Gedankenverloren spielte Leah mit ihrem Armband.
Es war ein dünnes silbernes Kettchen, das doppelt um einander gewunden war und in dessen Mitte sich eine kleine Platte befand, auf der ihr Name eingraviert war.
Immer wieder ließ Leah es in ihre Handfläche ‚rieseln' oder band es sich erneut um, um es zu betrachten.
Manchmal schloss sie auch die Augen und öffnete sie wieder, nur um zu sehen ob es wirklich noch da war.
Sie hatte noch nie Schmuck besessen, dafür hatte ihre Mum einfach nie genug Geld gehabt, und eigentlich hatte sie sich bisher auch nie viel aus Schmuck gemacht, aber dieses Armband war einfach wunderschön. Sie hatte sich gleich von Anfang an in es verliebt.
Sorgfältig legte sie sich das Armband wieder um und machte den Verschluss zu.
Noch einmal strich sie über das Kettchen…
Er hatte an sie gedacht.
Sie nicht vergessen…
Sie nicht abgewiesen, wie die letzten Wochen und Monate zu vor…
Leah lächelte unwillkürlich vor sich hin.
Was er wohl von ihrem Geschenk gehalten hatte?
Sie hatte ihm ein ledernes Notizbuch geschenkt, in das er seine Gedanken aufschreiben konnte.
Denn auch Blaise schien oft einiges im Kopf herum zu schwirren. Egal wie fröhlich er auch immer tat, dass konnte er vor Leah nicht verbergen.
„Warum müsst ihr denn schon wieder so früh zurück", beklagte sich Molly zum wiederholten Male, nachdem sich Leah, Harry, Ginny und Ron in der Küche versammelt hatten.
„Mum, du weißt doch, dass es in der Schule am sichersten für sie ist. Außerdem bin ich mir sicher, dass sie noch einiges zu lernen haben", meinte Charlie und legte einen Arm um seine aufgebrachte Mutter.
„Ja, ja natürlich. Aber trotzdem… es war so schön euch alle hier zu haben! Jetzt sind Arthur und ich bald wieder ganz alleine." Molly seufzte.
Fred und George waren am Morgen abgereist, um ihren Laden wieder aufzumachen und Fleur und Bill waren auf Fleurs ausdrücklichen Wunsch schon am zweiten Weihnachtstag zu Fleurs Familie nach Frankreich verschwunden.
Auch Tonks und Remus hatten den gestrigen Tag nicht im Grimmauldplatz verbracht, da sie einen wichtigen Auftrag für den Orden bekommen hatten, und so würden nun nach der Abreise von Leah, Harry, Ginny und Ron nur noch Charlie, Molly und Arthur da sein, die am Abend ebenfalls zurück in den Fuchsbau kehren wollten, anstatt weiterhin in dem großen Haus alleine zu sein.
„Passt gut auf euch auf", dröhnte Arthurs Stimme vom Kücheneingang und er lächelte den vieren zu. „Und grüßt Albus und Hagrid von mir."
„Oh meine Lieben, seid bloß vorsichtig." Molly umarmte einen nach dem anderen und auch Charlie verabschiedete sich, allerdings mit einem grinsen.
Er wusste, dass die vier es nicht erwarten konnten ihre restlichen Ferien in Hogwarts zu genießen, anstatt andauernd kontrolliert von Molly irgendwelche Hausarbeiten zu verrichten oder sich mit ihr ihre schrägen Radioshows anzuhören.
Winkend schritten sie nacheinander in den Kamin und riefen, mit Flohpulver bewaffnet, „Hogwarts".
Leah verabschiedete sich von ihren Freunden, nachdem sie in Professor McGonnagals Büro gelandet waren und machte sich auf den Weg in den Slytheringemeinschaftsraum.
Zu ihrem Glück war er bei ihrer Ankunft leer.
Anscheinend waren noch immer alle bei ihren Familien Zuhause, was ihr nur ganz recht sein konnte.
Ein paar Nächte allein im Schlafsaal würden der Himmel auf Erden sein!
Aufseufzend brachte sie schnell ihren Koffer nach oben und ließ sich dann in einem der Sessel vor dem Kamin nieder.
Sie hatte noch nie hier gesessen, ihre Freistunden verbrachte sie meistens in der Bibliothek und am Wochenende waren die bevorzugten Sessel immer von den Sechst- oder Siebtklässlern belegt.
Gähnend kuschelte sie sich tiefer in den Ohrensessel und genoss die wohlige Wärme die der Kamin ausstrahlte.
Wenn man sie später fragte, hätte sie schwören können nur wenige Sekunden die Augen geschlossen zu haben, aber irgendwie musste sie dann doch eingeschlafen sein, denn als sie wieder aufwachte war es bereits dunkel und ihr Magen knurrte.
Noch etwas schlaftrunken setzte sie sich auf und blickte dabei direkt in ein paar heller Augen.
Erschreckt zwang sie sich nicht aufzuschreien oder sich weiter nach hinten in den Sessel zu rücken, sondern einfach wie zuvor sitzen zu bleiben.
Misstrauisch betrachtete sie die winzige Gestalt mit der umgebundenen Küchenschürze, dem dicken Strickpullover (Moment mal- war das nicht Rons Weasley Pullover?) und den ungefähr zehn paar verschiedenen Socken die die Kreatur irgendwo an seinen Körperteilen, wie Füßen, Händen und Ohren befestigt hatte.
„Missie ist zu spät zum Abendessen. Master Harry Potter hat befohlen, dass Dobby nach Missie sieht. Hat Missie Hunger? Freunde von Master Harry Potter sind auch Dobbys Freunde, Miss. Dobby ist begeistert von Master Harry Potters Fürsorglichkeit für seine Freunde. Wusste Missie, dass Master Harry Potter den unwürdigen Dobby aus seiner Gefangenschaft befreit hat? Niemand ist sooooo ehrenhaft wie Master Harry Potter!"
Leah starrte den kleinen Elf an, verblüfft von dessen Redefluss und verwirrt von seinen Aussagen.
Sie erinnerte sich jetzt, ein Bild der Kreatur einmal in einem Buch gesehen zu haben. Dobby musste ein Hauself sein. Und zwar einer der in Hogwarts arbeitete.
Und allem Anschein nach kannte er Harry ziemlich gut.
In diesem Augenblick meldete sich Leahs Magen wieder und der Hauself verschwand mit einem begeisterten Plopp.
Leah konnte sich gerade eben noch aufsetzen, bevor der Hauself erneut erschien, diesmal mit einer Platte mit reichhaltigem Essen die er auf dem kleinen Tisch vor Leah abstellte.
„Kann Dobby noch irgendetwas für Missie tun?"
„Ähm… nein. Nein danke, Dobby."
„Oh, Dobby wusste es immer! Alle Freunde von Master Harry Potter sind ebenso freundlich und nett wie Master Harry Potter es ist. Master Harry Potter ist-"
So langsam ging Leah das ‚Master Harry Potter' Gelaber auf die Nerven.
Es war ja wirklich lieb von Harry sich um sie zu sorgen, aber dafür hätte er doch nicht diesen nervigen Hauselfen schicken müssen…
Seufzend unterbrach Leah Dobby, als der Elf gerade dabei war, Luftzuholen (wahrscheinlich für eine erneute Lobeshymne auf Harry).
„Sag Harry doch bitte, dass es mir gut geht, in Ordnung? Und dir danke ich auch."
Dobby musterte sie noch kurz, als wollte er noch etwas sagen, aber die Aussicht einen Grund zu haben, um zu seinem geliebten Harry zurück zu kommen, schien anscheinend größer und er verschwand abermals mit einem „Plopp".
Erleichtert besah Leah sich das leckere Essen vor sich und ihr Magen knurrte erneut.
Es musste wirklich schon spät sein, sonst wäre sie wohl kaum so ausgehungert.
Als sie mit dem Essen fertig war, ging sie nach oben und machte sich auf die Suche nach ihrer Muggelarmbanduhr.
Es war doch wirklich besser genau zu wissen, wie viel Uhr es war.
Als sie ihre Uhr schließlich irgendwo unter ihrem Bett fand, bemerkte sie dass das Glas zersprungen war.
Na super. Als sie beim einpacken ihre Tasche ausgeschüttet hatte, musste die Uhr hinaus gefallen sein.
Sie griff nach ihrem Zauberstab, doch noch bevor sie den Reparo sprechen konnte, erstarrte sie.
Die Uhr war im Geheimfach ihrer Umhängetasche gewesen, extra, damit die anderen Slytherins den Muggelgegenstand nicht sahen…
Aber wenn die Uhr aus dem Geheimfach heraus gefallen war, dann…
Leah ließ den Zauberstab wieder sinken und zerrte stattdessen alles was sie finden konnte unter ihrem Bett hervor.
Tatsächlich herrschte dort ein heilloses Chaos.
Überall verstreut lagen ihre Schulbücher, Pergamentrollen (unbeschriebene und beschriebene) und Federn herum.
Erst schnell, dann langsamer sah sie alles haarklein durch.
Wenn sie es zu schnell machte, würde sie es nur übersehen…
Verdammt!
Auch beim zweiten durchsichten aller Pergamente und Bücher die sie finden konnte, konnte sie doch das winzige, zusammen gefaltete Pergament aus ihrem Geheimfach nicht finden…
Als letzte Hoffnung stand sie schließlich auf und griff nach der Umhängetasche, die auf ihrem Bett lag.
Der Reißverschluss des Geheimfachs war offen und es fanden sich nur noch ein paar alte Sandkörner darin, die an einen Strandaufenthalt mit ihrer Mum erinnerten.
Fluchend zog sie ein Buch auf ihrem Schrank und überflog einige Zaubersprüche, bis sie den richtigen fand.
Der Spruch, zum verschließen von geheimen Gegenständen, musste regelmäßig erneuert werden, ansonsten wurde er irgendwann unwirksam…
Sie musste sich nicht fragen, warum sie nicht daran gedacht hatte, denn sie hatte den Spruch von ihrer Mum, und nicht aus dem Buch gelernt.
Ihre Mum hatte es anscheinend nicht für wichtig empfunden hinzuzufügen, dass der Spruch nicht ewig dauerte…
Nun ja, dass hatte ihre Mum schließlich auch nicht wissen können. Wer verschloss dauerhaft Reißverschlüsse von Umhängetaschen?
Sicher hatte ihre Mum nie gedacht, dass sie diesen Spruch überhaupt je brauchen würde…
Das war das Problem gewesen, ihre Mutter hatte fast nie einen Blick für die Zukunft gehabt, immer nur für die nächsten Wochen. Manchmal war sie einfach überraschend impulsiv gewesen, zu anderen Zeiten dagegen legte sie eine fast erschreckende Ordnung und einzuhaltende Reihenfolge an den Tag…
Leah ließ sich wieder auf den Boden sinken.
Es war nicht fair von ihr, so über ihre Mum zu denken. Schließlich konnte diese nichts dafür, dass Leah zu dumm gewesen war, den Spruch noch einmal zu überprüfen und selbst Ordnung zu halten.
Wahrscheinlich wäre das Pergament nie aus der Tasche gefallen, wenn sie nicht so in Eile gewesen wäre, weil sie verschlafen hatte.
Abermals stand sie auf und machte sich im Rest des Zimmers auf die Suche nach dem kleinen, gefalteten Pergamentblatt, doch es war vergeblich.
Selbst mit einem Aufrufezauber konnte sie es nicht finden…
Es…
Den Brief…
Den Brief an Blaise…
Den, den er niemals hätte lesen sollen…
Sie schlug die Hände vors Gesicht.
Wenn Blaise ihn finden würde…
Oder schlimmer, wenn er ihn schon gefunden hatte…
Oder die Mädchen aus ihrem Schlafsaal…
Das würde sie nie ertragen… das könnte sie einfach nicht ertragen…
Zitternd versuchte sie sich zu beruhigen.
‚Du darfst dich nicht aufregen, Leah', sagte sie in Gedanken streng zu sich selbst. ‚Madam Pomfrey hat dir verboten sich aufzuregen.'
Langsam setzte sie sich auf ihr Bett und trank einen Schluck Wasser.
Dann begann sie noch einmal langsam darüber nach zu denken, wo der Brief sein könnte und wo sie ihn vielleicht über all verloren haben könnte.
Doch auch nach weiteren zwei Stunden kam sie zum selben Schluss wie zuvor.
Er musste ihr beim einpacken aus der Tasche gefallen sein und irgendwer musste ihn gefunden haben…
Nur wo war der Brief jetzt?
