Erschöpft von dem Gespräch mit Madam Pomfrey lehnte Leah sich in ihre Kissen.
Noch immer gingen ihr die Worte der Krankenschwester nicht aus dem Sinn.
Sie war krank.
Krank weil sie zu viel nachdachte und weil sie sich zu viele Sorgen machte… Das war absurd!
Leah konnte einfach nicht glauben, dass so etwas krank machen konnte.
Doch ihr wollten auch die Ohnmachtsanfälle und ihre Konzentrationsschwierigkeiten nicht aus dem Kopf gehen…
Seufzend sah sie auf ihr Nachtischchen.
Madam Pomfrey hatte eine Reihe von verschiedenen Fläschchen auf den Tisch gestellt, denn um Leahs Kreislaufprobleme auf ein Minimum zu beschränken musste sie nicht nur ihre psychischen Probleme los werden, sondern sollte auch eine Menge trinken.
Bisher hatte Leah allerdings keine Ahnung wie sie ersteres anstellen sollte.
Natürlich, sie konnte endlich einmal damit anfangen mit Harry und Blaise zu reden und ihnen vielleicht auch die Situation erklären, aber gegen Draco und die anderen Slytherins konnte sie nichts tun. Genauso wenig wie sie die Rückkehr ihres Vaters beschleunigen oder ihre Mum zurückholen konnte.
„Möchtest du noch was trinken", unterbrach Tonks das Schweigen.
Anscheinend hatte sie Leahs Blick zu dem Tischchen falsch gedeutet.
Leah schüttelte den Kopf und versuchte ein lächeln zu Stande zu bringen.
„Es ist alles in Ordnung, Tonks, ehrlich."
Tonks seufzte und musterte ihren Schützling besorgt. „Ich glaube dir nicht, Leah. Aber ich muss trotzdem los, das Ministerium verlangt nach mir. Ich werde Harry sagen, dass er auf dich aufpassen soll."
Leah zuckte bei Harrys Namen zusammen. „Ich glaube nicht, dass das eine so gute Idee wäre."
Tonks sah sie fragend an.
„Es würde meine Situation nicht gerade erleichtern, wenn Harry die ganze Zeit um mich herum laufen würde", erklärte Leah zögernd.
Tonks nickte verständnisvoll.
Leah hatte nachdem Madam Pomfrey gegangen war endlich den Mund aufgemacht und ihr erzählt, wie sehr Draco sie unter Druck setzte. Zu erst hatte Tonks sich aufgeregt und war kurz davor gewesen zu Dumbledore zu marschieren, aber Leah hatte ihr klar gemacht, dass das die Situation höchstens verschlimmern würde.
Es hatte ihr gut getan darüber zu reden, trotzdem hatte sie Tonks nicht alles erzählt. Schließlich musste nicht jeder alles wissen, oder?
Über Sirius würde sie mit Harry reden. Ganz bestimmt. Bald.
Tonks beugte sich zu Leah hinüber und umarmte sie fest.
„Es tut mir so Leid. Wenn du mich brauchst oder reden willst, dann genügt nur eine Eule von dir und ich bin da, in Ordnung? Wenn es zu schlimm wird, holen Remus und ich dich einfach ab und du machst etwas Urlaub im Hauptquartier."
Leah nickte benommen. Sie wusste, dass sie Tonks Angebot nicht annehmen würde.
Es gab viel zu viel was sie noch aufholen musste und was es zu lernen gab.
Sie wurde sowieso schon anders als die anderen Schüler behandelt, noch mehr Sonderbehandlungen konnte sie ehrlich nicht gebrauchen.
Leah hatte sich gerade wieder bequem in ihre Kissen zurück fallen lassen, als sie auch schon erneut Besuch bekam.
Sie bekam heute wohl gar nicht mehr ihre Ruhe…
„Leah, wie geht's dir?"
Besorgt stellten sich Harry, Ginny, Hermine, Ron und Dennis um Leah herum.
Es war unglaublich lieb von ihnen gemeint, aber Leah fühlte sich einfach nur müde und erschöpft.
Sie wusste nicht woran es lag, aber im Bett zu liegen war irgendwie doch weit aus anstrengender als früh aufzustehen, den ganzen Tag im Unterricht zu sitzen, zu lernen und Hausaufgaben zu machen.
„Es ist schon in Ordnung, Leute. Ehrlich." Schon wieder log sie. Verdammt, kein Wunder das sie in Slytherin gelandet war…
„Du siehst aber trotzdem sehr blass aus", meinte Ginny misstrauisch.
„Ich bin nur etwas müde", sagte Leah und lächelte. „Aber es ist total lieb, das ihr mich besuchen gekommen seid."
„Wir waren vorhin schon mal hier", erzählte Dennis und lächelte zaghaft.
Leah musste sich ein Grinsen verkneifen. Dennis war manchmal so schüchtern, wahrscheinlich hatte er sich kaum getraut mit den Älteren Gryffindors mitzugehen und Ginny oder Colin hatten ihn dazu ermutigen müssen.
Hermine lächelte nun ebenfalls und reichte Leah ein Buch, über das sie sich erst letztens unterhalten hatten.
„Ich dachte dir ist vielleicht langweilig."
Leah bedankte sich und versuchte betont fröhlicher und wacher zu wirken.
Es gab schließlich schon genug Leute die sich um sie sorgten…
Merlin jetzt fing sie schon wieder damit an ihre Gefühle vor anderen zu verbergen… hatte sie nicht gerade erst erfahren, was das alles auslösen konnte?
Trotzdem brachte sie es nicht über sich den anderen von ihren Sorgen zu erzählen.
Die anderen begannen Leah darüber auszuquetschen was passiert war und diesmal erzählte sich auch alles ganz wahrheitsgemäß.
Als sie zum Schluss kam und erzählte, dass Blaise derjenige gewesen war, der sie gefunden hatte, wurden Harry und Rons Gesichtzüge grimmiger.
Die Mädchen und Dennis ließen sich davon allerdings nicht beirren. Anscheinend versuchten sie endlich zu akzeptieren, das Leah nun einmal auch eine Slytherin war und auch Slytherinfreunde hatte… oder zu mindestens einen.
Vielleicht wollten sie sich mit Leah aber auch einfach keine weitere Diskussion liefern, da sie ja noch immer im Krankenflügel lag und wie Hermine schließlich verkündete, bestimmt noch etwas Ruhe bräuchte.
Hermine, Ginny, Ron und Dennis verabschiedeten sich mit dem versprechen bald wieder zu kommen und ihr auch ihre Hausaufgaben zu bringen. Nur Harry rührte sich nicht vom Fleck.
Ohne ein Wort darüber zu verlieren gingen die anderen und ließen Leah mit ihm allein.
Bisher hatte der schwarzhaarige noch kein einziges Wort gesagt, was Leah ziemlich beunruhigte.
Schweigend setzte er sich auf einen Stuhl und betrachtete sie einige Zeit.
Sie traute sich nicht das schweigen zu durchbrechen, denn es war klar, dass er über irgendetwas Wichtiges nachzudenken schien.
Schließlich seufzte Harry. „Wir müssen reden."
„Gibt's was neues wegen Ginny", fragte Leah und tat so als gäbe es nichts wichtigeres, als sein Liebesleben.
Harry warf ihr einen bösen Blick zu.
„Du weist es und ich weiß es", sagte er leise. „Warum gibst du es nicht einfach zu?"
„Was denn überhaupt?" Noch immer versuchte Leah das Gespräch hinauszuzögern, aber anscheinend war der Augenblick der Wahrheit früher gekommen als sie es beabsichtigt hatte. Zu mindest konnte sie von hier aus nicht fliehen und musste sich so endlich dem Gespräch stellen…
„Du hast vorhin gelogen." Es war eine Feststellung, keine Frage. „Und du lügst oft. Du bist gut darin, aber gerade vorhin konnte man es dir ansehen."
Leah schwieg.
Natürlich hatte Harry Recht, aber das machte das ganze auch nicht unbedingt einfacher…
„Du hast gelogen was deine Herkunft, deine Schulbildung, deinen Gesundheitsstand und was weiß ich nicht noch alles angeht. Gibt es überhaupt etwas was ich über dich weiß, was nicht gelogen ist?"
Harry klang wütend.
Irgendwie musste er sich das alles selbst zusammen gereimt haben. Wahrscheinlich hatte er mit den anderen darüber gesprochen und so Puzzleteil für Puzzleteil zusammengesetzt.
Kurz schloss Leah die Augen. Das musste jetzt sein. Sie wusste es ganz genau.
Nur einmal in ihrem verdammten Leben musste sie jemandem blind vertrauen und hoffen, dass er ihr genauso vertraute, ihr glauben schenkte und sie verstand. Verstand warum sie ihn und alle anderen belogen hatte.
Sie öffnete ihre Augen wieder.
Am besten war es mit der Wahrheit zu beginnen.
„Ich heiße Leah Light. Ich bin wirklich mit Tonks verwandt und meine Großeltern mütterlicherseits sind Muggel. Außerdem ist Blaise tatsächlich der einzige Freund den ich unter den Syltherins habe, was du bestätigen kannst, da nur er hier war, um mich zu besuchen."
Verunsichert blickte sie zu Harry auf, doch dessen Gesicht schien ausdruckslos.
Zögernd fuhr sie fort: „Meine Mum ist in den Sommerferien gestorben. Sie hieß Amy Light. Ich habe mein ganzes Leben allein mit ihr verbracht- auf der Flucht vor den Todessern."
Harrys Augen weiteten sich. „Du warst also wirklich nie in Durmstrang?"
Anscheinend war er sich mit dieser These nicht sicher gewesen.
„Ich war noch überhaupt nie auf irgendeiner Schule", gab Leah zu. „Mum und ich mussten andauernd umziehen, um nicht von den Todessern gefunden zu werden, daher hat sie mich teilweise selbst unterrichtet. Anderes hat mir Tonks im Sommer beigebracht oder ich hab es aus Büchern gelernt."
„Aber warum? Was wollten die Todesser von euch?"
„Es ist wegen meinem Vater." Leahs Stimme war fast nur noch ein Hauch.
Wie sollte sie Harry bloß sagen, dass ihr Vater sein Pate war?
„Wer ist dein Vater?"
Da war sie. Die Frage, die Leah ihr ganzes Leben verabscheut hatte- und die sie nun endlich beantworten konnte.
Ganz kurz wanderte ihr Blick zu ihrem Nachttisch.
Zwischen den ganzen Flaschen lag ein Bild. Zwar war es umgedreht, doch Leah wusste ganz genau was darauf zu sehen war.
Ihre Eltern die sich im Arm hielten und in die Kamera winkten.
Harry folgte ihrem Blick.
„Nicht", flüsterte Leah, doch Harry war zu schnell.
Schon hatte er nach dem Foto gegriffen und es umgedreht.
Ein Keuchen entwich aus seinem Mund.
„Das… das ist…", seine Stimme brach und er starrte Leah einfach nur an, das Foto fest in seinem Griff.
„Meine Eltern", bestätigte Leah und versuchte ihre Stimme fest klingen zu lassen, doch irgendwie wollte es ihr nicht so recht gelingen.
„Ich hab es erst in den Ferien erfahren. Mum hat nie von ihm gesprochen. Sie hatte Angst, dass die Blacks uns finden würden und mich ihr wegnehmen würden."
„Sie haben deine Mutter getötet." Wieder klang es mehr nach einer Feststellung, als nach einer Frage.
„Ich war nicht Zuhause und…" Wieder war da das heiße brennen in ihren Augen, wie immer wenn sie an diesen Tag zurück dachte. „Und als ich wieder kam…" Sie konnte es nicht aussprechen. Es ging einfach nicht…
„Als du nach Hause kamst, war sie tot", vervollständigte Harry den Satz für sie.
Leah nickte dankbar.
„Ja. Kurze Zeit später fand mich Professor Dumbledore. Ich weiß nicht, wie er davon erfahren hat, aber er kam und gab mir einen Brief von meiner Mum, den sie schon vor Urzeiten für mich geschrieben hat. Darin stand das mein Vater Sirius Black ist."
Harry zuckte zusammen, doch Leah fuhr unbeirrt fort und erzählte ihm von dem Brief, von dem was Dumbledore gesagt hatte, von ihren Treffen mit Lucius Malfoy, vom sprechenden Hut und davon, wie sie schließlich bei Tonks gelandet war.
Nachdem sie geendet hatte war ihr Mund vom vielen Sprechen richtig trocken und sie lächelte Harry dankbar an, als dieser ihr etwas zu trinken reichte.
„Also bist du Sirius Tochter", murmelte er nach einer Weile. Er klang immer noch ungläubig.
Leah nickte.
„Und er weiß nichts von dir."
„Ich denke nicht."
Wieder schwiegen sie beide.
Wieder war es Harry der das Schweigen unterbrach.
„Merlin, wenn er das wüsste! Er würde sofort alle viere ausfahren und so schnell es geht hier her kommen." Bei diesem Gedanken musste Harry grinsen.
„Alle viere ausfahren", fragte Leah verwirrt.
„Sirius ist ein Animagus", erklärte Harry der verwirrten Leah. „Er kann sich in einen Hund verwandeln. Lange Geschichte die mit Remus, Peter Pettigrew und", er zögerte ganz kurz, „unseren Vätern zu tun hat. Sie haben sich früher die Rumtreiber genannt und allerlei Zeug angestellt. Noch schlimmer als die Legenden, die du über die Weasley Brüder gehört haben wirst."
Leah musste nun auch grinsen. Es war lustig sich vorzustellen, wie ihr Vater wohl in seiner Schulzeit gewesen war.
Doch etwas lag ihr noch immer auf dem Herzen.
„Es ist also in Ordnung für dich? Ich meine, dass ich Sirius Kind bin? Du findest es nicht schlimm?"
Harry starrte sie an.
„Schlimm? Leah, dass ist doch großartig. Jetzt hab ich sozusagen eine Cousine- oder Schwester. Wie man es sieht, denn für mich ist Sirius auch so etwas wie mein Vater." Er grinste. „Familienzuwachs ist immer toll!"
„Und du wirst es auch den andern nicht sagen", fragte sie nervös.
„Versprochen. Solange du es nicht willst, wird nichts und niemand je davon erfahren."
Erleichtert lächelte Leah Harry an.
„Dann bin ich jetzt auf die Rumtreibergeschichten gespannt!"
Sie lehnte sich zurück in ihre Kissen und Harry begann grinsend zu erzählen.
