Kapitel 13: "Die Königin von Luft und Dunkelheit"
Gillian schwebte in absoluter Dunkelheit.
Sie konnte die Hand vor Augen nicht sehen.
Es war friedlich und still.
Sie spürte gar nichts, keine Schmerzen.
Es war, als habe sie keinen Körper.
Weil das ungewohnt und unheimlich war, wünschte sie sich ihren Körper zurück und spürte ihn.
Sie spürte nun ebenfalls festen Boden unter den Füßen.
Ich will etwas sehen, dachte sie.
Doch diese Dunkelheit war undurchdringlich.
Selbst ihre Augen, zum allerersten Mal in ihrem Leben, konnten die Dunkelheit nicht durchdringen.
Sie nahm nichts, aber auch gar nichts wahr.
Gillian befand sich in echter Dunkelheit.
Doch Dunkelheit war immer ihr Element gewesen.
Was war Dunkelheit eigentlich?
„Dunkelheit ist nur die Abwesenheit von Licht", sagte jemand. Es war die Stimme von Richard, ihrem Professor für Altertum und Sprachen.
Gillian wunderte sich nicht, warum er hier war.
Er war schließlich immer bei ihr.
„Wenn Dunkelheit nur die Abwesenheit von Licht ist, ist dann Licht die Abwesenheit von Dunkelheit?", fragte sie.
„Lucem demonstrat umbra", sagte Richard. „Erst der Schatten zeigt das Licht."
Und Gillian verstand.
Und sie teilte Licht von Schatten.
Und siehe da, es ward Licht.
Gillian stand auf einer dünnen Linie auf einer weiten leeren Fläche.
Links von ihr breitete sich Dunkelheit aus, rechts von ihr schien helles Licht.
Gillian stand in der Zone dazwischen, um sich herum tausende Schattierungen von gleißend hell, bis undurchdringlich Dunkel.
Sie war allein.
Wo war Larten?
Da sah sie einen Hauch Farbe, einen roten Fleck, irgendwo in der Finsternis.
Sie ging darauf zu.
Larten Crepsley irrte durch das Zwielicht, da sah er, wie Gillian auf ihn zu kam.
Die letzten Meter rannte sie.
Er breitete die Arme aus und fing sie auf.
Er wirbelte sie herum, und ihre Haare flogen.
Dann drückte er sie ganz fest an sich.
Gillian grub ihr Gesicht in seinen Mantel.
Er streichelte ihr das Haar.
„Bist du auch tot?", fragte er.
Gillian sah zu ihm auf und lächelte. „Nein, ich glaube nicht."
„Das ist gut", sagte Larten.
Er nahm ihr Gesicht in seine großen rauen Hände und Gillian umfasste seine Hände mit ihren.
Sie lächelten sich an.
Der Boden auf dem sie standen wurde durchsichtig wie Glas, und Larten und Gillian blickten hinunter.
Sie sahen von oben herab in den Saal mit den Kronleuchtern.
Darren und Steve waren noch immer inmitten ihres Kampfes in der Luft erstarrt.
„Ich muß zurück, Larten, ich habe noch etwas zu erledigen."
„Ich verstehe."
Sie sah Larten an.
„Es ist ein Übersetzungsfehler, Gillian", sagte die Stimme von Richard. „Es heißt nicht Königin von Luft und Dunkelheit. Es heißt Königin von LICHT und Dunkelheit."
Gillians Herz pochte.
Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie begriff, dass es Zeit wurde, sich für immer von Larten zu verabschieden.
Tapfer sah sie ihn an. "Du darfst nicht hierbleiben", sagte sie. „Komm."
Sie nahm seine Hand, und führte Larten Crepsley ins Licht.
