„Gehen sie ins Bett, ich brauche sie morgen fit und ausgeschlafen." Harry nickte erneut und begab sich dann in Richtung der Fahrstühle. Alles was er heute noch wollte, war in sein Bett zu fallen.


17. Ein letzter Abschied

Harry beobachtete wie ein ihm unbekannter Ministeriumsangestellter Malfoy den Verwirrzauber verpasste. Neben ihm stand Lucinda Mackendoog und betrachtete die Aktion mit kritischem Blick. Der Ministeriumsangestellte sah, nachdem er den Zauber ausgesprochen hatte, zu Malfoy und dann zu Harry und Lucinda: „Erledigt. Wenn sie innerhalb der nächsten halben Stunde am Grab ankommen, wird er sich nicht mehr daran erinnern, wie er dort hingekommen ist. Selbst wenn er versucht sich den Ort genau einzuprägen wird in seinem Gedächtnis nur ein großes, schwarzes Loch klaffen."
„Gut, dann werden wir aufbrechen." Harry, wollte diese ganze Geschichte so schnell wie möglich hinter sich bringen ohne die unzähligen Versprechen, die er Hermine, Prof. McGonagall und Lucinda gegeben hatte zu brechen. Diese betrachtete ihn kritisch: „Sie wissen, wo ihr Portschlüssel liegt. Viel Glück!"
Harry zog seinen Zauberstab und ging dann zu Malfoy: „Hoch mit dir und schön langsam." Er drückte Malfoy auf den Flur und dann in einen Gang, indem ein alter Gummiball auf dem Fußboden lag. „Das ist der Portschlüssel", sagte Harry und Malfoy entgegnete ein verächtliches Schnauben: „Ich bin nicht dämlich, Potter!" Dann berührten sie beide den Portschlüssel und waren in der nächsten Sekunde aus dem Ministerium verschwunden. Zurück blieb Lucinda, die kritisch auf den Punkt starrte, an dem vor wenigen Augenblicken noch Harry und Malfoy gestanden hatten. Sie hatte kein gutes Gefühl bei der ganzen Aktion.

Wenig später standen sie am Eingang eines Friedhofes, den Draco genau betrachtete. „Du kannst gerne versuchen, dir alles einzuprägen, aber der Verwirrzauber wird dafür sorgen, dass du den Weg nicht zurück finden wirst!" Draco antwortete nicht, sondern trottete neben Harry durch das Tor auf die Grabsteine zu.
„Ich habe Weasley nicht mit dem Cruciatus-Fluch belegt." Zumindest nicht beim Kampf gegen Voldemort, fügte Draco in Gedanken hinzu. „Auch wenn ich gerne noch schlimmeres mit ihm getan hätte."
Harry wollte sich das nicht anhören, fuhr herum und schrie: „Dafür hast du ihm jetzt viel schlimmeres angetan!" Harry drehte sich weg, um tief durchzuatmen. Dann zeigte er auf einen Grabstein, der etwa zwei Meter entfernt stand: „Das ist er!"
„Halt!", Malfoy hielt Harry, der schon losgelaufen war, zurück: „Lass mich alleine gehen!"
„Niemals! Ich habe Prof. McGonagall versprochen nicht von deiner Seite zu weichen. Entweder ich stehe neben dir, wenn du dich verabschiedest, oder wir gehen sofort zurück."
„Bitte, Potter! Nur zwei Minuten!" Harry wusste, dass das eine dumme Idee war, doch er wusste auch, was es Draco bedeutete und auch wenn er ihn Zeit seines Lebens gehasst hatte, konnte er ihm diese Bitte nicht abschlagen. Und wenn er es nur Phoebe zu liebe tat.
„Gut, zwei Minuten und keine Minute länger!" Als Draco sich nicht bewegte, fragte er erstaunt: „Was ist noch?"
„Mein Zauberstab! Ich weiß, dass du ihn hast, ich habe gesehen wie Lucinda ihn dir gegeben hat."
Nun war es an Harry süffisant zu lächeln: „Glaubst du wirklich ich bin so dumm? Ich hätte mehr von dir erwartet!"
„Ich will ihr doch nur Blumen aufs Grab zaubern! Bitte! Danach lege ich den Zauberstab sofort wieder weg, ich schwöre es dir!"
Harry erinnerte sich an den Moment, als er das erste Mal Blumen auf das Grab seiner Eltern legen konnte und er verstand, wieso das für Draco so wichtig war. Dennoch hatte er ein mehr als mulmiges Gefühl jemandem wie Malfoy zu vertrauen.
„OK, aber wenn du nur eine falsche Bewegung machst, bringe ich dich um! Und das meine ich ernst!"
Harry überreichte Draco den Zauberstab und beobachtete wie Draco langsam auf Phoebes Grab zuging.

Seelenverwandt. Hermine bekam das Wort, was Neville gesagt hatte nicht mehr aus dem Kopf. Sie hatte das Gespräch zwischen ihm und George zufällig mit angehört, als sie ins Bad gegangen war. Seelenverwandt. War das die Erklärung, warum in ihr ein großes schwarzes Loch klaffte, seit sie von Rons Tod gehört hatte? War das die Erklärung dafür, dass sie Neville nicht mehr ansehen konnte? Sie zog ihre Knie näher an ihren Körper und umschlang sie mit den Armen, ganz in der Hoffnung, damit zu verhindern, dass sich das schwarze Loch weiter ausbreitete. Sie hatte immer gedacht, dass sie noch Zeit hätte alles mit Ron zu klären. Sie hatte immer gedacht, dass sie eines Tages wieder Freunde sein würden. Eines Tages…

Draco ging langsam auf Phoebes Grab zu. Tränen stiegen in seine Augen, als er ihren Namen auf dem kalten Stein las. Stumm schwang er den Zauberstab und es erschienen rote Blumen, die er vor den Grabstein platzierte. „Es tut mir so leid, Phoebe! Es tut mir alles so leid! Ohne mich…ohne mich würdest du noch leben! Es tut mir leid!" Zärtlich fuhr er Phoebes eingravierten Namen nach und sagte leise: „Danke, Phoebe! Du warst die einzige, die mich gesehen hat, wie ich wirklich bin!" Dann erhob er langsam seinen Zauberstab.

Harry betrachtete Draco, wie er die Blumen auf das Grab legte. Dann hörte er hinter sich ein Knacken in dessen Folge er Draco nur für den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen ließ. Doch diese Sekunde reichte Draco vollkommen aus, denn als Harry sich wieder zum Grab drehte, war Draco zusammengebrochen. Überrascht und verärgert, dass er unaufmerksam gewesen war, lief er auf Malfoy zu, der schwach atmend auf Phoebes Grab lag: „Was hast du getan?", fragte Harry energisch, erkannte jedoch sofort, was geschehen war. In Malfoys Hand war eine kleine Ampulle. „Hast du wirklich geglaubt, ich gehe zurück nach Askaban?" In Harry stieg Wut auf. Wut auf Malfoy, weil er ihn ausgetrickst hatte und weil er nun nie erfahren würde, wo Ron ist. Er hatte einem Mörder vertraut, er hatte einem Mörder einen letzten Gefallen erwiesen, den dieser nicht verdient hatte. „Ich hab sie geliebt Harry!" Malfoys Stimme wurde immer leiser, „ich hab sie wirklich geliebt!" Malfoy hustete und sagte dann sehr leise und schwach: „Kings Cross, Schließfach 320. Da findest du Weasley!" Harry sah ihn erstaunt an: „Versprochen ist versprochen, Potter."

„Er ist tot?" Fred, George und Neville waren mehr als überrascht, als ihnen Harry von den Ereignissen auf dem Friedhof erzählt hatte. Den gewaltigen Anschiss, den er von Lucinda nach seiner Rückkehr bekommen hatte, behielt er dabei für sich. Er wurde das Gefühl nicht los, dass diese Geschichte seiner Ministeriumskarriere nicht wirklich gut getan hatte. Und er wollte sich nicht vorstellen wie Prof. McGonagall auf die Tatsache reagieren würde, dass sich Draco Malfoy auf dem Grab ihrer Nichte mit einem Gifttrank das Leben genommen hatte. „Wie konnte das passieren?", fragte Fred und Harry zuckte mit den Schultern. Ihm war es noch immer ein Rätsel, wie Malfoy es in den zwei Sekunden, die Harry abgelenkt war, geschafft hatte sich einen tödlichen Gifttrank herzustellen und diesen zu trinken. Dies würde wahrscheinlich ein Geheimnis sein, welches niemals geklärt werden würde.
„Was ist mit Ron?", fragte nun Neville.
„Ein Schließfach. Malfoy hat mich zu einem Schließfach in Kings Cross geschickt und dort habe ich das hier gefunden." Harry hielt zwei Fläschchen hoch in denen Fred, George und Neville sofort Erinnerungen erkennen konnten.