Kapitel 3: "Träume"
Larten Crepsley erwachte, weil Vancha March ihn an der Schulter rüttelte.
„Es wird Zeit, Larten."
Larten grunzte, und fuhr sich über das Gesicht.
Die Sonne war noch nicht untergegangen.
Dennoch erhob er sich schwerfällig.
Er hatte geträumt.
Es war so real gewesen.
Für einen Moment legte er die großen Hände vors Gesicht und spürte den Traumbildern nach.
„Alles in Ordnung?" Vancha March sah ihn besorgt an.
„Es ist nichts", murmelte der alte Vampir. „Ich hab nur…", er rubbelte sich das faltige Gesicht und fuhr sich ein paar Mal durch den orangeroten Haarschopf. „Mir war so, als ob….es war nur ein Traum", schloß er traurig.
„Träume können uns die Zukunft vorhersagen, wenn wir nur lernen, sie zu deuten. Was hast du geträumt?", fragte Vancha interessiert.
Larten sah zu Boden. „Das glaube ich nicht. Sie zeigen nicht die Zukunft, sie zeigen nur, wonach wir uns sehnen."
Er ließ die Schultern hängen.
„Ich habe Durst." Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Laß uns ein paar Ratten fangen."
Vancha grinste und trat hinaus in die Tunnel.
Larten Crepsley runzelte die Stirn.
Plötzlich hatte er einen Geschmack im Mund… Erinnerungen spülten in ihm hoch…
Gillian…
Er spürte ein Ziehen im Magen.
Warum nur muß ich seit einer Weile dauernd an dich denken?
Warum nur ist mir so, als wärest du hier gewesen?
Larten Crepsley hatte das Gefühl, seine Schülerin Gillian wollte ihm etwas Dringendes sagen…
Sein Traum war so real gewesen…
Er gab sich einen Ruck und gesellte sich zu dem grünhaarigen Vampirfürsten.
Darren Shan lag noch immer tief in Schlaf versunken in der Nische und hatte sich nicht bewegt. Larten blickte auf seinen Schüler herab. Im Schlaf sah er noch jünger aus. Der jüngste Vampirfürst aller Zeiten. Sein Haar war wieder nachgewachsen, aber Larten spürte wie es ihm einen Stich versetzte, wenn er an die Prüfungen des Todes dachte, die der Junge noch als Halbvampir hatte durchstehen müssen.
Das alles war seine Schuld.
Er hatte Darren all dieses Elend gebracht.
Und jetzt würde Darren wahrscheinlich seinem Tod entgegen gehen.
Vancha March kniete im Tunnel und gab quietschende und pfeifende Geräusche von sich.
Mehrere Ratten kamen aus den Tiefen der Tunnel angelaufen und näherten sich vorsichtig dem Vampir im Fellumhang.
Als sie dicht genug bei ihm waren, schnappte er plötzlich zu.
Quiekend stoben die meisten davon, aber ein paar der kleinen pelzigen Körper zappelten in seinen Klauen.
Rasch drehte er ihnen den Hals um.
Er erhob sich und warf Mr Crepsley ein schlaffes Nagetier zu. „Zum Wohl."
Larten fing sie geschickt auf, und sah auf die Ratte in seiner Hand herab.
Er zögerte.
Er wollte diesen Geschmack, den er seit Erwachen im Mund hatte, nicht loswerden…
Vancha March beobachtete ihn.
„Du glaubst, sie ist hier, nicht wahr?"
„Hm?" Larten hob den Kopf.
„Gillian. Du glaubst, sie ist bei den Vampaneze."
Larten sah zu Boden. „Schon möglich…", murmelte er.
Vancha March machte drei Schritte auf Larten Crepsley zu und sah ihn streng an.
„Ich muß dich nicht daran erinnern, weshalb wir hier sind. Du kannst dir keine Ablenkung erlauben."
„Das weiß ich doch!", sagte Mr Crepsley unwirsch.
„Larten, wenn es stimmt, wenn sie wirklich hier ist, dann werden sie sie gegen dich verwenden."
Der Vampir mit dem orangeroten Haarschopf runzelte die Stirn: "Wie meinst du das?"
„Darren darf sich nicht davon ablenken lassen, dass Steve Leonard einst sein Freund gewesen ist. Ich darf keine Rücksicht darauf nehmen, dass Gannen Harst mein Bruder ist. Und du…du musst vergessen, was sie einst für dich bedeutet hat." Er sah ihn scharf an. „Der Lord der Vampaneze hat oberste Priorität. Alles andere ist unwichtig. Niemand von uns darf persönliche Gefühle über das Wohlergehen des Clans stellen."
Larten Crepsley schluckte und wich seinem Blick aus.
„Denk an die Vampire, für die du verantwortlich bist und daran, was mit unserem Clan geschieht, wenn unser Auftrag, den Lord zu töten, scheitert."
„Schon klar…", knurrte Mr Crepsley.
Vancha March hakte nach: "Dann weißt du, was du zu tun hast. Von deiner Entscheidung mag eventuell alles abhängen. Zögere nicht. Das ist ein Befehl."
„Ja, euer Gnaden", antwortete Mr Crepsley.
Vanchas Blick wurde sanfter. „Das sage ich als euer Fürst. Doch als euer Freund rate ich euch das Gleiche." Er legte Larten eine Hand auf den Arm.
Larten Crepsley nickte.
Dann schlug er seine Fänge in die Ratte und der Geschmack ihres Blutes spülte alle Gedanken an Gillian fort.
Flankiert von kahlköpfigen Vampaneze, die sich ihre Augen dramatisch mit roter Schminke umrandet hatten, wurde Gillian abgeführt Richtung schwarzer Tür zum Apartment des Lords der Vampaneze.
Sie hatte weder Angst, noch wehrte sie sich.
Wenn es jemanden gab, der diesem Wahnsinn Einhalt gebieten konnte, dann war es Steve.
Und wenn es jemanden gab, der Einfluss auf Steve nehmen konnte… dann war es sie.
Er musste einfach auf sie hören.
Die Wachen hielten vor der schwarzen Tür, mit der Gillian so viele Gefühle verband, und sie legte die Hand auf die Klinke. Sie schloß für einen Moment die Augen und atmete tief ein, bevor sie entschlossen die Tür aufschob und das dahinterliegende Apartment betrat.
Steve stand vor dem Sofa, und war gerade dabei, seinen schwarzen Mantel anzuziehen.
Er zog ihn sich über die Schultern, und für einen Moment war es Gillian so, als ob darunter etwas Metallisches in einem Holster aufblitzte.
Dann rutschte der Stoff darüber und Steve richtete den Kragen auf.
Er sah zu Gillian.
„Wie ich höre, erteilst du meinen Männern Befehle?", sagte er und zupfte die Ärmel glatt.
„Deinen Männern? Sie sind Vampaneze, sie sind frei, sie müssen niemandem gehorchen!"
„Doch, sie müssen mir gehorchen, ihrem Lord !", fuhr er auf.
„Ich wünschte, du wärest nicht der Lord…", sagte Gillian traurig.
Er funkelte sie an. „Ach nein? Du hast dich doch erst für mich interessiert, seit ich dem Coffin of Fire entstiegen bin!"
„Das stimmt nicht, und das weißt du!", rief Gillian verletzt.
Er sah sie mit zusammengekniffenen Augen an.
Gillians Augen wurden feucht. „Steve…" sie trat auf ihn zu.
Er drehte den Kopf zur Seite und zupfte imaginäre Falten aus seinem Ärmel. „Was ist mit den Vampiren? Hast du verhindert, dass die Menschheit von uns erfährt?"
Sie blieb vor ihm stehen und legte den Kopf schräg bei dem Versuch, ihm ins Gesicht zu sehen. „Ja, das habe ich. Und die Vampire sind aus dem Polizeigewahrsam geflohen."
„Ich weiß", sagte er trotzig. „Aber das macht nichts. Wenn nicht jetzt, dann später. Früher oder später werden die Menschen von uns erfahren."
Gillian erwiderte nichts, sie sah ihn nur an, bis er den Kopf hob und ihr in die Augen sah.
„Steve…", hob Gillian wieder an.
Er hob das Kinn und verschränkte die Arme vor der Brust.
Gillian biß sich auf die Lippen.
Das war schwieriger als erwartet.
Sie sah ihm in die unwiderstehlich violetten Augen und wehmütig dachte Gillian daran zurück, wie er sie zuletzt geküsst hatte…
Ein leichtes Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus.
Sie hob eine Hand und berührte sachte seine Finger, die auf den über der Brust verkreuzten Armen lagen. Ihre Finger streichelten seine, und das Kribbeln breitete sich aus.
Das zornige Funkeln in seinen Augen verflüchtete sich.
Sachte schob sie ihre Hände in seine und bog seine Arme auseinander.
Gillian legte Steves Arme um sich, und ihren Kopf an seine Schulter.
Sein Widerstand schmolz dahin und zögerlich schloß er sie in die Arme.
Sie umfasste seinen Hals, und ihre Hand begann die feinen Härchen in seinem Nacken zu streicheln, was ihm eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
„Ich habe solche Angst, dass dir etwas passiert…", flüsterte sie.
„Mir passiert nichts, Gillian", sagte er und seine Stimme klang dunkel.
„Und wenn doch?" Sie hob den Kopf. Eindringlich sah sie ihn an: "Lass uns von hier verschwinden. Nur du und ich. Lass uns weit weg von hier gehen. Nach Europa. Nach Paris!"
Steve lachte leise. „Ich kann hier nicht weg."
„Du kannst… bitte. Nur du und ich…Du musst das hier nicht machen."
„Doch ich muß. Was wird sonst aus den Vampaneze? Sie vertrauen mir. Du hast es selbst gesagt, draußen im Gewölbe…"
„Du hast es gehört?"
Er nickte.
Verzweiflung machte sich in ihr breit.
Er würde sich nie umstimmen lassen.
Es war zu spät.
Sie lehnte ihre Stirn an seine und schloß halb die Augen.
Ihre Wimpern kitzelten ihn an der Wange.
Er drückte sie fester.
„Ich schaff das schon. Ich erledige die drei."
Seine Worte sollten sie beruhigen, stattdessen krampfte sich ihr Magen zusammen.
„Alle drei? Das kannst du nicht schaffen!" Ängstlich sah sie ihn an.
„Ich bin gut vorbereitet. Wir werden sie voneinander trennen. Und Gannen ist ja auch noch da."
Gillian schluckte.
Sie hatte bereits eine Entscheidung getroffen. „Gannen und ich", sagte sie.
Steve schüttelte den Kopf. „Nein, du musst das nicht machen. Wenn ich dich vor etwas bewahren kann, dann davor…"
Ihre Hand packte seinen Nacken. „Ich bleibe bei dir!", sagte sie fest.
Er sah sie mit offenem Mund an. Woher kam plötzlich diese Entschlossenheit? Sein Blick huschte zwischen ihren Augen hin und her. Er sah, wie ernst es ihr war.
„Gillian…?"
„Schick mich nicht fort!", zischte sie. „Ich gehe mit dir. Wenns sein muß, bis in den Tod!"
Steve schluckte.
Seine Augen wurden feucht. „Du weißt nicht, was du da sagst…", hauchte er.
„Doch, ich weiß es." Tränen traten ihr in die Augen, und sie musste schlucken, aber sie legte ihre Hand auf sein Herz und spürte, wie es aufgewühlt pochte.
Sie nahm all ihren Mut zusammen, und sprach es aus: „Steve, ich liebe dich."
Ihre Lippen zitterten.
Sein Herzschlag beschleunigte sich.
„Wenn du stirbst, sterbe ich mit dir."
„Gillian…", sagte Steve gequält. "Ich…ich muß dir etwas über mich sagen."
Verletzlich sah sie ihn an.
„Es geht um Mr Tiny. Er hat da etwas gesagt."
Ihre Stirn legte sich in wütende Falten. „Was er auch immer gesagt hat, er lügt!"
Steve biß sich auf die Unterlippe. „Ich weiß nicht, Gillian. Ich wünschte, es wäre so. Es geht um mein Blut. Und um meinen Vater. Er… er hat da so Andeutungen gemacht."
Steve sah jetzt ängstlich aus. Seine Hände schwitzten.
„Gillian…ich wollte dir das nicht sagen, aber…du weißt, dass ich meinen Vater nie kennengelernt habe… und Tiny hat gesagt, also… ich habe Angst, dass du mich dann verabscheust, aber du musst es wissen."
Er holte Luft. „Mein Blut ist böse! Ich glaube, mein Vater…er ist…."
In dem Moment öffnete sich die Tür des Apartments und Gannen Harst betrat eiligen Schrittes das Apartment.
„Mylord? Es ist soweit. Sie sind hier!"
Erschrocken starrten Gillian und Steve ihn an.
Gillian klammerte sich an ihn.
Der Lord der Vampaneze zog sie fester in seine Arme und presste seine Lippen auf ihren Mund.
Gillian erwiderte den Kuß voller Verzweiflung, es war ihr egal, dass Gannen dabei zusah.
Als Steve sich von ihr löste, wollte sie mit ihm gehen, doch er stieß sie gewaltsam fort.
Verblüfft starrte sie ihn an.
Noch bevor sie begriff, was er vorhatte, war er aus dem Raum und schlug die Tür mit Wucht hinter sich zu.
„Nein!", keuchte Gillian und schoß vor.
Doch es war zu spät, sie hörte, wie sich der Schlüssel im Schloß drehte.
„Nein!", rief sie lauter. „Steve! Lass mich raus!"
Sie ruckelte an der Klinke, zog an der Tür, trat dagegen, und trommelte schreiend mit ihren Fäusten darauf ein.
Steve Leopard hatte sie eingeschlossen, damit sie sich nicht am Kampf beteiligte.
Damit sie Larten Crepsley nicht entgegentrat.
