Epilog - Ein Jahr später
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03. 11. 2006 10:00 Uhr
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Augusta Longbottom zog die Augenbrauen zusammen und starrte demonstrativ auf den Friseur am Nebenplatz. Dieses neumodische Gehabe! Früher waren die Haare einfach per Zauberstab getrocknet worden, aber jetzt wollten viele Salons modern sein und benutzten diese unsäglichen Muggelapparate. Selbst hier in „Miller´s Scissorhands" gab es diese helmartigen Blasegeräte, die einen Höllenlärm veranstalteten. Man verstand ja sein eigenes Wort nicht mehr, von einer Unterhaltung ganz zu schweigen!
Verärgert griff sie zu den Magazinen, die von einer freundlichen Shampoo-Elfe auf das Tischchen vor ihr abgelegt worden waren.
Sie blätterte in der „Hexenwoche" und landete schließlich bei einer Seite, auf der zahllose kleine Täubchen hin und herflatterten.
Augusta zog ihre Lesebrille aus der bauchigen Handtasche und beugte sich interessiert über den Artikel.
Der Junge, der lebt – UNTER DER HAUBE
Harry Potter, 28, Auror, hat am vergangenen Wochenende endlich geheiratet.
Mit seiner Braut Ginny, 27, geborene Weasley, verbindet ihn eine bereits langjährige Liebe.
„Wir haben uns seit unserer Zeit auf Hogwarts niemals aus den Augen verloren", waren seine Worte auf die Frage, wie er Ginny Weasley kennengelernt habe.
Die Wissenschaftlerin Ginevra Weasley hatte vor einiger Zeit für Furore gesorgt, weil es ihr gelungen war, ein Mittel gegen die Rattenpest zu entwickeln. Damit hat sie der magischen Welt nicht nur einen Riesendienst erwiesen, sondern diese höchstwahrscheinlich vor einem grausamen Untergang gerettet!
Ist es nicht eine ganz wundervolle Fügung des Schicksals, dass genau diese beiden Retter der magischen Welt von nun an gemeinsam durchs Leben schreiten? Immerhin hat Harry Potter vor acht Jahren den mächtigsten aller Schwarzmagier, Lord Voldemort, besiegt.
Die beiden gaben bei der Trauung im exclusiven Magcelsio ein fabelhaftes Paar ab. Er, mittelgroß und dunkelhaarig, war in einen anthrazitfarbenen Anzug von `Dolls und Havanna` gewandet.
Sie, eine rothaarige, elfenhafte Schönheit, trug eine fliederfarbene Kreation von `Iff Sanloro`.
Die beiden heirateten im engen Familien- und Freundeskreis. Man munkelt, dass die Braut in letzter Sekunde ihr wertvolles Kleid noch magisch hatte vergrößern müssen. Trägt die märchenhaft schöne und frischgebackene Mrs. Potter etwa ein süßes Geheimnis unter dem Herzen?
In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass die Familie Weasley zu Mehrlingsgeburten neigt.
Harry Potter antwortete auf eine entsprechende Frage lapidar: „Hauptsache, es werden keine Vierlinge!"
In so einem Falle müsste der Held der Schlacht um Hogwarts wohl noch einiges an Mut und Durchhaltevermögen aufbringen!
Die Hexenwoche wünscht dem berühmten Paar alles Gute, jede Menge Kinder und noch viel Erfolg! Wir werden den weiteren Werdegang der beiden natürlich stets nah verfolgen!
Harry und Ginny: Wir zählen auf euch, wenn die magische Welt wieder einmal in Gefahr sein sollte!
Endlich war der Lärm vorbei und der Friseur trat zu ihr. „Mrs. Longbottom, wie immer? Hinten nur die Spitzen schneiden und eine kleine Tönung in weißgold-emaille."
„Ganz genau, Nellas!"
Augusta deutete auf das magische Foto, aus dem die frisch Vermählten munter winkten.
„Ach sehen Sie nur, was für ein hübsches Paar! So harmonisch. Und die Braut noch ganz jung." Sehnsuchtsvoll glitten ihre Augen über das jugendliche Gesicht der kleinenWeasley.
„Mein Enkelsohn war übrigens auch auf der Hochzeit. Hat mir sogar ein Stück Torte mitgebracht, Passionsfrucht-Buttercreme, ganz delikat!"
Die füllige Dame am Nebenplatz war bei diesen Worten offenbar aufmerksam geworden und wandte sich ihr nun zu. „Diesen Potter kenne ich auch. Der war mal kurz im St. Mungos, in meiner ehemaligen Abteilung. Wollte Hilfe von mir in einem Kriminal-Fall. Eine Entführung, die dann gar keine gewesen ist! Was ich auch sofort gesagt habe!"
„Sie meinen doch nicht etwa die Malfoy-Geschichte?"
„Malfoy?" Nellas verharrte mitten im Tun. „Sprechen Sie von Lucius Malfoy?"
„Ja, ja. Ich war da eine wichtige Zeugin." Stolz hob die Frau ihr Doppelkinn. „Wurde lange von einem Auror befragt, der hieß übrigens auch Longbottom, glaube ich. Sehr professioneller Mann, nahm alle meine Aussagen genau zu Protokoll."
„Für Lucius Malfoy hab ich ein paar Jahre gearbeitet", mischte sich Nellas wieder ein.
„Sie waren sein Friseur?" Augustas Stimme schraubte sich in schwindelnde Höhen. „Sie waren Friseur von Lucius Malfoy?"
„Anfangs", gab Nellas zu. „Aber dann fragte er mich, ob ich nicht sein persönlicher Assistent werden wolle."
„Das ist ja hochinteressant", nickte Augusta. Nellas, ein Promi-Coiffeur? Da fiel ihr doch gleich ganz spontan die Frage aller Fragen ein: „Ist sein Blond denn echt?"
„Tut mir leid", schüttelte Nellas den Kopf. „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das fällt unter die Friseur-Schweigepflicht."
Augusta betrachtete den schmucken jungen Mann mit ganz anderen Augen. Er hatte, wie Lucius Malfoy, lange Haare, aber in einem warm schimmernden Braun. Und er war ebenfalls sehr attraktiv.
Allerdings um einiges jünger als Lucius.
„Sie waren also nicht nur sein Friseur?" Dem Mann mussten doch Informationen zu entlocken sein!
„Nein! Er hat mich für auswärtige Aufgaben benötigt."
„Und warum arbeiten Sie jetzt nicht mehr für ihn?"
Augusta ärgerte sich, dass Nellas so sparsam antwortete. Wie oft war sie schon von seinen Mitarbeitern Edward oder Swinni mit nutzlosem Tratsch überschüttet worden. Aber nun, da es endlich Interessantes zu erfahren gab, ließ sich der Salonchef jedes Wort aus der hübschen Nase ziehen!
„Nun ja! Wie Sie wissen, hat Mister Malfoy eine ganze Reihe Geschäfte aufgegeben. Aus Zeitgründen, wie man ja auch der Presse entnehmen konnte. Das hat mich wieder hierher zurückgebracht."
„Sie meinen – Mister Malfoy war – HIER?"
Augusta rutschte auf ihrem Stuhl herum. Vielleicht war er auf genau diesem gesessen?
„Ach was!" Nellas schüttelte seine Haarpracht. „Wer für Mister Malfoy arbeitet, kommt zu Mister Malfoy. Nicht umgekehrt."
„Und jetzt?"
„Ich habe keine Ahnung!" Nellas lächelte hintergründig und schob das Haubengebläse von ihrer Nachbarin weg.
„Na, Miss Knife, dann wollen wir mal!"
Nun hatte er tatsächlich eine Schere in der Hand. Ein gefährlich wirkendes Metall-Ding statt des üblichen `Scissero-Zaubers`!
„Ich kenne diesen Malfoy auch", mischte sich Knife nun wieder ein. „Ein sehr unangenehmer Typ!"
Augusta wandte sich ihr zu: „Aber haben Sie soeben nicht Mister Longbottom erwähnt?
„Oh ja!" Miss Knife nickte eifrig. „Ein sehr freundlicher und zuvorkommender junger Mann. Macht seine Arbeit ungewöhnlich gründlich, wir hatten ein langes Gespräch!"
„Das war MEIN Enkel!" warf sich Augusta in die Brust.
„Er ist inzwischen übrigens Gruppenleiter in der Aurorenzentrale. Haben Sie ihm denn weiterhelfen können?"
„Selbstverständlich! Ich hatte ja direkten Kontakt mit den entflohenen Häftlingen. Diese Granger hat mich ja fast skalpiert!" Sie fasste sich mit der rechten Hand in ihren Schopf. „Ich bin sehr froh, dass man die Spuren nicht mehr sieht. Muss morgen meine Antrittsrede halten. Ich bekomme meine eigene Station im St. Mungos!" Sie drehte sich nach dem Friseur um: „Nellas! Haben Sie auch diesen neuen Muggel-Lockenstab? Da könnten Sie doch noch ein bisschen was hier an den Seiten verschönern!"
Statt Zauberstab nun ein Muggel-Lockenstab? Was für ein Unsinn war das denn! Wozu gab es denn den Rud Ivölla-Zauber? Augusta musste sich sehr zusammenreißen, um nicht laut loszulachen, als der Friseur begann, einzelne Strähnen um ein albernes Stück Metall zu wickeln.
Sie hob die Zeitung, um ihr Gesicht zu verbergen, während ihr die Shampoo-Elfe auf die altmodische Art die Haare wusch. Magisch, selbstverständlich!
Moment, hatte sie nicht in der Inhaltsangabe des Magazins einen Hinweis gelesen? Dieses Interview mit Hermine Granger war doch als Topthema der aktuellen Ausgabe angekündigt! Augusta befeuchtete ihre Fingerkuppen mit der Zunge und blätterte hektisch in den Seiten herum.
Da! Sie hatte es gefunden!
Sie setzte ein süßes Lächeln auf und drehte sich samt ihrem Stuhl zur Nachbarin. Hermine war zwar muggelstämmig, aber ein ganz liebes Mädchen, das hatte Neville oft genug erzählt. Gut, in den letzten Jahren hatte der Beruf sie sicher etwas härter gemacht und von ihrem Ehrgeiz hätte sich Neville eine Scheibe abschneiden können, aber wenn Hermine dieser Krankenschwester ein paar Strähnen ausgerissen hatte, waren dafür sicher triftige Gründe vorhanden gewesen! Basta!
„Sie haben doch vorher Mrs. Granger erwähnt, die erfolgreiche Aurorin. Hier gibt es ein langes Interview!"
Der Kopf der nun gelockten Dame flog herum, die Turmfrisur verfing sich im Metallstab. „Autsch! Bei Merlins Bart! Schon wieder ein paar Haare weg! Nehmen Sie dieses Ding aus meiner Frisur!", fuhr sie Nellas an. Dann wandte sie sich Augusta zu. „Was soll die schon Wichtiges zu erzählen haben!"
„Na dann hören Sie mal: "Augusta räusperte sich theatralisch und begann mit durchdringender Stimme zu lesen:
Festliche Einweihung der B.E.L.F.E.R-Seniorenstätten
Am 01. November 2006 wurden die neueingerichteten B.E.L.F.E.R.-Wohnheime mit einem feierlichen Akt seitens der Begründerin Hermine Granger-Malfoy und der Förderer Lucius Malfoy und Menacio Moraless eingeweiht.
Die Wohnheime, die eine absolute Neuerung darstellen, wurden für Hauselfen eingerichtet, die aus Altersgründen nicht mehr bei ihren Herren verbleiben können. In jeder britischen Großstadt befindet sich jetzt ein Altersheim für Hauselfen.
Finanziert werden sie durch die Altersvorsorge, die seit Jahresanfang für alle Hauselfen zu entrichten ist.
Eine Zahlung, die absolut neu und spektakulär ist.
Lesen Sie dazu ein Interview mit der ehemaligen Aurorin und Begründerin Hermine Granger-Malfoy.
Hexenwoche: „Mrs. Malfoy, Sie hatten die Idee, eine Rentenzahl-Pflicht für Hauselfen einzuführen. Können Sie uns sagen, aus welchem Grund Sie sich ausgerechnet für diese …, hrm … Wesen einsetzen?"
Malfoy: „Zunächst einmal: Mein Name ist Granger-Malfoy!"
Hexenwoche: „Oh entschuldigen Sie bitte, Mrs Malf – äh – Granger-Malfoy."
Granger-Malfoy: „Finden Sie es nicht auch skandalös, dass es Wesen gibt, die vom Menschen derart ausgebeutet werden?"
Hexenwoche: „Bis jetzt bin ich immer davon ausgegangen, dass Hauselfen das so wollen!"
Granger-Malfoy: „Das ist richtig. Dennoch: Sollte der Mensch, der diese Dienste in Anspruch nimmt, nicht gefälligst dafür Sorge tragen, dass der oder die Elfe in seinen Diensten einen Lebensabend ohne Plackerei verbringen kann?"
Hexenwoche: „Jetzt, wo Sie es sagen. Aber ja!"
Granger-Malfoy: „Ich habe mir also Gedanken darüber gemacht, wie man Hauselfen das Leben erleichtern könnte. Sie lehnen nämlich eine Befreiung und die damit verbundene Notwendigkeit, für Ihre Dienste Geld zu fordern, vehement ab."
Hexenwoche: „Da sind Sie auf die Rentenpflicht gekommen?"
Granger-Malfoy: „Exakt! Der Dienstherr zahlt kein Gehalt. Aber er zahlt einen kleinen Betrag in die B.E.L.F.E.R-Kasse. Und die sorgt dafür, dass die altgewordene Hauselfe, wenn Sie von Ihrem Herrn nicht mehr gebraucht wird, in ein Seniorenheim einziehen kann. Es ist nämlich skandalös, was bisher mit alten Hauselfen geschehen ist."
Hexenwoche begierig: „Was denn?"
Granger-Malfoy angewidert: „Das reichte von Davonjagen über In-Löcher-stopfen bis hin, sie zu köpfen."
Hexenwoche ebenfalls angewidert: „Das ist ja widerlich!"
Granger-Malfoy: „Sie sagen es. Es ist widerlich und unmenschlich!"
Hexenwoche: „Sie meinten unelfisch?"
Granger-Malfoy leicht verdutzt: „Aber ja!"
Hexenwoche: „Mrs. Granger-Malfoy, wie ging das, diese Rentenpflicht für Hauselfen gesetzlich durchzusetzen. Haben die Herren der Elfen nicht gegen diese Zahlung protestiert?"
Granger-Malfoy: „Anfangs schon. Doch als allgemein bekannt wurde, dass man sogenannte unnütz gewordene Hauselfen auf diesem Weg gebilligterweise loswerden könne, war die Zahlung plötzlich kein Problem mehr."
Hexenwoche: „Dienlich dazu war sicher die Tatsache, dass ein Gesetz erlassen worden war, nachdem es verboten ist, Hauselfen zu vertreiben oder gar umzubringen."
Granger-Malfoy: „Ja! Und um Ihre Worte zu verwenden: Diese Tatsache war sogar äußerst dienlich. Die reiche Zaubererwelt will keine greisen Hauselfen durchfüttern."
Hexenwoche: „Und haben Sie schon Anmeldungen für Ihre Heime?"
Granger-Malfoy: „Sie belieben zu scherzen! Die Heime sind bereits alle voll!"
Hexenwoche erstaunt: „Wie darf ich das verstehen? Sie feiern doch erst heute die Eröffnung!"
Granger-Malfoy: „Unter dem Ansturm der Anfragen haben wir notgedrungen nachgegeben. Zur Stunde ist nur noch in Glasgow ein geringes Kontingent an Heimplätzen vorhanden. Alle anderen Plätze sind zum Teil schon seit Monaten belegt.
Man sieht also, der Bedarf an Elfen-Seniorenheimen ist groß."
Hexenwoche: „Ich danke Ihnen für dieses aufschlussreiche Gespräch."
