Leah spürte warme Fingerspitzen auf ihrer Wange, die sie zärtlich streichelten.

Sie kuschelte sich näher der Handfläche entgegen.

Es war schön im warmen Bett zu liegen, die Schmerzen zu ignorieren und sich einfach fallen zu lassen.

„Hey, Kleines", flüsterte eine sanfte Stimme und strich mit dem Daumen weiter über ihre Wange.

Leah weigerte sich noch immer die Augen zu öffnen.

Dann hätte sie nämlich über all das Nachdenken müssen, was passiert war. Was sie erfahren hatte.

„Ich weiß, dass du wach bist", murmelte er, hörte aber nicht auf sie zu streicheln.

Sie hätte Ewigkeiten hier liegen können, aber sie wusste, dass es nicht ging.

Sie musste mit Blaise reden.

Und mit Harry.

Sie schlug die Augen auf.

Eine Sekunde dachte sie, irgendetwas wirklich Schlimmes wäre passiert.

Sie hatte Blaise noch nie so ernst und besorgt gesehen.

„Ist alles okay, Blaise", fragte sie und zog die Stirn in Falten. Schon wieder breiteten sich Kopfschmerzen in ihrem Kopf aus.

„Geht es dir gut", fragte er zurück und blickte sie aus ernsten Augen an.

Unwillkürlich musste sie lächeln.

Es war überhaupt nichts passiert. Es ging um sie. Er… tatsächlich, er schien sich Sorgen um sie zu machen!

„Wegen dir geht's mir bald wieder gut. Danke", sagte Leah und blickte dabei ebenfalls in seine Augen.

Einige Sekunden sahen sie sich beide unverwandt an, dann hielt es Blaise anscheinend nicht mehr aus.

Er beugte sich nach vorne und drückte sie an sich.

Hielt sie einfach nur fest.

Leah lehnte sich gegen seine Brust und schloss die Augen.

Genau wie Tonks gesagt hatte, es war alles gut geworden.

Blaise konnte einfach von nichts gewusst haben.

Dann hätte er sie doch niemals gerettet!

Wenn Leah nur daran dachte, was geschehen wäre, wenn Blaise sie nicht gefunden hätte, wurde ihr ganz schlecht…

Denk nicht darüber nach, schalt sie sich selbst, das bringt doch nichts.

Trotzdem drehten sich ihre Gedanken weiter darum.

Sie sah wieder Bellatrix hämisches Grinsen vor sich, ihr kaltes Lächeln und ihre eisige Stimme, als sie den unverzeihlichen Fluch aussprach.

Erst als Blaise begann ihr über den Rücken zu streicheln, bemerkte Leah, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen.

Dabei hatte sie sich doch selbst versprochen, nicht mehr so emotional zu sein!

Seit dem Tod ihrer Mum hatte sie nicht mehr geweint…

Aber es war so erleichternd endlich einmal los zu lassen…

„Du warst wirklich mutig gestern", flüsterte Blaise in ihr Ohr.

„Von wegen. Ich hatte unglaubliche Angst", gab Leah ehrlich zu und schluckte.

Blaise drückte sie noch fester an sich.

Sie glaubte ein „Ich auch" zu hören, aber sie war sich nicht ganz sicher.

Blaise richtete sich wieder auf, sodass sie sein Gesicht sehen konnte.

Jetzt lächelte er.

Endlich.

Ohne sein Lächeln war Blaise irgendwie nicht Blaise.

Dabei hatte sie ihn schon einige Male ernst oder auch wütend gesehen.

Eigentlich immer, wenn er mit jemandem aus einem der anderen Häuser zusammen getroffen war…

Leah setzte sich ruckartig auf. Ihre Kopfschmerzen wurden stärken.

Was war wenn…

Blaise musterte sie erschreckt. „Warum bist du so blas?"

Leah konnte die Frage nicht beantworten.

Plötzlich war ihr unglaublich schwindlig.

„Mir ist gar nicht gut", hauchte sie und nun wurde ihr zum dritten Mal in zwei Tagen schwarz vor Augen.

Als Leah das nächste Mal aufwachte, war sie vollkommen alleine.

Dachte sie zu mindest zuerst.

„Nicht aufsetzen", sagte eine bestimmte Stimme, noch bevor Leah überhaupt irgendeinen Versuch in diese Richtung wagte, schließlich waren die letzten Erinnerungen, was dabei passiert war, noch stark genug.

Madam Pomfrey trat in Leahs Blickfeld und fühlte ihren Puls.

„Du bist Ohnmächtig geworden", erklärte sie und warf Leah einen bedeutenden Blick zu. „Passiert dir das öfter", wollte sie wissen.

Leah wurde von Sekunde zu Sekunde verwirrter. „Ähm nein. Eigentlich nie."

Leah sah sich um.

Wo war Blaise?

War sie so lange Ohnmächtig gewesen?

Als die Krankenschwester Leahs umherschweifenden Blick bemerkte, sagte sie: „Ich hab sie alle rausgeschickt."

„Alle", echote Leah. Vorhin war doch nur Blaise da gewesen?

„Deine Besucher. Mr. Zabini, Mr. Potter, Ms Granger, Ms Weasley, Mr. Creevey und Ms Tonks, die zusammen mit Mr. Zabini und Mr. Potter wohl am hartnäckigsten war und unbedingt hier bleiben wollte."

Madam Pomfrey lächelte Leah zu, dann begann sie Leah zu untersuchen und das ganze abhören, abhorchen, abfühlen und tasten begann von vorn.

Doch diesmal war Leah mit ihren Gedanken wo anders.

So viele Besucher hatte sie gehabt… unglaublich.

Und Ginny und Hermine waren da gewesen! Sogar Dennis hatte sie besuchen wollen!

Was Blaise wohl dazu gesagt hatte, als er die ganzen Gryffindors gesehen hatte?

Es versetzte ihr einen winzigen Stich, dass keiner der anderen Slytherins gekommen war, um zu sehen wie es ihr ging.

Ist doch egal, dachte sie, Blaise ist hier gewesen- und Harry und die anderen Gryffindors auch. Das war alles was zählte- oder etwa nicht?

Aber Leah wusste, dass noch jemand hätte hier sein sollen… hätte hier sein müssen…

Ihre Mum hätte sich ganz sicher nicht von Madam Pomfrey weg scheuchen lassen, egal was diese gesagt hätte…

Ob ihr Dad auch so gehandelt hätte?

„Gibt es in Ihrer Familie Erbkrankheiten", fragte Madam Pomfrey unvermittelt und trat einen Schritt von Leahs Bett zurück, als wollte sie sie genauer betrachten.

Leah erstarrte.

Sie hatte keine Ahnung!

Sie kannte ja weder die Seite ihres Vaters, noch die Verwandtschaft ihrer Mutter richtig.

Ehrlich gesagt wusste sie nicht einmal ihre eigene Blutgruppe.

„Ich… ich weiß es nicht", antwortete sie schwach.

Warum wollte Madam Pomfrey das überhaupt von ihr wissen?!

„Sie müssen Tonks fragen, denke ich."

Gut Tonks, würde zu mindest mehr oder weniger die eine Hälfte ihrer Familie kennen.

Aber die andere? Auf der Seite ihrer Mutter gab es niemanden mehr. Die Lights waren sozusagen ausgestorben. Bis auf sie natürlich…

„Was ist denn los? Was stimmt denn nicht mit mir", fragte Leah nun, aber Madam Pomfrey sah nicht so aus als wollte sie es ihr sagen.

Die Krankenschwester schien erst zu überlegen, dann lächelte sie aufmunternd.

„Ach, eigentlich gar nichts. Ruhen Sie sich etwas aus. Ich werde Ms Tonks nur nach einer Kleinigkeit fragen", versuchte sie Leah zu beruhigen und ging in eines der angrenzenden Zimmer.

Allarmiert setzte Leah sich schwankend auf.

Eine Kleinigkeit? Erbkrankheiten waren doch keine Kleinigkeit!

Fieberhaft versuchte sie sich daran zu erinnern, ob ihre Mum jemals irgendetwas erwähnt hatte…

Doch ihr fiel nichts ein.

Ihr fiel nicht einmal ein, was ihre Mutter als letztes zu ihr gesagt hatte.

Das Leben und die Gespräche mit ihrer Mum schienen so schrecklich weit weg zu sein…

Dabei war das alles doch noch keine drei Monate her… Vor drei Monaten hatte ihre Mutter noch gelebt!

Wie konnte sie nur so schnell alles vergessen? So wenig an sie denken?

Schon wieder bemerkte Leah, dass ihre Augen feucht wurden.

Was zum Teufel war los mit ihr?

Sie war doch sonst nicht so…

Es schien Stunden zu dauern, bis Madam Pomfrey gefolgt von Tonks endlich wieder aus dem Nebenraum hervor kam.

Auf Tonks Gesicht las Leah Besorgnis.

Was hatte das alle zu bedeuten?

Gott, ihr war ein wenig schwindlig gewesen, aber das war doch ganz normal oder etwa nicht? Schließlich war sie gerade erst von einer Todesserin angegriffen worden.

Da konnte doch keiner davon ausgehen, dass sie sofort wieder gesund sein würde!

Tonks setzte sich an Leahs Bett und lächelte sie an, doch irgendwie gelang ihr das nicht, denn Leah erkannte die Angst in ihrem Blick.

Wie eine Zecke sprang sie zu Leah über und erfüllte sie selbst.

Wenn Tonks sich vor etwas fürchtete, dann musste es ernst sein.

Warum sagte nur niemand etwas?

In diesem Augenblick, drehte Madam Pomfrey sich zu ihr um.

Zuvor hatte sie noch die Vorhänge zu Leahs Bett zugezogen, um sie so vor den Blicken der beiden einzigen anderen Anwesenden (zwei Drittklässler aus Hufflepuff, die sich in Kräuterkunde verletzt hatten) zu schützen.

„Was ist denn nun mit mir?" Langsam wurde Leah wirklich ungeduldig.

Konnten ihr die Menschen in ihrem Leben nicht wenigstens ein Mal Rede und Antwort geben? Immer wurde sie im ungewissen gelassen!

Langsam ging ihr das gehörig auf die Nerven.

Sie war schließlich kein Kleinkind.

Verdammt, sie war sogar mit dem Tod ihrer Mutter fertig geworden! Da sollte doch jetzt keiner so eine Welle daraus machen und ihr stattdessen endlich sagen was ihr nun fehlte!

„So genau wissen wir das leider noch nicht, Leah." Endlich sprach Madam Pomfrey. „Anscheinend hast du große Kreislaufprobleme. Aber wir wissen nicht wodurch diese entstanden sein könnten, oder ob ihr Auslöser vielleicht eine andere Krankheit war."

Blinzelnd blickte Leah von der Krankenschwester zu ihrem Vormund.

Wollten sie ihr etwa ernsthaft sagen, dass sie hier zwar in einer Zaubererwelt lebten und alles, sogar bis zur Unsterblichkeit, erreichen konnten, aber mit so einer Kleinigkeit wie Kreislaufproblemen nicht klar kamen?!

Das konnte doch jetzt nicht wahr sein!

„Wir gehen davon aus, dass deine Mutter oder deine Großmutter eventuell die selben Probleme gehabt haben könnten", sagte Tonks nun und beobachtete Leah aufmerksam.

„Ich hab wirklich keine Ahnung. Mum ist nie umgekippt, wenn ich dabei war. Und Grandma auch nicht, aber als sie zuletzt gesehen habe, war ich vier, also kann ich mich nicht richtig daran erinnern. Kann man denn nichts dagegen tun?" Leah versuchte beherrscht zu bleiben.

Schließlich konnte weder Tonks, noch die Krankenschwester etwas dafür.

„Sollten die Kreislaufprobleme vererbt sein, so ist es schwierig gegen sie anzukämpfen. Erbkrankheiten können nicht ausgelöscht werden. Sie bleiben in deinem Körper. Natürlich, kann man etwas zu deiner Besserung tun. Eines davon ist zum Beispiel den Auslöser für deine Probleme zu finden", erklärte Madam Pomfrey.

Den Auslöser finden… woher sollte sie wissen, woher diese Ohnmachtsanfälle kamen?

„Ich bin vor dem Kampf noch nie Ohnmächtig geworden", sagte Leah.

„Kreislaufprobleme sind nicht nur Ohnmachtsanfälle. Das ist nur der Gipfel des Berges. Sie konzentrieren sich viel mehr auf Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Schweißausbrüche und Schwindelgefühl."

Leah erstarrte.

Konzentrationsschwierigkeiten?

Müdigkeit?

Es kam nicht selten vor, dass sie unglaublich müde war, obwohl sie die ganze Nacht geschlafen hatte- und Probleme beim konzentrieren hatte sie oft. Nicht wenn sie im Unterricht war oder so, eher wenn sie mit ihren Gefühlen überfordert war…

„Treten sie vielleicht unter Stress auf", wollte Leah plötzlich wissen.

Tonks sah sie aus großen Augen ab, aber Madam Pomfrey nickte nur.

„Meist bei seelischem Stress, ja."

Seelischer Stress… Sie stand also unter seelischem Stress. Und deswegen konnte man krank werden? So krank, dass sie das Bewusstsein verlor?

„Was… was kann man dagegen tun", flüsterte Leah.

Plötzlich war es ihr fast unangenehm, dass Tonks neben ihr saß und sie noch immer besorgt musterte.

Sie hatte niemandem etwas erzählt…

Niemandem gesagt, wie hin und her gerissen sie sich fühlte. Wie verloren sie eigentlich war und wie einsam sie sich oft vorkam. Wie gerne sie den Menschen vertrauen wollte, und wie oft ihr doch immer bewiesen wurde, dass sie niemandem trauen durfte!

Sie hatte niemandem von den Schikanen, der Slytherin Mädchen oder Dracos Drohungen erzählt.

Keinem gesagt, dass sie ihre Mum so sehr vermisste, dass ihr Herz drohte zu zerspringen. Das sie endlich jemanden haben wollte, der sie liebte und beschützte. Bedingungslos.

Sie hatte auch keinem gesagt, wie viel Angst sie hatte. Das man ihren Vater nicht wieder fand. Das die Todesser und Voldemort ihn zu erst finden könnten. Oder das Lucius Malfoy doch noch kommen könnte, um sie von Tonks weg zu holen…

Sie hatten niemandem etwas gesagt. Niemandem.