Leah drehte sich um und zwang sich dabei die Augen offen zu halten.
Am liebsten hätte sie die Augen zu gekniffen und wäre weg gelaufen, aber das einzige was sie damit erreicht hätte, wäre wahrscheinlich einen Schockzauber im Rücken zu haben.
Eine einzelne Frau in einer schwarzen Robe mit Kapuze stand Leah gegenüber. Ihr Gesicht, das kaum zu erkennen war, schien zu einem Grimassen Artigen grinsen verzogen.
Wer zum Teufel war das?
Die Frau richtete ihren Zauberstab auf Leah und murmelte etwas.
Unwillkürlich errichtete Leah einen Schutzring um sich.
Wenn sie doch bloß schon die ungesagten Zauber gehabt hätte. Aber die kamen erst in der sechsten…
Wie verteidigte man sich gegen ungesagte Zauber?
Denk nach, Leah, denk nach…
Leah spürte, wie ihr Schutzring mit jedem erneuten Angriff schwächer wurde.
Wenn sie doch nur gewusst hätte, welche Zaubersprüche die Frau benutzte. Dann hätte sie die Gegenzauber sprechen können…
‚Angriff ist die beste Verteidigung.'
Wer hatte das gesagt?
Es wollte Leah nicht einfallen, aber das war ja auch eigentlich egal.
Sie ließ ihren Schild sinken, zwei Zaubersprüche gleichzeitig aufrecht zu erhalten ging einfach nicht.
„Pertrificus Totalus", rief sie, aber die Frau blockte ihren Zauberspruch lässig ab.
Natürlich, sie konnte ja auch hören welche Sprüche Leah benutzte.
Sie musste unbedingt lernen, wie diese ungesagten Sprüche funktionierten!
„Expelliarmus!"
Wieder blockte die Frau Leahs Zauber und schoss diesmal sogar im selben Moment einen Zauber auf Leah zu.
Leah konnte ihn nicht hören, aber sie sah ihn.
Sie sah ihn auf sich zurasen.
Im letzten Augenblick wich sie ihm stolpernd aus und fiel zu Boden.
Rasch versuchte sie sich aufzurappeln, aber die Frau hatte die Chance genutzt sich näher auf Leah zu zu bewegen.
Jetzt stand sie genau über Leah und starrte sie aus unergründlichen, dunklen Augen an.
„Du bist also die Tochter meines unwürdigen Cousins, den ich im Sommer in seinen verdienten Tod geschickt habe", zischte sie. „Genau dasselbe sollte ich auch mit dir machen."
Sie lachte dreckig, während es in Leahs Gehirn arbeitete.
Die Cousinen ihres Vaters waren…
Andromeda, Bellatrix und Narzissa.
Dies hier musste also entweder Bellatrix Lestrange oder Narzissa Malfoy sein.
Beide waren grausam! Nachdem Tonks ihr von der Sache erzählt hatten, die die beiden ihrer eigenen Schwester angetan hatten, wusste Leah das nur zu genau.
Noch immer starrte die Cousine ihres Vaters auf sie herunter.
Leah wusste, ihr blieb nur eine einzige Möglichkeit. Eine einzige Aktion. Die in den nächsten paar Sekunden folgen musste.
Noch immer hielt sie ihren Zauberstab in der Hand… aber die Frau würde jeden Spruch abblocken, das wusste Leah von vorne rein.
Deswegen konzentrierte sie sich so stark es ging auf ihren Zauberstab und schwenkte ihn unmerklich.
Bitte lass es funktionieren, bitte lass es funktionieren, dachte sie angestrengt.
Rote Funken schossen aus ihrem Zauberstab hoch über ihren Kopf, sodass das ganze Dorf und zu mindest halb Hogwarts sie sehen mussten…
Wütend starrte die Frau sie an.
Mit einem Fußtritt gegen Leahs Hand beförderte sie Leahs Zauberstab außer Reichweite.
Leah hörte ein paar ihrer Finger knacken.
Schmerzend schüttelte sie ihre Hand, wie um ihn zu vertreiben.
„Lucius will nicht das du stirbst, Erhaltung der Reinblüter", sie lachte dreckig. „Also keine Angst, ich werde dich nicht umbringen, egal wie sehr du es dir nach unserem kleinen ‚Familientreffen' auch wünschen wirst."
Leah starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an.
„Crucio!"
Es war Leah, als würde plötzlich alles nur noch in Zeitlupe verlaufen.
Erst war da gar nichts.
Und dann kam der Schmerz.
Unsäglicher Schmerz!
Ein Schmerz, den zu beschreiben kaum möglich war.
Alles in Leahs innerem zog sich zusammen, sprang dann urplötzlich wieder auseinander und begann von vorn.
Ihre Muskeln protestierten, sie zitterte unkontrolliert und ihre Eingeweide hätten sich am liebsten übergeben.
Aber das ging nicht.
Es ging gar nichts.
Leah konnte sich nicht bewegen.
Kein einziger Knochen oder Muskel rührte sich in ihrem Körper.
Schon nach ein paar Sekunden voller Schmerzen, konnte sie sich nicht mehr darin erinnern, wie es war, ohne Schmerzen zu leben.
Leah wünschte nur es würde aufhören… endlich aufhören…
Alles schrie nur so vor Schmerz in ihrem innern, aber ihr Mund öffnete sich kein Stück.
Sie biss sich ihre Lippe wund, um den Schrei zu widerstehen, der unbedingt hinaus wollte.
Aber sie konnte ihr nicht die Genugtuung geben…
Die Cousine ihres Vaters lachte herablassend- und senkte endlich den Zauberstab.
Schlagartig ließ der Schmerz nach und eine Welle der Erleichterung durchflutete Leah.
Zusammen gekrümmt lag sie auf dem Boden.
Noch immer schmerzten ihre Muskeln, ihre Hand, ihre Lippen.
Warum kam denn niemand?
Hatte etwa niemand ihren Hilferuf bemerkt?
Hier liefen doch sonst so viele Menschen vorbei.
Zitternd versuchte Leah sich hoch zu kämpfen, als sie ein weiterer ungesagter Fluch in den Bauch traf.
Leah sie keuchte auf und bemerkte verwirrt, dass sie Blut spuckte.
Das war gar nicht gut…
Ganz kurz schloss sie die Augen und versuchte wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
Zögernd schielte sie zu ihrem Zauberstab.
Er lag definitiv außer ihrer Reichweite, aber wenn sie…
„Crucio!"
Der Fluch schleuderte Leah zu Boden.
Ziemlich unglücklich landete sie auf ihrer schon verletzten Hand und musste wieder die Zähne zusammen beißen, um nicht aufzuheulen.
Diesmal schienen die Schmerzen fast noch schlimmer als beim ersten Mal zu sein.
Sie zitterte ungehemmt und stumme Schmerzenstränen flossen Leah die Wangen hinunter.
Sie wollte, dass es aufhörte! Jetzt! Sofort!
Und wie durch ein Wunder, erfüllte sich Leahs Wunsch.
Sie hörte nur ein lautes „Stupor", bemerkte wie der Schmerz nach ließ und hörte ein leiseres „Plopp".
Zitternd versuchte sie sich aufzurichten, aber ihre Muskel, ja ihr ganzer Körper, protestierten und sie sank zurück auf den kalten Steinboden.
„Leah!"
Eine Stimme, die sie unter allen anderen wieder erkannt hätte.
„Leah!"
Blaise.
„Leah!"
Leah registrierte kaum, dass Blaise mittlerweile neben ihr kniete und sie besorgt musterte.
„Leah!"
Eine weitere Gestalt
tauchte neben Leah auf.
Verschwommen sah Leah irgendetwas pinkes blitzen, dann wurde alles schwarz um sie herum.
Sie stand mitten auf einer weiten, weißen Ebene und Angreifer rauschten auf sie zu.
Aber sie konnte sich nicht wehren.
Ihr Zauberstab lag nur ein paar Meter vor ihr, aber sie konnte ihn nicht ergreifen… sie war zu schwach, hatte zu viel Angst.
Immer näher kamen die Angreifer und Leahs einziger Wunsch war sich zu verstecken…
Sie rührte sich jedoch keinen Zentimeter von der Stelle, es ging einfach nicht.
Gleich würden die Angreifer sie erreicht haben, angstvoll ballte Leah ihre Hände zusammen.
„Leah! Leah!"
Jemand rief nach ihr. Die Angreifer?
„Leah! Leah wach auf!"
Verschwitzt und zitternd öffnete Leah blinzelnd die Augen.
Um sie herum war es dunkel, doch jemand saß neben ihr und schüttelte sie leicht an der Schulter.
Tonks.
Glitzernde Tränen liefen Leah über die Wangen.
Tonks war hier!
„Es ist alles wieder in Ordnung, Leah. Alles wird wieder gut", murmelte Tonks und zog Leahs Decke, die sie sich anscheinend im Schlaf frei gestrampelt hatte, wieder hoch.
Erst jetzt begann Leah zu begreifen wo sie überhaupt war.
Dies musste die Krankenstation von Hogwarts sein, denn um sie herum sah sie nur Tonks und Vorhänge.
„Schlaf weiter. Ich bleibe hier und pass auf dich auf, in Ordnung?"
Matt nickte Leah und schloss wieder die Augen.
Augenblicklich kam der Schlaf zurück, diesmal jedoch ohne die erschreckende Traumwelt.
„Ich hab von Anfang an gesagt, dass es eine schlechte Idee sei, sie hier her zu schicken! Im Hauptquartier wäre das nie passiert", brauste eine Stimme, die Leah irgendwie bekannt vorkam, auf.
„Du weist selbst, dass Hogwarts der sicherste Ort der Welt ist", antwortete eine zweite, ruhigere Stimme, die Leah ebenfalls kannte.
„Du kannst aber nicht jeden deiner Schüler schützen, Albus! Und Leah braucht diesen Schutz!"
Es ging um sie.
So schnell wie der Gedanke gekommen war, so schnell verschwand er auch wieder aus Leahs Kopf.
Es war als ob einzelne Gedankenstränge hin und her durch ihren Kopf flitzten, doch keinen davon konnte sie richtig zu fassen bekommen, um ihn zu Ende zu denken.
„Ich habe dir schon einmal gesagt, dass Bellatrix einen Sichtzauber angewendet hat, um jedem zu verschleiern, was auf dem Weg geschah. Nur wer Leahs Funken vom innern dieses Rings gesehen hatte, konnte auch die beiden sehen."
„Du hättest es trotzdem verhindern müssen", die aufbrausende Stimme klang jetzt leiser, aber immer noch wütend.
„Hört doch endlich auf", flüsterte nun eine dritte Stimme.
Bei dieser war Leah sich sicher. Das war eindeutig Tonks.
„Es ist viel wichtiger, dass Leah jetzt wieder gesund und Bellatrix geschnappt wird. Sobald es Leah besser geht, können wir uns immer noch darüber streiten, wie wir sie besser schützen können."
Blinzelnd schlug Leah die Augen auf.
Die Vorhänge um ihr Bett waren zurückgezogen und es war hell draußen. Wahrscheinlich war es schon weit nach Mittag oder so.
Neben ihrem Bett saß noch immer Tonks, vor ihrem Bett standen Remus und Professor Dumbledore.
Vorsichtig versuchte Leah sich aufzusetzen, doch da sie versuchte sich mit ihrem rechten Handgelenk aufzustützen, entwich ihr nur ein leiser Schmerzensschrei und sie sank wieder zurück in die Kissen.
Die anderen drei bemerkten nun endlich, dass Leah aufgewacht war und schenkten ihr alle ein warmes lächeln.
„Wie geht es dir", wollte Tonks sofort wissen und Leah lächelte leicht.
„Ich weiß nicht so genau", gab sie ehrlich zu.
Sie fühlte sich seltsam, irgendwie angematscht.
Sie spürte zwar zurzeit kaum Schmerzen (wahrscheinlich hatte sie einige Schmerzmittel bekommen), aber ihre Intuition sagte ihr, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmte.
In diesem Augenblick kam Madam Pomfrey, die Krankenschwester herein gerauscht.
„Wieso um Himmels Willen sagt mir denn niemand, dass das Kind aufgewacht ist? Alle raus, husch husch, auch Sie, Albus. Ich muss Leah erst einmal in Ruhe untersuchen und Sie regen sie mir nur wieder auf."
„Kann Tonks nicht bleiben", bat Leah.
Sie wollte nicht wieder allein sein.
Schon gar nicht mit dieser überfürsorglichen Krankenschwester. Es ging ihr doch eigentlich gut, oder nicht? Sie durfte nur nicht anfangen, über irgendetwas zu intensiv nachzudenken, besonders nicht über den gestrigen Tag…
„In Ordnung. Miss Tonks darf bleiben, aber die Männer müssen jetzt wirklich gehen", sagte Madam Pomfrey und hielt Remus und Professor Dumbledore die Tür auf.
Professor Dumbledore schenkte Leah und Madam Pomfrey ein lächeln und verabschiedete sich.
Remus beugte sich zu Leah hinunter.
„Es tut mir Leid, dass es so lange dauert, aber ich bin mir sicher, dass wir ihn bald finden werden."
Leah wusste genau wen er meinte, doch sie konnte Remus nicht ganz glauben. Es dauerte alles einfach schon viel zu lange…
Remus küsste sie auf die Wange und verschwand ebenfalls aus dem Raum.
„Nun denn, wollen wir einmal sehen", sagte die Krankenschwester und begann Leah zu untersuchen.
Sie horchte ab, fühlte, tastete und drückte herum.
Leah kam sich vor, wie bei einem Muggelarzt, nur dass dieser sicher nicht allein durch diese Tätigkeiten zufrieden gewesen wäre.
Madam Pomfrey schienen sie jedoch alles zu sagen, was sie wissen musste.
„Zwei Rippenbrüche, ein Handgelenkbruch, eine Gehirnerschütterung und eine Anzahl von blauen Flecken und Kratzern, sowie eine aufgebissene Lippe", lautete schließlich ihre Diagnose und sie verschwand in einem der angrenzenden Räume.
Tonks griff nach Leahs Hand und drückte sie.
Das war in Ordnung, überlegte Leah. Aus einem Todesserangriff mit ein paar Brüchen, blauen Flecken und einer Gehirnerschütterung raus zu kommen, war eigentlich gar nicht so schlecht.
Ihr Blick fiel auf Tonks.
Wenn diese nicht gewesen wäre, würde es ihr jetzt vielleicht viel schlechter gehen.
„Danke", flüsterte Leah, doch Tonks schüttelte nur den Kopf.
„Wenn der Zabini Junge nicht gewesen wäre, hätte ich dich nie gefunden", sagte sie leise.
Leah starrte sie aus großen Augen an.
Blaise hatte sie gefunden?
Aber hatte Blaise sie nicht hintergangen? Hatte er nicht gewusst, wer sie wirklich war, ohne es ihr zu sagen?
Stopp! Das alles wusste sie überhaupt nicht.
Vielleicht hatte Tonks wieder einmal Recht und Blaise hatte von nichts gewusst?
Leahs Kopf begann zu schmerzen, in ihrem Kopf schwirrte einfach zu viel herum. So konnte doch kein Mensch klar denken…
Madam Pomfrey kam wieder aus ihrem Zimmer zurück und gab Leah eine ziemlich Ekel erregende Medizin.
Nachdem Leah sie mühsam herunter geschluckt hatte, wurde sie auf einen Schlag todmüde.
Noch bevor sie überlegen konnte, ob Schlafmittel in der Medizin gewesen war, war sie auch schon eingeschlafen.
