Kapitel 7: "Von Angesicht zu Angesicht"

Die Gestalt in dem grünen Umhang oben am Rande der Plattform schlug die Kapuze zurück.

Darren Shan traute seinen Augen nicht.

Es war Gillian.

„Gillian…", keuchte Darren. „Gillian ist…SIE ist der Lord der Vampaneze?", rief er ungläubig.

Larten Crepsley und Gillian standen sich gegenüber.

Lartens faltige Gesichtszüge nahmen einen gequälten Ausdruck an.

Er hatte es geahnt.

Geahnt, dass sie hier war, dass sie sich gegenüberstehen würden.

Aber dass sie, ausgerechnet sie, der Lord der Vampaneze sein musste…

Es war schlimmer, als er sich in seinen schlimmsten Alpträumen ausgemalt hatte.

Er war hier, um sie zu töten.

Gillian schlug die Kapuze des grünen Umhangs zurück und sah Larten Crepsley in die Augen.

Ihre Wangen glühten.

Sie konnte sehen, wie ihm das Herz brach.

Es war, als würde ein kleines Uhrwerk aufhören zu ticken. Als würde ein Herzschlag aufglühen, und für immer erlöschen.

Sie standen sich gegenüber und sahen sich an, und es war als würde die Zeit langsamer fließen.

Gillian sah ihrem Lehrmeister in die Augen.

Nach langer Zeit stand sie ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber.
Als sie sich zuletzt in die Augen geblickt hatten, war das in ihrer Zelle in Vampire Mountain gewesen. Gillian hatte sich dort sehr zusammen reißen müssen, damit sie dort nicht in Tränen ausbrach. Damit sie ihm sagen konnte, was sie fühlte. Und dafür hatte sie keine Worte verwendet. Auch jetzt wünschte sie, sie könnte mit ihm reden, ohne Worte verwenden zu müssen… sie wünschte so sehr, er würde sie verstehen.

Lartens Herz hatte ausgesetzt, und nun fing es mit einem schmerzhaften Schlag wieder an zu schlagen. Er öffnete den Mund, und seine Stirn legte sich in Falten.

Ihre Augen.

Ihre Augen waren rot.

Sie hatte getötet.

Sie war eine Vampaneze.

Aber unter dem roten Schleier lebten ihre braunen Augen, und sie sah ihn mit demselben Ausdruck an, mit dem sie ihn auch damals angesehen hatte… damals in ihrer Zelle in Vampire Mountain. Als sie sich von ihm verabschiedet hatte. Als sie versucht hatte, ihm zu erklären, dass sie sich nicht kampflos hinrichten lassen würde. Und das sie sich von ihm wünschte, dass er sie nicht dafür hasste.

Sie hatte ihm ihr Blut zu trinken gegeben, damit er auch ja verstand.

Er hatte verstanden.

Und er hasste sie nicht.

Auch jetzt noch nicht.

Und noch etwas anderes hatte er in ihrem Blut lesen können…

Wie sehr sie ihn liebte.

Seine Hände krampften sich um die Dolche.

Gillian wurde innerlich ganz ruhig.

Es war soweit.

Larten Crepsley würde sie töten.

Sie würde sich nicht wehren.

Sie war schon einmal für ihn gestorben. Damals hatte er sie ausbluten lassen, hatte an ihrem Hals gehangen und ihr all ihr Blut ausgesaugt. Sie wäre fast gestorben, und die Schatten hatten ihr zugeflüstert, dass sie ihn töten müssten, damit sie überlebt. Aber sie hatte sie zurückbefohlen. Hatte ihm vertraut. War bereit gewesen, für ihn zu sterben.

Vielleicht hätte sie damals sterben sollen?

Oder schon viel früher… auf der Brücke… Vielleicht hätte sie springen sollen; sich von Murlough töten lassen sollen; sich von den Vampiren hinrichten lassen…

Nein, ihr Leben gehörte Larten Crepsley, hatte immer schon ihm gehört.

Auch wenn sie Steve liebte, und hoffte, dass er sich retten konnte… so blieb ihr doch jetzt nur noch eines: Sie begab sich in die Hände von Larten Crepsley.

Gillian schloß die Augen.

Sie lächelte.

Und mit jeder Faser ihres Herzens dachte sie nur einen Gedanken:

Ich bin Dein.

Auch für die anderen im Saal war es, als fließe die Zeit träge dahin, dehne sich wie Kaugummi.

Darren Shan sah, wie Gillian und Larten Crepsley sich schweigend gegenüberstanden und sein Herz schmerzte.

Was würde passieren?

Larten bewegte sich als erster wieder.

Er hob den Dolch seiner rechten Hand, und zielte auf Gillians Herz.

Gillian schloß die Augen.

Lächelte sie?

Larten Crepsley stieß zu….