Kapitel 2: "Befehle "
Madam Octa kroch mit haarigen Beinen über sein Gesicht und seine Brust, er hatte vergessen, sie zurück in den Käfig zu sperren.
Larten Crepsley schlug die Augen auf.
Einen Moment lang wusste er nicht, wo er sich befand, wähnte sich noch immer im Cirque du Freak…
…dann fiel ihm alles wieder ein.
Madam Octa war nicht hier, er hatte sie im Berg der Vampire bei den Ba` Halen`s- Spinnen freigelassen.
Und Gillian war selbstverständlich auch nicht hier.
Er seufzte, zog den Mantel enger um sich und drehte sich mit dem Gesicht zur Wand.
Der Vampir schloß die Augen und war dankbar für den todesähnlichen Schlaf, der ihm erlaubte, für ein paar Stunden zu vergessen.
Gillian brauchte eine Weile, sie musste die halbe Stadt unterirdisch durchqueren.
Es wäre weitaus einfacher gewesen, an die Oberfläche zu gehen, und sich mit einem Taxi oder der Bahn zurück zu begeben, aber das konnte sie nicht.
Draußen brannte die Sonne am Himmel, und Gillian wollte sich ihr keine Sekunde lang aussetzen, nach ihrem Erlebnis in ihrem Apartment vor ein paar Monaten.
Selbst der Umhang war nicht Schutz genug vor den tödlichen Strahlen der Sonne zur Mittagszeit.
Sie war kaum müde, dank des frischen Blutes in ihren Adern.
Als sie endlich die Tunnel und Gänge der Katakomben der Vampaneze erreichte, machte sie sich unverzüglich auf die Suche nach ein paar glatzköpfigen Wachen.
In den Nischen und Räumen schliefen Vampaneze, aber an den Türen standen Wachen bei Bewusstsein, mit Maschinengewehren im Anschlag, die roten Augen wie Leuchtfeuer in der Dunkelheit.
Gillian sprach zu dem Erstbesten. „Ruf ein paar Männer herbei. Ich brauche eine Handvoll Wachen. Ich weiß, wo die Vampire sind, sie befinden sich in einem Tunnel der Kanalisation eine Stunde östlich von hier in der Nähe des Parkdecks des großen Einkaufszentrums. Ich will, dass sie bewacht werden. Besetzt die Gänge, die zu ihnen führen, haltet sie im Auge. Aber rührt sie nicht an! Wenn sie erwachen, flieht und kommt unverzüglich hierher zurück, um zu berichten. Habt ihr verstanden?"
Der Vampaneze starrte sie an.
Das war die Schattenkönigin. In ihren Augen stand ein rotes Glimmen, und sie sprach mit fester, autoritärer Stimme. Sie stand dem Lord der Vampaneze sehr nahe und war bei vielen Gelegenheiten an seiner Seite gesehen worden.
Sie verkehrte auch mit Gannen Harst, und es gab keinen Grund ihren Befehlen zu misstrauen.
Hastig nickte der Mann und verließ seinen Posten, um der Order der Schattenkönigin nachzukommen.
Gillian setzte ihren Weg ins Innere der Katakomben fort.
Sie betrat einen im Dunkeln liegenden Raum, in dem mehrere Vampaneze in Nischen und auf Matratzen den Tag verschliefen.
Sie trat dem am nächsten liegenden unsanft in die Seite, und brüllte: "Aufstehen!"
Bewegung kam in die Gestalten, und verschlafen blinzelten die Vampaneze sie an.
Gillian knipste das Licht an und grelles Neonlicht flackerte auf. „Wacht auf!"
Die meißten sprangen erschrocken und alarmbereit auf die Füße.
Rote Augen sahen sie fragend an.
Gillian hob das Kinn: "Steht auf. Weckt die anderen. Weckt alle. Versammelt euch im Gewölbe. Sagt allen Bescheid."
Ein Raunen und Gemurmel setzte ein, als die Schattenkönigin sie ohne eine weitere Erklärung stehen ließ, aber die Vampaneze gehorchten ihrem Befehl und innerhalb kürzester Zeit strömten aus allen Ecken und Winkeln des Hauptquartiers Vampaneze in das Gewölbe.
Die Schattenkönigin erwartete sie.
Sie stand mit hoch erhobenem Haupt am Ende des Gewölbes auf dem Podest und sah auf die sich sammelnde Menge herab.
Sie war allein.
Weder Gannen Harst noch der Lord der Vampaneze waren bei ihr, als die Schattenkönigin die Stimme erhob:
„Gestern Nacht sind die Jäger der Vampire in das Gewölbe eingedrungen. Sie werden heute Nacht wieder kommen. Sie sind gekommen, den Lord der Vampaneze zu töten, und er - nur er- kann sie aufhalten. Er wird sich ihnen entgegenstellen. Niemand- ich wiederhole niemand- darf die Jäger töten, außer dem Lord, oder der Krieg der Narben wird verloren sein.
Heute Nacht wird sich entscheiden, wer aus diesem Krieg siegreich hervorgehen wird.
Und wer nicht.
Niemand von euch muß bleiben!
Dies ist nicht euer Kampf!
Alles wird kommen, wie es kommen muß.
Es ist vorherbestimmt.
Ihr könnt gehen, niemand muß bleiben.
Geht, lasst die Jäger ziehen, und lasst den Lord für euch kämpfen!
Dies ist nicht euer Kampf!"
Gillian sah in die Menge herab.
Ein Gemurmel setzte ein und viele Vampaneze blickten sich unschlüssig an.
„Niemand befiehlt euch zu bleiben", setzte Gillian nach. "Verlasst das Gewölbe für heute Nacht, verlasst die Tunnel, geht in die Stadt."
Ein paar Vampaneze lösten sich aus der Menge und gingen tatsächlich fort.
Einige andere schlossen sich nach einigem Zögern an.
Als niemand mehr Anstalten machte, zu gehen, hob Gillian wieder die Stimme:" Alle anderen, die bleiben wollen…"
Sie deutete auf die Tresortür, die in den gesicherten Teil des Bunkers führte. "Verlaßt die Katakomben und begebt euch in den Bunker."
Sie ging zur Tresortür, die von innen für sie geöffnet wurde.
Bargen war der erste, der ihr folgte. Dann strömte die Menge der Vampaneze durch das schwere Tor ins Innere.
Mehr kann ich nicht tun…, dachte Gillian.
Vier Männer mit Glatzkopf und mit von roter Schminke umrandeten Augen, traten an sie heran.
„Seine Lordschaft wünscht euch zu sprechen."
Gillian nickte, und ließ sich abführen.
