„Ich kann sie nicht dazu zwingen mit ihm zu reden, erst recht nicht nach allem, was zwischen ihnen vorgefallen ist, aber ich bitte sie inständig! Im Moment sind sie wohl der einzige mit dem er überhaupt reden würde, also tun sie mir und dem Ministerium den Gefallen, damit endlich Klarheit darüber herrscht, wen Malfoy getötet hat." Bei diesen Worten verkrampfte Harry sich merklich. Da war er wieder, der grausame Verdacht, dass Ron nicht mehr lebte. Er versuchte das Gefühl zu ignorieren und sagte mit fester Stimme: „Ich werde mit ihm reden!"
13. Bittere Gewissheit
„Ich hätte nicht geglaubt, dass sie dich tatsächlich holen!" sagte Malfoy, kaum das Harry den Raum betreten hatte.
„Verrate mir was das ganze soll", sagte Harry und betrachtete Malfoy. Seine hellgrauen Augen funkelten böse. Er sah abgemagert aus. Die Zeit in Askaban hatte ihn merklich dünner werden lassen.
„Ich hab deinen Freund getötet Potter!" Harry hatte das Gefühl, dass ihm der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Ron war tot? Für einen Moment verlor er jegliche Beherrschung und wollte schon energisch nach seinem Zauberstab greifen, um Malfoy einen Fluch an den Kopf zu schmeißen, doch im letzten Moment erlangte er seine Kontrolle zurück und starrte Malfoy nur böse an. „Ja du hast richtig gehört! Weasleby ist tot! Und er hat es verdient! Jetzt kann seine kleine Freundin genau so leiden, wie ich es getan habe!"
„Wo ist er?", presste Harry hervor, doch Malfoy lachte ihn nur böse an.
„Dachtest du, es würde so einfach sein?" Nein, dachte Harry. Er hatte wirklich nicht gedacht, dass es so einfach sein würde. In seinem Kopf formten sich immer wieder die Worte: Ron ist tot. „Du bekommst den Ort erst, wenn du mir hilfst!"
„Wieso sollte ich dir jetzt noch helfen?", fragte Harry und war entsetzt darüber wie eiskalt Malfoy sich verhielt.
„Weil du deinen Freund sonst niemals beerdigen kannst!" Malfoy wusste, dass dieses Argument Harry überzeugen würde ihm zu helfen.
„Was willst du?" Harry widerstrebte es Malfoy zu helfen, aber er konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass Ron an irgendeinem verlassenen Ort seine letzte Ruhestätte finden würde.
„Ich will mich verabschieden!", sagte Malfoy und für einen kurzen Moment bemerkte Harry so etwas wie Menschlichkeit hinter Dracos sonst so starrer Fassade. „Durch die Intrigen meiner Familie bin ich für deren Taten in Askaban gelandet…" Harry wusste, dass er eigentlich Mitleid haben sollte, aber er konnte nicht. Nicht nachdem Malfoy den Mord an Ron gestanden hatte. „Ich konnte mich nicht verabschieden! Ihre Beerdigung fand ohne mich statt. Niemand hat mir auch nur gesagt, wo sie bestattet ist!" Je länger Draco von ihr sprach, desto weicher wurden seine Gesichtszüge. „Ich will zu ihrem Grab! Danach gehe ich zurück nach Askaban, aber ich will mich endlich von ihr verabschieden!" Harry nickte stumm. Dann drehte er sich um und verschwand aus dem Verlies.
„Hi", sagte das junge Mädchen, als sie an den Tisch der Gryffindors trat. „Ich bin Phoebe!" Sie hatte ein freundliches, offenes Lächeln, blonde Haare und leuchtende grüne Augen, die einen sofort in ihren Bann zogen. Das Schuljahr hatte schon vor Monaten angefangen und so war es sehr überraschend, dass eine neue Schülerin so spät erst dazustieß. Sie strahlte Ron, Hermine, Harry und Neville an, die an dem Tisch saßen und wartete auf eine Reaktion. Doch niemand außer Hermine reagierte: „Hallo! Ich bin Hermine", sie lächelte freundlich zurück und deutete dann auf der Reihe nach auf die Jungs: „Und diese stummen Herren sind Ron, Harry und Neville!" Erst jetzt rührten sich die Jungs und lächelten ihr ebenfalls zu.
„Setz dich doch´", forderte Harry sie auf und dieses Angebot nahm Phoebe gerne an. „Wieso bist du erst so spät im Schuljahr nach Hogwarts gekommen?"
„Ich wurde privat unterrichtet, aber meine Eltern mussten beide beruflich weg und so haben sie sich an meine Tante Minerva erinnert, die ihnen zugesagt hat, dass ich die Zeit ihrer Reise hier in Hogwarts verbringen darf!" Harry, Ron, Hermine und Neville sahen sich überrascht an: Sie hatten nicht gewusst, dass Prof. McGonagall eine Nichte hatte, die dazu noch so umwerfend aussah, fügten die Jungs in Gedanken hinzu.
Phoebe sah sich interessiert in der großen Halle um: „Ich wusste immer, dass Hogwarts groß ist, aber nicht, dass es so groß ist! Umwerfend!" Ihre offene und fröhliche Art hatte die Jungs völlig verzaubert, was auch Hermine voller Schrecken feststellte und Ron unter dem Tisch einen Tritt verpasste. Dieser versuchet daraufhin seine Aufmerksamkeit voll auf seine Freundin zu richten, was ihm aber zusehends schwer fiel. „Also was muss ich über diese Schule wissen?", fragte sie und blickte in die Runde. Hermine setzte an und berichtete ein paar Fakten aus „Geschichte Hogwarts", doch Phoebe unterbrach sie rasch: „Nein, ich meine, was gibt es für Klatsch und Tratsch. Welche Lehrer sind cool, welche nicht. So was!" Hermine zog halb beleidigt eine Schnute, als Ron endlich seine Sprache wieder fand.
„Das da drüben", er deutete auf den Tisch der Slytherins, „sind die Slytherins! Von denen hältst du dich besser fern." Doch Phoebe hatte in der Menge schon jemanden entdeckt. Sie deutete auf Malfoy und fragte: „Und wer ist das?" Ron stöhnte.
„Draco Malfoy! Halte dich von ihm fern. Er hasst jeden Gryffindor!"
„Grob genommen bin ich ja gar kein Gryffindor", entgegnete Phoebe verschmitzt und drehte sich erneut zu Draco um und betrachtete ihn.
Harry konnte sich noch sehr gut an seine erste Begegnung mit Phoebe erinnern und auch daran, dass diese Draco sofort unter hunderten von Schülern gesehen hatte. Harry konnte Malfoy sogar irgendwie verstehen. Es musste schrecklich sein sich nicht verabschieden zu können.
„Was haben sie herausgefunden?" Harry wurde von Lucinda aus seinen Gedanken gerissen.
„Er will zum Grab von Phoebe McGonagall!"
„Er will was?", fragte Lucinda erstaunt. Sie hatte erwartet, dass Malfoy einen Deal wollte. Einen Deal, der ihm Askaban ersparen würde. Umso erstaunter war sie von dieser Forderung Malfoys.
„Er kam sofort nach ihrem Tod nach Askaban. Er war bei ihrer Beerdigung nicht dabei!" Lucinda sah Harry fragend an. Sie verstand nicht, wieso Draco Malfoy, ein Slytherin durch und durch, das Grab von Phoebe McGonagall besuchen wollte. „Sie waren ein Paar", fügte Harry hinzu. „Er möchte sich nur verabschieden, dann verrät er alles, was er weiß." Behauptet er zumindest, fügte Harry in Gedanken hinzu.
„Auch wenn mich dieser Wunsch erstaunt, es ist meine Aufgabe diesen Fall aufzuklären und anscheinend ist dies der einzige Weg genau das zu schaffen." Lucinda hasste es auf andere Menschen angewiesen zu sein. Sie war immer gerne Herr der Lage und dieser Fall entwickelte sich mehr und mehr zu etwas sehr unvorhergesehenen. „Wir müssen mit Prof. McGonagall sprechen und sie über die Entwicklung informieren. Ich möchte sie bitten Mr. Potter, fahren sie nach Hogwarts. Reden sie mit ihr." Harry dachte darüber nach, dass er heute morgen nur mit Lucinda reden wollte und jetzt, jetzt war er plötzlich ein Teil ihres Ermittlerteams. Doch er konnte seinen Freund nicht im Stich lassen, er musste die Sache aufklären, um Ron ein anständiges Begräbnis zu ermöglichen. Dies war der einzige Grund warum Harry kaum merklich nickte.
„Ich werde nach Hogwarts fahren", sagte er schließlich.
„Ich danke ihnen! Sie werden in ständigem Kontakt zu mir stehen und ich werde alles versuchen Malfoy doch noch zum reden zu bringen!" Harry nickte, doch er wusste bereits jetzt, dass Malfoy nicht reden würde.
Hermine war vor etwa einer Stunde in Fred und Georges Laden angekommen. Nun saßen alle drei um einen Tisch und warteten.
„Diese Warterei macht mich wahnsinnig", sagte Hermine energisch und hieb mit ihrer Hand auf den Tisch. Mr. Weasley hatte versprochen etwas in Erfahrung zu bringen, doch bis jetzt hatte er nichts von sich hören lassen. „Das kann doch nicht so lange dauern!", sagte sie und blickte angespannt aus dem Fenster, die Hände noch immer zu Fäusten geballt auf dem Tisch.
„Ihm ist bestimmt nichts passiert!", sagte Fred und kaum hatte er den Satz ausgesprochen rastete Hermine aus. Sie stand energisch auf, so dass der Stuhl hinter ihr krachend zu Boden fiel.
„Sag mir nicht, dass es ihm gut geht! Wieso hat er sich dann nicht gemeldet! Wieso ist Malfoy in Haft, wen sollte er aus Rache schon ermorden, wenn nicht Ron! Du weißt nicht, ob es ihm gut geht, also hör verdammt noch mal auf, das ständig zu sagen!" Hermine drehte sich um und starrte aus dem Schaufenster des Ladens auf das bunte Treiben draußen. Fred und George tauschten ein paar Blicke aus, doch keiner von Beiden traute sich nach Hermines Ausbruch etwas zu sagen. Umso erleichterter waren sie, als sie wenig später Arthur und Harry sahen, die sich durch das bunte Treiben der Winkelgasse schlugen und kurz darauf die Tür zum Laden öffneten. Hermine drehte sich rasch um, doch sie brauchte nichts zu sagen, Harrys bedrückter Blick sagten ihr alles. Langsam stiegen Tränen in ihr auf und wie in Trance hörte sie Harrys Worte: „Es tut mir so leid Hermine!"
