18:30 Uhr
Sie verließen das Labor gemeinsam.
Hermine ging betont langsam. Alles war vorbei. Sehr eigenartig! Gerade waren sie noch in Lebensgefahr geschwebt – und jetzt? Der Fall war gelöst, ihre Arbeit beendet. Nun ja! Im Grunde hatte es schließlich nie einen Fall gegeben!
Bis auf die Tatsache, dass es für Lucius wirklich noch ein Nachspiel geben würde. Immerhin hatte der seine Finger in sehr dunklen Machenschaften gehabt.
„Dir ist schon klar, dass du bald wieder Aurorenbesuch haben wirst?", fragte sie ihn. Um im selben Moment zusammenzuzucken. Das hatte jetzt wirklich sehr zweideutig geklungen!
Doch Lucius hatte recht verstanden: „Ich weiß!", sagte er und hob die Schultern. „Aber was glaubst du, warum ich ein Heer von Anwälten bezahle? Die haben mich schon aus blöderen Situationen wieder rausgeboxt!"
Ein skrupelloser, vermögender und einflussreicher Geschäftsmann fiel nach einer finsteren, fehlgeschlagenen Aktion einfach wieder auf die Füße. Sollte sie deswegen böse sein?
Ja, sie sollte! Aber sie war es nicht.
Kurzfristig erleichtert atmete sie tief ein, ehe sich in ihr wieder alles zusammenzog. Sie musste noch so einiges klären!
„Was wirst du jetzt machen?", fragte sie wie nebenbei.
„Ich gehe sofort ins Ministerium und hole meinen Zauberstab zurück", antwortete Lucius leichthin. „Jetzt dürfte es keinen Grund mehr geben, warum er zurückgehalten wird, oder?" Er fasste ihren Arm: „Du solltest auch mitkommen. Schließlich willst du deinen doch auch wieder haben!"
Hermine nickte. Ja, das war gut, das schob die anstehende zwangsläufige Trennung noch ein klein wenig hinaus.
Denn: Gab es einen Grund für Lucius, bei ihr bleiben zu wollen? Sie war Aurorin. Und er?
Nun ja, ganz davon abgesehen, dass er mächtig und einflussreich war, kriminell war er auch. Dennoch, ihre Gefühle schrien geradezu: Das ist völlig unerheblich. Waren sie das? War es egal, wer Lucius über den Mann hinaus war, mit dem sie jetzt einige sehr intensive Tage verbracht hatte?
Sie seufzte leise, kämpfte nur der Form halber einen Moment mit sich. Denn sie was sich längst sicher!
„Und danach?" Ihr Herz schlug aufgeregt. Jetzt war der Moment gekommen, an dem sie der Wahrheit ins Gesicht sehen musste. Jetzt gleich würde Lucius aufwachen und feststellen, dass diese ganze Geschichte nur ein unmöglicher Albtraum gewesen war. Einer, den man am besten so schnell wie möglich abschüttelte und hinter sich ließ. Immerhin war er des Mordes verdächtigt und in Quarantäne gesteckt worden, mit der ständig über ihm schwärenden Drohung, in Askaban zu landen.
Nein! Die letzte Woche konnte er nicht als schön empfunden haben.
So, wie sie! Die schönste Woche ihres Lebens!
Hermine fröstelte es plötzlich. Sie hatte davon ausgehen müssen, dass Ginny tot war. Ihre beste Freundin! Ermordet vom Liebhaber. Den sie, Hermine, zu überführen versucht hatte.
Und dann war alles aus dem Lot geraten: Sie hatte sich in Lucius verliebt und diese Tage, die so scheußlich begonnen hatten, waren zu den schönsten ihres Lebens geworden.
Das war verdreht. Völlig verdreht! Nein, schlimmer! Das war pervers!
Wie sie es auch drehte und wendete: Lucius war Ginnys Liebhaber gewesen. Und nur die Tatsache, dass Ginny tot war – ach was! Ginny lebte – und hatte mit Lucius schlicht nichts mehr zu tun. Wie umgekehrt auch. Das hatte sie doch eben in diesem Labor deutlich gespürt.
Lucius war also frei. Frei, um … mit ihr? Nein, gewiss nicht! Mit Sicherheit war er einfach nur erleichtert und froh, all dies endlich hinter sich lassen zu können. Inclusive ihr! Neu anfangen würde er jetzt. Womöglich mit seiner Frau!
Ja, das war es! Lucius würde sich mit seiner Frau aussöhnen und dann sein altes Leben wieder aufnehmen. Denn das hatte ihm gefallen!
Ganz im Gegensatz zu ihr. Nie mehr wollte sie ihr altes Leben zurück. Sie wollte – ihn! Für immer!
„Danach appariere ich nach Hause!" Lucius dehnte sich, wohl in Vorfreude auf kommende Annehmlichkeiten. „Baden und ...", er sah sie an. „Ich will nie wieder auf diese primitiven Muggelsachen angewiesen sein." Dabei fasste er sich ans Kinn. „Ich bin schon ganz vernarbt von den vielen Schnitten."
„Und dann?" Oh, sie nervte sich schon selbst! Warum konnte sie nicht einfach sagen: Nimm mich mit! Ich will bei dir bleiben!
Er wiegte den Kopf leicht. „Ich weiß noch nicht. Ich muss mich natürlich wieder um meine Geschäfte kümmern."
Natürlich! Jetzt gleich würde er sagen: 'Kein Platz für dich, Hermine. Es gibt so viele Frauen, da brauch ich nicht eine dahergelaufene Aurorin, die mich quält.'
War sie im Labor noch erleichtert gewesen, dass dieser „Fall" ein gutes Ende genommen hatte, so bedauerte sie das jetzt. Für sie war es wunderbar gewesen. Erst die Quarantäne. Sie musste nur an diese Tage (und vor allem Nächte) denken, um wieder heftig Herzklopfen zu bekommen. Und dann die Flucht aus St. Mungos nach Bulgarien. Ihre irrwitzige gemeinsame Suche nach Dr. Slawitz. Der Biss der Ratte und … Du meine Güte! Und das alles mit einem Lucius Malfoy, den sie SO niemals eingeschätzt hätte. Den sie schätzen und lieben gelernt hatte.
Sie seufzte. Nun gut, in seinem normalen Leben war einfach kein Platz für sie. Sie kamen ja auch aus völlig unterschiedlichen Welten.
„Und du? Was willst du jetzt machen?"
Jetzt war es soweit! Ihr Herz überschlug sich fast. Jetzt kam der Abschied! „Ich ... äh ..."
„Urlaub? Oder erst einmal Zuhause ausspannen?"
Schon wieder wegfahren? Ach, sie war in der letzten Zeit genug unterwegs gewesen. Das reichte erst mal. Aber … würde er? Bestimmt, er war Luxus schließlich gewöhnt und stellte an einen Urlaub sicherlich andere Ansprüche als an die Woche, die gerade hinter ihnen lag.
„Ja, Urlaub wäre jetzt ganz schön, oder?", antwortete sie vorsichtig.
„Und wohin möchtest du reisen?"
Verdammt, musste er sie so neugierig ansehen? Und so wenig Hinweise darauf geben, wie er seine Fragen meinte? Wollte er von ihr wissen, wohin sie mit ihm ...? - Ach Quatsch. Er war beim Abschiednehmen und plänkelte einfach nur höflich mit ihr. Er hatte sich schließlich um seine Geschäfte zu kümmern. Seine illegalen Geschäfte! Was also sollte er mit ihr? Einer Aurorin!
Hermine, reiß dich zusammen. Für dich beginnt Morgen wieder der Alltag!
„Ich werde arbeiten gehen. Urlaub bleibt nur ein schöner Traum!" sagte sie und merkte, dass sie kurz davor war, in Tränen auszubrechen.Sie blinzelte. Jetzt bloß nicht heulen!
Aber ihr WAR danach zumute! Sie wollte nicht in ihr altes, einsames Leben zurück, in dem sie ihre beste Freundin darum beneidete, lebenslustig, gesellig und beliebt zu sein! Sie wollte, ach sie wollte lieber so weiterleben, wie in den letzten Wochen. So – lebendig! So geliebt! Sie wollte endlich im RICHTIGEN Leben ankommen!
„Ja, arbeiten", sagte er versonnen. „Ich muss alles neu sortieren. Aber zuerst, gleich morgen werde ich nochmal ins St. Mungos gehen."
Jetzt war sie verblüfft. „Fühlst du dich - krank?" Was wollte er dort?
„Ich werde die Sterilisation rückgängig machen lassen." Der Blick, mit dem er sie bedachte, war Erstaunen pur. „Oder willst du keine Kinder?"
„Kinder?", ächzte sie mit belegter Stimme und plötzlich wild schlagendem Herzen.
„Ich bin bereits fünfzig", sagte er. „Ich kann nicht mehr warten. Wenn du also welche willst, dann sollte ich sehen, dass Scopia mich wieder in Gang setzt!" Er reckte sich ein Stück in die Höhe, als wollte er zeigen, wie sehr er dann Gas geben würde.
Hermine glaubte zu träumen. Lucius redete von Familiengründung. Mit ihr!
„Das kommt jetzt aber schnell!" Sie musste den Kopf schütteln, um das unwirkliche Gefühl daraus zu vertreiben. „Befürchtest du nicht, dass es dir zu viel wird? Ich und ein paar Kinder? Ich meine, du hattest doch schon einmal eine Familie. Du hast mir nicht den Eindruck gemacht, dass das eine besonders tolle Erfahrung für dich gewesen wäre."
„Da war ich auch noch ein skrupelloser, egoistischer Idiot, der immer nur an sich selbst gedacht hat."
„Ach!" Sie hatte sich schnell gefangen und ging grinsend auf sein kokettes Spiel ein. „Jetzt bist du das nicht mehr?"
Er packte sie an den Armen und rüttelte sie sacht: „Erinnere dich! Du selbst hast das bestätigt!"
„Ich habe gesagt ..." Sie lachte und befreite sich aus seinem Griff. „Ich habe gesagt, dass du auf einem guten Weg bist." Plötzlich wurde sie ernst. „Was ist mit deinen dunklen Machenschaften? Wirst du diese 'Geschäfte' aufgeben? Ich habe nämlich keine Lust, dich mit einem Kind an jeder Hand in Askaban besuchen zu müssen."
„Natürlich, was denkst du denn?" Er verdrehte genervt die Augen. „Du bist doch weg, sobald ich mein altes, verantwortungsloses Leben wieder aufnehme. Oder sehe ich das falsch?"
Hermine lächelte: „Du siehst das überaus korrekt."
„Eben", grinste er zurück. „Dann könnte ich dabei zusehen, wie du dir einen Anderen angelst, nur weil der ein 'über die Maßen verantwortungsbewußter Mann' ist, der 'die Verantwortung für seine Fehler und sein Leben übernommen hat'. "Er senkte seine Stimme gefährlich: „So einen unfreundlichen, arroganten Idioten wie Severus."
„DAS hast du dir gemerkt?" strahlte sie ihn an. Dass sie diese Worte gesagt hatte, musste Jahrhunderte her sein!
„Natürlich!" Er knurrte noch immer, hob dann aber seine Mundwinkel. „Immerhin hast du mich danach zum ersten Mal geküsst!"
Jetzt MUSSTE sie ihn wieder küssen, in die Arme ziehen! „Du bleibst also auf dem Weg?"
Er schnaubte: „Ich habe eine gesetzestreue Aurorin an meiner Seite! Die wird mir schon rechtzeitig auf die Finger klopfen, sollte ich in Versuchung geraten!
„Worauf du dich verlassen kannst!" Hermine strahlte noch mehr, drängte sich eng an ihn, in seinen Arm und schmiegte ihren Kopf an seine Schulter. Sie WAR angekommen.
