Kapitel 6: "Ankunft des Lords der Vampaneze"

Gillian erreichte die versteckte Geheimtür hinter der Wandtäfelung zum Saal.

Dem Saal, in dem der Coffin of Fire erschienen war.

Dem Saal in dem Steve zum Lord der Vampaneze wurde.

Hier würde alles enden.

Sie schob die Tür auf, und schlüpfte hinter den schweren Samtvorhang, hinter dem sie gestanden hatte, als Steve in den Coffin of Fire gestiegen war und Gillian den Schatten darin befohlen hatte, ihn zu verschonen.

Mit klopfendem Herzen schob sie den Vorhang ein wenig beiseite und spähte auf die Plattform.

Da war Steve!

Er war unversehrt!

Er stand zusammen mit Gannen Harst auf dem Podest und sah hinab in den Saal, in dem ein Kampf tobte.

Gillian sah ebenfalls hinab.

Dutzende Vampaneze hatten die Jäger in einem Halbkreis eingekesselt, so dass diese mit dem Rücken zu der Grube standen, aus der Flammen schlugen.

Nicht alle hielten sich an das Gebot der Schattenkönigin, und viele Vampaneze schossen vor und schlugen mit Äxten, Schwertern oder bloßen Klauen nach den Eindringlingen.

Darren Shan hatte sein Schwert gezogen, schwang es breitbeinig herum, und schlitzte einem Vampaneze den Bauch auf.

Ein anderer fiel Larten Crepsleys blitzenden Dolchen zum Opfer.

Aber die Vampaneze hielten sich augenscheinlich zurück – an den Wänden hatten sich Glatzköpfe mit Maschinengewehren aufgebaut – anscheinend wollten sie die Jäger nur verwunden, nicht töten.

Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie zusah, wie die Vampaneze die Jäger immer weiter auf die brennende Grube zutrieben. Immer mehr Vampaneze wurden verwundet oder getötet, doch auch die Jäger erhielten zahlreiche Schnitte und Kratzer.

Gillian erkannte die zu großen Stacheln aufgerichteten Haare von Mithras. Er löste sich aus der Menge mit einem gezackten Jagdmesser in der Hand und schoß auf Larten Crepsley zu.

Gillian schlug die Hände vor den Mund und unterdrückte einen Schrei, als sie sah, dass Larten ihm den Rücken zudrehte, da er gerade einen Faustschlag eines anderen Vampaneze abwehrte.

Mithras hob das Messer.

Gillian konnte nicht mehr zusehen.

Sie schlug die Kapuze über das Gesicht und betrat die Plattform.

Larten Crepsley wirbelte herum, und seine blitzenden Dolche entwaffneten Mithras mühelos, der vor ihm auf den Knien zusammenbrach, seiner Gnade hilflos ausgeliefert.

Darren wischte sich den Schweiß von der Stirn.

So nah an der Grube war es sehr warm.

Er sah hinauf.

Ein in einen grünen Umhang gehüllte Gestalt, das Gesicht komplett unter der Kapuze verborgen, trat hinter einem Vorhang hervor an den Rand der Plattform.

„Vancha!", zischte Darren. „Der Lord!"

Vancha March zögerte keine Sekunde.

Er wirbelte herum, und einer seiner Wurfsterne schoß aus seiner Hand und traf den Lord der Vampaneze, der so unvorsichtig gewesen war, hier aufzutauchen und sich so dicht an den Rand der Plattform zu begeben, an der Schulter, wo der Shuriken steckenblieb.

Der Lord der Vampaneze schrie schrill auf und sackte zusammen.

Gillian hatte nur Augen für Larten Crepsley.

Sie sah wie der Vampir mit dem orangenroten Haarschopf Mithras entwaffnete und vor ihm in die Knie zwang.

Erleichtert wollte sie aufatmen, das flog etwas sirrend heran und traf sie in der Schulter.

Ein beißender Schmerz schoß in ihren rechten Arm.

Sofort waren Gannen Harst und Steve bei ihr.

Steve beugte sich zu Gillian herab, fasste sie unter den Armen und zog sie vom Rande der Plattform weg.

Gannen Harst hatte ein Schwert gezogen und wehrte damit einen weiteren Wurfstern ab, der von Vancha March nach ihr geschleudert wurde.

Ein dritter bohrte sich zu ihren Füßen ins Holz.

Dann waren sie außer Reichweite.

„Guter Wurf, mein Fürst", brummte Larten.

„Nicht gut genug", erwiderte March.

„Wir müssen da rauf". Mr Crepsley deutete auf die schmale Planke, den einzigen Weg, der auf die Plattform heraufführte.

March schüttelte den Kopf. „Unmöglich. Auf die Planke kann nur einer zurzeit, und sie erwarten uns oben und stoßen uns problemlos herunter."

„Ich weiß. Aber es ist der einzige Weg. Ich werde flitten", sagte Larten Crepsley entschlossen und straffte die Schultern. „Gebt mir Rückendeckung mit euren Wurfsternen."

Der Vampirfürst sah ihn an.

Dann nickte er.

Zu Lartens Füßen rührte sich der Vampaneze mit dem Stachelhaar, und versuchte rückwärts davon zu kriechen.

Larten Crepsley sah auf ihn herab.

Steve half Gillian aufzustehen.

Sie hielt sich an seiner Schulter fest.

Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, denn es war unter der Kapuze verborgen. Er packte den scharfkantigen Wurfstern und zog ihn mit einem Ruck aus ihrem Körper.

Gillian keuchte auf.

Unten im Saal sprang Mithras auf die Füße.

Er fauchte Crepsley an und obwohl er unbewaffnet war, stürzte er sich auf den Vampir mit den Worten: "Für den Lord!"

Gillian stieß Steve beiseite.

Aufhören…

Larten Crepsley vollführte einen wirbelnden Halbkreis mit beiden Dolchen und Mithras sank mit aufgeschlitzter Kehle vor ihm zusammen.

Blut spritzte in hohem Bogen davon, und besprengte Larten Crepsleys roten Mantel.

AUFHÖREN!"

Gillian hatte aus Leibeskräften gebrüllt und ihre Worte donnerten von der Kassettendecke wieder.

Es war nicht ihre Stimme.

Sie war dunkel und verzerrt und ließ allen Anwesenden das Blut in den Adern gefrieren.

Es war SEINE Stimme gewesen.

Die Stimme des Schattens in ihr, und sie war tief und dunkel und grollend wie ferner Donner.

Und sie verfehlte nicht ihre Wirkung.

Alle im Saal hielten in der Bewegung inne und sahen zu ihr herauf, zu der verhüllten Gestalt, die erneut furchtlos an den Rand der Plattform getreten war.

Schwärze füllte ihre Augen, als sie wieder sprach:

„WER ES WAGT, DIE WAFFE ZU ERHEBEN, DER WIRD MEINEN ZORN ZU SPÜREN BEKOMMEN."

Manche Vampaneze ließen sich beim Klang der Stimme zitternd zu Boden fallen, einige ließen die Waffen fallen, und manche flohen durch die Öffnungen der Täfelung, und verschwanden in den Tunneln.

Aber ausnahmslos alle stellten die Kampfhandlungen ein und wichen an die Wand zurück, so dass die Jäger der Vampire unbehelligt in einem leeren Halbkreis vor der Grube standen.

Der Weg zu der Plattform war frei.

Die Vampire sahen zu der hochaufragenden Gestalt hinauf.

Die Stimme des Lords hatte sie erschüttert.

Kalte Schauder krochen Larten Crepsley über den Rücken.

Dennoch löste er sich als erster aus der Starre, die sie befallen hatte, und machte einen Schritt auf die Planke zu, die zur Plattform heraufführte.

Das Gesicht unter der Kapuze wandte sich ihm zu.

Der Lord der Vampaneze hob die Hand und machte eine einladende Geste.

Larten Crepsley tauschte einen Blick mit Vancha.

Dann betrat er die schmale Planke und balancierte über die flammende Grube hinauf auf die Plattform.

Der Lord der Vampaneze erwartete ihn.

Gillian sah zu, wie Larten Crepsley die schwankende Planke entlang kam, sein Mantel schwang ihm um die Füße.

Erleichtert sah sie, wie ihr geliebter Lehrmeister sicher einen Fuß auf die Plattform setzte.

Sie hatte Angst gehabt, er könne in die furchtbare Grube stürzen.

Aus dem Augenwinkel sah Gillian, wie Steve sich ihm in den Weg stellen wollte.

Ihr Kopf ruckte herum.

Seine violetten Augen flackerten.

Langsam, ganz langsam, schüttelte sie schweigend den Kopf.

Es fiel ihm sichtlich schwer, aber Steve machte wieder einen Schritt zurück an die Wand.

Er ließ Gillian mit Larten Crepsley allein.

Gannen Harst legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter.

Larten Crepsley sah, wie Steve Leopard an die Seite seines Meisters treten wollte, doch der Lord der Vampaneze gebot ihm schweigend Einhalt.

Leopard zog sich zurück.

Es sah so aus, als würde der Lord sich ihm im Zweikampf stellen.

Gut.

Ich bin bereit.

Larten Crepsley zog seine Dolche.

Gillian stand Larten Crepsley gegenüber, ihr Gesicht unter der Kapuze komplett verborgen.

Der Vampir mit den orangeroten Haaren zog seine Zwillingsdolche und wirbelte sie herum.

Er baute sich vor ihr auf.

„Zeige dein Gesicht, Lord der Vampaneze!", knurrte er.

Gillians Herz stockte. Lord der Vampaneze? Ach, du Scheiße, Larten glaubt, ich sei der Lord!

Sie biß sich auf die Unterlippe.

Ihre Gedanken rasten.

Was sollte sie tun?

Madam Truskas Worte hallten in ihrem Kopf wieder. „Du wirst Larten Crepsley von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Das wird ihm das Herz brechen. Und dann … muß einer von euch beiden sterben."

Oh Gott, Larten. Ich will dir nicht das Herz brechen!

Doch das hatte sie längst getan.

Sie hatte ihn betrogen, verraten und hintergangen.

Verstohlen sah sie zu Steve.

Larten hielt sie für den Lord der Vampaneze?

Gut so.

Vielleicht konnte sie Steve retten.

Larten würde sie töten, aber vielleicht würde er dann fliehen und Steve verschonen.

Vielleicht konnte sie mit ihrem Tod Beide retten.

Sie hob die Hände an die Kapuze.

Und zog sie sich vom Kopf.