Nachdem Leah wieder in ihrem Schlafsaal zurückgekehrt war, konnte sie lange Zeit nicht einschlafen.

Es gingen ihr einfach zu viele Gedanken durch den Kopf.

Hätte sie Harry mehr erzählen sollen? Hätte sie ihm alles erzählen sollen? Ihm mehr vertrauen sollen? Hatte er nicht ein Recht es zu erfahren?

Leah wusste es nicht.

Mal wieder hatte sie keine Ahnung, was sie tun sollte, wie sie sich verhalten sollte.

Als Leah am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich ausgelaugt und müde.

Zum Glück war Wochenende und sie konnte sich noch einmal umdrehen.

Ihre Mitschülerinnern dachten allerdings nicht daran, sie in Ruhe zu lassen.

Theoretisch ignorierten sie sie zwar, aber praktisch machten sie unendlich viel Krach und warfen ab und an- aus versehen natürlich- irgendwelche Sachen auf Leahs Bett.

Leah blieb ruhig und wartete ungeduldig, dass Louise, Marylin und Ariane endlich fertig mit umziehen wurden und zum frühstücken gingen.

In solchen Situationen wusste Leah ganz genau warum sie sonst immer eine halbe Stunde vor den anderen aufstand…

Leah war gerade wieder am dösen (die Ruhe nachdem die Mädchen gegangen waren war himmlisch) als sie hörte wie die Tür aufging.

Nicht schon wieder, dachte sie genervt. Niemand konnte so schnell mit frühstücken fertig sein!

Sie tat so als würde sie weiter schlafen und hielt die Augen fest geschlossen. Hätte sie gestern Abend nicht mal vergessen den Vorhang magisch zu verschließen, damit ihn keine der anderen öffnen konnte…

Seltsamerweise schloss jedoch niemand die Tür hinter sich zu.

Stattdessen hörte Leah Annas Stimme, die sagte: „Blaise wartet im Gemeinschaftsraum auf dich."

Dann hörte sie ein Türen schlagen und Schritte die wieder die Treppe hinunter liefen.

Blaise wartete auf sie?

Aber warum?

Es war doch Sonntag und- Oh!

Heute war das erste Hogsmeade Wochenende!

Wie hatte sie nur nicht mehr daran denken können?

Sie würde Blaise wohl oder übel sagen, das er ohne sie gehen musste, denn Leah hatte keine Erlaubnis ins Dorf zu gehen.

Tonks hatte ihr zwar den Erlaubniszettel mitgegeben, aber die Unterschrift vergessen.

Oder hatte sie es vielleicht als zu gefährlich erachtet Leah nach Hogsmeade gehen zu lassen?

Leah seufzte und stand auf.

Auf dem Weg zum Frühstück erklärte Leah Blaise grob die Lage.

„Ich kann dir die Unterschrift fälschen, wenn du willst", schlug Blaise vor, doch Leah lehnte dankend ab.

Wenn Tonks sich sorgen machte und sie deshalb nicht gehen lassen wollte, dann vertraute sie ihr. Man konnte schließlich nie wissen, wo die Gefahr lauerte.

Am Slytherintisch angekommen, erwartete Leah jedoch eine Überraschung.

Ein brauner Waldkauz flitzte zu ihr, sobald sie sich gesetzt hatte und pickte ihr ungeduldig auf den Fingern herum.

Anscheinend hatte er schon länger hier gewartet.

Rasch nahm Leah ihm den dünnen Brief ab und machte ihn dann vorsichtig auf.

Er hatte weder einen Absender, noch war er an jemanden genauen adressiert, aber der kurze Inhalt klärte Leah über alles auf.

Tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat bis ich mich melden konnte, aber du weist ja, die Zeiten sind unruhig. Professor Snape hat deine Hogsmeade Erlaubnis. Erklärungen später, wir treffen uns beim Mittagessen

Dieser Brief musste von Tonks sein!

Nur was meinte sie mit „wir treffen uns beim Mittagessen"?

War Tonks etwa in Hogsmeade?

Fröhlich lächelte Leah vor sich hin.

Endlich! Endlich konnte sie Neuigkeiten erfahren und wieder mit Tonks reden!

Und sie durfte nach Hogsmeade!

Aber warum hatte Professor Snape ihre Erlaubnis?!

Sie hatte außer in Verteidigung gegen die dunklen Künste noch nie mit ihrem Hauslehrer gesprochen und um ehrlich zu sein, war er ihr etwas suspekt.

Er bevorzugte die Slytherins, als wären sie seine eigenen Kinder und vergab an alle anderen ohne Skrupel die ungerechtesten Strafen und Noten.

Sein Verhalten gefiel Leah ganz und gar nicht.

„Wer macht dich so glücklich", wollte Blaise wissen und gab Leah etwas von seinem Rührei ab. „Iss endlich", befahl er.

Leah grinste. Blaise war einfach unverbesserlich.

Gehorsam nahm sie ein paar Bissen, bevor sie ihm antwortete.

„Ich kann doch nach Hogsmeade. Allerdings muss ich mich zum Mittagessen mit jemandem da treffen."

Blaise sah sie nur an.

Sie wusste, dass er nicht nachfragen würde.

Sowieso schien er immer alles zu wissen oder zu mindest Verständnis für sie zu haben.

Warum nur? Warum war er nur so lieb zu ihr?

„Dann lass uns los, sonst vertrödeln wir noch den ganzen Tag", sagte Blaise und sprang auf.

Hogsmeade war einfach unglaublich! Leah konnte sich nicht satt sehen an dem kleinen Zaubererdorf mit seinen Hütten und Kneipen.

Überall gab es etwas Neues für sie zu entdecken und sie konnte es immer noch nicht fassen tatsächlich einmal aus Hogwarts heraus gekommen zu sein.

Snape hatte wirklich ihre Erlaubnis gehabt und ohne ein Wort darüber zu verlieren hatte er sie am Schultor passieren lassen.

Der Spaziergang mit Blaise war wie üblich lustig gewesen.

Blaise erzählte ihr, was man alles im Dorf machen konnte und brachte sie zum lachen.

Trotzdem grübelte Leah die meiste Zeit des Weges darüber nach, wo Tonks sie überhaupt treffen wollte- und wann genau überhaupt?

Sie würde wohl einfach abwarten müssen.

„Hörst du mir noch zu", fragte Blaise belustigt und stupste Leah in die Seite.

Verwirrt sah sie auf und wurde etwas rot.

„Tut mir Leid, was hast du gesagt?"

Blaise grinste. „Ich wollte nur wissen, wo wir zuerst hinwollen. Hast du Lust zu Zonkos zu gehen?"

Leah wollte gerade nicken, als sie hinter einem der Häuser eine Gestalt mit rosanem Haar erkannte.

Tonks!

Sie musste sich zusammen reißen, um ihren Namen nicht laut auszusprechen, denn Blaise wusste ja nichts von Tonks.

Zu mindest glaubte Leah das. So ganz sicher war sie sich da nicht…

„Können wir uns später wieder treffen? Ich muss dringend noch etwas erledigen." Mit diesen Worten verschwand Leah hinter der nächsten Hausecke und ließ einen verwirrt hinter ihr her blickenden Blaise zurück.

Irgendwann in nächster Zeit musste sie unbedingt herausfinden, wie viel Blaise über sie wusste und vor allem woher er alles wusste…

Aber jetzt hatte sie definitiv keine Zeit dafür.

„Tonks?" Leah flüsterte fast, denn sie traute sich nicht laut zu sprechen.

Auch wenn sie sich gerade in einer ruhigen Seitenstraße befand, wer wusste schon, wer hier in der Nähe alles herum lief…

„Leah!"

Erfreut umarmte Leah die vor ihr um die Ecke gebogene Tonks.

„Was machst du hier? Und warum hatte Professor Snape meine Erlaubnis? Gibt es Neuigkeiten", sprudelte es nur so aus Leah heraus.

Tonks grinste.

„Ich hab einen Auftrag als Aurorin gekriegt. Ich soll im Dorf nach dem rechten sehen. Aber lass uns erst mal irgendwo anders hin gehen. Hier ist es viel zu kalt."

Leah nickte und Tonks führte sie in ein kleines Café, dass durch und durch rosa eingerichtet war und in dem ausschließlich Pärchen saßen.

Irgendwie erinnerte Leah dieses Café an Tonks Wohnung, aber das sagte sie lieber nicht.

„Hier sind nur Verliebte, die interessiert es nicht im geringsten wer noch hier rumstromert und sich über- nun ja über gewisse Dinge unterhält", erklärte Tonks und bestellte zwei Tassen Kakao für sich und Leah.

„Muffliato", murmelte Tonks den Spruch der es zuließ, dass niemand um sie herum ihr Gespräch belauschen konnte.

„Wie geht's dir", fragte Tonks, nachdem die beiden sich an einen freien Tisch in einer Ecke gesetzt hatten. „Kommst du klar?"

„Es ist in Ordnung", antwortete Leah und überlegte, wie viel sie Tonks sagen sollte.

Sie wollte nicht, dass Tonks sich zu sehr sorgen machte…

„Die meisten Slytherins sind nicht gerade freundlich." Leah zuckte mit den Schultern.

„Ich hab dich vorhin mit dem Zabini Sprössling gesehen."

Leah starrte Tonks an und wurde rot.

„Blaise ist wirklich nett zu mir." Sie spielte unruhig mit ihrer Tasse. Sie konnte die Beziehung zwischen Blaise und ihr einfach nicht beschreiben. „Er ist irgendwie so lustig und viel lieber als die anderen."

Tonks sah sie einige Sekunden an, dann seufzte sie.

„Pass nur auf dich auf. Seine Eltern sind Anhänger von Voldemort. Und gute Freunde von den Malfoys. Soweit ich weiß, soll er nach der Schule zum Todesser ausgebildet werden. Wahrscheinlich weiß er eine ganze Menge mehr über dich, als dir lieb ist."

Leah erstarrte.

Das konnte nicht wahr sein!

Natürlich hatte sie sich gedacht, dass Blaises Eltern Todesser waren, aber das sie auch noch Freunde von Lucius sein sollten…

Blaise wusste soviel über sie… und er hatte für all ihre schlechten Launen und Misstrauensattacken Verständnis gezeigt.

Das wies doch darauf hin, dass er ganz genau über sie Bescheid wusste, oder?

Auch warum er nie etwas nachgefragt hatte. Wer musste schon fragen, wenn er sowieso schon alles wusste?

Aber eine kleine Stimme in Leahs Kopf, weigerte sich, dass ganze zu glauben.

Nein, Blaise doch nicht. Es konnte nicht sein, dass er die ganze Zeit alles gewusst hatte. Er konnte, dass doch nicht etwa ausgenutzt haben, um ihre Gunst zu erreichen, oder?

Sie wusste, dass es nicht mehr lange gedauert hätte, bis sie ihm von ihrem Vater erzählt hätte. Oder zu mindest von ihrer Mutter.

Leah musste sich zwingen und die Tränen aus ihren Augen verbannen.

Verdammt! Sie hatte doch tatsächlich angefangen Blaise zu vertrauen.

„Ich wollte dir nur sagen, dass du vorsichtig sein musst. Es ist nicht gesagt, dass er irgendetwas weiß. Vielleicht haben seine Eltern alles vor ihm verschwiegen", sagte Tonks leise.

Aber Leah schüttelte nur den Kopf.

Wenn Blaise Eltern mit den Malfoys vertraut waren, dann war alles klar.

Sie hatten es ihm erzählt, damit er sich auf eine andere Art als Draco, um sie kümmerte.

Wahrscheinlich hatten sie versucht so mehr über sie und ihren Vater heraus zu finden.

Wenn sie nur daran dachte, dass sie manchmal kurz davor gewesen war, Blaise etwas zu erzählen…

„Woher weißt du das", fragte Leah und stellte endlich wieder ihre Tasse ab, deren Inhalt mittlerweile schon ein wenig übergeschwappt war und am Rand herunter lief.

„Professor Snape ist im Widerstand. Deswegen hatte er auch deine Erlaubnis."

„Aber Gerüchte sagen, dass er ein Todesser ist", sagte Leah. Ein weiterer Grund, warum sie versuchte so selten wie möglich mit ihm zusammen zutreffen.

Tonks nickte. „Das ist richtig. Er arbeitet für beide Seiten. Er ist unser Spion."

Niedergeschlagen stand Leah auf der Hauptstraße des Dorfes.

Zwar hatte sie Tonks versichert, das alles in Ordnung war, aber irgendwie fühlte sie sich nicht danach.

Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie zurück zum Schloss gehen oder noch im Dorf bleiben sollte.

Zwar hätte sie sich noch gern weiter umgesehen, aber die Chance, dass sie Blaise traf war zu groß und Leah fühlte sich zurzeit nicht in der Lage sein fröhliches Gesicht zu ertragen.

Langsam in ihre Gedanken vertieft trottete Leah den Weg zum Schloss zurück.

Es war noch früh, weswegen sie allein war und weder hinter noch vor sich jemanden sehen konnte.

Aber das war auch eigentlich ganz gut so, denn zurzeit hatte sie nicht die Nerven sich die Hänseleien der Slytherins oder die sorgenvollen Fragen ihrer Gryffindor Freunde anzuhören.

Sie musste nachdenken.

Über Blaise.

Über die ganze Situation…

Sie hätte Blaise niemals so nah an sich heran lassen dürfen.

Vielleicht war es ja sogar falsch gewesen Harry so viel zu erzählen.

Sie hatte zugelassen, dass sie angefangen hatte die beiden Jungen zu mögen… dabei wusste sie doch ganz genau, dass das immer ein Fehler war. Dass das immer nur zu Leid und Enttäuschungen führte… Genau wie jetzt auch.

Es dauerte einige Minuten bevor Leah registrierte, dass es unglaublich still um sie herum geworden war.

Kein Vogel Gezwitscher oder andere Geräusche waren mehr zu hören… nicht einmal Eulen flogen über sie hinweg.

Leah blickte sich misstrauisch um.

Sie war genau in der Mitte zwischen Hogwarts und Hogsmeade- und sie war vollkommen allein…

Panik packte sie.

Das war überhaupt nicht gut!

Das war gar nicht gut!

Oberste Regel ihrer Mum: Halte dich niemals alleine an Orten auf, an denen sich keine anderen Menschen in der Nähe befinden, die du um Hilfe rufen könntest

Sie hätte doch auf Blaise warten sollen…

Oder mit den anderen hoch zum Schloss gehen sollen. Egal ob das Slytherins oder Hufflepuffs gewesen wären.

Ein PLOPP hinter Leah verriet ihr, dass ihre schlimmsten Befürchtungen wahr geworden waren.

Noch bevor sie sich um drehen konnte oder noch irgendetwas anderes hörte, duckte sie sich genau in dem Moment, in dem der lautlose „Stupor" über sie hinweg flog.

‚Verdammt! Verdammt! Verdammt', fluchte sie innerlich und zog zitternd ihren Stauberstab aus ihrer Tasche.