Tonks hatte also richtig gelegen…

Leah weinte, schluchzte fast.

Blaise wusste, dass sie eine Black war. Und er hatte deutlich gemacht, dass er, sobald sie etwas sagen würde, es seinen Eltern, den Todessern, erzählen würde.

Aber warum?

Warum hatte er gesagt, sie solle still sein?

Warum hatte er sie nicht weiter ausgequetscht?

Warum war er schon vorher so ernst und kalt gewesen?

Was war nur passiert?!

Er konnte unmöglich gewusst haben, dass sie gerade heute mit ihm darüber reden wollte.

Und ihre Antworten hatte sie eigentlich noch immer nicht bekommen…

Es war alles so schnell gegangen…

Zitternd schlang Leah ihre Arme um ihren Körper und zog die Knie näher zu sich heran.

Die Kerker waren einfach viel zu kalt…

Vielleicht hätte sie ihn fragen sollen, was genau er mit seinem Satz „Alles was du sagst, ist gefährlich. Alles was du mir anvertraust, kann dich dein Leben kosten" gemeint hatte…

Sie hätte ihn weiter sprechen lassen und ihn nicht sofort beschuldigen sollen…

Er hatte dem ja schließlich auch nicht zugestimmt, erinnerte sie sich.

Aber er hatte es auch nicht abgestritten!

Die Tränen rannen ihr weiter die Wangen hinunter und tropften auf ihr Kleid und ihre Schultern.

Und sein Blick… dieser schmerzvolle Blick wollte ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen.

Sobald sie ihre Augen schloss, sah sie nur wieder seine schmerzverzerrten Augen vor sich…

Nur einen Augenblick lang hatte sie sie gesehen, aber es war wie ein Einblick in seine Seele gewesen.

Und wenn es ihm Leid tat?

Leah schluckte.

Wie oft hatte sie gelogen, um ihre Freunde zu schützen?

Wie oft hatte sie ihre Gefühle versteckt, um die anderen nicht in Gefahr zu bringen?

Aber er hätte doch offen mit ihr reden können…

Woher, verdammt, kam nur dieser plötzliche Sinneswandel seinerseits?!

Er war immer so nett zu ihr gewesen, hatte ihr alles von den Augen abgelesen, sich um sie gekümmert, sie beschützt, sie zum lachen gebracht. Es hatte so unglaublich gut getan mit ihm zusammen zu sein!

Und jetzt? Ganz plötzlich war er kalt und abweisend… und das auch noch bevor sie überhaupt ansatzweise gezeigt hatte, dass sie beide reden mussten.

Was war nur passiert?

Immer wieder diese Frage, die Leah sich nicht beantworten konnte.

Sie konnte sich sein Verhalten einfach nicht erklären.

Sie lehnte ihren Kopf gegen die kalte Steinwand.

Die Kühle war fast beruhigend. Sie merkte, wie müde sie war…

Sie hatte heute kaum etwas gegessen, da sie beim Essen nicht auf Blaise hatte treffen wollen, und so viel getrunken, wie Madam Pomfrey es verlangt hatte, hatte sie in den letzten Tagen auch nicht.

Sonst war es immer Blaise der neben ihr saß und sie aufmunternd daran erinnerte, dass sie mehr Gemüse essen und mehr Wasser trinken musste.

Er war es, der ihr noch spätnachts bei den Hausaufgaben half, sie abfragte und sie schließlich immer gespielt drohend ins Bett schickte.

Verstohlen wischte Leah sich über die Augen, aber das machte das Ganze nur schlimmer.

Die Tränen wollten einfach nicht aufhören und mittlerweile fühlten sich ihre Augen ganz schön geschwollen an.

Sie konnte so unmöglich zurück auf Slughorns Party.

Aber das wollte sie auch gar nicht.

Was wenn Blaise dahin zurückgekehrt war?

Obwohl sie das kaum glaubte, war es ja trotzdem möglich.

Schließlich musste ja der Schein gewahrt werden, schoss es ihr verächtlich durch den Kopf.

Sie wäre jetzt gern auf den Astronomieturm gestiegen, da oben fühlte man sich immer gleich etwas freier, aber zum einen glaubte sie nicht, dass sie den Aufstieg im Moment schaffen würde und zum anderen wusste sie nicht, ob Blaise vielleicht da oben war…

Es schien ihr, als wären es Stunden, in denen sie einfach nur so da saß, nachdachte oder auch versuchte gerade nicht über das eben Geschehene zu grübeln.

Niemand kam, um sie zu stören, anscheinend war der Korridor ziemlich abgeschieden…

Vor Kälte und Erschöpfung zitternd stand sie schließlich auf.

Ganz kurz wurde ihr schwindelig und sie musste sich an der Wand abstützen.

Sie hätte wirklich mehr trinken sollen.

Langsam folgte sie gedankenverloren dem Korridor. Irgendwann würde sie schon wieder irgendwo ankommen, wo sie sich auskannte.

Leah war noch nicht lange vor sich hin gestolpert (denn so konnte man eher beschreiben was sie tat), als sie um eine Ecke bog und gegen etwas prallte.

Oder eher gegen jemanden.

Erschrocken wäre sie fast hingeflogen, doch starke Arme hielten sie fest.

Leah sah auf, doch in der Dunkelheit war kaum etwas zu erkennen.

Wo war nur ihr Zauberstab?

Sie hätte Lumos verwenden sollen, auch wenn das bedeutet hätte, sich evtl. von Filch oder Mrs. Norris erwischen zu lassen.

Sie versuchte sich aus dem Griff zu befreien, doch ihr Gegenüber hielt sie weiterhin fest.

„Ich hab dir gesagt, du sollst die Dummheiten lassen! Und, dass Zabini kein guter Umgang ist, auch", grummelte es.

„Draco", entschlüpfte es Leah zutiefst erschrocken.

Verdammt! Von aller Welt, die sie mitten in der Nacht in einem dunklen Korridor treffen konnte, traf sie natürlich ausgerechnet auf Draco Malfoy!

So was konnte auch immer nur ihr passieren.

„Ja, genau der steht vor dir", entgegnete der blondhaarige wütend und zog sie mit sich. „Was zum Teufel treibst du mitten in der Nacht ausgerechnet hier?!"

„Hab mich verlaufen", gab sie eingeschüchtert zu.

Besonders in dieser Stimmung, in der Draco gerade war, erinnerte er sie viel mehr an seinen Vater, als an den netten Jungen, den sie in den Sommerferien kennen gelernt hatte.

„Verdammt, Black", schnarrte er. „Wenn dich einer der Lehrer erwischt hätte! Oder Filch! Wir hatten eine Abmachung, vergessen?"

Leah blieb stehen. „Was willst du überhaupt von mir? Lass mich doch endlich in Ruhe!"

Sie zitterte mittlerweile wie Espenlaub. Schon einmal hatte sie sich gegen einen Malfoy gestellt und sie konnte es wieder tun!

„Ich hab die Nase voll davon, andauernd von dir beschattet zu werden, nur wegen der Familienehre und so einem Schwachsinn! Als würde dich mein Leben interessieren! Oder deinen Vater! Ihr habt ja nur Angst, dass ich an die Öffentlichkeit treten könnte und sagen könnte, dass ich die rechtmäßige Erbin der Blacks bin, egal, ob ich ein Mädchen bin oder nicht! Ich hab keine Lust mehr darauf, dass du versuchst, mir das Leben zur Hölle zu machen! Verdammt noch mal, mein Leben ist doch sowieso schon die Hölle! Dann verpetz mich doch eben an euren Lord, wenn er wirklich so toll und intelligent wäre, wie du sagst, dann hätte er mich sowieso schon längst gefunden und umgebracht!"

Es brach einfach alles aus ihr heraus.

Der ganze Tag war der reinste Alptraum gewesen, der Traum am Morgen, das belauschte Gespräch vor dem Frühstück, Harrys deprimierende Stimmung, Blaise…- und jetzt kam auch noch Draco daher…

„Entscheide dich. Entweder du lässt mich von nun an in Ruhe oder ich werde den Anderen verraten, dass du mit einer Halbblüterin verwandt bist. Mir ist das gleich, noch schlechter als jetzt können sie mich sowieso nicht mehr behandeln, aber du hast einen Ruf zu verlieren", erinnerte sie ihn.

Leah fühlte sich schlecht dabei, Draco so zu drohen. Wie eine echte Slytherin…

Andererseits hatte er es verdient. Auch wenn er nur die Befehle seines Vaters befolgte war und blieb er ein gemeiner und hinterhältiger Hund.

„Lumos."

Draco ließ seinen Zauberstab erleuchten und ließ den Lichtschein über Leahs Gesicht wandern.

Sie versuchte die Angst aus ihren Augen zu vertreiben und ihn starr anzublicken, aber so ganz wollte ihr das nicht gelingen.

Außerdem wusste sie, dass ihre Augen vom vielen Weinen rot geschwollen waren und sie ziemlich blass im Gesicht sein musste…

„Nox."

Draco ließ sein Zauberstablicht wieder erlöschen.

„Du wirst deine Drohung nicht wahr machen!" Seine Stimme klang nicht mehr ganz so wütend wie vorhin, irgendwie hatte sie eine Spur von Verständnis angenommen.

Trotzdem war sie noch immer herrisch und bestimmend.

Aber Leah musste das jetzt durchziehen.

Wenn sie jetzt einen Rückzieher machen würde, würde sie es nie wieder wagen Draco so offen anzusprechen…

„Nur wenn du aufhörst mich andauernd zu verfolgen und auch Vincent und Gregory oder sonst wen nicht immer hinter mir her schickst. Außerdem will ich, dass die Mobbereien aufhören!"

Das war viel verlangt, das wusste Leah, aber wie war das gleich noch mal beim Handeln?

Zu hoch anfangen, damit man sich in der Mitte als Kompromiss treffen konnte, der meistens doch noch besser war als das, was man am Anfang hatte erreichen wollen.

„Ich kann den Anderen wohl kaum den Mund verbieten."

Sie wusste, dass er das sehr wohl gekonnt hätte, schließlich war er der Eisprinz von Slytherin, doch Leah lenkte ein.

„Aber du brauchst sie nicht auch noch anzustacheln. Ignorier mich einfach, mehr will ich doch gar nicht", schlug sie vor.

„Und was soll ich bitte meinem Vater sagen", zischte er. „Wenn du dich nicht benimmst und er erfährt, dass es meine Schuld war, weil ich dich nicht beobachtet habe?"

„Ich werde keine Dummheiten machen. Zumindest keine, die irgendwie auf eure ehrenwerte Familie", sie spuckte das Wort spöttisch aus, „zurückfallen könnten. Außerdem hast du doch garantiert auch besseres mit deiner Zeit anzufangen, als immer hinter mir her in die Bibliothek zu laufen."

Damit hatte sie nun endlich genau ins Schwarze getroffen.

Draco seufzte.

„Aber keine nächtlichen Spaziergänge mehr", knurrte er und Leah versprach auch dies, erleichtert darüber, dass Draco tatsächlich zugestimmt hatte.

Wahrscheinlich waren ihm diese ganzen Hinterherlaufaktionen auch ziemlich auf den Geist gegangen…

Mit Dracos schweigender Hilfe, fand sie auch den Weg zurück zum Gemeinschaftsraum der Slytherins.

Beruhigt stellte sie fest, dass niemand mehr wach war.

Es war schon weit nach Mitternacht und sie ging ohne Umschweife sofort ins Bett.

Draco sagte nichts mehr, sondern verschwand, sobald er sie im Gemeinschaftsraum abgesetzt hatte, wieder in den Korridoren des Kerkers.

Was er da wohl machte?

Aber Leah war zu müde, um ihn jetzt zu verfolgen.

Außerdem hatte sie ihm auch versprochen, keine nächtlichen Spaziergänge mehr zu unternehmen, und wenn sie nicht wollte, dass er ihr folgte, sollte auch sie ihm nicht folgen und ihn beschatten.

Das linderte ihr schlechtes Gewissen, wenigstens teilweise.

Sie wollte nicht so sein, wie die Slytherins, doch manchmal brauchte es anscheinend einer guten Drohung, um eine faire Verhandlungsbasis zu schaffen…

Als sie in ihrem Bett lag, legte sie einen Muffliato um die Vorhänge und verschloss sie magisch.

Sie hatte wirklich überhaupt keine Lust am nächsten Morgen von den schnatternden Weibern geweckt zu werden…

Sobald Leah allerdings die Augen schloss, sah sie wieder Blaise schmerzvolle Augen vor sich.

Solange sich ihr Kopf mit Draco hatte beschäftigen können, hatte sie nicht länger über ihn nachdenken müssen, aber jetzt alleine im Schlafsaal, kamen alle Gedankengänge zurück…

Wenn sie an den nächsten Morgen dachte, wurde ihr schlecht.

Sie würde allein frühstücken, alleine in der Bibliothek sitzen, alleine zu Mittag essen, alleine den Check-Up bei Madam Pomfrey machen, alleine zu Abend essen und niemand wäre da, um sie aufzuheitern, sie zwischendurch sanft zu berühren…

Schon wieder liefen Leah die Tränen über die Wangen und so weinte sie sich in den Schlaf.