Quidditsch. Ja Quidditsch war so eine Sache für sich.

Leah konnte zwar fliegen, aber für diesen ungewöhnlichen Zauberersport hatte sie nicht viel übrig.

Der Rest der Schule hingegen schien regelrecht auszuflippen, nahm auch nur irgendjemand dieses Wort in den Mund. Besonders heute, wo das Spiel Slytherin gegen Gryffindor stattfand.

Auf den Tribünen war es ungemütlich und da es nun schon Ende Oktober war, wurde es auch langsam recht kalt.

Leah wäre lieber im Schloss geblieben, doch Blaise hatte sie dazu überredet mit zu kommen. Er meinte, das wäre gut für den Slytherin Gemeinschaftsgeist.

Sehr witzig, dachte Leah nun und zog ihren grün-silbernen Schal enger um ihren Hals.

Blaise neben ihr schwenkte begeistert seine Fahne und feuerte die Slytherin Mannschaft, deren Kapitän Draco Malfoy war, an.

Auch Blaises Cousine Anna spielte mit, sie war eine der beiden Jägerinnen, in dem sonst von Männern dominierten Team.

Obwohl Leah nicht viel von dem Spiel verstand, sah sie, dass Anna tatsächlich sehr gut zu sein schien. Genau wie der Rest der Mannschaft.

Die Gryffindors waren allerdings auch nicht schlecht. Eigentlich sogar ziemlich brilliant. Harry war ihr Kapitän und auch Ginny und Ron spielten im Team mit.

Leah konnte sich nur zu gut vorstellen wie erbittert der Machtkampf zwischen den beiden Teams sein musste, wenn sich die Häuser schon so sehr bekriegten.

Das war auch so eine Sache.

Zwar waren Hufflepuff und Ravenclaw heute nicht auf dem Platz selbst, doch trotzdem waren beide Häuser komplett anwesend- in Gryffindor Farben!

„Sie mögen uns alle nicht", erklärte Blaise nur Schultern zuckend, als Leah ihn dazu befragte. „Wir sind eben zu gut", meinte er mit einem fiesen grinsen.

Doch Leah bezweifelte das.

Ihr war eher als würden sich die anderen drei mehr rechtschaffenen Häuser gegen das böse Slytherin verschwören. Und wenn sie genauer darüber nachdachte konnte sie auch gut verstehen wieso.

Zehn Minuten später fing Harry den Schnatz und gewann somit das Spiel für Gryffindor.

Die Slytherins waren alle unheimlich wütend. Es gab kaum keinen unter ihnen der nicht mindestens einen Fluch auf einen Gryffindor, Ravenclaw oder Hufflepuff abfeuerte.

Natürlich fanden die Lehrer das nicht gerade wundervoll und so schickten sie alle Schüler zurück in ihre Häuser.

Die Slytherins köchelten ziemlich vor sich hin und die Atmosphäre im Gemeinschaftsraum war zum schneiden scharf.

Leah warf nur einen Blick in den Raum, registrierte Blaises warnenden Blich und drehte sich rasch wieder um.

Das musste sie sich jetzt wirklich nicht antun.

Wenn die anderen so geladen waren, dass sie ohne einen Grund sogar Hufflepuffs angriffen, würde sie bestimmt auch vor Leah nicht halt machen.

Da war es sicherer, wenn sie sich ganz schnell aus dem Staub machte und erst später wieder zurückkam.

Ziellos irrte sie durchs Schloss.

Sie wusste, eigentlich durfte sie jetzt gar nicht auf den Gängen sein, aber da auch keiner der Lehrer Rundgänge zu machen schien, konnte sie schließlich keiner überprüfen.

Und wenn doch… nun ja, dann würde sie sich eben etwas einfallen lassen müssen.

Leah wollte gerade vorsichtig über den Zauberkunstkorridor im dritten Stock schleichen, um zum Astronomieturm zu gelangen, als ihr ein Schatten auffiel, der rasch die Treppe hinunter huschte.

Sie drückte sich schnell in eine Ecke, neben einer Statue und beobachtete mit zusammen gekniffenen Augen die Person, die an ihr vorbei schlich ohne sie selbst zu bemerken.

Es war Harry.

Wohin er wohl unterwegs war? Warum war er nicht in seinem Gemeinschaftsraum? Nach ihrem Sieg machten die Gryffindors bestimmt eine große Party- und Harry schien normalerweise nicht unbedingt der Junge, der so etwas verpassen wollte…

Sie wollte nur zu gerne wissen, wo Harry hin wollte.

Unauffällig folgte Leah ihm.

Es ging eine Treppe hinunter, um einige Ecken und dann verschwand Harry plötzlich hinter einem Wandbehang.

Zögernd blieb Leah davor stehen.

Sollte sie ihm jetzt auch folgen? Sie wusste nicht wohin der Gang hinter dem Wandbehang führte… Aber sie könnte es ja auch herausfinden!

Sei einmal in deinem Leben mutig, beschwor Leah sich und stieg vorsichtig durch den Wandbehang.

Sie sah sich um und-

Und blickte direkt in die Augen von Harry!

„Ich wusste doch, dass mir irgend jemand folgt", sagte er und schüttelte den Kopf. „Was machst du hier? Du müsstest doch eigentlich in deinem Gemeinschaftsraum sein."

Leah warf Harry einen bedeutenden Blick zu und setzte sich im Schneidersitz auf den steinigen Fußboden. „Eigentlich wollte ich morgen noch am Leben sein, weißt du?"

Harry starrte sie einen Moment verständnislos an, dann begann er zu begreifen. „Sie tun dir doch nichts oder?"

Misstrauisch musterte er sie genauer.

Anscheinend suchte er nach blauen Flecken oder so etwas.

„Nein", sagte Leah schließlich. „Bisher zu mindest nicht körperlich."

„Sie mobben dich", schloss Harry daraus.

Leah zuckte mit den Schultern. „Was hast du erwartet? Sie haben raus gekriegt, dass meine Großeltern Muggel waren und von da an war es vorbei. Der einzige der zu mir hält ist Blaise."

Leah erstaunte es selbst, wie offen sie zu Harry war. Warum vertraute sie ihm ihre Probleme an?

Es ging ihn doch eigentlich gar nichts an… und sie erzählte normalerweise nie jemandem solche Dinge über sich… Sie kannte Harry doch gar nicht richtig…

Doch in den letzten Tagen hatte sie kaum mit jemandem geredet, höchstens mit Blaise und dem konnte sie einfach nicht alles erzählen. Er versuchte dann immer sie aufzumuntern oder machte sich sorgen um sie und das wollte Leah nicht.

Außerdem wusste sie auch nicht, ob sie ihm restlos vertrauen konnte.

Er war und blieb ein echter Slytherin und seine Eltern waren wahrscheinlich Todesser, was bedeutete, dass er irgendwann selbst einer werden würde…

Aber Harry…

Harry war der Pate ihres Vaters. Sirius hatte ihm bestimmt vertraut. Und Tonks tat es ja auch. Und Remus ebenfalls…

„Warum bist du hier", fragte Leah Harry, um sich von ihren Gedanken abzulenken.

Harry schwieg.

„Na los, ich hab dir meinen Grund erzählt, jetzt du", forderte Leah ihn unerbittlich auf.

Wenn sie versuchte ihm zu vertrauen, dann sollte er es gefälligst auch tun.

„Ich hab's oben nicht mehr ausgehalten", gab Harry schließlich zu.

Leah sah ihn verwirrt an. „Weswegen? Ihr macht doch sicher Party, oder nicht?"

Niedergeschlagen nickte er.

„Es ist nur wegen…" Harry seufzte, schloss kurz die Augen, dann sah er Leah fest an. „Und du verrätst es niemandem?"

Sie schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht!"

„Es ist wegen Ginny", brachte er krächzend heraus und ließ sich endlich neben Leah nieder.

„Ginny? Was ist denn mit Ginny?"

„Wegen Ginny und Dean…"

In der Dunkelheit konnte Leah kaum etwas erkennen, aber sie merkte, wie unwohl sich Harry fühlte.

Ihr ging ein Licht auf.

Ihr war schon öfter aufgefallen, dass Harry in Ginnys Gegenwart irgendwie seltsam wurde…

Deswegen war er auch auf Slughorns Party so rot geworden, als sie etwas über seine Begabung gesagt hatte…

„Aber sie hat einen Freund, Harry."

„Ich weiß", murrte er.

„Und sie ist die Schwester von deinem besten Freund."

„Ich weiß", sagte er leise und seine Stimme klang irgendwie verzweifelt.

Leah wusste nicht, was sie tun sollte. Sie hatte noch nie jemanden getröstet… und Harry klang ganz danach als sollte man ihn trösten- und als hätte er ebenfalls noch nie darüber geredet.

Aber Blaise hatte sie oft getröstet. Und er war echt gut da drin.

Vorsichtig streckte Leah ihre Hand aus und legte sie zögernd auf Harrys Arm.

Er schaute sie überrascht an.

Jetzt konnte sie sie auch nicht mehr zurückziehen. Das wäre peinlich geworden.

Sie begann zaghaft seinen Arm zu streicheln und bemerkte wie Harry sich wieder etwas entspannte.

Eine Weile schwiegen sie beide, bis Harry von allein wieder begann zu reden.

„Es ist alles so schwer", sagte er leise. „Die ganze Situation mit Voldemort, die Sache mit Ginny… Ich wünschte Sirius wäre hier…"

Leah erstarrte in ihrer Bewegung und sah ihn an.

Es war das erste mal, dass Harry vor ihr von Sirius sprach. Er vermisste ihn also!

Sie verstand nicht ganz, was er mit „die ganze Situation mit Voldemort" meinte- schließlich hatte jeder Angst vor dem dunklen Lord- oder wie Sirius Harry hätte bei der „Sache mit Ginny" helfen können, aber sie verstand, dass seine Probleme tiefer gingen, als sie zur Zeit durch blicken konnte.

Unbedacht sagte sie: „Ich wünschte, ich würde ihn kennen."

Erschrocken senkte sie den Blick. Das hätte sie nicht sagen sollen.

„Tonks hat mir so viel von ihm erzählt, er muss toll sein", fügte sie schnell hinzu.

„Er ist auch toll! Man kann prima mit ihm reden und- ach ich könnte dir ne ganze Menge über Sirius erzählen", sagte Harry und lächelte.

Allerdings sah er nicht so aus, als würde er ihr tatsächlich eine ganze Menge über Sirius erzählen wollen.

„Ich vermisse die Gespräche mit ihm." Harry schluckte.

„Ich vermisse die Gespräche mit meiner Mum auch", erwiderte Leah tonlos.

Als sie es aussprach wurde ihr einmal mehr ihre Abwesenheit in ihrem Leben schmerzlich bewusst.

„Es tut gut darüber zu reden, oder?"

Sie sah Harry an.

Blickte ihm in die aufgerissenen, grünen Augen.

„Ja, mit irgendwem muss man reden."

„Gibt es irgendetwas anderes worüber du noch reden möchtest", fragte Harry aufmerksam.

Tausend Dinge, dachte Leah, tausend Dinge, Harry.

„Nein", antwortete Leah stattdessen. „Nein, es gibt nichts."