Kapitel 4: " Adrenalinschub"
„Neeeein! Steve!"
Gillian schrie aus Leibeskräften.
Doch sie wusste, er war fort und hörte sie nicht mehr.
Die Tür war aus massivem Stahl und sehr dick, sie trat mit aller Kraft dagegen, doch ihre Stiefel hinterließen nur eine kleine Delle.
Sie nahm Anlauf und rammte ihre Schulter krachend dagegen, erreichte aber nur, dass ihr ein Schmerz bis in die Hüfte schoß.
Hektisch blickte sie sich im Apartment nach etwas um, womit sie die Tür einschlagen konnte, fand aber nichts, und schleuderte wutentbrannt einen kleinen Metalltisch gegen die Tür, der wirkungslos abprallte.
Sie hob ihn wieder auf, und schlug damit auf die Türklinke ein, die sich verbog.
Nach einigen weiteren Schlägen hing die Klinke nutzlos herunter, und Gillian hielt keuchend inne.
Ihre Haare hingen ihr unordentlich ins Gesicht.
Sie starrte auf die Tür, dann zog sie einen Dolch und steckte ihn in den schmalen Schlitz zwischen Tür und Rahmen, und versuchte das Schloß aufzubiegen.
Ungeduldig rammte sie die Klinge hinein und drückte sie auf und ab.
Sie schaffte es den Schlitz zu erweitern, und die Klinge fuhr tiefer hinein. Mit Gewalt benutzte sie den Dolch als Hebel, und stemmte das Metall der Tür tatsächlich ein wenig von der Wand.
Da brach die Klinge.
„Scheiße!", fluchte Gillian und schleuderte den nutzlosen Griff fort.
Sie atmete schwer.
Steve…er durfte nicht auf Crepsley treffen. Crepsley würde ihn töten! Sie musste das verhindern! Sie musste hier raus!
Der Spalt war jetzt breit genug, dass sie dahinter fassen konnte, und Gillian krallte ihre Finger hinter das Metall, stemmte ein Bein gegen die Wand und zog.
Sie war stark, die Muskeln in ihrem Arm spannten sich wie Stahlseile und Gillian biß die Zähne zusammen.
Ich…muß…diese…Tür…aufkriegen…
Sie konzentrierte sich auf ihre Arme, auf nichts anderes, darauf all ihre Kraft einzusetzen.
Sie spürte, wie das Blut in ihre Arme schoß und sich ihre Muskeln protestierend anspannten, doch sie ignorierte den Schmerz, und zog stärker.
Langsam bog sich das Metall, ein ganz klein wenig.
Weiter…du schaffst das!
Sie schnaufte, verlagerte das Gewicht, und setzte neu an.
Vor ihren Augen begannen rote Punkte zu tanzen, als die gestohlene Lebensenergie in ihr sich darauf konzentrierte, ihren Körper stärker zu machen.
Vampaneze waren unglaublich stark. Gillian hatte bei mehreren Gelegenheiten zu spüren bekommen, wie stark Steve war. Und auch Bargen war damals im Kampf gegen sie, ihr in körperlicher Stärke weit überlegen gewesen.
Das kam von dem vielen menschlichen Blut, das sie tranken.
Es machte sie stärker als Vampire.
Und Gillian war jetzt selbst eine Vampaneze.
Das Blut des Mannes, den sie auf der Kellertreppe getötet hatte, rauschte durch ihren Körper, schoß ihr in die Arme, den Rücken und die Beine, und Gillian fühlte wie ein Schub Energie sie durchfloss.
Das Metall bog sich weiter auf.
In ihrer Eingeweide rumorte es und das schwarze Ding erhob sein Haupt. Es spürte, wie Gillians Körper kämpfte und bäumte sich auf. Sie hatte das Gefühl, Schwärze rausche durch ihre Adern.
„Hör auf!", keuchte sie.
Doch der Schatten erfüllte sie und ihr Blick trübte sich schwarz.
Ein unglaublich machtvolles Gefühl durchströmte sie, doch gleichzeitig hatte sie das Gefühl, es würde sie innerlich zerreißen.
„Du…hilfst…mir…nicht!", stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Der Schatten hörte nicht auf sie, er schoß in ihre Arme und erfüllte sie mit Schwärze.
Wie ein unglaublicher Adrenalinschub erfüllte der Schatten sie, pumpte ihren Körper mit Kraft voll und breitete sich in ihrem Inneren aus.
Es fühlte sich an, als würden ihre inneren Organe gleich platzen.
„Du tust mir weh!", schrie Gillian und mit einem gewaltigen Ruck riß sie die Tür aus den Angeln und schleuderte sie quer durch das Apartment, wo sie krachend gegen den Glasschreibtisch flog, und die Platte zerstörte.
Gillian achtete nicht darauf, sondern stürmte sofort in den Gang.
Im Rennen spürte sie, wie ihr etwas Nasses aus der Nase schoß.
Unwirsch wischte sie das Blut mit dem Ärmel des Umhangs fort.
Sie war froh, dass der schwarze Schleier wieder wich, denn sie hatte kaum noch etwas sehen können.
Hoffentlich kam sie nicht zu spät.
Das hatte viel zu lange gedauert!
Gillian betete, dass Steve und Crepsley noch nicht gegeneinander kämpften.
Automatisch ging Gillian in Flitt-Geschwindigkeit über, und die in einen grünen Umhang gehüllte Gestalt flog durch die Gänge, wie ein Phantom, den Tunnel hinab zu dem Saal mit den Kronleuchtern…
