„Seht euch die Idioten an", mampfte einer der älteren Slytherins und kicherte dämlich. Dabei zeigte er auf zwei Jungen mit mausgrauem Haar die am Gryffindor Tisch saßen und die ganze Zeit Harry Potter anstarrten und versuchten ihn in ein Gespräch zu verwickeln.

„Dennis und Colin Creevey, totale Fans vom großen Harry Potter", murmelte Blaise Leah ins Ohr.

„Und der, der sie als Idioten beschimpft hat, ist Vincent Crabbe, ein Sechtsklässler und ein viel größerer Idiot als jeder andere auf dieser Schule. Mit Ausnahme vielleicht von seinem besten Freund Gregory Goyle."

Blaise deutete auf den Jungen der neben Crabbe saß.

In diesem Moment stießen sich Crabbe und Goyle gegenseitig an und fingen aus irgendeinem unersichtlichen Grund an zu grunzen und zu quieken.

Kaum einer am Slytherin Tisch beachtete die Gebärden der beiden Sechstklässler. Anscheinend waren sie es alle gewöhnt und versuchten die beiden Jungen zu ignorieren.

Auch Leah hatte kaum einen Blick für die beiden riesigen Dummköpfe.

Ihr Blick lag viel eher auf dem Jungen der neben Crabbe und Goyle saß.

Blaise schien ihrem Blick gefolgt zu sein, denn mit einem amüsierten grinsen meinte er: „Das ist-"

Aber Leah unterbrach ihn. „Draco", sagte sie und Blaise nickte.

„Also auf den hast du dein Auge geworfen? Das würde ich lieber bleiben lassen. Pansy könnte dir ansonsten mächtig ärger machen."

Verblüfft blickte Leah Blaise an. Ein Auge geworfen? Sie? Auf Draco? Aber sonst ging es Blaise ja noch ganz gut…

„Gott, du bist eine miserable Slytherin", murmelte Blaise.

Es schien nicht so, als würde er oft eine Antwort oder eine Bestätigung für etwas Verlangen.

„Womit hab ich das Lob denn jetzt verdient", wollte Leah wissen und musterte Blaise genauer.

Der 16 jährige grinste von einem Ohr bis zum anderen. Seine braunen Augen blitzten belustigt.

„Jeder normale Slytherin hätte mir entweder schon längst eine verpasst- oder mir wenigstens vernünftig konter gegeben. Aber du sitzt die ganze Zeit nur da und unternimmst nichts gegen die Sachen die ich dir Vortische." Er schüttelte den Kopf. „Ehrlich, wenn du nicht auffallen willst, musst du daran definitiv noch üben."

Dann grinste er wieder. „Aber ich helfe dir gerne dabei."

Einen Moment war Leah sprachlos. Sie verstand diesen Jungen einfach nicht. Er war doch ein Slytherin und Slytherins waren gemein von Haus aus, oder etwa nicht?

Aber sie selbst war schließlich auch eine Slytherin und sie war ja auch nicht so…

Und Draco war auch nett zu ihr gewesen, obwohl sie nicht wusste, ob das nur Zufall gewesen war.

Bisher hatte er sie jedenfalls noch nicht einmal angesehen, dabei saßen sie mittlerweile schon seit fast einer Stunde beim Essen in der großen Halle- und er saß ihr fast gegenüber…

Vielleicht erkannte er sich auch nur nicht wieder oder er war so sehr in seinen Gedanken vertieft, dass er nichts um sich herum wahr nahm…

Leah konnte es nicht sagen.

Nach dem Essen und der Ansprache Dumbledores, die wie Blaise ihr versichert hatte, jedes Jahr dieselbe sei, schleuste Blaise sie vorbei an den Massen von Schülern, sodass sie als erste die Einganshalle erreichten.

Sie wollten gerade vorbei an den riesigen Stundengläsern, deren Bedeutung Blaise Leah leise erklärte, als Leah jemanden nach ihr rufen hörte.

„Leah! Leah warte mal!"

Verwunderte drehte sie sich um.

Es war Harry Potter.

„Ich habs grad erst erfahren! Tut mir echt Leid! Wenn ich das gewusst hätte… ich hätte garantiert mit Professor Dumbledore reden können, weißt du? Ich meine, wir können auch jetzt noch…"

Leah starrte Harry an und wurde mit jeder Sekunde verwirrter. Was wollte Harry von ihr? Und was war überhaupt mit ihm passiert?

Der Junge sah furchtbar aus. Blutflecken und Schmutz bestückten seine Kleidung und sein Gesicht, außerdem war seine Brille kaputt.

Geistesabwesend nahm Leah seine Brille in die Hand und murmelte „Reparo".

Dankbar grinste Harry Leah an. „Hätte ich auch noch gemacht, aber bisher keine Zeit. Also, wollen wir zu Dumbledore?"

Blaise, der immer noch neben Leah stand, legte einen Arm um Leah und sagte: „Gott, was willst du eigentlich Potter?"

Harry warf Blaise einen tödlichen Blick zu und wandte sich dann wieder an Leah.

„Es ist grausam das Dumbledore dich einfach zu denen da", er deutete auf Blaise und die mittlerweile um sie herum stehenden Slytherin, „gesteckt hat. Wir können da ganz sicher noch was regeln!"

„Ist schon okay, Harry", murmelte sie, sich der vielen Slytherins um sie herum bewusst. „Macht nichts. Ich komm schon klar."

Harry sah sie fest an. „Bist du sicher?"

Sie nickte. Sie wusste, dass sie sich nicht noch länger mit Harry unterhalten durfte. Nicht so öffentlich.

Blaise hatte Recht, wenn sie nicht auffallen wollte, musste sie anfangen sich wie eine Slytherin zu verhalten- und die hätten wohl niemals mit einem Gryffindor geplaudert.

Am besten wäre es wohl gewesen, sie hätte Harry jetzt mit einer Sarkastischen Bemerkung abblitzen lassen, aber das brachte sie einfach nicht übers Herz.

Sie konnte nur hoffen, dass er es irgendwie verstehen würde.

Blaise rettete sie. Zu mindest mehr oder weniger.

„Komm, wir gehen. Hier wird die Luft schlecht", knurrte er.

Leah schluckte.

Warum war Blaise plötzlich so gemein? Natürlich Harry war ein Gryffindor, aber wenn sie auch nach Gryffindor gekommen wäre, hätte er sie dann auch so behandelt?

Trotzdem folgte sie Blaise, jedoch nicht ohne Harry einen entschuldigenden Blick zuzuwerfen.

Wenn doch nur ihr Vater schon wieder da wäre… dann hätte sie Harry alles erklären können. Dann hätte er sicher alles verstanden… sie konnte es einfach nicht riskieren, dass die Slytherins Fragen über sie stellten und Nachforschungen über ihre Eltern einzogen.

Es war das Beste, wenn niemand sie bemerkte und sich niemand Gedanken über ihre Vergangenheit machte.

Im Slytherin Gemeinschaftsraum angekommen wurde der Tag für Leah noch schlimmer.

Nachdem Blaise ihr am Nachmittag ihre Klassenkameraden vorgestellt hatte, war Leah sofort klar geworden, das sie mit keinem von denen auch nur irgendetwas gemeinsam hatte.

Es waren vier Jungen und mit ihr nun fünf Mädchen.

Die Jungen hatten Leah allesamt erst einmal ignoriert und die Mädchen- nachdem sie erfahren hatten, dass Leah sich weder schminkte, noch großartig für Mode interessierte, sondern im Gegenteil gerne las- ebenfalls.

Als Leah ihren Schlafsaal betrat, schlug ihr der Duft von Deo und Parfüm ins Gesicht. Wie sehr sie so etwas hasste!

„Hey", sagte sie und das Stimmengewirr, das zuvor laut gelacht und geplappert hatte, verstummte augenblicklich.

Auf ihren Betten saßen drei der vier Mädchen, die Leah im Zug kennen gelernt hatte. Marilyn McNair, Louise Beton und Ariane Goyle, die allerdings genauso wenig intelligent wirkte wie ihr Bruder.

Marilyn und Ariane hatte beide rabenschwarzes Haar, genau wie Leah, allerdings ging das Haar von Marilyn, Ariane und Louise bis zum Po und nicht wie bei Leah nur bis zu den Schultern. Louise hatte blondes Haar und eine eher zierliche Gestalt, Marlyin ebenso, im Gegensatz zu Ariane die groß und bullig wirkte. Sie ähnelte ihrem Bruder wirklich.

Die drei schienen ausgesprochen genau auf ihr äußeres zu achten, denn sie waren alle stark geschminkt und wirkten so, als wären sie schon sechzehn und nicht zwei Jahre jünger.

„Was willst du", fragte Marilyn und musterte Leah abschätzend.

Es sah nicht so aus, als wollte sie Leah in ihren Kreis aufnehmen, was Leah auch nur ganz recht sein konnte.

„Ich schlafe hier", sagte sie also und die beiden anderen Mädchen fingen aus irgendeinem Grund an zu kichern.

„Aber doch noch nicht jetzt", murrte Marilyn, die wohl die Wortführerin war. „Wir können nicht in ruhe tratschen, wenn du dabei bist."

Leah starrte die drei giggelnden Weiber ungläubig an.

Wollten die sie ernsthaft aus ihrem eigenen Zimmer werfen? Ja das konnte ja wirklich heiter werden…

„Wir reden gerade darüber, wie schrecklich es ist, das sie sogar Halbblüter nach Slytherin lassen", sagte jetzt Louise und grinste Leah boshaft an. „Findest du nicht auch, dass Halbblüter es einfach nicht wert sind hier aufgenommen zu werden?"

Was wussten diese Mädchen, was sie nicht wusste?

„Ja, Leah, was denkst du dazu", kicherte Ariane dümmlich. „Wir hätten gern die Meinung einer Betroffenen."

Alle drei sahen sich and und fingen dann an schallend zu lachen.

Aus irgendeinem Grund glaubten die drei, dass sie, Leah, eine Halbblüterin war, was ja, wenn man die Familienseite ihrer Mutter betrachtete auch richtig war. Aber woher wussten die das? Wer zum Teufel hatte ihnen verraten, dass Leahs Großeltern Muggel gewesen waren? Und was wussten sie noch?

Irgendwer musste es ihnen verraten hatten und Leah war sich vollkommen sicher, dass es jemand von den Slytherins gewesen war. Da gab es keinen Zweifel.

Sie musste unbedingt herausfinden wer. Wer wusste schon, was derjenige noch alles für Sachen über ihre Vergangenheit verbreitete?

Ohne ein weiteres Wort verließ Leah den Schlafsaal und ging zurück in den Gemeinschaftsraum.

Am Kamin saßen ein paar Sechstklässler, unter ihnen Blaise, Draco, Pansy die es sich auf Dracos Schoß bequem gemacht hatte, Vincent und Gregory.

Blaise lächelte Leah zu und winkte sie zu sich heran.

Zögernd setzte Leah sich neben Blaise aufs Sofa.

Sofort spürte sie Pansy Blicke auf sich.

„Was will n die hier, Zabini? Das kleine Schlammblut hat nichts mit uns zu tun", murrte sie und lachte dann gehässig.

Draco öffnete seine Augen, die er bisher geschlossen gehalten hatte.

Für einen Moment sah er Leah direkt in die Augen und sie meinte eine Spur von bedauern zu sehen.

„Verschwinde", brummte er Leah an. „Du hast hier nichts zu suchen."

Sprachlos sah Leah Draco an.

In den Ferien war er so nett zu ihr gewesen. Was war nur los mit ihm? War es wirklich so wichtig, dass ihre Großeltern Muggel gewesen waren? Was machte das schon?

„Zabini, ich glaube dein Schützling ist n bisschen…" Pansy machte eindeutige Gesten, die nicht unbedingt nett waren und Leah als Durchgeknallte abstempelten.

Blaise stand auf, betrachtete seine Klassenkameraden und schüttelte seufzend den Kopf.

„Kinderkram. Ehrlich mal, Leute. In diesen Zeiten, wo sich alle in dieser Schule noch mehr gegen uns verschwören als sonst, gerade da, solltet ihr über jeden Slytherin froh sein…"

„Tja Zabini, aber du weißt doch, ein echter Slytherin ist nur sich selbst am nächsten", sagte Draco und sah Blaise fest an.

Eine halbe Minute fochten sie einen stillen Kampf aus.

Dann senkte Blaise die Augen.

„Komm", murmelte er nur und zog Leah mit sich zu ein paar Sesseln am anderen Ende des Gemeinschaftsraums.

Draco, Pansy und Co. nahmen wieder ihre Gespräche auf und niemand achtete weiter auf Leah und Blaise.

„Sorry", sagte Blaise und seufzte wieder. „Gegen den Eisprinz von Slytherin komm ich einfach nicht an. Jeder hört auf ihn- und als er erzählt hat, das du eine Halbblüterin bist, na ja da hatte er sie sofort auf seiner Seite. Wüsste gern was er gegen dich hat."

Es war Draco gewesen? Draco hatte sie verraten? Woher sollte er das wissen? Und warum sollte er so etwas überhaupt tun?

Die letzte Frage sprach sie laut aus.

Blaise zuckte mit den Schultern.

„Er ist Draco Malfoy. Er macht immer was er will."

Fast wäre Leah von ihrem Stuhl gefallen.

„Malfoy?! Draco MALFOY? Und sein Vater… ist das Lucius Malfoy?"

Blaise nickte.

Jetzt wusste Leah endlich an wen Draco sie die ganze Zeit erinnert hatte. Er sah seinem Vater wirklich ausgesprochen ähnlich. Warum hatte sie das nur vorher nicht erkannt?

Sie erinnerte sich an das was Tonks gesagt hatte. Unangenehme Dinge verdrängt man nun mal gerne. So einfach war das.

Wenn Draco Lucius Sohn war… Oh Gott!

Leahs Gesicht nahm einen blassen Ton an. Wer wusste wie viel Lucius Draco erzählt hatte? Vielleicht hatte er ihm alles gesagt? Vielleicht war das der wahre Grund, warum Draco sie mied? Aber wieso hatte er dann nicht alles den andern erzählt? Wieso hatte er nur einen Teil erzählt?

„Tschuldige Blaise", murmelte Leah, „Ich denke ich geh schlafen."

Mit einem besorgten Blick sah Blaise Leah hinterher, die niedergeschlagen zu ihrem Schlafsaal ging.