18.35 Uhr
Narzissa! Er musste zu ihr, sofort!
Im Geiste malte sich Neville bereits aus, wie sie auf die freudige Nachricht reagieren würde.
Sie würde auf ihn zulaufen und ihn umarmen! Ihm ins Ohr flüstern „Endlich bin ich frei für dich!"
Sein Herz begann, in Vorfreude schneller zu schlagen.
Doch dann setzte eine finstere Stimme in seinem Hinterkopf ein: Würde sie ihn wirklich als Partner haben wollen? Oder hatte sie ihn schon abgeschrieben? War es für sie nur eine kurze Eskapade gewesen, die nun unwiderruflich vorbei war?
Was sollte sie schließlich auch mit einem jungen Mann wie ihm anfangen, der ihr nichts bieten konnte.
Neville umklammerte unwillkürlich den kühlen Ring in seiner Hosentasche, während er sich zum Apparieren bereit machte.
Kurz darauf stand er wieder einmal vor der schweren Haustür von Malfoy Mansion. Nervös fuhr er sich durch die Haare. Gleich würde ihm Narzissa gegenüberstehen. Sein Mund fühlte sich ausgetrocknet an, als nach seinem zweiten Klopfen die Türe langsam geöffnet wurde.
Doch statt in das Gesicht der Hausherrin blickte er in Fidelitys betrübte Miene, die sich jedoch schlagartig aufhellte, als sie ihn erkannte.
„Mr. Longbottom! Fidelity ist so froh, dass er kommen konnte! Sie hat nicht gewusst, an wen sie sich wenden könnte. Denn nicht viele Menschen hören uns Hauselfen zu, aber bei Mr. Longbottom .."
Neville hatte im Moment keinen Nerv für netten Small Talk mit der Hauselfe und unterbrach deren Redefluss barsch. „Ich muss mit Mrs. Malfoy sprechen, Fidelity!"
Die hellen Augen der Elfe weiteten sich entsetzt. „Meine Herrin ist nicht da! Schon seit heute Vormittag ist sie verschwunden! Fidelity dachte, dass Mr. Longbottom vielleicht hergekommen ist, weil er weiß, wo sie ist!"
„Nein, ich habe keine Ahnung, aber ich muss Sie dringend sprechen. Ist sie vielleicht unterwegs zu einem geschäftlichen Termin?" Neville wurde nun wirklich ungeduldig.
„Nein! Die Herrin hat mittags bereits das Haus verlassen und ist auch zu den heutigen Besprechungen nicht erschienen, das macht sie sonst nie! Und sie hat sich nicht bei Fidelity abgemeldet und gesagt, wohin sie geht, so wie sie es sonst tut. Niemand weiß, wo die Herrin ist!"
Nachdenklich kratzte sich Neville am Kinn. Narzissa hatte also am Vormittag noch die Pressekonferenz bezüglich der Neuausrichtung der Stiftung gegeben. Danach Moraless gefeuert. Und anschließend war sie abgetaucht.
Was hatte das zu bedeuten?
Hatte das etwas zu bedeuten?
In seiner Brust begann eine kleine Flamme leise zu flackern.
Nein, das konnte nicht sein!
Er schüttelte leicht den Kopf. Das war einfach zu unwahrscheinlich!
Trotzdem – irgendetwas in seinem Inneren sagte ihm ganz deutlich, dass er seinem Gefühl nachgeben sollte.
Neville räusperte sich. „Fidelity, ich hab da so eine Idee, wo Mrs. Malfoy sein könnte. Ich muss los."
Narzissa saß schon seit Stunden am gleichen Ort. Sie fühlte weder die feuchte Novemberkälte noch bemerkte sie die einbrechende Dunkelheit, denn ihre Gedanken drehten sich beständig immer weiter im Kreis.
Sie wusste, dass es für Neville und sie keine Zukunft geben konnte. Das hatte auch er richtig erkannt. Niemals würde Lucius zulassen, dass sie sich von ihm trennen würde.
Und schon gleich gar nicht, um eine Beziehung mit einem AUROR zu führen! Ausgerechnet! Noch dazu mit einem, der fast zwanzig Jahre jünger war als sie!
Doch sie konnte auch nicht einfach so zurückkehren und wieder mit eingefrorenem Lächeln neben Lucius auf irgendeiner Veranstaltung ihre repräsentativen Pflichten erfüllen. Nicht nach allem, was sie mit Neville erlebt hatte.
Irgendwie musste sie eine Lösung finden. Vielleicht würde sie sich im Ausland niederlassen. Dort irgendeine Funktion ausfüllen, die es Lucius erlaubte sein Gesicht zu wahren, und sie trotzdem ihrem Ehegefängnis fern bleiben konnte.
Narzissa seufzte leise. Das alles war keine echte Alternative zu ihm. Zu Neville.
Wie sollte sie die Erinnerung an ihn jemals aus ihrem Gedächtnis verbannen?
Nein, das war gar nicht das Thema. Sie WOLLTE erst gar nicht versuchen, ihn zu vergessen.
Die Herausforderung war vielmehr, ohne ihn weiterzumachen.
Es half alles nichts:
Im Moment galt es nur, den ersten Schritt zu tun
Aufstehen von dieser Bank.
Einfach den Park verlassen.
Zurück ins Manor.
Doch ihre Beine machten keine Anstalten, ihren gewohnten Dienst aufzunehmen.
`Nur noch ein paar Minuten`, sagte sie zu sich selbst, `nur noch einmal den Blick über die weich beleuchteten Pflanzen gleiten lassen. Nur noch einmal ganz kurz hier auf dieser Parkbank sitzen, zu der ER mich geführt hatte.`
Sie atmete tief ein, um den Duft der feuchten Nadelbäume aufzufangen. Blickte ein letztes Mal um sich: über die hohen Buchen, in die dichten Hecken, durch die langen Äste der Trauerweide.
Genau in diesem Moment erkannte sie eine Gestalt, die aus der dunklen Umzäunung aus Pflanzen heraustrat. Narzissa zuckte im ersten Augenblick zusammen, doch dann fühlte sie, dass es keinen Grund gab, sich zu ängstigen. Sie wusste, wer da auf sie zukam.
Instinktiv stand sie auf und konnte dem Reflex, schnell auf ihn zuzulaufen, nur mühsam widerstehen.
Er kam näher, ergriff ihre Hände, hielt sie in seinen fest.
Wie schön es war, dass sie beide hier wieder zusammen waren!
Vielleicht sollte sie einfach alles hinter sich lassen. Ihr altes, ungeliebtes Leben vergessen und mit ihm weglaufen. Irgendwohin, wo sie keinen Namen und keine Vergangenheit haben würden.
Dieser Gedanke erschien ihr hier - so nahe bei ihm stehend und mit ihren kalten Fingern in seinen warmen Händen - auf einmal so verlockend, dass sie seinen laut gesprochenen Satz erst gar nicht verstand.
Doch nun hatte diese Aussage endlich einen Weg in ihr Bewusstsein gefunden und ließ sie erstarren.
„Es ist vorbei!" hatte er gesagt.
Vorbei!
Als ob sie das nicht wusste! Schließlich waren sie sich doch beide einig gewesen, als sie es beendet hatten. Narzissa verstand nicht ganz, warum er hier aufgetaucht war, nur um ihr das noch einmal zu sagen. Gleichzeitig schämte sie sich für ihre eigenen, völlig unrealistischen Gedanken, die ihr noch vor ein paar Sekunden durch den Kopf geschossen waren.
Sie entzog ihm seine Hände, die er unverständlicherweise immer noch festhielt, und bemühte sich um einen entschlossenen Ton in der Stimme. „Ich weiß sehr wohl, dass es mit uns nicht weitergehen kann. Das hatten wir doch bereits festgehalten. Wieso musst du das noch einmal hier wiederholen?"
Überrascht sah sie, wie sich Nevilles Gesichtsausdruck seltsam veränderte. Er begann zu lächeln, schüttelte dabei in vollkommen unsinniger Manier den Kopf und griff erneut nach ihren Händen. Welche sie ihm natürlich entzog!
Unbeeindruckt davon stieß er hervor: „Du verstehst nicht, Narzissa! Der Fall ist geklärt! Ginny lebt, sie hat das alles selbst eingefädelt, es gab also gar keinen Mord – na ja, von der Ratte mal abgesehen."
Welch wirres Zeug gab er da nur von sich? Sie hatte kein Wort verstanden, aber das zuversichtliche Strahlen, mit dem er sie nun anblickte, entschädigte sie dafür mehr als genug.
Er griff an ihren Ellenbogen und zog sie auf die Bank zurück, auf die er sich ebenfalls niederließ. „Komm, setz dich, Narzissa, ich erzähl dir alles der Reihe nach."
Immer verwunderter lauschte sie seinen lebhaften Erzählungen.
Schließlich war er am Ende angekommen und zog das Fazit: „Lucius ist mit Hermine zusammen, er wird uns also keine Steine mehr in den Weg legen." Als Bekräftigung seiner Worte legte er den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich.
Narzissa befreite sich mühsam aus seinem leidenschaftlichen Griff. „Es wäre nicht die erste Affäre, die er hat. Das hat überhaupt nichts mit mir zu tun! Nach außen hin will er doch trotzdem die Ehe weiterführen!"
Neville würde das endlich einsehen müssen! So schön die Vorstellung auch war, die Realität sah leider anders aus.
Es tat ihr leid, ihn so enttäuschen zu müssen. Langsam hob sie die Hand und fuhr sanft über seine Wange. „Neville, ich weiß, dass das schwer für dich ist, aber Lucius würde niemals wegen einer neuen Gespielin in eine Scheidung einwilligen. So wichtig sind ihm diese jungen Dinger eben nicht."
Wieso hatte Neville immer noch dieses wunderbare Lächeln im Gesicht? Und was kramte er da gerade aus seiner Hosentasche hervor?
Einen Ring?
Er präsentierte ihr ihn auf seiner Handfläche.
Das war eindeutig Lucius` Ehering!
Nevilles ruhige Stimme stand im krassen Gegensatz zu ihrem aufgewühlten Inneren: „Dieses junge Ding IST ihm wichtig. So wichtig, dass er in eine Scheidung einwilligt. Er hat mir den Ring für dich mitgegeben und du sollst dich wegen eines Termins dafür mit ihm in Verbindung setzen."
Sollte das wirklich wahr sein? Ihre Finger umschlossen krampfhaft das kühle Metall, als brauche sie eine greifbare, tastbare, real vorliegende Bestätigung für diese Worte.
Doch Neville hatte offensichtlich noch eine andere Idee, wie er sie vom Wahrheitsgehalt seiner Aussage überzeugen konnte. Er zog sie kurzerhand an sich, schloss sie vollkommen in seiner Umarmung ein, drückte sie innig an seine Brust. Seine Lippen fanden die ihren, verschlossen sanft ihren Mund.
Wie traumhaft es doch war, bei ihm zu sein. Ihm nahe sein zu dürfen – jetzt und auch in Zukunft!
Sie schlang ihre Arme um seinen Rücken, genoss die Wärme seines Körpers, fuhr mit den Fingern durch seine Haare – widerspenstig, leicht gelockt und wunderbar kurz geschnitten. Es fühlte sich herrlich an!
Als er ihren Mund wieder freigab, sprach sie leise in sein Ohr: „Da kann ich Ginny ja eigentlich nur dankbar sein, dass sie ein derartiges Drama ersonnen hat."
Neville küsste ihre Schläfe, dann fuhr er mit dem Zeigefinger zärtlich über ihr Gesicht. „Allerdings. Denn wer hätte schon gedacht, dass ein simpler Rattenmord….."
Sie vollendete seinen Satz lächelnd: „…zu so einer wundervollen Geschichte führen kann!"
