht, als sie sah, wer der Autor des Buches war. Gilderoy Lockhart. Wer kaufte denn bitte schön Bücher von Lockhart?!
Leah kannte zwar alle seine Werke, aber sie fand sie unglaublich langweilig- und dazu auch noch schrecklich unglaubwürdig.
Der Typ konnte mit seinem Zauberstab nicht einmal einer Fliege etwas zu leide tun, und das nicht weil er so ein Tierfreund war, sondern weil er keine Ahnung hatte, wie er es hätte anstellen sollen. Und von dem kauften sich die Zauberer Ratschläge zur Verteidigung… wie verzweifelt man sein musste…
Kopfschüttelnd verschwand Leah in den hinteren Teil der Buchhandlung und sah sich interessiert nach der Neuerscheinung von „Zauberbanne der Ägypter und ihre Folgen" um. Sie hatte den ersten Teil „Zauberbanne der Griechen und ihre Folgen" schon verschlungen und wartete jetzt sehnsüchtig darauf, dass es weiterging.
Sehnsüchtig strich sie mit den Fingern über die Buchrücken und war ganz vertieft in die bezaubernd klingenden Titel, als eine Stimme sie aus ihren Gedanken riss.
„Na, das ist aber nicht gerade leichte Lektüre."
Leah erstarrte und blickte verschreckt hoch.
Ein blonder, hoch gewachsener Junge stand ein paar Meter vor ihr an ein Regal gelehnt und grinste sie an. Er hatte außerordentlich wunderschöne blaue Augen und schien etwas über ein Jahr älter als sie zu sein.
Leah musterte ihn scharf. Irgendwoher kam er ihr bekannt vor. Hatte sie ihn schon einmal gesehen?
„Hab ich dich so erschreckt oder bist du immer so sprachlos", fragte er jetzt und ein lächeln glitt über seine Lippen.
Fasziniert beobachtete Leah sein Gesicht. Wenn er lächelte, sah er unglaublich lieb aus. Aber wieso kam er ihr nur so bekannt vor? Sie war sich sicher, dass sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte.
„Ich suche nur etwas", sagte sie schließlich als der Junge nicht aufhörte sie unentwegt anzusehen. Anscheinend wartete er auf eine Antwort ihrerseits.
„Was denn", fragte er. „Vielleicht kann ich dir ja helfen."
Leah lachte. „Das glaub ich nicht. Ich schätze, es kommt sowieso erst nächsten Monat raus. Ich war nur neugierig, ob ich es vielleicht entdecke. Trotzdem danke."
„Kennen wir uns vielleicht? Du gehst doch auch nach Hogwarts oder?" Er deutete auf eine ihrer Tüten aus der die Hogwartsumhänge heraus quollen.
Leah nickte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie sich noch immer keine Geschichte zu Recht gelegt hatte, um nicht erzählen zu müssen, wer sie in Wirklichkeit war. Was wenn der Junge sie nach ihren Eltern fragte?
„In welches Haus gehst du", wollte er stattdessen von ihr wissen und sie antwortete Schultern zuckend: „Slytherin und du?"
Sein grinsen wurde mit einem Mal breiter. Anscheinend freute er sich. Aber wieso? War Slytherin nicht schlecht?
„Ich bin auch in Slytherin, im sechsten Jahr. In welchen Jahrgang gehst du denn?"
Nun gut, dachte Leah, wenn er selbst in Slytherin war, war es kein Wunder, dass er es toll fand.
„Erst in die vierte", gestand Leah nun und der Junge musterte sie überrascht.
Er hatte sie wohl nicht für so jung gehalten.
Nun gut, war sie ja auch eigentlich nicht. Aber dass würde sie ihm nicht sagen. Desto weniger er wusste, desto besser.
Vielleicht waren seine Eltern ebenfalls auf der Seite der Todesser? Vielleicht gehörte er sogar auch zu ihnen? Aber er war so nett zu ihr. Todesser waren schließlich nicht nett, oder?
„Draco? Wir gehen", ertönte eine schnarrende Frauenstimme aus dem vorderen Ladenteil und der Junge vor Leah seufzte.
„Tut mir Leid. Ich muss los. Ich denke wir sehen uns dann in Hogwarts." Ein letztes Mal lächelte er sie an, dann ging er zu der Frau, die ihn gerufen hatte (seine Mutter?) und verschwand aus dem Laden.
Verwirrt schüttelte Leah den Kopf und versuchte so Draco und sein Gesicht aus ihren Gedanken zu vertreiben. Schrecklich war das. Seit wann interessierte sie sich denn für Jungen? Bisher hatte sie nie viel Erfahrung mit ihnen gehabt, was sie auch nie wirklich gestört hatte. Es hatte sie vorher einfach nicht interessiert.
Als Tonks eine Stunde später erschien, war Leah in Gedanken noch immer mit dem blonden Jungen beschäftigt und hatte nur die Hälfte aller Bücher auf ihrer Liste gefunden.
Seufzend wartete Tonks noch kurz, bevor Leah in Windeseile den Rest aus den Regalen hervor holte und dann zur Kasse ging.
Wieder bei Tonks Zuhause packten sie zusammen Leahs Sachen aus und hängten sie in einen für Leah eigens leer geräumten Schrank. Auch ein Regal hatte Tonks für Leah frei geräumt, auf dem nun ihre Bücher und neuen Schulsachen Platz fanden.
„Was beschäftigt dich eigentlich die ganze Zeit", wollte Tonks schließlich wissen, nachdem Leah eine ganze Weile ihren Gedanken nach gehangen hatte.
Leah zuckte zusammen und Tonks grinste.
„Also", fragte sie und versuchte mit einem Schlenker ihres Zauberstabs die Umhänge zu falten, doch diese fingen stattdessen an im Zimmer herum zu schweben, sodass Leah und Tonks auf Bett und Schreibtisch klettern mussten, um sie wieder einzufangen.
„Ich bin nicht besonders gut in Aufräumzaubern und so einem Kram. Verteidigung kann ich besser", sagte sie entschuldigend.
Leah grinste. Das glaubte sie Tonks aufs Wort.
„Aber ich will trotzdem wissen, was mit dir los ist", forderte Tonks nun.
Um Tonks Neugierde zu zähmen, sagte Leah: „Es ist nichts wichtiges. Nur so ein Junge, dem ich in dem Buchladen begegnet bin, geht mir nicht mehr aus dem Kopf."
Tonks grinsen wurde noch breiter und sie zwinkerte Leah zu. „Ein Gutaussehender Junge wenigstens?"
Mit hoch rotem Kopf nickte Leah. „Ich weiß ganz genau, dass ich ihm noch nie zuvor begegnet bin, aber irgendetwas an seinem Gesicht erinnert mich an jemanden", sagte sie. „Es will mir nur einfach nicht einfallen."
Tonks zuckte mit den Schultern. Ihr passierte so etwas häufiger.
Leah aber anscheinend nicht, denn sie grübelte immer noch darüber nach.
„Normalerweise lässt mich mein Gedächtnis nicht so schnell im Stich", schimpfte sie.
„Vielleicht willst du dich ja gar nicht daran erinnern? Mir geht es häufig so, dass Dinge die mir unangenehm sind eher in Vergessenheit geraten als andere."
„So wie putzen zum Beispiel", fragte Leah und deutete auf ein paar Spinnenweben an der Decke.
„Zum Beispiel", antworte Tonks und beide mussten lachten.
„Aber du wolltest mir auch noch etwas erzählen", erinnerte Leah Tonks an ihr Versprechen vom Vormittag.
Tonks nickte. „Richtig. Setz dich am besten."
Verwirrt setzte Leah sich auf ihr Bett und sah Tonks aufmerksam an. Was würde denn jetzt kommen?
