1.11. 18.00 Uhr

Als könne er sein Stirnrunzeln auf diese Weise auf das kitzelnde Haar schieben, strich Lucius Malfoy betont lässig eine Strähne aus seinem Gesicht und blies seine Wangen auf. Lockerte seine Zauberstabhand. Sprach den Zauber nun laut aus, selbigen wieder auf die nachzufüllende Teetasse richtend:

Aguamenti camellia!"

Wiederum war nichts geschehen.

Die Panik, die ihn durchfuhr, war gänzlich irrational. Sein Kinn hebend, rief er sich zur Ordnung. Die Zeit seiner Verfolgung durch das Ministerium, in der er derartige, absolut demütigende Magielosigkeit hatte erfahren müssen, war lange vorbei!

Und die magische Pest…? Auch die würde mit Verlust der magischen Energie einhergehen…, verursachte einen zweiten Adrenalinstoß. Er mußte sich zusammenreißen. Es gab KEINEN Grund zur Sorge!

Sie hatte ihm auf seine mehrfache Nachfrage hin versichert, daß die Übertragung der Seuche auf den Menschen zur Zeit lediglich eine hypothetische Möglichkeit sei. Nicht vollkommen auszuschließen zwar, jedoch vorerst nicht akut. Und selbst davon abgesehen, war Malfoy Manor dank der zehn neuen, extra für diese Aufgabe eingesetzten Hauselfen nach wie vor weitgehend frei von Ratten. Die einzige, die mit der Seuche beruflich in Berührung gekommen war, war die junge Weasley – und die war bei seinem letzten Besuch in ihrer Wohnung zweifelsfrei kerngesund gewesen…

Die Erinnerung an ihren leidenschaftlichen Zornesausbruch auf die Überreichung seines kleinen Präsentes hin drängte Lucius hastig beiseite. Bei ihrer roten Mähne: Feuer hatte sie gehabt! Im Bett war das eine durchaus reizvolle Eigenschaft. Ein Jammer, daß sie außerhalb dessen so unvereinbare Interessen verfolgt hatten! Er sog Luft durch die Nase. Schließlich war gerade diese Energie es gewesen, welche zu diesem unschönen Ende geführt hatte…

Zur Sache! Er war weder infiziert, noch konnte das Ministerium ihn mit einer Zaubereisperre versehen haben. Und daß die Bulgaren…? Quatsch, er litt wirklich an Verfolgungswahn! Es gab keinen Anlaß sich zu sorgen!

Doch was zur Hölle war dann die Ursache für diese… Panne? Sich straffend, hob er zum dritten Mal seinen Zauberstab:

Aguamenti camellia!" wiederholte er deutlichst artikuliert, bevor seine Beklommenheit ihm die Kehle zuschnürte: Die Tasse blieb gähnend leer.

Da ertönte unten der Gong der Gegensprechanlage und lähmte ihn vollkommen.

Sie kommen Dich holen! Du landest in Azkaban!

Sein peinliches Herzklopfen zeigte wieder einmal, daß seine regelmäßigen Besuche bei der renomiertesten Traumatherapeutin keineswegs überflüssig waren. Lucius zwang seinen Atem in einen ruhigen Rhythmus. Dem Hauselfen, der im folgenden Moment anklopfte, trat er bereits wieder mit einem ordnungsgemäß lässig gelangweilten Gesichtsausdruck entgegen.

„Master Malfoy, Sir, schlechte Nachrichten, Sir, Pitty bittet vielmals um Vergebung, Sir! Auroren, Master Malfoy, Sir!"

AUROREN!

Dieses Wort! Sprang ihn an! Die pure Angst! Immerwährender Albtraum!

Und jetzt wird er wahr! Nach all den Jahren!

Lucius rang nach Luft.

ABER DAS KANN NICHT SEIN! Sie können nichts davon wissen! Ich bin umsichtig genug gewesen!

Mit aller Macht konzentrierte er sich auf seine Verachtung für dieses gnomenhafte Wesen. Dessen aufgeregt piepsige Stimme überschlug sich beinahe. Selbstdisziplin war diesen Kreaturen fremd! Und in derart aufgelöstem Zustand ging denen auch noch ihr unabdingbarer Gehorsam abhanden! Völlig ungerührt von Lucius' herrisch schweigengebietender Geste plapperte der Elf weiter:

„Aber Auroren, Master Malfoy, Sir! Mr. Longbottom, Sir!"

LONGBOTTOM?

„Er wünscht Master Malfoy zu sprechen, Sir! Bitte straft er Pitty, Sir, aber es ist wahr, Master Malfoy, Sir!"

Dieser verhufflepuffte Jungspund?! Um mich zu verhaften, hätten die den Ranghöchsten geschickt und keinen – NIEMAND!

Lucius entspannte sich ein Stück weit.

„Schweig, Elfe!" donnerte er los. „Bitte ihn herein! Bring Wein! Süßigkeiten! Knabbereien!"

„Sir, Master Malfoy möge Pitty strafen, Sir, aber Mr. Longbottom sagt, er könne nicht hereinkommen, Sir, weil Malfoy Manor umstellt sei, Sir, weil Master Malfoy Malfoy Manor verlassen müsse, Master Malfoy, Sir!"

„WAS?! UMSTELLT?!!"

Es war UNMÖGLICH! Sie hatten nichts gegen ihn in der Hand! Ganz sicher! – Nichts, was rechtfertigen würde… Gut, eventuell die kleine Beschönigung seiner vorjährlichen Steuerbilanz… Doch das wäre ja wohl kaum ein Grund für das Ministerium…?

Quatsch!

Das mußte ein übler Streich sein! Potter etwa? Welcher jetzt plötzlich, aus heiterem Himmel, doch noch Rache nehmen wollte? Longbottom? Der Sproß dieses verrücktgefolterten Aurorenehepaares? Sollte dieser gutmütige Trottel sich nach all den Jahren vorgenommen haben…?

Hör auf zu denken, tu endlich etwas!

Lucius Malfoy gelang es, eine majestätische Miene aufzusetzen, und beruhigte seine eine Spur zu hektischen Bewegungen.

„Ich komme hinunter! Laß mich allein, Elfe!"

Diese trollte sich prompt, wenigstens etwas!

Am Eingang angekommen, benötigte Lucius kein zusätzliches Atemholen mehr, um seinen Blick souverän durch das auf sein Gartenportal gerichtetes Spezialteleskop schicken zu können. Der junge Gryffindor da unten hatte sich in den Jahren seit Kriegsende kaum verändert, daran änderte auch der Dreitagebart nichts, den er sich herangezüchtet hatte. Abschätzig verzog Lucius den Mund. Schlangentöter hin oder her, Neville Longbottoms Gebaren hatte etwas Schüchternes, Unbeholfenes, als wolle er sich pauschal dafür entschuldigen, daß er Platz auf dieser Welt beanspruche.

„Mr. Malfoy, entschuldigen Sie die Störung, aber…"

„Ich entschuldige NICHTS!" schnitt Lucius ihm kalt das Wort ab. Er FÜHLTE sich GESTÖRT, und das allein war unentschuldbar! Sämtliche Verachtung in seinen Tonfall legend, fuhr er fort: „Entweder Sie WOLLEN mich stören, oder Sie VERSCHWINDEN, Junge! IHRE Entscheidung!"

Seine Augenbrauen hoben sich überrascht, als der junge Mann daraufhin keineswegs eingeschüchtert zu stottern begann, sondern sich vielmehr straffte und seine Augen umso fester auf die magischen Sensoren heftete, als sei der Lichtweg auch hier umkehrbar und er in der Lage, den strengen Blick des Hausherrn direkt zu erwidern.

„Es TUT mir sehr leid, Mr. Malfoy, aber Sie müssen mitkommen, weil die Gefahr besteht, daß Sie sich mit der Pestilentia magica infiziert haben."

NEIN!

„Aber… Sie hat gesagt, das sei extrem unwahrscheinlich!" war ihm herausgerutscht, ehe er das hätte unterdrücken können. Deswegen fühlte er sich so… schwach… so erschöpft… so schwummerig im Kopf… So… ANDERS…

Und zauberunfähig! DA hast Du es doch!

Seine beiden Hände umkrallten seinen Zauberstab.

Das ist MEIN ENDE! ICH WERDE STERBEN! Jetzt doch noch!

„Das war auch richtig", die Stimme des jungen Mannes klang besonnen und kompetent, „bis heute." Er machte eine Pause, schien jedoch nicht verwundert, als Malfoy schwieg. „Und daher muß ich Sie bitten, Ihre Sachen zu packen und sich umgehend in ministerielle Quarantäne zu begeben."

Quarantäne. Isolationshaft. Azkaban.

„Ich bleibe hier", würgte Lucius hervor. „Ich werde einfach in Malfoy Manor bleiben!"

„Es tut mir leid, Mr. Malfoy, aber unsere personelle Situation läßt nicht zu, Sie hier zu belassen. Außerdem stehen Sie ab sofort unter medizinischer Beobachtung."

Der Junge ließ sich nicht beirren. Die Lucius überflutende Panik ließ ihn nach seinem Ausgehstab im Schirmständer greifen, als sei es möglich, sich daran festzuklammern. Er hatte es gewußt! Diese Frau war sein Fluch! Er war sie NICHT losgeworden. Würde es nie mehr. Ebenso wenig wie die jetzt ausschließlich geschäftsmäßige Stimme dieses Aurors.

„Ferner muß ich Sie bitten, Ihre Frau sowie das gesamte menschliche Personal mitzunehmen. Hauselfen sind gegen die Seuche immun."

„Meine Frau und ich leben seit zwei Monaten getrennt." Lucius' Stimme klang so matt, wie er sich fühlte.

„Das heißt, sie ist nicht hier?"

„WIR LEBEN GETRENNT!"

„Gut. Wir haben einen Portschlüssel direkt ins 's. Dort werden Sie bleiben müssen, bis die Inkubationszeit um ist. Für diese Dauer ist Ihre Magie gesperrt."

WAS? Die haben…

Nicht die Seuche…? NICHT DIE SEUCHE! NUR DAS DÄMLICHE ZAUBEREIMINISTERIUM!

Und sie hatte ihm VERSICHERT, daß keine Ansteckungsgefahr bestehe! Er hatte keinen Grund, sich krank zu fühlen! Er war gesund, verflucht noch mal! GESUND! Was tat er überhaupt hier?!

„WAS ZUM TEUFEL SOLL DAS ALLES?!" Er schrie jetzt.

Ihre…", Longbottom zögerte minimal, „…FREUNDIN Ginny Weasley wurde heute tot aufgefunden. Der routinemäßig vorgenommene Schnelltest auf pestilentia magica war positiv!"