Am Morgen von Halloween erwachte Leah mit einem wild schlagenden Herzen.
Gerade eben hatte sie davon geträumt, dass ein Vampir, der Blaise erschreckend ähnlich gesehen hatte, sie nach einem Flug über London aus einer Höhe von hundert Metern hatte fallen gelassen- und das nur, weil sie ihm zugerufen hatte, ob er seine Eltern mögen würde…
Langsam wurde es ihr echt zu bunt!
Heute Abend würde sie alles erfahren, was wichtig war, dass versprach sie sich selbst.
Blaise würde ihr nicht ohne ein Paar guten Antworten davon kommen!
Noch immer etwas verschlafen stand sie auf und tapste leise ins Badezimmer, um die anderen Mädchen nicht zu wecken.
Nach einer kurzen und kalten Dusche, die ihre Lebensgeister zurückholte, zog sie sich an und wollte gerade aus dem Bad heraus treten, um zum Frühstück zu gehen, als sie hörte, dass die anderen wach waren.
„Heute Abend trifft sich wieder dieser ‚Slug-Klub'", sagte Louise verächtlich.
„Habt ihr das gehört? SIE ist eingeladen", flüsterte Marilyn und lachte zynisch.
„Was will sie überhaupt da? Bildet sich wahrscheinlich ein, sie könnte mal irgendwo dazu gehören."
„Slughorn hat sogar diese Gryffindorweiber Granger und Weasley eingeladen, dabei soll er doch mal Hauslehrer von Slytherin gewesen sein." Das war eindeutig wieder Louise.
„Er hat sich doch total von Slytherin abgewandt", plapperte Ariane. „Er bevorzugt nur die anderen Häuser! Ich glaube nicht, dass überhaupt ein einziger Slytherin eingeladen ist."
„Außer IHR natürlich", gab Marilyn zu bedenken.
„Ach sie zählt doch gar nicht", meinte Ariane gehässig. „Aber ich glaube, Blaise geht doch auch hin, oder Anna?"
„Ja, Blaise ist eingeladen", kam es seufzend von Anna.
Sie bekannte sich tatsächlich nicht gerne zu ihrem etwas abgedrehten, älteren Cousin.
„Dein Cousin", quietschte Marilyn verzückt. „Er ist ehrlich süß, weißt du? Und er sieht so gut aus!"
„Hat er alles von seiner Mum, meiner Tante", murmelte Anna, die sich nicht wirklich für das Gespräch zu interessieren schien.
„Nur dumm, dass er andauernd mit dem Halbblut abhängt! Das ist doch nicht normal", meinte Louise jetzt.
„Er muss sich eben um sie kümmern, hat Dumbledore so verlangt, weil er ja dieses Jahr Vertrauensschüler ist", erklärte Anna.
Für sie war damit das Gespräch endgültig beendet, denn mit einem Türenschlagen verließ sie den Schlafsaal in Richtung Gemeinschaftsraum.
„Manchmal ist sie komisch", kam es leise von Ariane.
„Na ja, niemand kann etwas für seine Familie, oder? Sie ist nun mal mit ihm Verwandt, da kann sie ja auch nichts machen. Blutsverwandte sollte man besser verteidigen, das schadet sonst nur dem Familienruf", gab Louise altklug von sich.
„Also ich wäre gerne mit ihm verwandt." Marilyn kicherte dämlich und Ariane fiel mit ein.
So lachend machten sich die drei auf den Weg runter zum Frühstück.
Wie erstarrt stand Leah da und wartete bis die Stimmen verklangen und sie aus dem Badezimmer heraus treten konnte.
Nicht einmal ihren Namen konnten diese Weiber aussprechen und sogar Anna war so hinterhältig gewesen- aber nein, schalt sie sich im selben Augenblick.
Was hätte Anna sonst tun sollen? Sie musste sich gut stellen mit diesen Weibern, schließlich gab es in Slytherin fast nichts Wichtigeres als die Familienehre…
Und hatte Blaise nicht auch gesagt, dass Anna Probleme mit ihren Eltern hatte? Da war es wohl erst Recht wichtig, schön brav zu sein und dem 01815 Standard zu entsprechen.
Was wäre gewesen, wenn Leah auch hätte in dieser Welt aufwachsen müssen?
Oder wenn die Mädchen gewusst hätten, dass man Leahs Stammbaum zu mindest väterlicherseits die letzten 700 Jahre zurückverfolgen konnte?
Wenn ihr Nachnahme Black gewesen wäre, hätte man sie dann anders aufgenommen?
Wahrscheinlich wäre es wohl darauf angekommen, ob sie gesagt hätte, dass ihr Vater Sirius war, der Verrätersohn der Blacks.
Seufzend machte Leah sich auf den Weg in die Bibliothek.
Ihr war der Appetit gründlich vergangen- und Lust gerade jetzt auf Blaise zu treffen, hatte sie auch nicht.
-
Neugierig betrat Leah Professor Slughorns Büro.
War das schon immer so groß gewesen?
Die Hauselfen hatten wirklich ganze Arbeit geleistet, alles war in orange und schwarz dekoriert und schaurige Musik erklang von irgendwoher. Winzige Fledermäuse flogen durch den Raum und in einer Ecke hatten sich die Hausgeister versammelt und diskutierten ausgesprochen hitzig.
Als Leah die schon anwesenden Gäste sah, musste sie sich einen Lachkrampf verkneifen.
Professor Slughorn selbst hatte sich als übergroße und dickbäuchige Fledermaus verkleidet. Wahrscheinlich wollte er einen Vampir darstellen, aber irgendwie war es ihm nicht richtig gelungen…
Aufmerksam betrachtete Leah nun die anderen Schüler die schon da waren. Einige Jungen, die Leah nicht kannte waren als Zombies verkleidet, Ginny ging als Kürbis, das ganze biss sich wunderbar mit ihrem roten Haar, Hermine verkörperte die Muggelvorstellung von Hexen mit einer Warze auf der langen Nase, widerspenstigen Haaren und dem Reisigbesen in der Hand- und Harry…
Suchend sah sie sich um.
Neben Ginny stand zwar ein Hochgewachsener Junge, aber das war definitiv nicht Harry!
„Michael Corner, ihr Exfreund. Schätze, er will wieder was von ihr", murmelte es direkt neben ihrem Ohr.
Erschreckt sprang Leah einen Schritt zurück.
Harry, bleich wie ein Gespenst, grinste matt.
Endlich realisierte Leah was er da eben gesagt hatte.
„Du meinst Ginny und dieser-"
Harrys nicken ließ sie verstummen.
Mitfühlend sah sie ihn an.
Das musste wirklich hart für ihn sein.
Harry zuckte nur mit den Schultern. Was sollte er auch sonst tun?
Gerade wollte Leah etwas Aufmunterndes sagen, als Professor Slughorn neben ihnen auftaucht.
„Miss Light! Wundervoll sehen sie aus", rief er und betrachtete Leahs schwarzes, langes Kleid und den schwarzen, durchsichtigen Umhang den sie darüber trug.
Sie hatte sich nicht unbedingt als irgendetwas verkleiden wollen, aber anscheinend war es auch so in Ordnung, schließlich hatte auch nie jemand gesagt, dass Verkleidung Pflicht wäre.
„Und sie Mr. Potter, Inferi, richtig", fragte Professor Slughorn den bleichen Harry, der ihn nur verwirrt ansah.
Harry hatte sich eigentlich ebenso wenig verkleidet, wie Leah, doch Slughorn musste seine bleiche Gesichtsfarbe falsch gedeutet haben.
„Wirklich wundervoll! Haben sie meine Verkleidung erkannt?" Der Lehrer drehte sich strahlend einmal um die eigene Achse.
Innerlich verdrehte Leah die Augen. Dieser Mann war einfach viel zu sehr von sich eingenommen…
„Graf Dracula, oder Professor", ertönte eine Stimme hinter Harry.
Die beiden drehten sich um und Professor Slughorn lies ein betont fröhliches: „Richtig geraten, Mr. McLaggen", erklingen.
Harry verdrehte die Augen und Leah erinnerte sich daran, dass er erwähnt hatte, wie nervig dieser Junge sei.
„Haben sie die Karte meines Onkels gekriegt, Sir? Er und der Zaubereiminister waren ganz angetan von der Idee, sie mal wieder zu treffen", plapperte der Siebtklässler Cormac McLaggen munter und spannte Slughorn komplett in sein Gespräch ein.
„Gott, ich hasse diesen Typen", murmelte Harry und er und Leah entfernten sich rasch einige Schritte von der übergewichtigen Fledermaus und der Schleimspur die um ihn rum hing.
„Er wollte Hüter werden, weißt du? Aber zum Glück hat Ron die Testspiele gewonnen- und nicht er…"
Düster starrte Harry vor sich hin.
Verwundert musterte Leah ihn.
„Ist alles in Ordnung bei dir, Harry", fragte sie besorgt.
„Ich mag Halloween nicht besonders." Seine Stimme verriet, dass das noch ziemlich untertrieben war.
„Warum nicht", wollte Leah wissen.
„Es ist der Todestag meiner Eltern."
Leah starrte ihn erschreckt an. Das hatte sie nicht gewusst.
„Oh Harry", flüsterte sie. „Warum hast du denn nichts gesagt? Und warum gehst du heute auf eine Party?"
Er zuckte mit den Schultern.
„Es ist nicht so, als hätte ich diesen Tag nicht schon öfter erlebt", sagte er bitter.
Mit großen Augen blickte Leah ihn an.
„Ich möchte ehrlich nicht weiter darüber redeten", murmelte Harry und wandte sich genau in dem Moment um, in dem Hermine, Ginny und ein pummeliger, etwas tollpatschig wirkender Junge auf sie zutraten.
Anscheinend hatte Ginny Michael abgehängt.
„Hey Leah! Kennst du schon Neville Longbottom? Er ist in unserem Jahrgang", stellte Hermine den pummeligen Jungen vor.
Leah lächelte Neville freundlich zu. Sie war sich nicht ganz sicher, aber irgendwo am Rande hatte sie den Namen Longbottom schon einmal gehört. Sie würde Harry oder Tonks später fragen müssen.
„Als was gehst du", wollte Ginny grinsend wissen und ihr Kürbiskostüm wackelte bei jedem Wort auf und ab.
„Sicherlich stellst du einen der berühmten Qibbelbibbels dar. Sie sind wirklich furcht erregend. Eine tolle Idee zu Saint Koboldsday, dass ist nämlich der eigentliche Name für Halloween, da die Kobolde damals-"
„Hi Luna!" Wurde das verträumt wirkende Mädchen von Harry, Hermine, Ginny und Neville seufzend unterbrochen.
„Das ist Luna Lovegood, sie geht in meinen Jahrgang und ist in Ravenclaw", erklärte Ginny.
„Hi, ich bin Leah."
Luna beachtete Leah jedoch gar nicht, sondern begann Neville in ein Gespräch über Kronkorken und ihre geheimen Funktionen zu verwickeln, bzw. sie erzählte es und Neville tat so als würde er ihr aufmerksam zuhören.
Ehrlich, Harry hatte irgendwie lustige Freunde, dachte Leah bei sich, lächelte aber nach außen hin nur freundlich.
Die Party lief schon eine Weile und Leah stand lässig neben den Gryffindors und Luna und nippte ab und an an ihrem Butterbier.
Wo blieb nur Blaise?
Er hatte doch gesagt, dass er kommen würde, oder?
Hatte sie ihn überhaupt gefragt?
In den letzten Tagen hatte sie ihn wirklich selten gesehen…
Da!
Gerade hatte sie ihn am anderen Ende des Raumes entdeckt, belagert von der Fledermaus.
Leah entschuldigte sich bei den anderen und steuerte direkt auf den dunkelhaarigen Jungen zu.
Tief durchatmen, versuchte sie sich zu beruhigen, aber die Nervosität blieb.
„Hey Blaise." Ihre Stimme zitterte. Verdammt!
Blaise sah sie kaum an, sein Blick war ernst, das übliche Lächeln fehlte.
Irgendetwas stimmte nicht!
„Ich bitte um Entschuldigung, Sir. Ich glaube, ich hole mir etwas von ihrer köstlichen Bowle." Seine Stimme klang kalt, so unerreichbar kühl…
Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht!
Blaise ging an ihr vorbei, so schnell, dass sie es kaum merkte.
Rasch holte Leah ihn wieder ein und versuchte an seiner Seite zu bleiben.
Er ging nicht zu dem Tisch mit der Bowle, wie er es Slughorn gesagt hatte, sondern verschwand durch einen Wandvorhang nach draußen.
Schnell folgte Leah ihm und fand sich gleich in einem ihr unbekannten Korridor wieder.
‚Sei mutig, Leah, wenigstens einmal!', schoss es ihr durch den Kopf, als sie wieder mit Blaise Schritt fand.
Sie nahm all ihren Mut zusammen.
„Wir müssen reden, Blaise."
Gott das klang, als wären sie ein altes Ehepaar…
Er blieb abrupt stehen.
„Wirklich, Blaise. Irgendetwas stimmt nicht mit dir. Und ich will endlich wissen, woher du so viel über mich weißt! Ich-"
„Sei Still", zischte er.
Leah sah ihn erschrocken an. So hatte er noch nie mit ihr geredet.
„Sag kein Wort mehr, hörst du! Alles was du sagst, ist gefährlich. Alles was du mir anvertraust, kann dich dein Leben kosten."
Sie erstarrte.
„Du hast es also gewusst", hauchte sie. „Du hast es die ganze Zeit gewusst! Und ich hab dir vertraut, verdammt!"
Blaise sah sie eine Sekunde lang schmerzvoll an, dann wandte er den Blick ab.
Leah war den Tränen nahe.
„Du hast mich benutzt! Die ganze Zeit über! Wie konntest du nur?"
Die Frage war ernst gemeint und in einem leisen, verzweifelten Tonfall gestellt, doch Blaise schaffte es nicht einmal ihr in die Augen zu sehen.
Stattdessen wandte er sich ab und verschwand im Gewirr der Korridore.
Leah ließ sich auf den Boden sinken, nicht merkend, dass ihr die Tränen in Strömen über die Wangen flossen…
