Nach Halloween kam der November, nach dem November der Dezember und nichts davon bekam Leah so wirklich mit.

Es war als würde sie in einer Seifenblase leben und niemand um sie herum traute sich diese zerplatzen zu lassen.

Einige kurze Szenen sprangen in ihrem Kopf herum, doch Leah konnte sie nicht richtig zuordnen…

„Sie trinken zu wenig, Miss Light. Und dieser Stress… ich sehe es in Ihren Augen, meine Liebe. Sie wissen ganz genau, wie schlecht sich das auf Ihren Körper auswirkt!"

Madam Pomfrey Stimme klang scharf, auch wenn sie von Mitgefühl durchdrungen war.

„Versprechen Sie auf sich zu achten, oder ich werde mit dem Schulleiter reden müssen!"

Leah nickte mechanisch.

Sie versuchte es ja. Wirklich!

Aber irgendwie schien ihr Körper nie genug zu bekommen…

Madam Pomfrey entließ sie seufzend.

Leah betrat den Gemeinschaftsraum.

Wie immer waren die Sessel am Kamin von den Sechstklässlern besetzt, unter ihnen auch Draco und Blaise.

Draco sah kurz auf und sie erwiderte seinen Blick.

Er schwieg- sie schwieg.

So war der Deal.

Leahs Blick suchte den Blaise', doch er blickte stur auf die Feuerstelle.

Sie war noch immer zutiefst enttäuscht und verletzt- aber sie vermisste ihn auch so sehr…

Seine Art fehlte ihr einfach!

„Hast du die Hausaufgaben? Leah? Hörst du mir zu, Leah?"

Leah blickte auf.

Dennis schien seit geraumer Zeit auf sie einzureden.

„Sorry, was hast du gesagt?"

Dennis verdrehte gespielt die Augen.

„Schon wieder! Professor Slughorn wirft dich sicher noch mal aus seinem komischen Slug-Klub, wenn du dich weiter so treiben lässt!"

Treiben lassen… genau das war der richtige Ausdruck für das was sie tat…

Harry stellte sich genau vor sie und nahm ihr somit jede Möglichkeit auszuweichen.

„Du gehst mir aus dem Weg", sagte er wütend. „Ich glaube dir nicht, dass du keine Zeit hast! Mine sagt du sitzt andauernd alleine in der Bibliothek und Malfoy verfolgt dich auch nicht mehr! Also, was hab ich dir getan?"

Leah schaffte es nicht ihm in die Smaragdgrünen Augen zu blicken.

„Nichts", flüsterte sie.

„Nichts? Ach ja, und was ist dann bitte schön los?"

Harry würde sie nicht entkommen lassen- und genau das hatte sie gewusst.

Abgesehen von Blaise- schmerz durchzuckte sie, als sie an seine kalte Miene dachte- war Harry der einzige, der wirklich erkennen würde, was mit ihr los war.

Das es ihr nicht gut ging, errieten zwar auch die anderen, aber keiner von ihnen würde jemals den wahren Grund erraten.

Dafür waren sie alle einfach viel zu sehr Gryffindor- und hatten auch keine Ahnung von Leahs verzwickten Familienverhältnissen…

„Geht es dir gut, Leah?"

„Du siehst irgendwie krank aus!"

Die Mädchen, Hermine und Ginny, hatten Leah in der Bibliothek gefunden.

Dabei hatte sie sich doch extra die hinterste Ecke ausgesucht…

„Alles in Ordnung", murmelte Leah.

„Warst du diese Woche schon bei Madam Pomfrey? Sicher trinkst du wieder zu wenig!" Hermines Stimme klang vorwurfsvoll.

„Willst du uns nicht erzählen, was los ist", fragte Ginny zaghaft.

Leah schüttelte nur den Kopf.

Die beiden hätten ihr sowieso nicht helfen können, außerdem wären sie wahrscheinlich nur froh darüber gewesen, dass sie nicht mehr den ganzen Tag mit Blaise zusammen war…

Marilyn beugte sich zu Blaise hinüber und sprach ihn auf irgendetwas an.

Blaise setzte ein gezwungenes Lächeln auf und antwortete kurz.

Marilyn schien das als Aufforderung zu sehen, weiter zu plappern, denn nun spannte sie Blaise in ein Gespräch ein.

Ohne auch nur ein einziges Mal seine genervten Blicke zu bemerken redete sie unentwegt.

Leah dagegen, die das ganze aus sicherer Entfernung beobachtete, wusste seinen Blick richtig zu deuten.

Blaise hasste die aufdringlichen Freundinnen seiner Cousine. Er fand sie kindisch und oberflächlich.

Auch wenn Leah wusste, dass er nur aus Höflichkeit so freundlich zu Marilyn war, versetzte es ihr dennoch einen Stich.

Harry zog sie näher zu sich und hob mit einer Hand energisch ihr Kinn an, damit sie ihm in die Augen sah.

„Leah! Wenn du es irgendwem sagen kannst, dann mir! Wir sind eine Familie, vergessen?"

Nein… nein, natürlich hatte sie das nicht vergessen.

Aber sie wusste auch ganz genau, wie Harry zu der Sache mit Blaise stand. Das er seine Erleichterung nicht würde verbergen können, wenn sie ihm sagte, dass Blaise sich von ihr abgewandt hatte.

„Miss Light! Kann ich kurz mit ihnen sprechen?"

Gerade war Leah dabei gewesen ihren Kessel zu falten, als Professor Slughorn sie nach vorne rief.

Alle anderen waren schon gegangen, nur Dennis wartete noch im Türrahmen auf sie, doch mit einem Wink von Professor Slughorn verschwand auch er.

„Nächste Woche würde ich sie gern wieder zu einem meiner Treffen einladen." Er lächelte sie warm an, doch Leah erwiderte nichts.

Ein Treffen mit dem Slug-Klub?

Ein Treffen mit Blaise…

Nein, darauf konnte sie gut verzichten.

„Tut mir Leid, Professor. Aber ich fühle mich in letzter Zeit nicht so richtig wohl", murmelte sie. „Vielleicht bekomme ich eine Grippe oder so."

Slughorn sah sie mitfühlend an.

„Sie sehen aber auch wirklich ausgesprochen blass aus, waren sie schon einmal bei Madam Pomfrey? Sie soll da wahre Wundermittel haben und-", begann er und Leah schaltete wieder ab.

Das würde sicher ein längerer Vortrag werden.

Leah blickte Harry mit ihren großen braunen Augen an.

„Du siehst so traurig aus, Lee", murmelte er und lehnte seine Stirn gegen ihre.

Sie schloss die Augen und versuchte so die Tränen zu verbannen.

Mittlerweile war sie ziemlich gut darin geworden, die verräterischen Tränen verschwinden zu lassen, sodass sie nun nur noch nachts heraus kamen.

„Meine Mum hat mich immer Lee genannt", hauchte sie.

Sie traute sich so nah ihm gegenüber nicht laut zu sprechen. Irgendwie war es eine unheimliche Atmosphäre- wenn auch eine schöne- die sie nicht zerstören wollte.

„Macht es dir etwas aus, wenn ich dich so nenne", wollte er ebenso leise wissen.

Sie schüttelte leicht den Kopf und spürte Harrys Pony auf ihre Stirn.

Eine ganze Weile sagte keiner der beiden etwas.

Sie standen einfach nur da, an einander gelehnt, sich gegenseitig stützend.

„Bleiben Sie über Weihnachten auf Hogwarts, Miss Light?"

Schon wieder Slughorn.

Sicher wollte er ihr wieder irgendeine Feier andrehen.

„Nein", sagte sie schnell. „Ich fahre nach Hause."

Nach Hause…

Sie würde Weihnachten mit Tonks, Remus, Harry und den Weasleys im Grimauldplatz verbringen, dass hatte sie Harry und Tonks versprochen.

Irgendwie gefiel ihr die Vorstellung sogar, dabei hatte sie sich bisher nie viel aus Weihnachten gemacht.

Na ja bisher hatte es ja auch immer nur ihre Mum und sie gegeben, jetzt mit so vielen Menschen würde es sicherlich schöner werden.

Auch wenn eine besonders wichtige Person immer noch fehlte.

Oder besser zwei…

Sie war zu spät, viel viel zu spät.

Und das ausgerechnet zu Professor Snapes Unterricht!

Das würde die Punkte garantiert nur so rieseln lassen… von den Strafarbeiten mal abgesehen…

Mitten im Lauf stoppte sie.

Gerade war ihr eine viel bessere Lösung eingefallen.

Sie würde einfach zu Madam Pomfrey gehen und sagen, dass es ihr nicht gut gehe. Das stimmte im Moment sowieso immer und es war die perfekte Entschuldigung überhaupt nicht zu Snapes Unterricht zu erscheinen.

Leah drehte auf dem Treppenabsatz um und wollte gerade wieder nach oben laufen, als sie erstarrte.

Ihr Blick war auf den oberen Treppenabsatz gerichtet.

Eine winzige Sekunde sah sie dem schwarzhaarigen Jungen direkt in die Augen- dann drehte er sich um und verschwand im nächsten besten Korridor.

Zitternd lehnte Leah sich gegen die kalte Kerkerwand.

Wenigstens hatte Blaise sie angesehen…

„Sieh mal, Dennis! Es schneit!"

Zum ersten Mal sah Dennis wieder das Leuchten in Leahs Augen und er grinste erleichtert.

Vielleicht wurde es ja langsam wieder besser?

Leah strahlte über das ganze Gesicht.

Fasziniert beobachtete sie die tanzenden Schneeflöckchen und drückte sich dabei fast ihre Nase am Fenster platt.

Gerade hatte sie einen Schritt durch das Schlosstor machen wollen, auf das verschneite Hogsmeade zu, als sie erstarrte.

Hermine, Ron, Ginny, Dean, Neville, Luna, Dennis und Dennis' Bruder Colin gingen plappernd weiter, ohne etwas bemerkt zu haben.

Nur Harry blieb neben ihr stehen.

„Ich bin bei dir, Lee", sagte er leise und griff aufmunternd nach ihrer Hand, um sie über die Stelle zu ziehen, auf der sie beim letzten Mal angegriffen worden war.

Es war so anders!

Es war nicht nur die Stelle, an der sie Bellatrix getroffen hatte, es war auch die Stelle, an der Blaise sie gerettet hatte.

Das letzte Mal war sie diesen Weg mit Blaise gelaufen.

Natürlich, sie mochte die riesige, schnatternde Truppe von Gryffindors (und einer Ravenclaw) um sich herum, aber es war dennoch anders…

Harrys Hand fühlte sich anders an, als die Blaise'.

Sie war nicht so zart und warm und auch die Empfindungen die Leah bei der Berührung durchzuckten waren ganz andere.

Auch wenn es schön war, es war einfach nicht dasselbe…

„Ich vermisse dich. Deine Art. Dein Lächeln. Deine Freundlichkeit.

Es ist so hart nicht mit dir sprechen zu können, dabei gibt es so vieles was ich dir sagen will!

Hast du den Schnee gesehen? Warst du in Hogsmeade? Hast du deine Weihnachtsgeschenke schon gekauft? Was wünschst du dir zu Weihnachten? Bleibst du in Hogwarts? Nervt dich Slughorn genauso sehr wie mich? Warst du beim letzten Quidditschspiel? Hast du Annas neue Frisur gesehen? Und Marilyn wie sie sich einbildet deine Freundin werden zu können? Hast du gemerkt, dass Draco mich nicht mehr verfolgt? Wie war dein letzter Test für den wir so viel gelernt haben und der jetzt schon Ewigkeiten her sein muss? Welches Buch liest du gerade? Oder hast du „Tränen der Drachen" immer noch nicht durch?

Gott, da ist so viel mehr! So viel zwischenmenschliches, was ich dir nicht sagen, nicht mitteilen kann…

Warum bist du weg gegangen? Warum konnten wir nicht darüber sprechen? Warum warst du so auch vorher schon so kalt und abweisend? Warum hast du niemals vorher etwas gesagt? Wolltest du mich wirklich hintergehen? Meine Geheimnisse verraten? Unsere Freundschaft zerstören? Aber ich vergas, das scheint schon passiert zu sein…

Aber wolltest du es? Hast du es freiwillig getan?

Ich bete für ein Nein, hoffe darauf, so sehr wie ich fast noch nie in meinem Leben für irgendetwas gehofft habe, aber die Vernunft, die verdammte, sagt etwas anderes…

Du fehlst mir so unendlich, Blaise…"

Leah brach ab, starrte auf das geschriebene.

Ein paar Tränen verunstalteten den Text und ließen die Tinte ein wenig zerlaufen.

Sie faltete das dünne Pergament und schob es in ein Geheimfach ihrer Schultasche.

Leah hatte nicht vor Blaise diesen Brief jemals zu geben, aber es tat gut alles einmal runter zu schreiben…