Draco hielt seine Drohungen ein.

In den nächsten Wochen tauchte er unentwegt zu den ungünstigsten Zeiten in Leahs nähe auf.

Immer wieder erwischte er sie bei kleinen Gesprächen mit Ginny, Dennis, Hermine oder Harry. Und jedes Mal durfte Leah sich eine neue Standpauke anhören. Mittlerweile hatte sie überall blaue Flecken auf ihren Oberarmen, weil Draco jedes Mal fester zu drückte.

Aber das war eigentlich nicht so schlimm.

Viel schlimmer war, dass sogar die anderen Slytherins schon auf Dracos seltsames Verhalten Leah gegenüber aufmerksam wurden, weswegen Leah es sich zur Gewohnheit machte Dracos Tagesablauf genau im Kopf zu haben, um ihm größtenteils aus dem Weg zu gehen.

Allerdings funktionierte das nicht immer, denn sie musste ja auch essen und ab und an den Gemeinschaftsraum durchqueren, um ihre Sachen zu holen oder zum schlafen zu gehen.

Zu Dracos Pech allerdings war Leah verdammt gut im verstecken, schließlich hatte sie ihr ganzes Leben Zeit zum üben gehabt.

An die Wand gelehnt schloss Leah die Augen und sank an ihr herunter.

Sie war jetzt seid fast drei Wochen in Hogwarts und noch immer gab es keine Meldung über den Verbleib ihres Vaters.

Natürlich wusste sie, dass es ewig dauern konnte, bis er gefunden wurde, aber Leah wollte ihn endlich kennen lernen. Sie wollte endlich aus der Ungewissheit entfliehen die sie umgab.

Sie wollte wissen ob er wirklich lebte. Ob er sie anerkennen würde. Ob er sie lieben konnte…

Leah vermisste die Gespräche mit ihrer Mum. Ihr ganzes Leben war ihre Mutter immer für sie da gewesen, hatte sie beschützt und ihr immer alles erklärt.

Es hatte immer nur sie beide gegeben- und Leah war damit zufrieden gewesen.

Aber jetzt… jetzt gab es so viele neue Menschen in ihrem Leben, die sie nicht zu ordnen konnte.

Sie mochte Tonks und Remus und Blaise und Hermine und die Weasleys und Harry irgendwie auch. Aber sie wusste einfach nicht, was sie über alle diese Menschen, die sie erst seit so kurzer Zeit kannte, denken sollte.

Oder über Draco, Pansy, Dennis und Professor Dumbledore…

Es war plötzlich alles so viel… alles so kompliziert…

Diese Intrigen, die ganze Lügerei und diese Oberflächlichkeit der Slytherins - das war einfach nicht Leahs Welt.

Sie wollte den Leuten, die sie so bedingungslos aufgenommen hatten, vertrauen. Aber es ging einfach nicht.

Sie wusste nicht, ob Tonks sie wirklich in den nächsten Ferien wieder aufnehmen würde.

Sie wusste nicht, ob Remus es ernst gemeint hatte als er gesagt hatte, dass er ihren Vater finden würde.

Sie wusste auch nicht, ob Professor Dumbledore sein Versprechen, sie zu beschützen, einhalten würde.

Eigentlich wusste Leah gar nichts.

Ihr fehlten Beweise, Dinge die sie festhalten und sehen konnte. Sie wollte nicht nur Worte und Versprechungen…

„Hey", sagte eine leise Stimme.

An der Stimme erkannte Leah sofort, dass es Blaise war. Sowieso hätte kein anderer sie hier oben auf dem Astronomieturm gefunden, denn nur er wusste, dass sie oft hier hoch kam, um nachzudenken.

„Setz dich, Blaise."

Leah hatte noch immer die Augen geschlossen, doch sie spürte wie Blaise sich neben ihr niederließ.

Eine Weile sagte keiner der beiden etwas und Leah hing wieder ihren Gedanken nach.

Plötzlich spürte Leah eine Hand auf ihrer Wange, die ihr behutsam eine Strähne ihres schwarzen Haares aus dem Gesicht strich.

Sie zuckte leicht zusammen.

Es war ein seltsames Gefühl seine sanften Fingerkuppen auf ihrer Wange zu spüren.

„Du grübelst zu viel, kleines", sagte Blaise leise.

Leah öffnete die Augen und Blaise zog seine Hand langsam weg.

„Wenn du so weiter machst, kriegst du noch ganz viele Fältchen." Er grinste.

Ein lächeln huschte über Leahs Gesicht.

„Denk dran du stirbst zuerst, du bist älter."

Blaise verdrehte die Augen, aber seine Augen blitzten dabei belustigt.

„Slughorn schmeißt ne Party und ich soll dich fragen, ob du mit willst. Er hat nur Leute eingeladen die entweder total intelligent oder deren Verwandte berühmt sind oder berühmte Leute kennen. Er scheint auf so einen Kram zu stehen. Hab gehört, dass er so was früher auch getan hat."

Er stand auf und reichte Leah seine Hand.

Leah sah zu ihm hoch. Sie zögerte. Professor Slughorn war in Ordnung... Aber wer würde noch auf der Party sein? Und hatte sie überhaupt Lust auf eine Party zu gehen?

„Draco ist nicht eingeladen", sagte Blaise wie beiläufig, obwohl beide wussten, dass es ganz und gar nicht so nebensächlich gemeint war.

Leah ergriff Blaises Hand und ließ sich von ihm hochziehen.

„Na dann mal los."

„Miss Light! Wundervoll! Ganz wundervoll, dass sie kommen konnten. Ich wusste doch, dass Mr. Zabini sie finden würde." Slughorn zwinkerte Leah und Blaise verschwörerisch zu.

Hinter Slughorns Rücken zog Leah die Augenbrauen hoch, doch Blaise zuckte nur mit den Schultern und ging los, um den beiden etwas zu trinken zu holen.

„Leah! Was machst du denn hier?"

Leah drehte sich um. Vor ihr standen Harry, Ginny und Hermine.

Rasch blickte Leah sich um. Blaise hatte Recht, zwar waren eine Menge Leute da, doch Draco schien tatsächlich nicht eingeladen worden zu sein.

Sie lächelte die drei an. „Professor Slughorn hat mich eingeladen. Ich weiß auch nicht wieso."

Harry musterte sie seltsam, anscheinend hatte er ihren umherschweifenden Blick bemerkt, doch er sagte nichts.

Ginny kicherte. „Das weißt du nicht?"

Verwirrt schüttelte Leah den Kopf. „Nein, ehrlich nicht."

„Dennis' Bruder Colin geht in meinen Jahrgang und er hat mir erzählt, dass sein kleiner Bruder mittlerweile fast genauso viel von deinem Können schwärmt, wie von Harry- und das will schon was heißen."

Leah bemerkte wie Harry rot wurde, anscheinend war es ihm unangenehm, dass die Creevey Brüder solche Fans von ihm waren.

„Dennis übertreibt", meinte sie lächelnd. „Ich bin nie im Leben so gut wie ihr."

Dennis hatte ihr einiges über die Gryffindors erzählt, darunter auch, wie oft Harry, Hermine, Ginny und sogar Ron dem dunklen Lord schon entkommen waren.

Manchmal fragte Leah sich, woher er all das wusste. Sie würde so etwas nicht unbedingt an die große Glocke hängen, aber natürlich verbreiteten sich die meisten Gerüchte schneller als Pollen, also…

Jemand tippte ihr auf die Schulte und Leah fuhr her rum.

„Blaise", entschlüpfte es ihr.

Blaise hatte einen ziemlich eisigen Blick drauf, wie damals als er Harry und Leah zum ersten Mal hatte zusammen reden sehen.

„Zabini", knurrte Harry.

„Potter", zischte Blaise zurück.

Die Mädchen hielten sich im Hintergrund, doch auch Hermine und Ginny funkelten Blaise böse an.

„Hört auf", sagte Leah leise. „Bitte, Blaise, Harry."

Leah sah die Jungen flehend an. Sie konnte diese ganzen Streitereien einfachHeh nicht länger ertragen. Die Anspannung die in der Luft lag machten es ihr unmöglich klar zu denken.

Sie wusste, sie musste mit Blaise gehen. Durfte keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, denn auch hier waren Slytherins zugegen, die sie schon seltsam musterten.

Blaise zögerte, genau wie Harry, dann senkte er den Blick und sah zu Leah.

„Komm", sagte er nur und drückte ihr ein Butterbier in die Hand.

„Tut mir Leid", flüsterte Leah den anderen dreien zu und folgte Blaise durch die Menge auf die andere Seite des Raumes.

An ihrem Bier nippend beobachtete Leah die anderen Schüler. Die meisten umringten den etwas dicken Professor Slughorn und heuchelten gespieltes Interesse an seinen Fragen und seiner Vergangenheit.

Wahrscheinlich waren sie sowieso nur an guten Noten oder seinen anderen Kontakten interessiert, dachte Leah.

„Wenn du wirklich unauffällig sein willst, muss das aufhören", murmelte Blaise sodass nur Leah ihn verstand.

Sie nickte unmerklich. Sie wusste, dass er Recht hatte. Aber es war schwer. Sie mochte die anderen gerne und sie waren ihre einzige Verbindung zu Tonks und dem Orden die sie in Hogwarts hatte…

Trotzdem konnte es so nicht weiter gehen.

Vielleicht sollte sie einmal an Tonks schreiben und sie fragen, wie es voran ging… doch selbst ein Einzelner Brief konnte gefährlich sein.

Leah seufzte.

„So schlimm sind wir Slytherins doch nun auch nicht", meinte Blaise und grinste.

Woher dieser Junge seine erstaunliche, immer währende Fröhlichkeit nahm, war Leah einfach unerklärlich.

„Komm, reihen wir uns bei den Slughorn Bewunderern ein und geben dem Professor die Chance dich zum tausendsten Mal über deine Eltern und deine wundervolle Begabung auszuquetschen."

Blaise schien das ganze tatsächlich ausgesprochen witzig zu finden.

Trotzdem tat Leah wie ihr geheißen und zusammen mit Blaise stellte sie sich in den Kreis um Slughorn herum.

Auch Ginny und Hermine standen da, doch keine der beiden warf ihr auch nur einen einzigen Blick zu.

Das Leben war einfach ungerecht…