„Wie geht es Hermine?" Harrys Blick verdunkelte sich, was auch Neville sofort bemerkte. „Weißt du es noch nicht?", fragte Harry erstaunt und als Neville ihn fragend anblickte sagte er leise: „Ron ist tot!"


15. Kompromisse

Neville konnte nichts sagen. Trotz allem, was geschehen war, war Ron noch immer sein Freund und ihn erfüllte ein tiefer Schmerz, als er Harrys Worte zu verarbeiten begann. „Oh mein Gott", war alles, was er sagen konnte. Harry stand ebenso stumm vor ihm. Er hatte nicht die Motivation jetzt mit jemandem über Rons Tod zu reden. Er konnte und wollte nicht darüber reden. Noch nicht. Tief drinnen hatte er noch nicht akzeptiert, dass sein bester Freund nicht mehr da sein sollte. „Wie geht es Hermine?" fragte Neville erneut. Harry druckste etwas herum und antwortete dann doch wahrheitsgemäß: „Nicht gut." Neville nickte und in Gedanken war er schon dabei seine Koffer zu packen, um seiner Freundin zu helfen.

Hermine hatte Nevilles Brief gelesen, doch für sie waren das alles hohle Worte. In dem Moment an dem Harry ihr gesagt hatte, dass Ron tot war, in diesem Moment war für sie die Welt stehen geblieben. Plötzlich war nichts mehr wichtig. Neville nicht. Ihre Arbeit nicht. Ihre Hochzeit nicht. Nichts war mehr wichtig, außer Ron zu finden. George gab sich große Mühe Hermine beizustehen und doch sah sie ihm und seinem Zwillingsbruder in jeder Sekunde an, dass ihr Schmerz mindestens genauso groß war, wie der ihre. Ihre einzige Hoffnung war Harry. Er hatte ihr versprochen, dass er Ron zurückbringen würde. Er hatte es ihr versprochen. Und Harry hatte noch nie eines seiner Versprechen gebrochen.

„Er will was?" Harry hatte Prof. McGonagall noch nie so wütend erlebt. „Er hat nicht das Recht so etwas zu verlangen!", polterte sie. Harry gab ihr insgeheim Recht und doch musste er versuchen, sie zu überzeugen. Er hatte Hermine ein Versprechen gegeben und er hatte vor, dieses Versprechen nicht zu brechen. Er selbst wusste, wie schlimm es war sich nicht verabschieden zu können. Das wollte er Hermine ersparen. Sie und Ron waren sich so lange so wichtig gewesen und Harry hätte es nicht ertragen Hermine diesen Wunsch nicht erfüllen zu können.
„Ich weiß, dass es schwer für sie ist, aber…"
„Sie wissen überhaupt nichts Potter", entfuhr es ihr, doch kaum hatte sie die Worte gesagt versuchte sie ihre Fassung zurückzuerlangen. „Es tut mir leid, aber verstehen sie. Die Vorstellung von Draco Malfoy am Grab meiner Nichte", sie beendete den Satz nicht, doch Harry konnte sich denken, was sie sagen wollte.
„Wenn sie ihn nicht zu ihrem Grab lassen, wird er nicht verraten, wo Ron ist", versuchte Harry ihr noch einmal die Notwendigkeit dieser Bitte klar zu machen.
„Wie konnte es soweit kommen, Potter?", fragte Prof. McGonagall mit matter Stimme.
„Ich weiß es nicht, Professor, ich weiß es nicht."

Du wirst dich nicht mehr mit ihm treffen", sagte Minerva energisch zu ihrer Nichte. „Halte dich an Potter und seine Freunde. Sie stecken zwar ständig in Schwierigkeiten, aber sie sind anständig!"
Was soll das wieder heißen?", fauchte Phoebe zurück. „Draco ist auch anständig! Ihr seid alle so verbohrt in euren Vorurteilen, das kotzt mich dermaßen an." Wütend stürmte sie aus dem Büro ihrer Tante und stieß auf dem Gang mit Draco zusammen.
Na, schöne Frau, wohin des Weges?", fragte er und lächelte sie verschmitzt an.
Warum ist nur alles so kompliziert?", fragte Phoebe seufzend. „Meine Tante hat mir verboten, mich mit dir zu treffen. Ich soll mich an Harry, Ron, Hermine und Neville halten." Phoebe erkannte in Dracos Blick die Wut, die in ihm hochkam. „Hei!" Sie berührte zärtlich seine Wange, „ich war noch nie gut darin mich an Verbote zu halten!" Langsam entspannte sich Dracos Blick, und als Phoebe seine Hand ergriff und ihn langsam hinter sich herzog, hatte er wieder dieses leichte Lächeln im Gesicht, das nur sie bei ihm auslösen konnte.

„Gut Potter, wir haben hier eine Pattsituation. Ich will diesen", sie sprach das Wort, was ihr auf der Zunge lag nicht aus und sagte stattdessen so verächtlich wie möglich: „Malfoy nicht am Grab meiner Nichte sehen und sie wollen ihren Freund finden. Gibt es keine Möglichkeit Weasley auf andere Art und Weise zu finden?"
Harry schüttelte energisch den Kopf. „Vertrauen sie mir Professor, wenn es die gäbe, wäre ich nicht zu ihnen gekommen." Prof. McGonagall seufzte laut und Harry fügte hinzu: „Glauben sie mir, ich weiß, wie sehr sie ihn hassen müssen, aber ich habe Hermine versprochen Ron zu finden. Ich bitte sie inständig mir zu helfen."
„Ich verrate ihnen, wo Phoebe begraben ist, aber sie müssen mir bei ihrem Leben versprechen, dass sie diesen Kerl nicht alleine lassen! Sie bleiben bei ihm und bewegen sich keinen Meter von ihm weg! Ich vertraue ihnen in dieser Sache Potter!", fügte sie streng hinzu.

Nach dem erfolgreichen Gespräch mit Prof. McGonagall suchte Harry erneut Neville auf. Er fand ihn nach langem Suchen am Rande des verbotenen Waldes, wo er im Gras saß und gedankenverloren vor sich hin starrte.
„Neville?" Harrys Ankunft riss ihn aus seinen Gedanken. „Alles in Ordnung?"
„Ich kann nicht fassen, dass Ron tot ist!" Harry setzte sich neben Neville. Er wusste, was dieser meinte. Er konnte es auch nicht fassen. Er hatte sich gezwungen nicht darüber nachzudenken. Die Aufgabe, die ihm Lucinda gegeben hatte, war die beste Ablenkung. Harry hatte schon so viele Menschen in seinem Leben verloren. Aber er konnte sich nicht daran gewöhnen. Es wurde nicht leichter. Nein, es wurde immer schlimmer. Harrys Magen krampfte sich zusammen, doch er zwang sich nur an die Aufgabe zu denken, die ihm gestellt wurde und nicht an den Moment, an dem er begreifen würde, dass sein bester Freund für immer fort war.
„Er war trotz allem mein Freund…ich…ich glaube nicht, dass er das wusste." Harry erinnerte sich daran, wie Ron gewütet hatte, als er von Hermine und Neville erfahren hatte. So wütend hatte er seinen Freund noch nie gesehen. Es hatte ihn tief getroffen zu erfahren, dass Hermines Leben weitergegangen war. „Er sah aus, als wolle er mich am liebsten umbringen."
„Mach dir keine Vorwürfe, du hast nichts falsch gemacht! Ron hat Hermine verlassen und sie hat sich in dich verliebt. Das ist das Leben Neville und das musste auch Ron einsehen, ob es ihm gefällt oder nicht. Du warst ihm immer ein guter Freund und ich bin mir sicher, dass er das auch wusste. Du kennst ihn doch, er ist ein ausgesprochener Sturkopf, er hätte sich wieder beruhigt!"
Neville rappelte sich auf, er wollte nicht weiter über dieses Thema reden: „Ich sollte meine Sachen packen!" Harry sah ihn irritiert an. „Ich komme mit dir nach London! Hermine braucht mich jetzt!" Harry nickte, stand ebenfalls auf und ging mit Neville zusammen auf das Schloss zu.