„Du kannst dir nicht vorstellen, was sie für einen Ärger gekriegt haben", erzählte Harry ausgelassen. „Aber rausgeflogen sind sie nie. Ich denke, das lag an Remus, er hat sie immer vor dem schlimmsten zurück gehalten."
Harry grinste Leah an und sie grinste zurück.
Harry konnte wirklich gut erzählen und die Geschichten über die Jugend ihres Vaters waren einfach zu lustig.
Trotzdem hatte sie noch immer eine Frage, die sie nur zu gern beantwortet hätte.
„Weißt du… weißt du, wie meine Eltern sich kennen gelernt haben?"
Sie erwartete keine Antwort, woher sollte Harry das auch wissen?
Harry schwieg kurz. Sein Blick wurde wieder ernst.
„Tut mir leid. Ich weiß nicht mal richtig, wie meine Eltern sich kennen gelernt haben", sagte er leise.
Irgendwie wirkte er traurig.
Zögernd griff Leah nach seiner Hand und drückte sie.
Harry sah auf.
Zaghaft lächelte Leah ihn an.
Sie waren doch jetzt eine Familie- und eine Familie musste zusammen halten!
In diesem Moment ging die Krankenhaustür auf.
Leah blickte auf, ihre Hand lag noch immer in Harrys.
Sie wusste nicht wieso, aber in dem Augenblick in dem Blaise eintrat, zog sie ihre Hand instinktiv zurück.
Blaise blieb kurz an der Tür stehen, anscheinend war er unsicher ob er sich tatsächlich mit Harry in einem Raum aufhalten wollte, aber seine Sorge um Leah überwog und er trat an ihr Bett heran.
„Hi", murmelte Leah.
Die angriffslustigen Blicke die von Harry zu Blaise schossen machten sie nervös.
Doch Blaise sah Leah nur ruhig an.
Sie erwiderte seinen Blick und lächelte ihn leicht an.
Nach einer kurzen Weile nickte Blaise ihr zu, drehte sich um und verschwand wieder.
Verwirrt starrte Harry Leah an, die Blaise hinterher sah.
„Was war denn das", wollte er wissen.
„Er wollte nur wissen ob es mir gut geht."
Leah wurde rot und wandte sich wieder zu Harry.
Sie hatte Blaise genau verstanden.
Sie wusste, hätte er auch nur ein Wort gesagt, hätte er seine Abneigung gegenüber Harry nicht vergerben können. Für sie hatte er versucht sich dagegen zu wehren. Für sie war er trotz Harry in das Krankenzimmer gekommen. Um sie zu sehen.
Leahs Wangen färbten sich noch ein wenig röter.
Harry zog die Augenbrauen hoch. „Was läuft denn da zwischen dir und dem Slytherin?" Seine Stimme klang seltsam scharf.
Leah blickte ihn verärgert an.
Warum mussten diese Jungen nur immer noch diesem Kinderkram hinter her hängen?
Die Vorurteile zwischen den Häusern waren wie Abgründe. Einfach unüberwindbar…
„Blaise ist einfach nur nett zu mir!"
Eine Sekunde lang, glaubte Leah Harry wollte etwas erwidern, doch er schien sich eines besseren zu besinnen.
„Sei vorsichtig." War schließlich das einzige was er knirschend hervor brachte.
Schon wieder.
Auch Tonks hatte sie ermahnt auf sich aufzupassen…
Leah musste sich eingestehen, dass es bald kaum noch ein entrinnen geben würde.
Sie würde mit Blaise reden müssen.
Nur woher sollte sie wissen ob er wirklich die Wahrheit sagen würde?
In diesem Moment kam Madam Pomfrey und schimpfte mit Harry, dass er schon viel zu lange hier wäre und Leah sich nicht ausruhen ließe.
Seufzend verabschiedete sich Harry also, verschwand jedoch nicht ohne Leah noch einmal zuzulächeln.
Es dauerte noch fast eine Woche bis Madam Pomfrey und Professor Dumbledore Leah erlaubten den Krankenflügel wieder zu verlassen.
Ihre Verletzungen waren komplett verheilt und nur eine einzige kleine, feine Narbe an ihrem Handgelenk war von dem Bruch zurück geblieben.
Sowohl Harry, als auch Blaise hatten sie jeden Tag im Krankenflügel besucht, doch Leah war nicht ein Mal dazu gekommen, richtig mit Blaise zu reden.
Immer waren entweder zu viele andere Leute im Krankenflügel gewesen oder Madam Pomfrey war wieder einmal besorgt um sie herum gelaufen und hatte jeden verscheuchte, der Leah auch nur in irgendeiner Weise aufregen könnte.
Zu mindest erfuhr sie in dieser Zeit eine Menge über ihren Dad.
Harry schien wie aufgetaut- und es tat ihm sichtlich gut endlich einmal frei reden zu können.
Er erzählte Leah von seinen früheren Plänen zu Sirius zu ziehen, von ihren gemeinsamen Gesprächen und viele, viele Rumtreiber Geschichten, die Leah jedes Mal wieder köstlich fand.
Im Gegenzug dazu zeigte Leah Harry das Fotoalbum von Tonks und erzählte ihm, wie es war eine Mutter zu haben, wenn auch eine wirklich überfürsorgliche.
Nur das Thema Blaise, davon ließen sie beide die Finger.
Es war nur zu klar erkennbar, dass sich der Gryffindor und der Syltherin niemals einig werden würden und nur ihre gemeinsame Zuneigung zu Leah hielt sie davon ab, sich gegenseitig Flüche auf den Hals zu hetzen.
Leah war froh, als sie wieder aus dem Krankenflügel heraus war, denn sie hatte nicht nur eine Menge verpasst, sondern auch ihre anderen Freunde und den Unterricht vermisst. Was sie allerdings ganz und gar nicht vermisst hatte, war Draco Malfoy, der sie, sobald sie auch nur einen Schritt aus dem Krankenflügel gesetzt hatte, geradezu verfolgte.
Ihm war anscheinend aufgefallen, dass sie ziemlich häufig Besuch von einigen Gryffindors bekommen hatte und das passte ihm gar nicht in den Kram.
Seltsamerweise sprach er sie nicht darauf an, sondern begnügte sich damit sie finster anzustarren und hinter ihr her zu laufen.
Sie hatte keinen freien Abend mehr, denn sobald seine Unterrichtstunden vorbei waren saß er in ihrer Nähe oder schickte zu mindest Vincent oder Gregory alle zehn Minuten „unauffällig" (was man bei diesen beiden Riesen eben unauffällig nennen konnte) vorbei, um nach ihr zu sehen.
Leah verstand das ganze nicht. Er redete kein Wort mit ihr, ignorierte sie eigentlich vollkommen, aber trotzdem war er immer da.
Als wollte er seine Drohung, sie im Auge zu behalten, nun nur noch ernster nehmen.
Aber warum?
Seinen Vater hatte es bestimmt amüsiert, als er gehört hatte, was Bellatrix getan hatte…
Für Leah war es also ein Lichtblick, als Professor Slughorn sie eines Nachmittages zur Seite nahm und sie zu seiner Halloweenparty einlud.
Sie wusste, dass er niemals Draco einladen würde und auch Vincent, Gregory und Pansy gehörten nicht zu dem so genannten „Slug-Club".
Dafür aber Harry, Hermine, Ginny- und Blaise.
Fast konnte Leah es nicht fassen. Halloween stand an!
Sie war also erst seit knapp zwei Monaten auf Hogwarts. Dabei kam es ihr, wie eine Ewigkeit vor! Was nicht alles in der Zwischenzeit passiert war…
Und noch immer war ihr Vater nicht aufzufinden…
Durch Harry allerdings hatte sie neuen Mut gefunden.
Er machte Sirius das erste Mal für sie richtig lebendig. Lebendiger als alle Fotographien und alle Vorstellungskraft der Welt es je vermocht hätten.
Leah fand den Gedanken schön einen Abend allein mit ihren Gryffindorfreunden und Blaise verbringen zu können- auch wenn diese immer noch nicht miteinander redeten…
Seufzend dachte sie daran, dass es der perfekte Abend sein würde, um endlich in Ruhe mit Blaise sprechen zu können… es wurde Zeit.
Sie wusste das genau.
Sie hatte doch Tonks versprochen sich zu bessern… sie durfte nicht wieder alles in sich hineinfressen…
Allein Draco machte sie schon wieder schrecklich nervös.
Was wenn er eines ihrer Gespräche mit Harry mitbekommen hatte? Sie hatten zwischenzeitlich so seelig darüber gequatscht, wie es sein würde, wenn Sirius wieder da wäre und sie beide bei ihm einziehen könnten…
Madam Pomfrey bestellte Leah alle drei Tage zu einer Art Check-Up und jedes Mal schimpfte sie über Leahs Bluthochdruckwerte und ihren Vitaminmangel.
Sie selbst merkte es ja auch… In manchen Unterrichtsstunden musste Dennis sie regelrecht zwingen mit zu schreiben und sich ab und an zu melden, um ihre Note zu halten.
Sie durfte nicht schlechter werden. Sowieso wäre es ihr fast lieber gewesen, wenn sie endlich in ihre richtige Alterstufe springen dürfte.
Da wäre sie zwar dann nicht mehr mit Dennis in einem Jahrgang, dafür aber mit Ginny- und sie könnte endlich den Schlafsaal wechseln.
Nicht das sie glaubte die Slytherin Mädchen aus der fünften wären besser als die aus der vierten, aber zu mindest vielleicht weniger schlimm…
Ihr Entschluss stand also fest.
Nächsten Samstag, auf Professor Slughorns Halloweenparty, würde sie Blaise endlich zur Rede stellen.
Und sie betete dafür, dass sie sich lächerlich machen würde. Das er mit seinen lachenden Augen alles abstreiten, sie für verrückt erklären würde und dann alles wieder gut wäre…
Sie betete, ja.
Aber tief in ihrem Herzen glaubte sie nicht daran.
