Alle Charaktere und sämtliche Rechte an ‚NCIS: Los Angeles' gehören CBS und Shane Brennan Productions. Die folgende Geschichte dient keinerlei kommerziellen Zwecken, sondern wurde nur zum Vergnügen für Fans geschrieben. Eine Verletzung des Copyrights ist nicht beabsichtigt. Alle weiteren Personen gehören der Autorin.

Viel Spaß beim Lesen und ich freue mich auf Eure Rückmeldungen.

Kapitel 7 - Endlich zurück

Am nächsten Morgen waren alle früh im Hauptquartier. Eric hatte die Nachricht an alle Handys verschickt. Jetzt warteten sie gespannt auf ausführliche Neuigkeiten.

„Die gute Nachricht haben Sie ja alle schon gehört. Das Team um Mr. Hanna hat Mr. Callen gestern erreicht. Er ist verletzt, konnte aber vor Ort vom Sanitäter versorgt werden. Es war ziemlich knapp, aber sie haben rechtzeitig den Treffpunkt erreicht und sind abgeholt worden. Die weniger gute Nachricht ist, dass wir auf die Rückkehr von Mr. Hanna, Mr. Wingate und Mr. Callen noch etwas warten müssen." Hetty machte eine dramatische Pause. „Sie wurden auf eines unserer Schiffe ausgeflogen, dass in der Nähe an einem Manöver teilnimmt. Kurz nach ihrem Eintreffen dort, wurde als Teil der Übung jeder Kontakt nach außen unterbunden. Die Herren werden erst nach Beendigung der Übung zurückkehren."

„Deeks wird noch weitere vierundzwanzig Stunden im Krankenhaus bleiben. Es geht ihm soweit gut, aber die Ärzte wollen kein Risiko eingehen." Kensi seufzte theatralisch. „Es geht ihm sogar so gut, dass er bereits mit allen Schwestern flirtet. Ständig versucht er, eine von ihnen zu überreden, ihm ein Schwammbad zu geben."

Alle lachten. Das war wirklich typisch Deeks.

„Das bedeutet, dass wir jetzt nur noch den Verursacher für alle unsere Probleme finden müssen."

Das Gelächter erstarb, alle sahen Hetty an.

„Wie weit seid Ihr mit Eurer Computerrecherche?" Joann wandte sich an Nell und Eric.

„Ähm, ja, also…" Eric war etwas aus dem Konzept. „Wir sind möglicherweise auf eine falsche Fährte geschickt worden."

„Und das heißt?"

„Das möglicherweise das Büro des SECNAV gar nichts mit der Sache zu tun hat, Renko." Nell erlöste Eric.

„Möglicherweise?"

„Wir gehen einigen Spuren nach." Nell hielt Renkos Blick stand.

„Gut, und welchen Spuren können wir nachgehen?" Joann brachte das Gespräch auf den Punkt.

Nell und Eric sprachen leise miteinander, dann nickte Eric.

„Wir haben den Arbeitsplatz herausgefunden, von dem aus die Befehle für Ray und Callen ausgelöst wurden."

„Und?" Joann wurde ungeduldig.

Nell übernahm die Erklärung. „Es ist der Arbeitsplatz einer Schreibkraft. Sie hat auf gar keinen Fall die Berechtigung zu solchen Befehlen und auch keinen Zugriff auf die entsprechenden Programme. Wir sind uns bisher nicht sicher, ob jemand anderes sich von dort aus Zugriff verschafft hat oder ob das wieder nur eine falsche Spur ist."

„Was ist mit Sicherheitsvideos?"

„Wir haben eine Menge Material, Joann. Zu viel, um es neben all den anderen Aufgaben zu sichten." Erwartungsvoll sah Eric seine Kollegen an.

„Leute, Ihr habt es gehört. Sehen wir uns Überwachungsvideos an."

Joanns Kollegen rollten mit den Augen, machten sich dann aber an die Arbeit.

„Der Arzt hat die Ursache gefunden, warum Du Deine Verfolger nicht loswerden konntest."

Sam und Ray leisteten Callen im Bordlazarett Gesellschaft. Der Ex-Seal hielt seinem Partner eine kleine, durchsichtige Kunststoffdose hin, in der ein etwa ein Zentimeter langer und cirka zwei Millimeter dicker zylindrischer Gegenstand lag.

„Ist das ein Sender?" Callen sah leicht ungläubig auf das kleine Teil. „Wo hat der Arzt den gefunden?"

„In Deiner Schulter, G. Der Querschläger hat ihn beschädigt. Deswegen konnte sie Dir nicht mehr folgen."

„Ich verstehe das nicht. Wie ist der Sender in meine Schulter gekommen?"

„Das ist keine große Sache, Callen, das kann man mit einer Einwegspritze machen. So werden normalerweise Haustiere gekennzeichnet." Ray grinste seinen Kollegen an.

„Haustiere?" Callen sah Ray durchdringend an. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich erinnern könnte, wenn ich gechipt worden wäre."

„Du warst für die CIA im Einsatz, da ist alles möglich." Sam stellte die Dose auf Callens Nachttisch. „Gab es irgendwelche medizinischen Untersuchungen oder Eingriffe im Vorfeld des Einsatzes?"

„Nein, nichts. Außerdem hat man mir erst beim Eintreffen im Einsatzgebiet gesagt, dass dies eine CIA-Mission sein würde." Callen wurde nachdenklich.

„Was, G?"

„Es gab da nur eine merkwürdige Sache. Ich habe im Flugzeug ungewöhnlich lange geschlafen."

Ray lachte. „Klar, dass ist merkwürdig. Wer kann schon auf diesen unbequemen Sitzen richtig schlafen."

Aber Sam schüttelte den Kopf. „Was heißt ‚lange', G?"

„Etwa zwei Stunden, Sam."

Die beiden Männer sahen sich nachdenklich an, während Ray leicht verwirrt zwischen den beiden hin und her sah.

„Hast Du etwas gegessen oder getrunken, bevor Du eingeschlafen bist?" Sam wollte der Sache auf den Grund gehen.

„Einen Becher Kaffee und eine Banane."

„Da hast Du es."

Jetzt wurde es Ray doch ein bisschen zu viel. „Könnt Ihr mich auch einweihen?"

„Inzwischen solltest Du auch wissen, Ray, dass G niemals so lange an einem Stück schläft. Es sei denn er ist krank, in Narkose oder jemand hat ihn eingeschläfert."

Jetzt fiel der Groschen bei Ray. „Du warst nicht krank und nicht in Narkose, also hat Dich jemand eingeschläfert. Wahrscheinlich mit irgendetwas im Kaffee. Während Du weggetreten warst, haben sie Dir den Chip verpasst."

„Der Junge ist ja richtig clever. Vielleicht hat er ja doch etwas von uns gelernt." Callen grinste Sam an und die beiden lachten.

„Schön, dass es Dir schon wieder so gut geht." Ray versuchte, beleidigt auszusehen, hatte damit aber nicht viel Erfolg. „Okay, und was machen wir jetzt mit diesem Wissen?"

„Erst einmal gar nichts. Wir warten ab. Außerdem soll Eric sich den Sender ansehen, wenn wir zurück sind. Vielleicht verrät uns das kleine Teil ja noch etwas, dass nützlich ist."

„Ich glaube, meine Augen sind eckig." Müde rieb sich Joann selbige, während sie das Hauptquartier verließ.

Renko sah zu ihr hinüber. „Nein, noch nicht. Aber dafür sind sie ziemlich rot."

„Deine sehen auch nicht besser aus."

Renkos Lachen fehlte der übliche Schwung. „Das wird bestimmt noch schlimmer, bevor es besser wird. Da sind noch eine ganze Menge Aufnahmen, die wir uns ansehen müssen."

„Es muss doch eine Möglichkeit geben, das Ganze zu beschleunigen."

„Nicht, solange wir keine Ahnung haben, wen wir suchen." Renko seufzte. „Echt, die Aussicht auf noch mehr Stunden Überwachungsvideos lässt mich wünschen, wieder undercover zu arbeiten. Zum Beispiel als Obdachloser oder Junkie."

Trotz ihrer Müdigkeit musste Joann grinsen. „Ich bin dabei. Aber erst, nachdem ich etwas gegessen habe." Passend zu dieser Bemerkung knurrte Joanns Magen laut und vernehmlich. „Ups!" Zarte Röte erschien auf ihren Wangen.

Diesmal lachte Renko aus vollem Herzen. „Hast Du Lust auf Gesellschaft?"

„Gerne!" Joann lächelte ihren Kollegen warm an. „Was hältst Du von Chinesisch? Ich könnte etwas bestellen und wir essen bei uns zu Hause." Joann verlor für einen Moment ihr Lächeln, riss sich dann aber wieder zusammen. „Im Moment wohl eher bei mir zu Hause."

„Klingt gut, ich bin dabei." Sanft sah Renko Joann an. „Und es ist immer noch Euer Zuhause."

Während Sam und Ray in der Messe aßen, herrschte nachdenkliches Schweigen zwischen den beiden. Die Grübelfalten auf Rays Stirn verschwanden gar nicht mehr und Sam sah vollkommen ausdruckslos vor sich hin.

„Du bist zu jung, um schon so tiefe Falten auf Deiner Stirn zu haben." Sam schob sein Tablett an die Seite und sah Ray auffordernd an.

Ray ließ sich Zeit mit seiner Antwort. „Irgendetwas stimmt an der ganzen Geschichte nicht. Es passt alles nicht so zusammen, wie…" Ray schüttelte den Kopf. „Es passt einfach nicht zusammen. Ich kann das nicht näher erklären." Wieder runzelte Ray die Stirn. „Hinter unseren Problemen haben wir bisher jemanden vom Büro des SECNAV vermutet. Alles schien daraufhin zu deuten. Aber ich glaube, wir irren uns." Ray sah Sam direkt an. „Es hängen einfach zu viele verschiedene Behörden in unseren Problemen drin: FBI, CIA, L.A.P.D. und unsere eigene, der NCIS. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand vom Büro des SECNAV so viele verschiedene Beziehungen hat."

„Wir kennen jemanden, der solche Beziehungen hat." Sam erwiderte Rays direkten Blick. „Hetty."

Der junge Agent nickte. „Genau. Wir kennen nur Bruchstücke von Hettys Vergangenheit, aber sie hat definitiv Beziehungen zu allen in diesem Fall involvierten Behörden und wahrscheinlich noch zu ein paar mehr. Hetty wäre jemand, dem ich zutraue, uns diese Menge an Problemen zu verschaffen. Also suchen wir jemanden, dessen Geschichte eine gewisse Ähnlichkeit mit Hettys hat. Wenn so jemand im Büro des SECNAV beschäftigt wäre, wüsste Hetty das mit Sicherheit. Aber ich hatte den Eindruck, dass sie immer noch nicht weiß, wer hinter dem ganzen steckt. Oder irre ich mich?"

„Nein. Und das finde ich besonders…erschreckend." Wenn auch mit etwas Zögern, so hatte Sam doch ganz bewusst dieses Wort gewählt. „Hetty hatte immer alles im Griff. Sie hat eine Menge Ärger von uns ferngehalten und mit ihren Beziehungen oft zur Lösung eines Falls beigetragen. Und auf einmal ist das alles weg?" Sam schüttelte den Kopf. „Ganz bestimmt nicht. Ich denke, dass Du Recht hast. Der Verursacher ist jemand aus Hettys Vergangenheit, der ein ähnlich…" Sam grinste plötzlich verschmitzt. „Jemand, der ein ähnlich bewegtes Leben geführt hat."

Auch Ray musste grinsen. „Nett gesagt, Sam." Dann wurde er wieder ernst. „Sobald wir wieder Kontakt aufnehmen dürfen, müssen wir die anderen informieren. Sie verschwenden zu viel Zeit mit der Suche in der falschen Richtung."

Sam nickte. „Ja. Aber jetzt werden wir mit G reden. Er weiß mehr über Hettys Vergangenheit, als wir alle zusammen. Dass ist zwar immer noch nicht genug, aber möglicherweise hat G eine Vorstellung, nach wem wir suchen."

„Wir sollten unsere Suche anders angehen."

„Und das heißt was, Jo?" Kensi war leicht verwirrt. Gestern hatte Joann noch ganz anders geklungen.

„Mike und ich hatten gestern Abend eine interessante Unterhaltung."

Joann lächelte Renko an. Die Gesellschaft hatte ihr gut getan. Da das Thema Arbeit beim Essen tabu gewesen war, hatten sich beide etwas ablenken können. Dafür war das Gespräch anschließend umso produktiver gewesen. Jetzt wandte Joann sich Hetty zu.

„Das Büro des SECNAV ist eine falsche Spur. Wir suchen nach jemand, der Beziehungen zum FBI, zur CIA, zum L.A.P.D. und zum Büro des SECNAV hat. Solche Beziehungen bauen sich nur in einem…" Joann zögerte, schmunzelte und sprach dann weiter. „…in einem längeren und sehr ungewöhnlichem Berufsleben auf. Ich persönlich denke, dass es jemand mit CIA-Vergangenheit ist, der uns diesen verdammten Ärger eingebrockt hat." Joann zuckte mit den Schultern. „Ehrlich gesagt frage ich mich, warum ich so lange gebraucht habe, dass zu sehen. Im Grunde steht doch dick ‚CIA' auf dieser ganzen Geschichte. Wenn man in Ruhe darüber nachdenkt, springt es einen geradezu an."

Zuerst erstaunt, dann nachdenklich hatten alle Joann gelauscht. Die wandte sich jetzt an Eric und Nell.

„Von Euch will ich wissen, wie man das Ganze computertechnisch lösen kann. Es ist bestimmt nicht einfach, das Büro des SECNAV zu hacken."

„Schwierig, aber nicht unmöglich." Eric zuckte mit den Schultern. „Außerdem gibt es andere Möglichkeiten. Ihr habt das auch schon gemacht."

Kensi schmunzeln. Sie wusste genau, was Eric meinte. „Wie gut, dass Darcy sich einen neuen Job gesucht hat…"

„Okay, und wie finden wir das heraus?"

„Das müsste eigentlich vor Ort gemacht werden…" Eric zögerte. „Ich kann versuchen, von hier etwas herauszufinden, aber die Möglichkeiten sind eingeschränkt."

Joann sah Hetty an. „Vielleicht sollten wir Director Vance einschalten. Etwas Unterstützung aus Washington wäre nicht schlecht."

Hetty nickte. „Einverstanden, ich kümmere mich darum. Mr. Beale, Miss Jones, versuchen Sie trotzdem, etwas von hier aus herauszufinden." Dann wandte sie sich an die übrigen Anwesenden. „Und Sie kümmern sich um Ihre normale Arbeit. Wir wollen doch keinen Ärger wegen unerledigter oder unsachgemäß ausgeführter Arbeit bekommen."

Kensi fuhr Deeks nach Hause. Abgesehen von einer großen Anzahl an Prellungen am ganzen Körper hatte er seinen unfreiwillige Bootsfahrt gut überstanden.

„Wann darfst Du wieder arbeiten?"

„Ich soll mir eigentlich noch ein paar Tage die Ruhe antun, damit die Prellungen ausheilen können. Aber ich wollte morgen schon wieder ins Hauptquartier kommen. Vielleicht kann ich mich nützlich machen."

Deeks sah Kensi bei diesen für ihn ungewöhnlich zurückhaltenden Worten nicht an.

„Ach ja? Was wird Hetty wohl dazu sagen?"

„Sie wird froh sein, mich wieder zu sehen." Jetzt hatte Deeks sein gewohnt frech-charmantes Wesen wiedergefunden. „Ich wette, Hetty hat mich schrecklich vermisst." Breit grinsend sah er seine Freundin an. „Gib zu, Du hast mich auch vermisst."

„Warum sollte ich? Niemand, der mich ständig mit dummen Sprüchen nervt. Niemand, der ewig wegen irgendetwas jammert. Niemand, der ständig mit mir um die Autoschlüssel streitet." Kensi starrte stur nach vorne auf die Straße. „Nate ist da bedeutend angenehmer als Partner."

Deeks war verblüfft. Nach der ersten Erleichterung, dass es ihm wieder gut ging, war Kensi ihm gegenüber wieder grantig und distanziert aufgetreten.

Ziemlich abrupt bremste Kensi vor Deeks' Apartmenthaus ab.

„Kommst Du noch mit rauf?" Deeks fühlte sich selten unsicher, aber Kensi schaffte es immer wieder, dass es ihm so ging.

„Sicher. Ich glaube nicht, dass Du alles alleine in Deine Wohnung bekommst."

„Ich habe doch nur die Tasche mit den Sachen, die Du mir ins Krankenhaus gebracht hast."

„Ich war einkaufen, damit Du was im Kühlschrank hast."

„Oh." Jetzt war Deeks so verblüfft, dass ihm sogar die dummen Sprüche ausgingen.

„Das war Joanns Idee."

Deeks beobachtete Kensi, während sie die Einkäufe wegräumte. Ihre Beziehung war immer sehr turbulent gewesen. Umso beunruhigender war es, dass Kensi jetzt so eisern schwieg. Deeks fasste einen Entschluss.

„Okay, Kensi, raus damit. Du erstickst sonst noch an dem, was Du nicht sagen willst."

Kensis Augen funkelten, als sie sich Deeks zuwandte.

„Was hast Du Dir nur dabei gedacht? Hetty hat Dir schon vor einer Ewigkeit die Möglichkeit gegeben, ein NCIS-Agent zu werden. Aber nein, Du musstest ja unbedingt weiter Cop bleiben. Dabei lässt Dich das L.A.P.D. jedes Mal vor die Wand laufen, wenn es darauf ankommt! Was glaubst Du denn, was wir als Bundesagenten machen? Däumchen drehen und den Verbrechern gelangweilt zusehen? Du solltest es langsam besser wissen! Wer deckt Dir den Rücken? Wir, die Bundesagenten. Wer holt Dich aus der Scheiße? Wir, die NCIS-Agenten!" Kensi redete sich immer mehr in Rage. „Du bist noch nicht mal ein guter Verbindungsoffizier, denn Deine Cop-Kollegen können Dich nicht ausstehen. Wir vom NCIS bekommen eher Auskunft und Unterstützung als Du, weil Du es Dir mit allen verscherzt hast. Wir wissen alle, dass Du eine echte Nervensäge sein kannst, aber, um Sam zu zitieren, Du bist gut für das Team. Nur dass Du anscheinend nicht in diesem Team spielen willst. Was ist so schlecht an uns? Wir setzten uns für einander ein und klären extrem erfolgreich Verbrechen auf. Reicht es Dir nicht, Terroranschläge zu verhindern, Entführungen aufzuklären und für die Sicherheit unseres Landes zu sorgen? Was willst Du, zum Teufel noch mal?"

„Mit Dir zusammenleben."

Abwartend sah Sam seinen Partner an. Er und Ray hatten Callen gerade von ihren Überlegungen berichtet.

Callen nickte. „Ihr könntet Recht haben. Euch ist aber klar, dass Hettys Vergangenheit auch für mich ein großes Geheimnis ist?"

„Sicher, G. Aber da Du selber mal bei der CIA warst, bist Du unsere beste Quelle, um unseren Gegenspieler zu finden. Zur Zeit sogar unsere einzige Quelle."

Callens Miene wurde ausdruckslos. Seine Zeit bei der CIA war kein Thema, über das er sprach. Schließlich schüttelte er den Kopf.

„Ich glaube nicht, dass ich mehr über Hettys Vergangenheit weiß als Ihr. Und nichts von dem, was ich weiß, kann uns hierbei helfen. Das alles sieht nach einer typischen CIA-Operation aus. Allerdings glaube ich nicht, dass die CIA das wirklich veranlasst hat. Hetty hat nicht nur viele Geheimnisse, sie weiß auch eine Menge Geheimnisse von anderen. Das weiß die CIA auch. Die würden niemals etwas tun, dass Hetty dazu bringen könnte, entsprechende Geheimnisse öffentlich werden zu lassen."

„Dann ist jemand, der mal bei der CIA war und immer noch über entsprechende Beziehungen verfügt."

„Das ist wahrscheinlicher, Sam. Ein Ex-CIA-Agent weiß, wie so eine Operation aufgezogen werden muss. So jemand hat mit Sicherheit auch entsprechende Kontakte, um sie in die Tat umzusetzen. Wir werden warten müssen, bis wir mit Hetty sprechen können. Hier und jetzt können wir gar nichts machen."

„Jetzt sind wir endlich auf dem richtigen Weg und zu Untätigkeit verdammt!" Ray sah ziemlich knurrig aus.

Das brachte Sam und Callen zum Lachen.

Wieder vergingen Tage, in denen das Team den Schein wahrte und ihrer normalen Arbeit nachging. Die Hauptarbeit lag bei Nell und Eric. Die anderen hielten ihnen, soweit wie möglich, den Rücken frei.

Regungslos lag Joann in ihrem Bett. Sie atmete ruhig weiter, während sie in die Dunkelheit lauschte. Etwas hatte sie geweckt. Nur was? Im Schlafzimmer war niemand. Da! Jemand war im Haus. Das Geräusch war sehr leise und schien aus der Küche zu kommen. So lautlos wie möglich erhob sich Joann aus dem Bett und nahm ihre Waffe aus der Nachttischschublade. Anschließend schlich sie Richtung Küche. Ein schwacher Lichtschein erhellt die Dunkelheit. Der Kühlschrank war offen. Die Waffe im Anschlag näherte Joann sich der Küche.

„Hände hoch, einen Schritt nach hinten und ganz langsam umdrehen. Keine hastige Bewegung, oder ich schieße."

Der Eindringling erstarrte, bevor er Joanns Anweisungen befolgte.

„Es tut mir leid, ich wollte Dich weder wecken noch erschrecken."

Joann riss ihre Augen auf. Hastig sicherte sie ihre Waffe, legte sie auf die Küchenablage und warf sich in Callens Arme.

„G! Du bist zurück! Endlich!"

Callen versuchte, ein schmerzhaftes Zusammenzucken zu unterdrücken, als Joann ihn feste mit ihren Armen umschlang. Aber sie bemerkte es doch. Sofort ließ Joann Callen los und betätigte den Lichtschalter.

„Was ist los? Bist Du verletzt?"

Callen lächelte beruhigend. „Ich habe ein bisschen was abbekommen, aber mir geht es schon wieder gut."

Zweifelnd musterte Joann ihren Freund. In seinem Gesicht entdeckte sie Spuren von Kratzern und kleine Schnitte, die aber schon heilten. Seine Körperhaltung war leicht verkrampft und er hielt den linken Arm unnatürlich an den Körper gepresst.

„Was ist passiert, G?"

Callen seufzte, er kannte diesen Tonfall. Joann würde keine Ruhe geben, bis sie ihre Antwort hatte.

„Bei meiner Flucht durch das Bergland bin ich in einen Kampf verwickelt worden. Es hat eine größere Explosion gegeben, die mich gegen eine Hauswand geschleudert hat. Außerdem wurde ich von einem Querschläger in der Schulter getroffen. Jo, Du musst Dir keine Sorgen machen. Ich bin auf dem Schiff gut versorgt worden und der Arzt hat gesagt, dass ich bald wieder in Ordnung bin. Du kannst Sam und Ray fragen, sie werden es Dir bestätigen."

Erleichtert lächelte Joann und schmiegte sich diesmal vorsichtiger an Callen. Glücklich erwiderte er ihre Umarmung.

„Die ganze Zeit während meiner Flucht konnte ich nur daran denken, dass ich Dein Lächeln wiedersehen wollte."

Callen hielt Joann feste. Er wollte sie nie wieder loslassen. Es dauerte einen Moment, bis ihm auffiel, dass Joann sich nicht bewegte. Sie hatte ihren Kopf an seiner unverletzten Schulter vergraben und gab keinen Laut von sich.

„Jo?"

Ein leichtes Zittern in ihren Schultern war die Antwort. Joann weinte. Die Anspannung der vergangenen Wochen bahnte sich einen Weg. Callen küsste sie sanft auf den Scheitel und verstärkte leicht seine Umarmung.

„Ich liebe Dich."

Kaum hörbar flüsterte Callen diese Worte. Er vergrub sein Gesicht in Joanns Haaren und schloss seine Augen. Er war dankbar, dass sie ihm genug vertraute, um ihr Innerstes zu zeigen. Sie musste nicht immer stark sein. Und er auch nicht.

Am nächsten Morgen war das Team zum ersten Mal seit einigen Wochen wieder komplett. Die Begrüßung fiel überaus herzlich aus. Ohne viel Worte nahm Joann Sam und Ray in die Arme und drückte sie innig.

„Danke." Mehr wagte Joann nicht zu sagen, sie wollte nicht von ihren Gefühlen übermannt werden.

„Schon gut." Sam lächelte Joann liebevoll an.

„Das war purer Eigennutz." Ray zwinkerte Joann zu. „Ich mag mir gar nicht ausmalen, was Du mit uns angestellt hättest, wenn wir ohne Callen zurückgekommen wären.

Joann lachte verlegen. „So schlimm bin ich doch gar nicht."

„Na ja, das kommt immer darauf an." Sam versuchte, ernst auszusehen, konnte aber das Zwinkern in seinen Augenwinkeln nicht verstecken.

Deeks, der schon seit einigen Tagen wieder im Dienst war, hielt sich ungewohnt im Hintergrund. Er hatte keinen Grund, sich zu beschweren, denn auch seine Begrüßung war sehr herzlich ausgefallen. Allerdings sprach Kensi mit ihm seit seiner Eröffnung nur noch das Nötigste. Sie hatte ihn starr angesehen und war dann wortlos gegangen.

Natürlich war den Kollegen das Verhalten aufgefallen, aber niemand sprach die beiden darauf an. Joann war sich sicher, dass Kensi mit ihr reden würde, wenn sie soweit war. Außerdem rechnete sie jeden Tag damit, dass Deeks irgend etwas Dummes anstellen würde. Auf die ein oder andere Art würde Joann schon erfahren, was zwischen ihren beiden Freunden vorgefallen war.

Ein schriller Pfiff ließ die Gruppe erstaunt aufsehen, denn sowohl Eric als auch Nell saßen bei ihnen im Bürobereich. Ein Blick nach oben zur Balustrade brachte sie alle schnell auf ihre Füße, denn dort stand Hetty.

Wie schon öfter in den vergangenen Wochen, hatte sie die Ops räumen lassen. Mit einem leichten Lächeln sah Hetty ihre Mitarbeiter an.

„Es ist schön, Sie alle hier zu haben, mehr oder weniger unversehrt." Jetzt verschwand das Lächeln von Hettys Gesicht. „Leider haben wir das Ursprungsproblem noch nicht gelöst. Wir müssen immer noch herausfinden, wer unser Gegner ist." Wieder sah Hetty einen nach dem anderen an. „Ich habe bereits mit Ihnen allen gesprochen und aus unterschiedlichen Gründen und auf unterschiedlichen Wegen sind wir alle zu dem selben Ergebnis gekommen: unser Feind ist oder war beim CIA. Ich habe Director Vance um Unterstützung gebeten und er hat Gibbs und sein Team beauftragt." Hetty warf einen Blick auf ihre Uhr. „In wenigen Augenblicken haben wir eine Videokonferenz mit Washington. Ich hoffe, dass wir dann mehr wissen. Mr. Beale?"

„Es ist alles vorbereitet, Hetty. Sobald sie sich…"

„Hallo, Hetty!" Ein verschmitzt grinsendes Gesicht erschien auf dem großen Monitor.

„Miss Sciuto, schön Sie zu sehen." Ein Lächeln unterstrich Hettys Worte. Sie mochte die ein wenig verrückte Forensikerin wirklich gerne. „Haben Sie etwas für uns?"

„Aber natürlich, Hetty. Wie Sie schon vermutet hatten, war der Computer der Schreibkraft eine falsche Spur. Allerdings war Ihr Täter nicht ganz so clever, wie er gedacht hat." Abbys verschmitztes Grinsen wurde noch ein bisschen verschmitzter. „Er hat zwei Fehler begangen. Ich habe einen Teilabdruck im Innern des Gehäuses finden können. Und McGee hat das Programm zurückverfolgen können."

Jetzt verschwand das Grinsen von Abbys Gesicht. Bevor sie jedoch weitersprechen konnten, erschien McGee neben ihr auf dem Monitor.

„Das Programm war wirklich gut getarnt, ich habe eine Weile gebraucht, um es zu finden." Dann gab McGee einen Stapel Fachausdrücke von sich.

„Ein echt guter Ansatz." Eric war begeistert und nickte McGee zu. „Wo hat Dich das Programm hingeführt?"

„Das ist das Problem." Abby und McGee tauschten einen kurzen Blick aus. „Direkt in unseren Hauptserver. Er hat seinen Zugang gut getarnt. Ohne Eure Recherche hätten wir nicht mal vermutet, dass sich jemand unbefugt Zugriff verschafft hat. Er hat sich den Zugang so gewählt, dass er keinen sensiblen Bereich berührt. Sonst wäre der Zugriff bereits viel früher aufgefallen. Wir arbeiten uns immer noch durch die Überwachungsaufnahmen, um den Zeitpunkt festzustellen."

„Und wer war es?" Hetty war ausdruckslos den Ausführungen der beiden Washingtoner NCIS-Mitarbeiter gefolgt.

Das ganze Team wartete gespannt auf die Antwort.

„Wir wissen es nicht. Jedenfalls nicht genau." Abby sah leicht angespannt aus.

„Wir haben den Teilabdruck durchs System laufen lassen. Es gab eine mögliche Identifizierung, allerdings wurde uns der Zugang verweigert." McGee schaltete sich wieder ein. „Die Akte wurde durch die CIA versiegelt. Gibbs hat versucht, über seinen Kontakt zur CIA etwas zu erfahren, aber keine Antwort bekommen. Ich schicke Ihnen unsere Ergebnisse gerade zu. Vielleicht haben Sie mehr Glück, Hetty."

Die kleine Frau sah zu Eric hinüber, der knapp nickte. „Ihre Daten sind angekommen, Agent McGee. Vielen Dank Ihnen und Ihren Kollegen für die Unterstützung. Wir halten Sie auf dem Laufenden."

„Gern geschehen, Hetty." Abby lächelte wieder. „Wenn Sie das nächste Mal nach Washington kommen, gehen wir beide in den Club, von dem ich Ihnen bei unserem letzten Gespräch erzählt habe."

„Auf jeden Fall, Miss Sciuto. Ich freue mich schon darauf." Hetty lächelte zurück und machte Eric dann ein kurzes Zeichen. Die Verbindung wurde beendet.

„Miss Jones, Mr. Beale, sehen Sie die Daten durch, die wir bekommen haben und geben Sie alle Information zu dem Teilabdruck und der versiegelten Akte an mich weiter. Ich kümmere mich dann darum." Dann wandte sich Hetty an die übrigen Teammitglieder. „Sie machen weiter, wie bisher. Mr. Callen, Sie werden, genau wie Mr. Deeks, bis auf weiteres Innendienst machen. Ich lasse Sie erst nach Freigabe unseres Arztes wieder auf die Straße."

Die beiden Männer rollten mit den Augen, verkniffen sich aber jede Bemerkung. Protest hätte keinen Erfolg gehabt.

Zurück im Bürobereich wurde Callen, Sam und Ray auf den neusten Stand der Dinge gebracht. Nach dem Austausch von Neuigkeiten, kam Joann zu ihrem aktuellen Fall zurück.

„Okay, dann verteilen wir jetzt die Aufgaben. G und Marty, da Ihr hier bleiben müsst, übernehmt Ihr die Recherche, denn Nell und Eric sind zur Zeit mit anderen Aufgaben beschäftigt. Sam und Mike, Ihr sprecht mit den Zeugen. Kensi und Nate, Ihr geht zum Tatort. Ray und ich reden mit den Arbeitgebern." Niemand erhob sich. „Los, Leute, macht schon. Wir haben eine Menge Arbeit auf dem Tisch." Misstrauisch sah Joann ihre Kollegen an. „Passt Euch die Einteilung nicht?"

Um Sams Mundwinkel lag ein leichtes Zucken. „G ist wieder da. Es ist seine Aufgabe, die Arbeit zu verteilen."

„Oh." Joann war sprachlos. Nach Sams und Rays Aufbruch hatte niemand in Frage gestellt, dass sie die Teamleitung übernommen hatte. Da Callen noch nicht voll einsatzfähig war und er und Sam von diesem Fall soeben erst gehört hatten, war Joann in dieser Rolle geblieben. Sie schluckte hart, nickte dann aber. „Sicher. G?"

Ausdruckslos musterte Callen Joann. Schließlich konnte er sich das Grinsen nicht länger verkneifen. „Alles in Ordnung, Jo. Das ist Dein Fall, Du hast die Leitung."

Joanns Augen begannen zu funkeln. Kurz blitzte Wut darin auf, doch dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. „Ihr habt G gehört. Worauf wartet Ihr noch?" Auch wenn die Wut aus ihren Augen verschwunden waren, das Funkeln war immer noch darin.

„Ich warte am Wagen auf Dich." Ray stand auf. Die anderen taten es ihm nach.

„Hier." Joann warf ihm die Autoschlüssel zu. „Ich brauche nur eine Minute." Sie wartete, bis alle gegangen waren und sah dann Deeks auffordernd an.

„Ich geh mir mal 'nen Kaffee holen…" Deeks sah die beiden an und verdrückte sich schnell.

Abwartend sah Callen seine Freundin an. „Gibt's ein Problem?"

„Das weiß ich nicht. Hängt von Dir ab."

Callen seufzte. „Jo, Sam und ich hatten nicht die Absicht, Dir diesen Fall wegzunehmen. Wir wollten Dich nur ein wenig auf den Arm nehmen. Du betreust ihn, seit dem er auf Deinem Tisch gelandet ist. Und das, wie immer, gut." Callen wurde nachdenklich. „Hast Du schon mal darüber nachgedacht, ein eigenes Team zu haben? Ich weiß, dass Du eine gute Teamleiterin bist."

Joanns Miene wurde ausdruckslos, auch das Funkeln verschwand aus ihren Augen. „Nein. Ray wartet. Bis später."

Kopfschüttelnd sah Callen seiner Freundin hinterher. „Frauen!"

„Das kannst Du laut sagen." Deeks war wieder aufgetaucht und grinste. „Das war ganz schön fies von Euch."

Callen erwiderte das Grinsen. „Wir konnten einfach nicht widerstehen, als Jo uns diese perfekte Steilvorlage geliefert hat."

Die Männer lachten.

Hetty legte den Hörer auf. Sie hatte die Daten aus Washington durchgesehen und dann begonnen, eine Menge Telefongespräch zu führen. Jetzt packte sie ihre Handtasche und verließ unbemerkt das Büro.

„Sieh Dir diesen Algorithmus an! Da weiß jemand genau, was er tut!"

Erics Begeisterung irritierte Nell.

„Dir ist schon klar, dass wir demjenigen unsere ganzen Probleme verdanken? Beinahe wären Deeks und Callen gestorben!"

„Ich weiß ja, aber…" Eric unterbrach sich, als er Nells Gesichtsausdruck sah. „Kannst Du mir hierbei helfen?"

Ausführlich erklärte Eric sein Problem und befand sich bald in einer temperamentvollen Diskussion mit Nell.

Abwartend saß Hetty auf der Parkbank. Sie schien ihre Umgebung nicht wahrzunehmen, was aber nicht den Tatsachen entsprach. Tatsächlich bekam sie jede Kleinigkeit mit: die vorbeifahrenden Autos, die spielenden Kinder, das picknickende Pärchen, die Inlineskater, die Studenten mit den Laptops. Sie sah auch den einzelnen Mann, der langsam den Weg heran schlenderte und sich schließlich neben sie setzte.

„Es ist lange her, Hetty."

„Vielleicht nicht lange genug, Isaac."

Der Mann lachte leise. „Ja, vielleicht."

Für einen Augenblick saßen die beiden schweigend nebeneinander, hingen ihren Gedanken nach. Schließlich räusperte sich Isaac.

„Was kann ich für Sie tun, Hetty?"

„Einer unserer gemeinsamen alten ‚Freunde' verursacht ein paar Probleme." Hetty wartete ab.

„Welcher ‚Freund'? Und welche Probleme?"

Sehr vorsichtig beschrieb Hetty, was sich in den letzten Wochen ereignet hatte. „Es kommen einige in Frage. Daher brauche ich Ihre Hilfe, Isaac."

„Ich verstehe." Isaac sah nachdenklich vor sich hin. Schließlich nickte er leicht. „Ich rufe Sie an, Hetty." Dann stand er auf und schlenderte langsam von dannen.

„Na, hast Du das vermisst, Ray?" Joann grinste ihren Partner an.

„Was meinst Du? Sturköpfe, die keine Auskunft geben wollen? Blinde Zeugen? Geschwätzige Zeugen, die nichts zu sagen haben?" Ray rollte mit den Augen, konnte aber dann sein Grinsen nicht länger unterdrücken.

Joann lachte. „Du hast die Bürokratie und den Papierkram vergessen."

„Davon habe ich echt die Schnauze voll." Deeks mischte sich genervt ein. „Ich versuche seit geschlagenen drei Stunden jemanden ans Telefon zu bekommen, der mir Auskünfte zu einer älteren Akte geben kann. Man stellt mich in die Warteschleife, ich werde verbunden und weiterverbunden und wieder in die Warteschleife gestellt. Dann habe ich endlich jemand an der Strippe, der mir Auskunft geben könnte und ich bekomme keine. Weil ich angeblich nicht berechtigt bin, diese Auskunft zu erhalten!" Deeks war ernsthaft sauer. Schlimm genug, dass er zum Innendienst verurteilt worden war. Aber das er sich jetzt auch noch mit der Bürokratie herumärgern musste, gab ihm den Rest. „Was glauben die, mit wem sie es zu tun haben? Ich bin doch nicht irgendwer, ich arbeite beim NCIS!"

Joann warf Callen einen fragenden Blick zu. Aber bevor er ihr etwas sagen konnte, schimpfte Deeks weiter.

„Also habe ich beschlossen, Hetty einzuschalten. Aber nein, Hetty ist gar nicht da! Sie hat mal wieder, ohne Bescheid zu sagen, das Hauptquartier verlassen!"

Joann sah erneut zu Callen hin, der nur sachte den Kopf schüttelte. „Okay, Marty, hör auf zu meckern. Ich kümmere mich sofort darum." Joann machte eine auffordernde Handbewegung. „Gib mir die Unterlagen. Und Du machst Pause. Sofort."

Immer noch schimpfend legte Deeks den Vorgang auf Joanns Schreibtisch und verschwand. Ray hatte sich bei der ganzen Tirade nur mühsam ein Lachen verkniffen. Bevor er jedoch damit herausplatzen konnte, bremste Joann ihn.

„Geh ihm nach und sieh zu, dass er keinen Unsinn macht." Ray sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Okay, nicht mehr Unsinn als sonst auch."

Jetzt lachte Ray doch und ging hinter Deeks her. Joann wandte sich sofort Callen zu.

„Hetty?"

„Keine Ahnung. Deeks hat Recht, sie war plötzlich weg." Callen sah nicht zufrieden aus. „Ich habe nicht aufgepasst."

„G, wenn Hetty alleine losziehen will, kann niemand sie daran hindern. Auch Du nicht. Wahrscheinlich trifft sie sich mit einem ihrer alten Kontakte. Da will sie niemanden von uns bei haben." Joann seufzte. „Ich weiß, sie sollte nicht ohne Rückendeckung losziehen. Aber macht nicht jeder von uns das hin und wieder? Obwohl wir es besser wissen?"

„Ja, Du hast Recht. Aber ich hätte trotzdem besser aufpassen müssen, Jo."

„Ein Sack Flöhe zu hüten ist leichter, als auf Hetty aufzupassen!" Joann lachte, dann griff sie nach Deeks' Unterlagen. „Kannst Du mir hierzu etwas sagen?"

Als Deeks und Ray zurückkamen, war der Bürobereich voll. Die übrigen Teammitglieder waren von ihrem Außendienst zurück. Joann hing am Telefon, ihr Gesicht hatte eine ungesunde rote Farbe.

„Sie geben mir jetzt umgehend Ihren Vorgesetzten oder ich schicke Ihnen einen Trupp Marines vorbei. Die nehmen Ihren Laden auseinander! Und wagen Sie es ja nicht, mich in die Warteschleife zu stellen!" Joann lauschte kurz, dann nickte sie zufrieden. „Specialagent MacKenzie vom NCIS. Mein Mitarbeiter hat den ganzen Vormittag versucht, Auskünfte von Ihnen zu bekommen. Sie waren nicht sehr hilfsbereit, jetzt dürfen Sie die Konsequenzen tragen."

Gespannt lauschten alle Joanns Gespräch. So nach und nach erschien auf jedem Gesicht ein Grinsen. Joanns Art war unnachahmlich. Eine gewisse Ähnlichkeit mit Hetty war nicht zu übersehen. Sie bekam tatsächlich in kürzester Zeit die benötigten Informationen und die Zusicherung, dass die fehlenden Unterlagen umgehend per Bote an den NCIS geschickt werden würden. Am Ende des Gesprächs knallte Joann den Hörer auf die Gabel.

„Bürokraten!"

Schallendes Gelächter war die Antwort.

Genauso unbemerkt, wie sie verschwunden war, kehrte Hetty ins Büro zurück. Sie bekam den Rest des Telefonates mit und lächelte vor sich hin. Während Hetty sich eine Tasse Tee einschenkte, schmunzelte sie immer noch über Joanns resolute Art. Nachdenklich fragte sich Hetty, ob es Zeit wurde, Joann MacKenzie ein eigenes Team zu geben. Die Agentin hatte oft genug gezeigt, dass sie in der Lage war, ein Team zu führen. Inzwischen hatte sie mit Ray einen Partner an ihrer Seite, der sie hervorragend unterstützte. Bevor sich Hetty jedoch weitere Gedanken machen konnte, klingelte ihr Handy. Sie warf einen Blick auf das Display.

„Isaac. Ich hatte nicht erwartet, so schnell von Ihnen zu hören."

Der Mann seufzte. „Sie haben sich da einen interessanten Gegner ausgesucht, Hetty, mit interessanten Freunden." Als darauf keine Reaktion kam, seufzte Isaac erneut. „Flynn Mason." Bevor Hetty etwas sagen konnte, wurde das Gespräch beendet.